Zwischen Stephansdom und Al-Kadhimiya: Aufwachsen zwischen zwei Kulturen

17. März 2022

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Moschee in Karbala, Irak. Foto: unsplash/@mhrz313

 

Kein Skiurlaub, kein Fortgehen, kein Elmayer-Tanzkurs, und Hummus statt Schinken-Käse-Toast. Österreicherin ist unsere Stipendiatin Sedir Dabbass trotzdem – nur sieht das ihr Umfeld anders. Sowohl die Autochtonen, als auch die „eigene“ Community. Über das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen und das Ankommen in der Mitte.

 

Meine Eltern kommen ursprünglich aus dem Irak. Sie hatten das Glück, noch vor der Invasion des Iraks im Jahr 2003 das Land verlassen zu können. Ein Privileg, welches vielen Iraker:innen leider nicht zuteil wurde. Dadurch konnte meinen Geschwistern und mir ein sicheres Leben ohne Hunger oder Existenzängsten gewährt werden. Keine Frage – ich bin natürlich sehr dankbar dafür, doch manchmal kann ich nicht anders, als zu überlegen, wie mein Leben ausschauen würde, wenn ich im Irak geboren wäre. Das Leben in Österreich als Kind mit Migrationshintergrund hat nämlich auch seine Kehrseiten. Diskriminierungserfahrungen und Vorurteile gegenüber Personen mit einem nicht–autochthonen Aussehen sind leider keine Ausnahme. Meine Identität wird von beiden Seiten konstant in Frage gestellt. Für autochthone Österreicher:innen bin ich zu „arabisch“, für meine Familie zu „europäisch“.

Hummus ist auf einmal Trendfood – früher war es „peinlich“

Selbst in den einfachsten Angelegenheiten wie z.B. den Essensangewohnheiten werden Unterschiede sichtbar. Speisen, die daheim gefeiert werden, werden in der Schule als „komisch“ und „anders“ betitelt.  Bevor Hummus „cool“ wurde und plötzlich in allen Supermärkten als neues Trendfood angeboten wurde, fand man den Aufstrich gepaart mit Fladenbrot regelmäßig in den Lunchboxen österreichisch–arabischer Kinder. Nur, dass ihnen der Hummus und das Fladenbrot peinlich waren – viel lieber hätten sie jetzt gerne ein Schinken–Käse–Toast mit ganz viel Ketchup auf der Seite. Aber halal gab es das nie im Angebot.

Essen allein ist natürlich noch lange kein Argument, um jemanden die Zugehörigkeit zum Heimatland abzusprechen. Vorausgesetzt, alle anderen Kriterien werden erfüllt. In Kombination mit dem „ausländischen“ Aussehen und dem fehlenden österreichischen Akzent kommen allerdings langsam Zweifel auf.  Auch die Mentalität ist ähnlich – aber definitiv anders. Statt einer Tendenz zu „Islamfeindlichkeit“ und „Exotisierung“ von Menschen mit arabischen Wurzeln, sind bei mir „Islamfreundlichkeit“ und eine Offenheit für Rassismusdebatten ein großes Thema. Besonders, als die IS–Thematik aufgeflammt ist und das Verständnis für muslimische Personen in Österreich weiter in den Hintergrund gedrängt wurde. In den österreichischen Medien wurde die IS–Miliz gefühlt mit Muslim:innen auf der ganzen Welt, insbesondere Flüchtlingen aus dem Irak oder Syrien gleichgestellt. Davon musste ich mich natürlich aktiv distanzieren. Wieso das jemand denken würde, war mir aber schon damals ein Rätsel. „Das ist kein Islam“, war dann die einzige Rechtfertigung, mit der sich mein junges Ich zu verteidigen wusste.

