Fatih, es wird Zeit

02. April 2015

Sie sind Anfang 30, männlich, türkisch, unverheiratet und setzen damit den Familienfrieden aufs Spiel. Denn wer mit 30 noch nicht unter der Haube ist, hat ein Problem.

von Melisa Erkurt

Türke (30) sucht
Foto by Marko Mestrovic
„Wenn du als Türke mit 30 noch nicht verheiratet bist, dann wird’s ungemütlich.“ Der 33-jährige Ibrahim ist einer der letzten Singles in seiner Familie. Seine um zehn Jahre jüngere Schwester ist verheiratet, der jüngere Bruder heiratet nächsten Monat und auch die Cousins sind fast alle unter der Haube. Auf Ibrahim lastet ein enormer Druck: „Wenn ich meine Familie treffe, ist nicht mehr die erste Frage, wie es mir geht, sondern ob ich schon eine Frau gefunden habe.“ Auf Familienfeiern ist es immer dasselbe: Ibrahims Onkel machen Scherze auf seine Kosten, die Tanten erzählen ihm von potentiellen Kandidatinnen aus ihrem Bekanntenkreis. Auf Hochzeiten deutet Ibrahims Mutter auf die unverheirateten Frauen im Festsaal. Wenn Ibrahim eine gefällt, geht Mama zu der Familie der Frau und sagt, dass sie ihr gerne Ibrahim vorstellen würde. Wirklich interessiert war Ibrahim noch nie an einer der Hochzeitsbekanntschaften. Bei der ganzen Kuppelei geht schließlich der männliche Jagdinstinkt verloren. Ibrahim möchte die Frau selber finden, arrangierte Dates mag er nicht. Trotzdem unterhält er sich dann jedes Mal mit den Frauen, Mama zuliebe.

Ibrahim
Foto by Marko Mestrovic
Türkische Mütter spielen bei der Heirat eine große Rolle. Sie planen die Hochzeit, erstellen die Gästeliste und richten die Wohnung ein. Doch damit es bis zur Hochzeit kommt, braucht der Sohn erst einmal eine Frau. Dafür beobachten die Mütter über Jahre hinweg die Töchter ihrer Bekannten. Wenn der Sohn dann ins heiratswillige Alter kommt und noch immer keine Freundin hat, lässt Mama die Kontakte spielen.

Evde kalmış

In der Türkei heiraten die Frauen durchschnittlich mit 23, die Männer mit 26 Jahren. In Österreich dagegen gehen die Frauen mit 30 und die Männer mit 32 Jahren den Bund der Ehe ein. Für die in Österreich lebenden Türken bedeutet das wieder einmal zwischen den Kulturen zu stehen. Einerseits genießen sie ihr unabhängiges Single-Dasein und ziehen mit ihren österreichischen Freunden um die Häuser, andererseits ist da dieser ständige Druck von Zuhause. Die Eltern, die selbst mit Anfang 20 geheiratet haben, hegen dieselben Erwartungen an ihre Kinder. Wenn die Sprösslinge mit 30 noch unverheiratet sind, werden sie zum Problem und ihre Lage wird zur familiären Angelegenheit.

Türke (30) sucht
Foto by Marko Mestrovic
Das Ganze ist aber nicht nur ein türkisches Phänomen, auch in ländlichen Gebieten Österreichs oder anderen Migrantencommunitys ist es unüblich mit 30 noch unverheiratet zu sein. Auch hier stressen die Eltern und versuchen ihren Sohn bei jeder Gelegenheit mit der Tochter des Nachbarn zu verkuppeln.

Der Wiener Single Murat kennt solche Verkupplungsversuche nur zu gut. Er gehört mit seinen 33 Jahren schon zu den „evde kalmış“ („Daheimgebliebene“). So werden im Türkischen all jene bezeichnet, die ein gewisses Alter erreicht haben und noch immer ledig sind. Sein älterer Bruder ist in seinem Alter schon zweifacher Vater gewesen. Die meisten von Murats türkischen Freunden und Cousins sind schon verheiratet.

 


Warten aufs Schicksal

Im Kreise seiner Familie wird Murat bewusst, dass er mit 33 wohl schon längst verheiratet sein sollte. Seine Cousinen stellen ihm ihre Freundinnen vor, seine Mama erzählt ihm von den ledigen Töchtern ihrer Bekannten und auf türkische Hochzeiten kann er nicht gehen, ohne dass ihn Verwandte mit anwesenden Frauen verkuppeln wollen. „Einmal war ich auf einer Hochzeit, wir saßen zu acht auf einem Tisch. Plötzlich sagt meine Bekannte zu mir und einer fremden Frau, die auch an unserem Tisch saß: „Ihr seid beide nicht verheiratet, na, wie wär’s?“ Das war so peinlich, vor allen anderen am Tisch sagt sie aus dem Nichts so etwas.“ Trotz aller Verkupplungsversuche war die Eine für Murat noch nicht dabei. Er war noch nie mit einer Frau zusammen, mit der er sich vorstellen konnte, ein Leben zu verbringen. „Das hängt alles vom Schicksal ab – Kismet“, weiß Murat – doch so gelassen ist er nicht immer. „Wenn ich Verwandte lange nicht gesehen habe und das Einzige, wofür sie sich interessieren, ist, ob ich schon eine Frau gefunden habe, ärgert mich das schon.“

„Junge, es wird Zeit.“

Türke (30) sucht
Foto by Marko Mestrovic
Dabei tut Murat einiges, um seinen Liebesstatus zu ändern: Er ist viel unterwegs, nutzt Online-Single-Plattformen und sucht auch im Alltag Augenkontakt mit Frauen, die ihm gefallen. „Es ist leicht von Außen Tipps zu geben und sich zu wundern, wieso ich noch nicht verheiratet bin, aber wenn es um das eigene Leben geht, ist es etwas anderes. Ich muss mit dieser Frau eine gemeinsame Zukunft verbringen, da nimmt man nicht einfach irgendeine. Ich will mich mit ihr verstehen, bei ihr so sein können, wie ich bin“, sagt Murat.

