„ALHAMDULILLAH BIN ICH MUSLIMIN.“

06. November 2014

SIE IST DIE HÄRTESTE WIDERSACHERIN VON SEBASTIAN KURZ: DUDU KÜCÜKGÖL IST VORSTANDSMITGLIED DER MUSLIMISCHEN JUGEND UND KÄMPFT GEGEN DAS NEUE ISLAMGESETZ. DIE FEMINISTIN ÜBER ENTTÄUSCHTE MUSLIME, GEBÜGELTE KOPFTÜCHER UND KARRIEREPLANUNG.

 

VON AMAR RAJKOVIC (TEXT), DELNA ANTIA, YASMIN SZARANIEC (MITARBEIT) UND TINA HERZL (FOTOS) 

 

„Ich bin echt schwer enttäuscht von dir, Sebastian.“, schreibt User Muhamed K. Userin Gül V., eine junge Frau mit bordeauxrotem Kopftuch, stellt fest: „In den sozialen Netzwerken scheint alles perfekt zu sein, in der Realität bleiben Ausländer wirklich Ausländer.“ – Ein normaler Tag auf der Facebook-Pinnwand von Sebastian Kurz.

Der Integrationsminister muss seine erste Nagelprobe bestehen. Der Grund ist der Entwurf zum neuen Islamgesetz. 102 Jahre nach seiner Erlassung sieht die Politik aufgrund der angespannten Lage um den Heiligen Krieg des „IS“ akuten Handlungsbedarf. Vor allem die Finanzierung von Kulturvereinen aus dem Ausland soll untersagt werden, es soll eine einheitliche Koranübersetzung geben und Imame sollen in Zukunft auf Deutsch predigen.

Der raue Gegenwind kommt ausgerechnet aus der Richtung der MJÖ (Muslimische Jugend Österreichs), der Fraktion, die bis jetzt zu den treuesten Anhängern des beliebten Ministers zählte. Das belegen zahlreiche öffentliche Auftritte, bei denen Kurz demonstrativ„den regen Gedankenaustausch“ mit der MJÖ betonte und medienwirksam umgarnt von Frauen mit Kopftuch in die Kamera blickte. Die ideologische Nähe ist zweifellos vorhanden. Wertkonservative Jugendliche mit religiöser Ausrichtung passen perfekt in das Wahlprofil der ÖVP.

Jetzt ist aber Schluss mit der interreligiösen Seelenruhe. Angeführt von der islamischen Feministin Dudu Kücükgöl organisiert die MJÖ Pressekonferenzen gegen den aktuellen Gesetzesentwurf, startet eine Bürgerinitiative und informiert die Öffentlichkeit.

Wir treffen Dudu Kücükgöl im Parlament. Die 31-Jährige diplomierte Wirtschaftspädagogin wirkt müde. Sie habe in den letzten Wochen kaum geschlafen und sich extra Urlaub genommen, um gegen das Islam-Gesetz zu kämpfen. Kücükgöl ist das Gesicht der neuen, islamischen Generation: Wortgewandt, gebildet, nach Mitbestimmung suchend. Und das alles mit Kopftuch, einem Mann in Karenz und ohne Alkohol.

 

Biber: Als wir dich nach deinem bevorzugten Interviewort gefragt haben, kam von dir sofort das Parlament. Warum?

Dudu Kücükgöl: Wir haben mit der MJÖ eine Bürgerinitiative gegen das neue Islamgesetz gestartet. Diese haben wir im Parlament eingereicht. Wir sind nicht zufrieden, und um unseren Unmut auszudrücken gehen wir demokratische Wege, die uns zur Verfügung stehen. Deswegen das Parlament.

 

Bist du von Integrations- und Außenminister Sebastian Kurz enttäuscht?

Nachdem Sebastian Kurz ein Freund aus der Zeit der Bundesjugendvertretung war, hätte ich mir gewünscht, dass er stärker auf uns zugeht. Wir (Anm.: Die „MJÖ“) sind enttäuscht. Ich wurde zwar im Dialogforum involviert, zu Veranstaltungen eingeladen, hatte aber am Ende keine Mitgestaltungsmöglichkeit – vor allem in den wichtigen Arbeitsgruppen. Stattdessen hat man auf Pseudo-Experten wie Ednan Aslan gesetzt.

 

Hat Kurz dadurch sein gutes Standing in der musl. Community verloren?