Ich weiß aus erster Hand, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht böse und gefährlich sind – doch Personen, die nicht bewusst auf Menschen aus diesen Kulturkreisen und Religionen zugehen und zuhören, sehen das einfach nicht. Dann kommt noch, dass meine Bereitschaft am Wiener Nachtleben teilzunehmen, durch mein muslimisches Umfeld praktisch auf null heruntergeschraubt wurde. Ein richtiger Fauxpas, den man sich als Jugendliche in Wien nicht geben kann. In der Schule wurde man dann schnell ausgegrenzt. Ich bin davon überzeugt, dass das keine bewusste Entscheidung war, sondern sich nur aus den gegebenen Umständen entwickelt hat. Das „Social Event“ der Woche fand an Freitagen und Wochenenden in Nachtclubs und Bars statt. Wenn man da fehlt, hat man einiges an Drama und lustigen Geschichten verpasst. Klassenkamerad:innen machen sich darüber lustig, wie „brav“ man doch nicht ist: eine Erinnerung an dein Anderssein. Gepaart mit der fehlenden Begeisterung für Wintersport in Österreich bildet sich ein klares Fazit: Alles, nur nicht Österreichisch.

„Können wir auch mal Skifahren, Mama?“

Es folgt ein jahrelanger innerer Konflikt und das Streben zu beweisen, dass man es verdient hat, als Österreicherin anerkannt zu werden. „Können wir auch einmal österreichisch essen gehen?“, frage ich meine Eltern. „Ich habe keine Lust mehr auf Kebab und Tikka“. Damit fühlt sich meine Familie allerdings nicht wohl, da in österreichischen Lokalen Alkohol ausgeschenkt wird. Schnitzel und Marillenknödel werden aber demnächst öfters daheim zubereitet. „Können wir dieses Jahr, statt in Kroatien Urlaub zu machen, einmal in Österreich Ski fahren gehen?“. Auch diese Forderung stößt auf Unverständnis. Schließlich ist es viel zu kalt, um seine Auszeit dort zu genießen. Und zu teuer. Außerdem ist das Risiko zu groß sich das Bein zu brechen. Naja, gut. Zwischendurch entwickelte ich mich dann zur Ausdruckspolizei: Kein falscher grammatikalischer Ausdruck oder Arabisch – deutscher Slang kam an mir vorbei. Ein verzweifelter Versuch, mich durch meine Sprachkenntnisse auszuzeichnen und ein legitimer Teil Österreichs zu werden. Ob diese Methode erfolgreich ist – wohl eher nicht. Egal, wie sehr ich versuche meinen Charakter und meinen Umgang an „echte“ Österreicher:innen anzupassen – es ist nie genug. Selbst allein durch meine Haare und meine Haut werde ich noch immer in der Straßenbahn gefragt, ob ich denn nicht aus Mexiko komme. Das frustriert mich. „Nein“, versichere ich meinem Gegenüber, „Nicht Mexikanerin, sondern Österreicherin aus Wien“.

Im Gespräch mit einem Freund ist mir dann nach vielen Jahren des Hin und Her eine Erkenntnis gekommen. Kulturelle Zugehörigkeit muss doch gar nicht nur über die Bräuche und Lebensweise eines einzelnen Landes definiert werden. Meine Vermutung: Das wurde mir in der Kindheit eingetrichtert durch Kritik, die von Kindern mit Migrationshintergrund verlangt „österreichischer“ zu werden und sich anzupassen. Aber kein Schnitzel, kein wienerischer Slang und kein Besuch bei der Elmayer–Tanzschule wird mir je das Gefühl geben, komplett „österreichisch“ zu sein. Ich bin es nämlich schon. Eine eigene, neue Untergruppe der österreichischen Identität. Wer sagt: „In Österreich spricht man Deutsch“, hat’s nicht ganz verstanden. Genau dieser Aspekt der Multikulturalität macht Wien aus. Anstatt krampfhaft zu versuchen die Eigenheiten einer einzelnen Kultur anzunehmen, sollte man zelebrieren eine Mischung aus ganz vielen unterschiedlichen Kulturen zu sein, die einen bereichern.

 

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Kommentare

 

Toller Artikel! Hab mich sehr oft wiedergefunden im Text - und das nach 29 Jahren Österreich. 

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