„Du wirst als Beşiktaş-Fan geboren!“

27. September 2010

 Beşiktaş Fans gelten als die lautesten und fanatischsten auf dem ganzen Fußballglobus. Was die wenigsten jedoch wissen: Man muss nicht extra nach Istanbul reisen, um die Fans des Rapidgegners in der Euroleague kennenzulernen. Der Fanclub Çarşi-Wien hält den Beşiktaş-Geist auch hierzulande am Leben.

 

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Es ist Samstagabend, knapp vor halb neun in einem Shisha-Lokal in Wien Meidling. Türkische Werbung flimmert über den Fernsehbildschirm, der süßliche Duft von Wasserpfeifen erfüllt den Raum und die in schwarz-weiß gekleideten Männer schlürfen nervös aus ihren Cola-Dosen. Alle warten auf den Anpfiff des bevorstehenden Ligaspiels Beşiktaş gegen Ankaragücü.

 

 

 

Plötzlich wird es ganz ruhig. Murat erhebt seine Stimme und bittet um Aufmerksamkeit. So wie jeden Samstag, denn Murat ist der Kopf der Beşiktaş -Fangemeinde in Wien. Obwohl sich der Testosteronspiegel in unmeßbaren Höhen befindet, gehorcht das Publikum und lauscht gebannt Murat’s Worten. Dabei muss man kein Türkisch verstehen, um den Sinn des Gespräches zu deuten. Es kann nur um Beşiktaş und das bevorstehende Gastspiel am 30. September im Ernst-Happel-Stadion gegen Rapid gehen (Ergebnis stand bei Red. Schluss nicht fest). Die Kernfrage: Was werden wir mit den türkischen Fans machen, die in Galatasaray- oder Fenerbahçe-Dressen aufkreuzen? „Sofort ausziehen lassen“, schreit jemand aus dem Publikum. Ein paar andere schütteln den Kopf, es entwickelt sich ein lauter Wortwechsel.

Gänsehaut garantiert

Fanatisch und vor allem laut ist auch das passende Attribut, wenn man sich um eine kurze Beschreibung von Beşiktaş-Anhängern bemüht. Mit ohrenbetäubenden 132 Dezibel hält das Inönü-Stadion im Istanbuler Stadteil Beşiktaş den Lautstärkerekord. Im Lokal auf der Steinbauergasse in Wien 12, ist es freilich ruhiger. Die anwesenden Anhänger, die sich die Lunge aus dem Hals schreien, sorgen trotzdem für Stadionatmosphäre und lassen den neutralen Zuhörer mit der Frage zurück: „Wie laut ist es erst in Istanbul?“

Um das herauszufinden, besuchen wir Besitzer Murat in seinem Fan-Shop auf der Laxenburgerstrasse. Der seit 1986 in Wien lebende Türke ist der Kopf der Çarşi-Wien und besuchte schon etliche Male die Heimspiele von Beşiktaş. Die Çarşi (türkisch für „Markt“) ist die größte Fangruppierung des traditionsreichsten Istanbuler Fußballclubs. Sie hat Ableger auf der ganzen Welt und so auch in Wien. Murat erklärt uns die simple Struktur: „Çarşi Berlin ist die Dachorganisation, dem alle anderen Çarşi-Fanclubs in Europa unterstehen, so auch unserer.“ Diese starke Vernetzung und Homogenität findet man auch im Stadion wieder, berichtet uns Cemal, 24, der auf dem grauen Sofa im Shop sitzt und die Beşiktaş-Hymne vor sich hinsummt: „Es ist einfach unbeschreiblich, du kriegst Gänsehaut am ganzen Körper.“ Im Gegensatz zu den großen Rivalen wie Fenerbaçhe und Galatasaray, schreien alle 32.000 Fans im Inönu-Oval synchron die Schlachtgesänge, um ihre „schwarzen Adler“ anzufeuern. „Wir brauchen auch kein Megafon, bei uns passiert alles mit Handzeichen“, führt Cemal die Einzigartigkeit der Beşiktaş-Anhänger weiter aus. Ganz vorne im Sektor steht der bekannteste Çarşi-Amigo, Alen Markaryan*. Das besondere daran: Alen ist gebürtiger Armenier. Bei anderen Vereinen wäre sowas undenkbar, bei Beşiktaş ist es das Normalste auf der Welt.

*Amigo – Fananführer, sorgt für Stimmung im Stadion.