Sebastian Kurz hat das Islam-Thema versachlicht und Experten herangezogen. Das nutzt aber nicht viel, wenn er alle muslimischen Österreicherinnen und Österreicher mit dem neuen Islamgesetzt vergrämt. Muslime fühlen sich als Bürger zweiter Klasse und unter Generalverdacht gestellt.

 

Wen repräsentiert die Muslimische Jugend? Der Islam ist divers, so sind seine Jugendlichen.

Die Muslimische Jugend besteht aus jungen muslimischen Österreicherinnen und Österreichern. Wir wollen als aktiver, kritischer, vitaler und mündiger Teil der Gesellschaft gesehen werden. Wir haben um die 30.000 Mitglieder

 

Zu deinem Privatleben: Seit wann praktizierst du den Islam?

Ich bin in einer religiösen Familie aufgewachsen. Trotzdem habe ich mich erst im Alter von 19, 20 Jahren mit dem Islam näher auseinander gesetz. 

 

Was bedeutet Islam für dich?

Boah, was ist das für eine Frage? Lass mich überlegen. Der Islam bedeutet die Zuwendung von mir als Mensch zu meinem Schöpfer. Ich möchte einen Bezug zu Gott haben und Gottesbezug auch in das Leben transportieren.

 

Du stehst momentan im medialen Rampenlicht. Gibst Interviews, organisierst Pressekonferenzen, trittst in der ZIB auf. Wie geht dein Mann damit um?

Unsere Beziehung beruht auf Gleichberechtigung und Wertschätzung. Ich sage anderen Frauen immer: Karriereplanung beginnt mit dem Lebenspartner. Für mich war das logisch, dass mein Partner mit mir sowohl Haus- als auch Erziehungsarbeit aufteilt. Wenn er mal zwei Wochen viel zu tun hat, bin ich viel mit den Kindern oder schicke sie zu meinen Eltern. Derzeit steht mein Mann mehr in der Pflicht. Er zieht in der Früh die Kinder an, bringt sie in den Kindergarten und bügelt auch mal mein Kopftuch.

 

Seit wann trägst du das Kopftuch?

Ich habe - kurz nachdem meine Mutter begonnen hat Kopftuch zu tragen – es ihr gleich getan. Da war ich gerade acht Jahre alt und wusste nicht um die Bedeutung.

 

Wann hast du gemerkt, dass das Kopftuch mehr als ein Stück Stoff ist?

Mit 20 machte ich mir Gedanken zu meiner Religion. Ich wusste, dass das Tragen einer Kopfbedeckung einem religiösen Gedanken entspricht.

 

Wie kam dir diese Eingebung?

Ich habe schon immer gewusst, dass ich gerne Muslimin bin und dass ich den Islam für richtig halte. Was mir gefehlt hat, war eine Community. Ich wollte gleichzeitig österreichisch und muslimisch sein. Kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center und die aufflammende Islamphobie, habe ich die MJÖ kennengelernt. Ich wusste sofort, da möchte ich dabei sein. Ich will nicht passiv sein und werde in der Gesellschaft meinen Beitrag leisten und mit als Muslimin positionieren.

 

Siehst du dich als Role-Model?

Ja, obwohl das vielleicht großkotzig klingt. Ich bin der Meinung, dass muslimische Jugendliche Vorbilder brauchen. Die islamische Gesellschaft in Österreich ist zum größten Teil schwach gebildet. Als ich begonnen habe zu studieren, dachte ich oft: “Ich werde es den Menschen zeigen. Dieses ständige unterschätzt werden ist grauenhaft. Wenn die Leute glauben, du kannst kein Deutsch, du bist nicht frei, nicht intelligent, nicht stark genug. Das ist so elendig, das hat mich immer geärgert.

 

Wie hast du darauf reagiert?

Mit einer Trotzreaktion. Mein Traum war es, eine Managerin in einer großen Firma zu werden und jeden Tag durch die Welt zu jetten und Geschäfte abzuwickeln. Der Hass und die Ignoranz der Menschen haben mich zusätzlich beflügelt.

 

Du bezeichnest dich als muslimische Feministin.

Oh yes! Ich fordere für Frauen die gleiche Teilhabe an Macht, Einfluss und wirtschaftliche Unabhängigkeit wie für Männer. Frauen müssen in allen gesellschaftlichen Bereichen präsent sein und sie haben das Recht auf die gleichen Handlungsoptionen und Freiheiten wie das andere Geschlecht.

