„Wir sollten die Zukunft zusammen gestalten“

19. April 2021

Über 9000 Tote, unzählige Erkrankte und verstärkte Armut - der Ausbruch der Corona-Pandemie forderte viele Opfer. Ecotrans, YouCan, Etap und Berliner Döner - vier Wiener Unternehmen mit Migrationsgeschichte haben sich in diesen schweren Zeiten bereiterklärt, zusammen mit der Volkshilfe Wien 80 Armutsbetroffene mit einer warmen Mahlzeit von Mitte Februar bis Ende April zu versorgen. 

 

Biber: Was hat euch motiviert, an dieser Aktion mitzumachen? 

 

Metin Can (Fahrschule YouCan): Ich glaube, ich spreche für alle vier Unternehmen, wenn ich sage, dass es momentan finanziell sehr schwierig ist. Man darf hier nur nicht vergessen, dass wir auch ein Teil der Gesellschaft sind, wir wollten uns sichtbar machen und zeigen, dass wir “Migrant:innen” auch da sind. Wir müssen vor allem jetzt zusammenhalten und uns gegenseitig helfen. Ob im 10. oder im 22. Bezirk, überall in Wien gibt es Menschen in Not. Momentan haben viele die Hoffnung und ihre Arbeit verloren, es ist ein Muss unsererseits diesen Menschen ein wenig auszuhelfen. 

 

Mehmet Koçak (Etap-Event Center): Für Fragen, die Hilfsbereitschaft, Solidarität und humanitäre Hilfe betreffen, sind wir immer da. Da spielt ja auch die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer Gruppierung keine Rolle. Wir helfen nach unseren besten Möglichkeiten. 

 

Ali Gedik: Wir hoffen in den nächsten Jahren diese Kooperation weiter beizubehalten und diese auch noch auszubauen. Was wichtig ist, ist dass alles transparent bleibt und dass man das vorrangig aus Nächstenliebe macht.

 

Volkshilfe Essensausgabe
Foto: Franziska Liehl

 

Biber: Ihr habt ja alle eine Migrationsgeschichte, wie stuft ihr eure Betriebe ein? Seht ihr euch selbst als Wiener Betriebe oder doch als “migrantische” Unternehmen? 

 

Metin Can: Wir sehen uns in erster Linie natürlich als ein Wiener Betrieb, ob das jetzt angenommen wird oder nicht, ist den Außenstehenden überlassen. Meiner Meinung nach werden wir schon auf eine gewisse Weise lebenslang als Migrant:innen gesehen und das auch bleiben, aber das ist eine andere Sache. Für mich persönlich gehört die Diskussion, ob man als Migrant oder Migrantin gilt oder nicht, einfach umstrukturiert. Das ist eine veraltete Denkweise, wir sind ja auch Teil Wiens. 


Mehmet Koçak: Genau. Wir sollten die Zukunft zusammen gestalten, ob das anerkannt wird oder nicht, ist eine andere Sache. Wien hat uns einiges gegeben und nun geben wir den Wiener:innen auch etwas zurück. 

 

Volkshilfe Essensausgabe
Foto: Franziska Liehl

 

Biber: Wie ist es zur Kooperation mit der Volkshilfe gekommen? 

 

Ali Gedik (Volkshilfe Wien): Vor etwa zwei Monaten haben sich die Inhaber des Transportunternehmens Ecotrans, Mahmut und Aygün Tanriverdi, bei der Volkshilfe gemeldet und wollten sich in der Corona-Zeit mit den Menschen in der Not solidarisch zeigen. Somit haben wir unser Nordquartier im 22. Bezirk kontaktiert, wo uns die Leiterin Alena den Zuspruch gegeben hat, warme Mahlzeiten an unsere Klient:innen auszuteilen. Da wir bis zu 80 Menschen versorgen müssen, hat Ecotrans beschlossen, sich mit Mehmet vom Gastrobetrieb Etap zusammenzuschließen. 

 

Mehmet Koçak: Da ich schon Erfahrungen gesammelt habe, was Essensvergabe an bedürftige Menschen betrifft, haben sich Mahmut und Aygün an mich gewendet. Mein Unternehmen hat schon 2015 fast ein halbes Jahr Gratis-Essen an Flüchtlinge verteilt. Mehmet, Ali und ich hatten dann die Idee, die Essensvergabe für zwei Monate weiterzuführen und jeden Samstag die Klient:innen der Volkshilfe Wien mit einer Mahlzeit zu versorgen.

 

Metin Can: Ich habe von dieser Aktion per Facebook erfahren und war total begeistert, dass sich in Zeiten wie diesen meine Landsleute so tatkräftig engagieren. Daraufhin habe ich mich selbst bei Ali gemeldet, damit mein Unternehmen auch einen Beitrag leistet. 

 

Volkshilfe Essensausgabe
Foto: Franziska Liehl

 

 

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