Wir sind alle schwarz“

Überhaupt unterscheiden sich die Anhänger von Beşiktaş im Selbstbild entscheidend von anderen Fans. Der 24-Jährige solariumgebräunte Nedat verdeutlicht die Minderheitenpolitik der Anhänger: „Die einzige unbestrittene Person ist Kemal Atatürk (Begründer der türkischen Republik). Wir sind gegen die Politik, was nicht heißt, dass wir unpolitisch sind.“ Die Çarşi-Istanbul sorgte mit ihren Botschaften schon öfters für Aufsehen. So z.B. Als sich das ganze Stadion mit dem damaligen Barcelona-Stürmer Samuel Eto'o solidarisierte und ein riesen Transparent mit der Aufschrift „Wir sind alle schwarz“ ausrollte. Der Hintergrund der Aktion waren vermehrt auftretende rassistische Verhöhnungsrufe, die dem gebürtigen Kameruner in spanischen Stadien galten. Bei Beşiktaş sei es egal, woher man komme oder wie man aussehe. Der Glaube an eine Religion ist ebenfalls nicht wichtig, nur „der Glaube an Beşiktaş zählt“.

Aber auch in Fragen der Umwelt, Innenpolitik und Gesundheit, äußern sich die Fußballfans des Istanbuler Vereins kritisch. So beim jüngsten Heimmatch gegen Ankaragücü als der geplante Bau eines neuen Hafens im Stadteil Beşiktaş in riesengroßen Lettern abgelehnt wurde oder nach Unruhen im Südosten der Türkei als man der verstorbenen Soldaten andachte („Die gefallenen Soldaten sterben nicht, das Land wird nicht geteilt“ – türk. „Şehitler ölmez, vatan bölünmez!“)
Natürlich eifern die Jungs von Çarşi-Wien in politischen Botschaften ihren Vorbildern aus Istanbul nach. Nedat bekommt ganz feuchte Augen als er von der Demo gegen die israelische Besatzungspolitik am Ring erzählt, bei der sie mit eigenen Plakaten vertreten waren. Eine andere Art von Bindung zum Verein geschieht im virtuellen Raum. In unzähligen Internet-Foren, Facebook und über Youtube werden Informationen über den Verein und alles, was damit zusammenhängt, ausgetauscht.

Ufuk ist der Amigo des Wiener Fanclubs. Der gepflegte, junge Mann entspricht so gar nicht dem Klischee eines typischen Fußballrowdys. Er artikuliert sich fein und gewählt, während er mit uns redet und seinen schwarzen Rollkragenpulli aufrichtet. Im Internet und Facebook hängt er fast jede freie Minute. „Ich sitze stundenlang vor Youtube und versuche die neuesten Gesänge auswendigzulernen“, so Ufuk. Den jungen Mann fasziniert vor allem der Lebensstil und die Philosophie der Fans. „Wenn du mal im Stadion bist, kommst du aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Die Anhänger von Beşiktaş sind Akademiker, Familienväter aber auch einfache Bauarbeiter. In diesen 90 Minuten sind sie aber alle eine Seele, die Seele von Beşiktaş!“ Wenn sie mehr Geld hätten, würden sie natürlich viel öfters nach Istanbul reisen. Aus diesem Grund verpasst der Fanclub keine Gelegenheit wenn ihre Idole in der Nähe von Österreich zu Freundschaftsspielen antreten oder um den Aufstieg in die Euro-League kämpfen wie im August gegen Prag. In mehreren Bussen fuhr man in die Haupstadt Tschechiens und bekam sogar in der Türkei öffentliche Aufmerksamkeit. „Wir wurden auf der Titelseite einer Zeitung als die verrücktesten Beşiktaşfans in Europa bezeichnet“, stellt Ufuk mit Genugtuung fest. Gegen Rapid werde man sich auch besonders viel Mühe geben. Ein drei mal sechs Meter großes Transparent mit der Aufschrift „Unterstützung von den Wiener Adlern“ und einige bengalische Feuer, werden für eine feurige Atmosphäre im Ernst-Happel-Stadion sorgen.