 

Du stellst “muslimisch“ vor Feministin. Wie bringst du Feminismus und Islam in Einklang?

Ich sehe die heutigen Muslime nicht repräsentativ für den heutigen Islam. Der Islam hat die ersten Gesetze zur Befreiung von Frauen erlassen, er hat Frauen das Recht auf Mitbestimmung, Bildung, eigenes Vermögen, Erbschaft verschafft. Seit wann haben Frauen im Westen das Recht auf eigenes Vermögen? Muslimische Frauen waren früh wirtschaftlich unabhängig. Der Prophet selbst hat eine reiche Geschäftsfrau geheiratet (Khadija). Diesen Respekt, den der Prophet Frauen entgegengebracht hat, wünsche ich allen Musliminnen heute.

 

Was sagen andere Muslime dazu?

Oft bekomme ich gesagt, Allah hat uns doch alle Rechte schon gegeben. Ich erwidere, ich kämpfe nicht gegen Allah, sondern um meine Rechte, die mir von Männern weggenommen wurden.

 

Reicht da nicht die Bezeichnung Feministin?

In vielen Bereichen reicht es nur Feministin zu sagen. Aber wenn ich gegen kulturelle Unterdrückung von Frauen und islamisch gerechtfertigte Unterdrückung ankämpfen will, dann muss ich das muslimisch dazu nehmen.

 

Ist das kein Widerspruch? Einerseits für die Rechte der Frauen zu kämpfen und auf der anderen Seite sagst du, du kleidest dich islamisch.

Wenn ich mich islamisch kleiden möchte, dann tue ich das und verlange das nicht von anderen. Am liebsten wäre es mir, wenn niemand das Thema „Kleidung“ diskutieren würde. Komischerweise wird das Auftreten von Frauen in den Mittelpunkt gestellt und über Männer und ihre Kleidung gibt es keine Diskussion. Das ist sexistisch.

 

Was hältst du von der Kombi Kopftuch und hautenges Kleid, wie sie von vielen jungen Muslima in Wien getragen wird?

Es ist nicht mein Stil. Ich kann ein Kleid schön finden, das heißt aber nicht, dass ich es selbst anziehe. Wenn die Leute mich fragen, ob mir im Sommer heiß ist, dann sage ich ihnen „schau dir die Männer an, sie sind genauso angezogen wie ich.“ Mir kann keiner erzählen, dass Frauen- und Männerkörper in der Gesellschaft gleich bewertet werden.

 

Jeder Mensch hat zwei Seiten. Denkst du dir nicht auch mal, hätte ich bloß später Kinder bekommen und stattdessen meine Freiheit genossen?

Diese Frage kannst du jeder berufstätigen Frau mit Kindern stellen. Falls du das Fortgehen meinst: Ich bin im Weinviertel aufgewachsen. Da wird teilweise bis zur Bewusstlosigkeit gesoffen. Beim Chillen war ich dabei, aber ich bereue nicht, dass ich nie in einer Kotzlacke aufgewacht bin.. Ich hole mir lieber meine Freunde nach Hause und wir machen bis 3 Uhr früh durch und haben „Action“. Dafür brauch ich keinen Alkohol und laute Musik.

 

 

Kannst du dich in einen Atheisten hineinversetzen?

Es ist verständlich, wenn jemand sagt, er glaube an nichts, was er nicht sehe.

Wenn ich mich selbst in verschiedenen Passagen des Korans wiederfinde, denke ich mir, das muss von Gott kommen. Es hört sich naiv an, aber ich denke mir oft, Alhamdulillah (Gott sei Dank) bin ich Muslimin.

 

Die Islamische Glaubensgemeinschaft ist männerdominiert. Gibt es konservative Stimmen, die dir Küche statt Parlament nahe legen?

Niemand, der so eine Einstellung hat, würde es wagen, so mit mir zu reden.

Wenn ich mich als muslimische Feministin bezeichne, dann nicht plakativ für eine nicht-muslimische Öffentlichkeit, sondern um mich zur muslimischen Community zu wenden. Ich finde das Zitat von Malcolm X sehr passend. Der zum Islam konvertierte amerikanische Menschenrechtler sagte einmal: „Überall, wo Frauen an der Gesellschaftsentwicklung teilnehmen, gibt es Fortschritt.

 

 

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