„Wir können alles - außer hören!“

21. September 2022

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Gehörlosengeschichte
Foto: Antonia Baumgartner. Rosalin López (links) und Nina Lux (rechts) sehen ihre Gehörlosigkeit als Chance, nicht als Hürde

„Wir können alles - außer hören!“ 

Nina, Rosalin und Helene sind gehörlos. Welche Vorteile ihre Gehörlosigkeit mit sich bringt und was sie sich von Hörenden wünschen, erzählen sie anlässlich des Internationalen Tages der Gebärdensprache, der am 23. September stattfindet.

Es ist still. Obwohl Nina und Rosie in einem Gespräch vertieft sind, hört man kein Wort. Rosalin López ist als Kind gehörloser Eltern aufgewachsen. Nina Lux hingegen ist die einzige Gehörlose in ihrer Familie. Beide arbeiten im „Equalizent“ Kompetenzzentrum, einem Verein, der Brücken zwischen Hörenden und der Gehörlosen Community baut und Gehörlose und Schwerhörige bei Aus- und Weiterbildungen in der Gebärdensprache unterstützt. Während mir Nina das einhändige Fingeralphabet beibringt, sitzt Rosie schmunzelnd daneben.

In Österreich sind laut Statistik Austria etwa 450.000 Personen über 55 Jahren hörbehindert. Rund 10.000 sind gehörlos. Obwohl sich Gehörlose nicht als Menschen mit Behinderung wahrnehmen, sondern als kulturelle Minderheit mit eigener Sprache, werden sie in unserer Gesellschaft noch immer als Randgruppe behandelt. Ein großes Problem liegt darin, dass die Gesellschaft Gehörlosigkeit als Defizit ansieht: „Viele Hörende haben automatisch Mitleid mit uns. Nur weil eine Sache fehlt und wir nicht hören können, heißt das nicht, dass wir nicht glücklich sind, so die 24-jährige Nina. Sie ist seit ihrer Geburt gehörlos. Ihre Eltern können beide hören und haben für sie die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) gelernt, in der sie mit ihrer Tochter kommunizieren. Obwohl die Österreichische Gebärdensprache seit 2005 als eigenständige Sprache in der Bundesverfassung verankert ist, fehlt es an konkreten Sprachrechten. „In der Oberstufe war ich die einzige Gehörlose in der Klasse. Es gab zwar eine Dolmetscherin, aber nur sieben Stunden in der Woche. Mehr Dolmetscherstunden hätte ich nur bekommen, wenn mehr als zwei Gebärdenden in der Klasse gewesen wären. Ich musste mir also gut überlegen, für welche Fächer ich die Dolmetscherin brauchte", erzählt Nina. Auch Helene Jarmer, Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbund (ÖGLB), ist während Ihrer Schulzeit aufgrund ihrer Gehörlosigkeit auf Hürden gestoßen. „Ich musste an einer HTL für Maschinenbau maturieren, weil mich keine andere Schule angenommen hat. Es hat mich zwar nicht interessiert, aber ich brauchte die Matura, um studieren zu können“, so Frau Jarmer.
In Österreich gibt es verhältnismäßig wenige DolmetscherInnen. Den rund 10.000 gehörlosen Menschen stehen nur 130 qualifizierte DolmetscherInnen gegenüber, von denen nur knappe 60% Vollzeit arbeiten (ÖGLB). Da das Dolmetschen an Schulen von jedem Bundesland unterschiedlich gehandhabt wird, gibt es keine einheitliche Regelung, sondern hängt von der Entscheidung der jeweiligen Bildungseinrichtungen ab.  

Gebärden lernen 

Aus vielen Ausbildungsbereichen werden Gehörlose noch immer ausgeschlossen und ihnen dadurch ein barrierefreier Bildungsweg erschwert. Hinzu kommt, dass nur wenige Hörende die Gebärdensprache beherrschen und kaum bis gar nicht mit Gehörlosen kommunizieren. Um den Umgang miteinander zu verbessern ist es wichtig, die Österreichische Gebärdensprache und das Fingeralphabet zu lernen. Das betont auch Rosie stark. Sie kommt aus England, hat venezolanische Wurzeln und lebt seit einigen Jahren in Österreich. Obwohl die Britische und die Österreichische Gebärdensprache sehr verschieden sind, gab es kaum Kommunikationsprobleme zwischen ihr und anderen österreichischen Gebärdenden, so Rosie. „Das größte Problem sehe ich in der Kommunikation mit Hörenden. Ich musste viel aufschreiben und pantomimisch darstellen, weil wir uns sonst nicht anders verständigen konnten. Es würde mich freuen, wenn Menschen nur ein paar Wörter in der Gebärdensprache könnten“. Denn ohne jegliche Kenntnisse in der Gebärdensprache, ist eine barrierefreie Kommunikation schwer.  

