Istanbul spezial: SULUKULE HAT AUSGETANZT

04. November 2009


Der Stadtteil Sulukule hat eine lange Geschichte und einen schlechten Ruf. Jetzt sollen Bulldozer den Weg für die Modernisierung ebnen.

 

Über Wege aus Schutt und Asche geht es nach Sulukule. Weitab vom pulsierenden Zentrum Istanbuls spielen die Kinder hier im Staub, sie lachen uns an mit ihren Stummelzähnen, was die Tristesse für einen Augenblick vergessen lasst. Wir werden in die Wohnung Gulnaz* geladen und staunen über die Sauberkeit und Ordnung im Inneren. An der Wand hängen die Hochzeitskleider ihrer Tochter. „Sie hat einen ganz Frommen geheiratet, der Mann und seine Familie zwingen sie, sich zu verhüllen. Das ist nur deswegen, weil sie aus Sulukule stammt. Die Frauen hier sind als Tänzerinnen und Prostituierte verschrien.“

Diesen schlechten Ruf werden bald die Bulldozer ausmerzen, denn die AKP-Partei von Premier Recep Tayyip Erdogan sieht keine Zukunft mehr für das Viertel in seiner alten Form und hat die „Modernisierung“ ausgerufen. Burobauten, Apartments und teure Boutiquen werden bald die brüchigen Hauser ersetzen.

Die lange Geschichte des Stadtteils spielt in den Planen keine Rolle. Im ältesten Romaviertel der Welt hatte sich die Istanbuler Gesellschaft früher bei Musik und Tanz vergnügt. Einige der bekanntesten türkischen Sängerinnen sind hier aufgetreten, wie Sibel Can oder Seda Sayan.

Die Absiedlung der Bewohner ist schon im Gange, sie werden in Apartmentblocke am Stadtrand verfrachtet. Doch einige sollen schon wieder zurückgekehrt sein, weil sie sich die Miete nicht leisten konnten, erzählt man sich. „Was soll ich mit den modernen Bauten? Ich lebe hier seit meiner Geburt. Schon meine Eltern und Großeltern waren hier“, graut Gulnaz vor der Vorstellung, in einem anonymen Viertel ohne Marktplatz und solidarische Gemeinschaft zu ziehen.

Sakine*, die Tante der spielenden Kinder, gesellt sich dazu. Sie gibt „den Fremden“ die Schuld am schlechten Ruf des Viertels. „Fruher waren wir unter uns. Da gab es keine Unsitten.

Dann kamen die Fremden und zerstörten den Ruf, die Medien berichteten ständig über Prostitution, nur um uns zu schaden.“

Ihr leerer Blick lasst erahnen, dass sie selber bald Fremde sein wird, weit weg von ihrer Heimat Sulukule. biber hat auch Mustafa Demir, den Bezirksvorsteher von Fatih, dem das aussterbende Romaviertel angehört, befragt. Nur ungern äußert er sich zu dem Projekt, mit dem er sich schon seit

fünf Jahren beschaftigt. „Wenn Sie nur wussten, wie die damals gewohnt haben – in Zelten, Blechhäusern und Baracken. Stattdessen haben wir ihnen wunderbare Häuser mit Grünflachen, Kinderspielanlagen und Einkaufszentren geboten.“ Ob sich die Bewohner Sulukules diese nun leisten konnen oder nicht- die tausendjährige Geschichte der Roma findet bald ein jähes Ende.

*Name von der Redaktion geändert

 

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Kommentare

 

ja früher hat man zeitweise feuer hier und da gelegt damit die leute dort ihre häuser verlassen und die anderen gleich folgen aber ich bin mir sicher da wird es wenn es soweit ist ziemlich viel protest geben aber gegen bulldozer und schlagknüppel kann man nicht viel tun.

und wo wart ihr noch so ? würd gern mehr sehn und lesen , wenns geht gleich alles :p oder ich wäre gerne mit gekommen :D

ich hätte euch in die verschiedensten viertel gebracht vom armen viertel balat rüber hamsi essen bei Eminönü und ins künstler viertel cihangir und und und und uund :p

 

...wird's nicht mehr geben, Sulukule ist fast vollständig zerstört.
Rest ist in der aktuellen Ausgabe nachzulesen, einiges folgt in den nächsten Ausgaben. Immer schön dranbleiben ;)

 

ich war das letzte mal 2004 "unten".. muss den Sommer "heim" und nochmal jede Gasse anschauen , hab es schon sooo sehr vermisst .

es hat sich bestimmt so vieles verändert ...

ach ja das Magazine hab ich noch nicht bekommen und die Ausgabe hebe ich mir auf .

 

ein außerordendlich toller Beitrag.

 

=)

 

.

.

 

fehler bei titel- sulukule sollte es heißen

 

love it!
war sehr interessnt zu lesen!!

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