„Wir haben uns nie die Zeit genommen, den Krieg zu verarbeiten.“

19. Oktober 2020

Selbstbewusst und eindeutig positioniert sich die Künstlerin Lana Čmajčanin zu dem post-jugoslawischen Kriegstrauma sowohl in ihrer Kunst als auch im Interview mit biber. Vom persönlichem Umgang mit Traumata bis hin zu ethnischer Segregation im heutigen Bosnien & Herzegowina.  

1983 in Sarajevo geboren hat sie den Krieg aus den Augen eines Kindes miterlebt. Darum geht es auch in der Sound-Installation „Gutenachtgeschichten“, die sie gemeinsam mit Adela Jušić in der derzeitigen Ausstellung “Stories of Traumatic Pasts: Counter-Archives for Future Memories” der Akademie der bildenden Künste im Weltmuseum Wien ausstellt. Dort archivieren sie die Tradition mündlich überlieferter Geschichten. Es sind Geschichten aus Familien- und Freundeskreisen, die von der 1425 tägigen Besetzung Sarajevos erzählen. Währenddessen konnten die Familien wegen der Bomben nicht in ihren Wohnungen leben, sondern mussten sich in kleinen Kellern organisieren. In dieser Raum-Zeitkonstellation passiert die Installation „Gutenachtgeschichten“. Zu hören sind sechs verschiedene Geschichten, die auf bosnisch wiedergegeben werden. Darüber wurde eine weitere Klangschicht in Form einer englischen Radiosprechstimme gelegt, die ent-emotionalisiert das Kriegsgeschehen wiedergibt. 

 

 

BIBER: Wie ist es für dich an den Ort zurückzukehren, an dem du als Kind Krieg erfahren hast? 

LANA ČMAJČANIN: Ich bin in Dobrinja, einer Siedlung im Westen von Sarajevo, aufgewachsen. Während dem Krieg war Dobrinja von den serbisch besetzten Gebieten Sarajevos abgeschnitten. Das einzige was uns mit bosnischen Territorien und der Außenwelt verband war ein unterirdischer Tunnel, der gerade mal einen Durchmesser von 1,5 Metern hatte. Man hat ihn auch 'Tunnel der Hoffnung' genannt. Solche Sachen kommen natürlich auf, wenn ich mal in Dobrinja bin, was eher selten ist, aber jedes Mal tut sich was in mir. Es ist nicht immer einfach, aber vielleicht ist das auch der Heilungsprozess. Man wird immun auf eine gewisse Art. 

 

Welche Rolle spielt die Kunst in der Verarbeitung dieses Traumas? 

Als Künstler:in hat man eine Verantwortung. Natürlich hat man auch die Wahl, aber ich kann gar nicht anders als mich mit dem Krieg zu beschäftigen. Ich habe die Verantwortung darüber zu reden, weil ich die Möglichkeit habe. Ich komme nicht drum herum das, was ich sehe und gesehen habe, nicht in meiner Kunst zu verarbeiten. Die Kunst, die ich mache, ist sehr politisch. Für mich ist es fast unmöglich über Kunst zu reden und dabei die Politik auszulassen. Alles ist politisch. 

 

Wie beurteilst du die Situation der kollektiven Verarbeitung in Bosnien und Herzegowina? 

Wir haben uns nie die Zeit genommen, den Krieg zu verarbeiten. Wir haben nur mehrere Schichten aufeinandergelegt und wenn neue Probleme auftreten, berufen wir uns auf die Vergangenheit und den Krieg. Es ist diese konstante Vergegenwärtigung der Vergangenheit. Diese Unfähigkeit, sich mit dem Krieg auseinanderzusetzen, wird uns für immer verfolgen. Das hat mich eine Zeit lang auch verfolgt, aber ich möchte aus diesem Teufelskreis, mir immer dieselben Fragen bezüglich des Krieges stellen zu müssen, ausbrechen. 

 

In einem anderen Werk von Adela Jušić und dir („I will never talk about the war again“) behandelt ihr genau diesen Konflikt: Sich durch die Öffentlichkeit immer dieselben Fragen bezüglich des Krieges stellen zu müssen. Gibt es einen Ausweg aus diesem Teufelskreis? 

Ich wünschte es gäbe ein Rezept dafür. Für mich persönlich ist die Kunst ein Weg raus aus dem Teufelskreis. Anders sehen das viele junge Menschen in Bosnien und Herzegowina. Manche sagen, sie wünschten sie hätten den Krieg miterlebt, weil er immer noch so präsent ist, sie aber nicht wissen wie er in Wahrheit war. Jeder behauptet etwas anderes. Diese junge Generation lebt in einem stetigen Krieg, nur ohne Bomben. Sie suchen nach der Wahrheit, die sie aber nicht finden werden, weil unsere Politik immer noch von derselben politischen Elite besetzt ist wie damals. Und ständig wird um die Wahrheit gekämpft. Die Medien sind zensiert. Der Internetzugang ist immer noch ein Privileg für die meisten. Es gibt dieses Phänomen in Bosnien und Herzegowina, es heißt „two schools under one roof“. In diesen Schulen werden Bosniaken und Kroaten getrennt voneinander unterrichtet und es werden auch andere Sichtweisen der Geschichte gelehrt. Das ist ethnische Segregation. Sie kennen den Krieg nicht, aber wachsen in diesen einseitigen Nationalismus rein. Wie sollen die Menschen in solchen Strukturen die Wahrheit, geschweige denn den Weg hinaus finden?

 

Wo siehst du Hoffnung für die Zukunft?

Ich als Künstlerin sehe natürlich großes Potenzial in der Kunst. Aber es sind auch kleinen Initiativen und die nächsten Generationen, die mir Hoffnung geben. Zum Beispiel gibt es ein kleines Restaurant an der bosnisch-kroatischen Grenze, das Essen an Geflüchtete verteilt, obwohl dieser Ort für die unmenschlichen Zustände bekannt ist. Das wird natürlich nie eine Schlagzeile in der Zeitung sein. Sowas gibt mir Hoffnung. Als Künstlerin motiviert mich aber vor allem, wenn ich merke, meine Kunst berührt Menschen. Auch wenn es jemanden nur für fünf Minuten erreicht. Es soll nur ein Gefühl, egal ob positiv oder negativ, oder eine Frage hinterlassen und zum Nachdenken anregen. Das ist für mich die größte Freude.

 

 

Lana Čmajčanin ist 1983 in Sarajevo geboren. Sie studierte an der Academy of Fine Arts in Sarajevo und macht zurzeit ihren PhD an der Akademie der bildenden Künste Wien. Die Installation ist, neben anderen Geschichten traumatischer Vergangenheiten, bis zum 3. April 2021 im Weltmuseum Wien zu sehen. 

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