Falsche Tatsachen 

Durch Gestik und Mimik kann zumindest das Notwendigste gesprochen werden, aber von den Lippen ablesen funktioniert nicht. Dass gehörlose Menschen Lippenlesen können, ist ein Irrtum, der weitverbreitet ist, erklärt Helene Jarmer. Nur 11 von 26 Buchstaben sind vom Mund ablesbar. Das heißt nur ca. 20 bis 30 Prozent des Gesprochenen kann durch Lippenlesen erfasst werden. „Wir können das kaum besser als hörende Personen. Vieles muss aus dem Kontext erraten werden, weil das Mundbild nicht eindeutig ist, wie zum Beispiel bei den Wörtern Butter und Mutter“. Rund um die Gebärdensprache gibt es einen weiteren verbreiteten Mythos: Es existiert doch nur eine Gebärdensprache auf der Welt, in der sich Gebärdende unterhalten, oder? Falsch! Weltweit sind es über 200 verschiedene Gebärdensprachen, die sich sogar in regionalen Dialekten unterscheiden. Alle sind vollwertige Sprachen mit eigener Grammatik und Vokabeln. Das heißt serbisch Gebärdende können sich nicht zwingend mit Gehörlosen aus Österreich unterhalten.

Eine Ausnahme gibt es jedoch: International Sign. Dabei handelt es sich um keine eigene Gebärdensprache, sondern vielmehr um eine Ausdrucksmöglichkeit aus Internationalen Gebärden und visuellen Beschreibungen, die Gebärdenden auf der ganzen Welt helfen soll, miteinander zu reden. „Ich habe meinen Freund auf den deaflympics, den Olympischen Spielen der Gehörlosen, kennengelernt. Dort sind Menschen aus verschiedensten Ländern zusammengekommen und die Kommunikation hat dank „International Sign“ gut funktioniert“, erzählt Rosie. "Wenn man auf Gebärdende mit Migrationshintergrund stößt oder beim Reisen mit gebärdenden Menschen aus anderen Ländern in Kontakt kommt, dann unterhält man sich einfach in der Internationalen Gebärdensprache“, fügt Nina hinzu.  

Chance statt Hürde  

Beide sehen in ihrer Gehörlosigkeit eine Chance, Dinge zu tun, die Hörende nicht machen können. Das Buch „Deaf Gain“ von Joseph Murray und Dirksen Bauman beschreibt genau diese Fähigkeit: Es sieht Gehörlosigkeit als Möglichkeit, Perspektiven einzunehmen und Einsichten zu bekommen, die für hörende Menschen nicht zugänglich sind. „Wenn ich auf der Bibliothek bin, kann ich mich problemlos unterhalten. Auch im Club bei lauter Musik kann ich ganz normal ein Gespräch führen“, lacht Nina. Auch Rosie stimmt zu. „Ich schlafe immer gut! Wenn ein Hund bellt, ein Baby schreit oder die Nachbarn eine Party schmeißen, ist mir das komplett egal.“

Egal ist es aber nicht, dass Gehörlose noch immer im täglichen Leben diskriminiert werden und von zahlreichen Aktivitäten ausgeschlossen sind. Doch was können Hörende tun, um gehörlosen Menschen entgegenzukommen? Rosie ist es wichtig, dass im Fernsehen, im Theater und auch sonst bei Veranstaltungen immer eine DolmetscherIn übersetzt. „Und das nicht nur dann, wenn Gebärdende darum bitten, sondern automatisch an uns gedacht wird“. Dadurch könnten Gehörlose mehr kulturelle Angebote nutzen und zum Beispiel öfter ins Kino gehen. Das würde sich auch Helene Jarmer wünschen. „Ich würde mich ständig weiterbilden. Aber für ein Zweitstudium, eine berufliche Neuorientierung oder zusätzlichen Qualifikationen wird kein Dolmetscherbudget bewilligt!“
„Wenn ich auf Hörende treffe, passiert es mir oft, dass sie darüber entscheiden, wie wir miteinander kommunizieren. Viele fangen an, langsam mit mir zu sprechen und erwarten sich, dass ich Lippenlesen kann “, erzählt Nina. Sie würde sich wünschen, dass sie von Hörenden gefragt wird, wie sie kommunizieren möchte.

Alle drei sind sich einig: Gehörlose Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert. Es ist an der Zeit, dass wir aufeinander zugehen und mehr miteinander leben, statt aneinander vorbei. Gehörlosigkeit muss sichtbarer gemacht werden. 

Gehörlosengeschichte
Foto: Robert Harson ÖGLB, Antonia Baumgartner. Österreichische Gebärdensprache: Nina Lux (links) gebärdet: "Faden verlieren", Rosalin López (mitte): "Achso", Helene Jarmer: "Unterrricht"

Infobox:
Mehr Infos zum Equalizent Zentrum findet ihr hier! Der Verein bietet auch Gebärdensprachkurse für Hörende an!
Anlässlich des Internationalen Tag der Gebärdensprachen (23.9.) veranstaltet der Österreichische Gehörlosenverbund (ÖGLB) gemeinsam mit den Landesverbänden der Gehörlosenvereine eine Aktionswoche mit vielen Statements, Interviews und Kommentaren zum Thema Gehörlose in Lehre und Beruf #SignWithMe.
Tipp: HANDS UP Ausstellung. Ziel ist es, Berührungsängste gegenüber gehörlosen Menschen entgegenzuwirken und Brücken zwischen der Welt der Hörenden und der der Gehörlosen zu bauen.

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