Schwarz-weißer Wahnsinn

Manchester United Coach Sir Alex Ferguson bezeichnete einst die Beşiktaş-Fans als „loudest I’ve ever heard“. Der derzeitige deutsche Trainer, Bernd Schuster, nennt sie die besten Fans auf der Welt und die Spieler des FC Liverpool mussten sich bei ihrem Gastspiel im Inönü-Stadion ab und zu sogar die Ohren zuhalten. Die Besessenheit der Anhängern überschreitet sogar den in der Türkei stark ausgeprägten Patriotismus. Auf die Frage, ob er im Europa Cup zu anderen türkischen Mannschaften halten würde, antwortet Murat höchst pragmatisch. „Wenn sie die Farben Schwarz und Weiß tragen, dann sicher!“ Deswegen pflege man auch sehr gute Beziehungen zu Paok Saloniki, Juventus Turin und auch Partizan Belgrad, auf deren Dressen sich Schwarz und Weiß wiederfinden. Die verbindende Liebe geht sogar so weit, dass Beşiktaş-Fans die Mannschaft von Paok bei ihrem Auswärtsmatch in Istanbul gegen Fenerbahçe unterstützen. Oder Partizan-Anhänger den Shop in der Laxenburgerstrasse aufsuchen, um sich ein Beşiktaş-Trikot zuzulegen. Warum gerade Schwarz-Weiß wollen wir wissen. „Im nächsten Moment entkleidet Murat unaufgefordert seinen Oberkörper und zeigt uns stolz seine Beşiktaş-Tattoos – der schwarz-weiße Wappen des Vereins mit den drei Lettern „BJK“ und darunter dem Gründungsjahr 1903. Dazwischen prangt die türkische Fahne, eine Besonderheit im türkischen Fußball. „Wir sagen immer, dass Gala und Fener drei Sterne auf ihrem Trikot tragen (Anm. der Redaktion: Die türkischen Vereine erhalten die Meistersterne in Fünferschritten. Ab fünf Meisterschaften gibt es einen Stern, ab zehn Meisterschaften zwei usw.), wir aber den wichtigsten Stern vorzeigen können – und zwar den von der türkischen Fahne“, so Murat. Für ihn, aber genauso für Nedat, Ufuk und Cemal steht eines fest: Beşiktaş ist ihr Ein und Alles. Deswegen bedanken sie sich jeden Tag beim Fußballgott für die Auslosung und fiebern dem größten Tag ihres Lebens entgegen.

 

 

Der Tag, an dem ihr heiliger Fußballverein nach Hause zu seinen Jüngern kommt und gegen Rapid Wien antritt. Dass es an der Unterstützung für Beşiktaş nicht fehlen wird, kann Murat nur bestätigen, dessen Telefon im Shop fast ununterbrochen klingelt. „Es haben schon 2000–3000 Leute angerufen, einer wollte sogar 100 Tickets haben!“

Zurück im Shisha-Lokal. Beşiktaş hat mittlerweile das erste Tor geschossen. Der Jubel vor den Bildschirmen kennt keine Grenzen. Die Menschenmasse in Schwarz und Weiß hüpft auf den Bänken und bringt selbst die Wände zum wackeln. Nur ein kleiner Vorgeschmack auf das Spiel der Spiele gegen Rapid.

Mein Beşiktaş

Mein einziger Liebling

Sag mir, wen habe ich sonst außer dir

Mit dir weine ich

Mit dir lache ich

Sag mir, wen habe ich sonst außer dir

 

(offizielle Beşiktaş-Hymne)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Amar Rajković. Mitarbeit: Teoman Tiftik

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Kommentare

 

FORZA FENERBAHCE !

 

Heute haben Sie in den ATV-News den erwarten Ansturm der Besiktas-fans befürchtet. Obwohl Andy Marek, Stadionsprecher von Rapid, versichert hat: "47000 Rapidfans werden ihre Mannschaft anfeuern." Ich hoffe, dass die Adler ihm vom Gegenteil überzeugen werden! Zu einseitig solls ja nicht werden...

 

und ich dachte besiktas ist ein türkischer käse! danke amar, dass du mich sportlich aufgeklärt hast! love peace respect and love

 

Die besiktasfans sind genau zu diesem Zeitpunkt am Stephansplatz.

Hunderte Fans begleiten sie durch die Gassen Wiens.

 

mach fotos herst, warum hast sonst ein cooles iphone!!`??:)

 

bin nicht dort hab nur anrufe bekommen :)

Wenn du willst kann ich ein Foto von meinem Bett machen :)

 

passst, hauptsache es kommt vom iphone;)

 

... gestern waren eine schande.

1. war von ihnen NICHTS aber auch GARNICHTS zu hören im stadion.

2. haben die gehirnamputierten begonnen fakeln, böller, leuchtraketen im stadion auf zuschauer zu schießen. dort sassen kinder, ältere herrschaften,.....

das hat nichts mit fußball zu tun, und gehört weg! egal woher, aber sowas will ich nicth sehen/hören/in wien haben! eine schande!!!!!!!!!!!

auch die unnötigen provokationen zeugen von minderer inteligenz! BITTE NIE MEHR KOMMEN, NIE MEHR ÜBER HEILIGE BESIKTAS REDEN. Auch die Fussballerische leistung war mieserabel!

Besiktas/ + Fans: bleibt in Istanbul, dort könnt ihr euch aufführen wie ihr wollt!

 

ist ja klar das besiktas fans nicht so "laut" waren, weil in den vergangenen Jahren beim Rapid - galatasaray Spiel es eine Schande war. Es waren 15tausend Rapid fans und 16tausend galatasaray fans.
An diesem abend war nichts von rapidlern zu hören.

Deshalb wurden dieses jahr nur 3000 tickets für die bjk fans ausgestellt und deswegen wurden sie nicht gehört weil sie von den restlichen Rapidfans übertönt wurden, was auch nicht schwer ist wenn man 40.000 ist.
Rapid hatte einfach Angst ;) Die bjk fans waren nicht laut aber auffällig

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