Doch wenn es nach seiner Mutter geht, könnte alles ein bisschen schneller gehen: „Junge, es wird Zeit“, erinnert sie ihn oft. „Schau, auch die heiraten“, sagt sie, wenn sie Hochzeitseinladungen von Bekannten erhält.

Murat ist seiner Mutter deswegen nicht böse, er weiß, dass sie nur das Beste für ihn will. Er möchte ja selbst so schnell wie möglich heiraten, lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen: „Die Liebe kommt, wann sie kommen soll“, fügt er entspannt hinzu.


Türke (30) sucht
Foto by Marko Mestrovic
Schwul, oder was?

Diesen Satz versucht der 31-jährige Erhan* (weil ihm die ganze Sache so unangenehm ist, möchte er nicht mit echtem Namen genannt werden) seiner Mutter auch einzubläuen. Die stresst ihn schon seit Jahren mit ihren Hochzeitsvorstellungen. Sie ist 62 und wünscht sich endlich Enkel. Erhan hat seine Mutter bis jetzt mit keiner seiner Freundinnen bekannt gemacht. „Ich konnte mir mit keiner meiner Exen eine gemeinsame Zukunft vorstellen“, sagt Erhan. Seine Mutter kann das nicht verstehen: „Meine Cousine hat mir gesagt, dass Bekannte schon munkeln, mein Erhan wäre schwul“, klagt sie. Gesehen hat die Freundinnen von Erhan tatsächlich noch niemand aus der Familie. Doch seine Mutter gibt nicht auf. Einmal ist Erhan nachhause gekommen und seine Mutter saß mit einer fremden Frau auf der Couch. „Das ist Demet, sie ist Krankenschwester und unverheiratet“, stellte ihm Mama die Unbekannte vor. „Die Frau war überhaupt nicht mein Typ“, sagt Erhan, getroffen hat er sie auch nie wieder. „Türkische Familien mischen sich gerne in Beziehungen ein“, weiß der 31-Jährige.

„Man kann niemanden in eine Beziehung hineindrängen. Es bleibt letztlich die Entscheidung des Einzelnen und nicht die der Familie“ - Die psychologische Beraterin Sonja Ebner, die Singlecoachings und Liebeskummerberatung anbietet,
kennt die Gefahren, die der Druck der Familie auf die Singles auslösen kann: „In schlimmen Fällen kann es bei den betroffenen Singles zu massiven Selbstzweifeln und sogar zu depressiven Verstimmungen kommen. Außerdem könnte sich die Beziehung zur eigenen Familie verschlechtern, wenn diese ständig Druck ausübt.“

Auch Erhan kann mit seinen Eltern nicht mehr offen über alles reden. Seine Eltern wissen auch nicht, dass der 31-Jährige eigentlich niemals heiraten will. Seiner Mutter kann er das nicht sagen, es würde ihr das Herz brechen. „Irgendwann finde ich schon die Frau fürs Leben, aber dafür brauche ich keine Ehe. Mittlerweile lässt sich jeder zweite scheiden, ich lebe lieber in einer Partnerschaft ohne Eheringe“, so der 31-Jährige.

 

Türke (30) sucht
Foto by Marko Mestrovic

Die Hoffnung bleibt

Ibrahim dagegen wollte schon mit 17 heiraten. Mit 21 war er verlobt. Die Beziehung ging in die Brüche, Ibrahims Hoffnung blieb: „Ich möchte nicht nur heiraten, um sagen zu können, ich sei verheiratet. Ich will die Richtige heiraten und die kommt bestimmt irgendwann“, so der 33-Jährige. Der Unternehmer glaubt noch immer an die große Liebe und lässt sich nicht stressen: „Seit 2009 sage ich jedes Jahr: Dieses Jahr werde ich heiraten. Irgendwann wird sich meine Prophezeiung schon erfüllen“, ist er sich sicher. Eine Zeit lang hat Ibrahim aktiv nach einer Frau gesucht, ging jedes Wochenende fort, meldete sich auf Tinder an. „Da waren nur Frauen für kurze Beziehungen dabei“, die Frau fürs Leben hat Ibrahim dort nicht gefunden. Die Single-Beraterin Sonja Ebner kennt den möglichen Grund dafür: „Die meisten Singles haben zu hohe Vorstellungen von ihrem Partner. Sie müssen sich von diesem Ideal trennen, dann klappt es gleich besser.“

Mittlerweile ist Ibrahim gelassener. „Mit 30 ist man nicht mehr so voreilig. Wenn ich eine kennenlerne, hänge ich mich nicht gleich mit meinem ganzen Herzen rein, sondern warte ab. Mit 20 habe ich zu viele Gefühle in Beziehungen gesteckt“, erzählt der gebürtige Türke. Trotzdem könnte er sich vorstellen nach nur ein paar Monaten Beziehung zu heiraten: „Ich bin wie ein Oldtimer, dem ein Ersatzteil, das schwer zu kriegen ist, fehlt. Wenn ich es dann finde, passt es dafür perfekt“, ist sich Ibrahim sicher.

Ibrahims Mutter ist nicht mehr ganz so zuversichtlich: „Ich habe die Hoffnung auf baldige Enkel schon fast aufgegeben und mir stattdessen Haustiere zum Kuscheln zugelegt“, sagt die 55-Jährige lachend. Doch Ibrahim nimmt das Ganze locker, kein Wunder, er weiß ja: „Dieses Jahr werde ich heiraten.“

 

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