Wiener VS-Leiterin: „Deutschförderklassen sind Humbug!“

24. August 2020

Eine Schule mit 98%igen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund in Wien. Das Niveau ist viel schlechter, als bei irgendwelchen Bobo-Volksschulen in Wien Grinzing. Sogar die Leiterin selbst rät bildungsnäheren Kindern zu einer anderen Schule. Ich habe mit ihr über die Versäumnisse im Bildungssystem gesprochen.

 

Sie arbeitet in einer Schule, in der 98% der Kinder Migrationshintergrund haben. Was sagt sie über die alltäglichen Problematiken in den Wiener Volksschulen? Vor allem vor dem Hintergrund des Wiener „Wutlehrers“, dessen Video Ende Juli im Netz kursierte.

„In erster Linie ist das Video natürlich aus Datenschutzrechtlichen Gründen problematisch. Lehrer*innen und Leiter*innen dürfen eigentlich nur Dinge veröffentlichen, die zuvor mit der Bildungsdirektion abgeklärt wurden." Weshalb ich hier auch nicht den Namen und die Schule meiner Gesprächspartnerin angeben werde. Nennen wir sie einfach Erna.

 

Mobbingopfer gibt es überall

Sie widerspricht der These des Wutlehrers, Mobbingopfer von Anfang an oder gar anhand des Namens zu erkennen. Mobbing passiere überall – egal welche Nationalität. Auch dass man dagegen nichts tun könne, sei falsch. Am wichtigsten sei es sofort zu reagieren, die Eltern mit einzubeziehen und mit allen Beteiligten – aber auch mit der ganzen Klasse – zu reden. Aber das sind nur Soforthilfe-Maßnahmen. Die eigentliche Arbeit würde schon im Vorfeld beginnen und wird in Ernas Schule auch ganz großgeschrieben: „Hier wird immer wieder der wertschätzende Umgang und Gespräche gesucht. Soziale Kompetenzen werden aufgebaut, indem man den Schülern beibringt: wie drücke ich mich aus und wie können wir vernünftig miteinander reden. Das macht es aus im Endeffekt. Das ist schon jahrelange Arbeit!“

 

„Deutschförderklassen sind Humbug!“

Was Erna als größeres Problem in ihrer Schule ansieht, ist das Sprachproblem. Der Unterricht müsse ganz anders verlaufen. Die Kinder müssten erst einmal Deutsch lernen, da sie die Lehrer*innen anfangs gar nicht verstünden.

Genau wie Melisa Erkurt, in ihrem neuen Buch „Generation Haram“, spricht Erna den Deutschförderklassen ihre Wirksamkeit ab: „Alle nicht-deutschsprachigen Kinder werden am Vormittag drei bis vier Stunden rausgenommen. Sie sitzen dann in einer Gruppe, in der niemand außer der Lehrer*in Deutsch spricht. Das ist Humbug. Das wird nichts. Die Kinder kommunizieren nicht miteinander. Die Kinder lernen ja auch voneinander Deutsch!“ Viel besser wäre es dagegen, die Kinder in den Klassen zu lassen und zusätzliche Lehrer*innen zu engagieren, die dann den Stoff parallel zum Beispiel auf Türkisch machen würden.

 

Bobo-Schulen

Weitere Parallelen zu „Generation Haram“ sieht Erna in den von Erkurts beschriebenen „Bobo-Schulen“. Dort funktioniere der Unterricht. Dorthin wandern auch junge Lehrer*innen ab, wie es Erna beklagt und dennoch nachvollziehen kann. „Viele jungen Lehrer sagen: das machen sie jetzt eine Zeit lang, weil das eine gute Schule ist, aber das ist nicht auf Dauer tragbar für sie.“

 

„Wir müssen alles selber regeln!“

Trotz alledem zeigt die Schulleiterin Verständnis für den – vor Wut schäumenden –  Lehrer. „Ganz ehrlich?! Ja, ich verstehe es grundsätzlich schon. Vor allem weil wir als Lehrer*innen und Leiter*innen im Stich gelassen werden von der Bildungsdirektion, von der Politik. Wir müssen alles selber regeln und einen Lehrermangel haben wir auch!“ Zudem sei das Problem in einer neuen Mittelschule noch schwieriger als in einer Volksschule, meint Erna resignierend. Das Gespräch beendet sie dennoch positiv. Sie sei trotz allem sehr gerne an ihrer Schule tätig und würde sie auch nicht gegen eine andere austauschen.

Meine Anfrage an die Bildungsdirektion zu dem Thema blieb bis heute unbeantwortet.

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