67 tote Kinder als „Preis des Kriegs“ zwischen Israel und Palästina

31. Mai 2021

Zahnlücken, rosige Wangen und unschuldige Blicke: Kinder. Aber sie sind auf keinem Schulfoto, sondern abgedruckt als Opfer, die der erneut aufgeflammte Israel-Palästina Konflikt gefordert hat. Die linksliberale, israelische Zeitung „Ha’aretz“ bedruckt das Cover der letzten Ausgabe mit ihren Gesichtern. Das jüngste abgebildete Kind ist sechs Monate, das älteste 17 Jahre alt. 


von Miriam Mayrhofer

 

Elf Tage lang bekämpften sich Israel und die im Gazastreifen herrschende radikalislamische Terrororganisation Hamas in der jüngsten Eskalation des Nahostkonflikts. Nach einer Woche Waffenruhe, die mithilfe von Ägypten ausgehandelt wurde, sorgt die israelische Zeitung mit der Ausgabe, die letzten Donnerstag erschien, für Aufsehen. Das Blatt veröffentlicht in Zusammenarbeit mit der New York Times nicht nur Fotos, sondern auch Alter und Geschichten der Opfer.

Was ist das für eine Zeitung, die so etwas macht? „Ha’aretz“ heißt auf Deutsch „das Land“, gemeint ist damit Israel. Die Zeitung erscheint seit 1919 in hebräischer Sprache, seit 1997 hat sie auch eine gedruckte englische Ausgabe, liegt der International New York Times bei und ist, mit Paywall, auch online abrufbar. Das Blatt ist Teil der Haaretz-Gruppe, die sich zu 60 % im Besitz der israelischen Verlegerfamilie Schocken befindet. Die anderen 40% teilen sich zu gleichen Teilen zwischen der deutschen DuMont Mediengruppe und dem russischen Geschäftsmann Leonid Newslin auf. Haaretz wird als „kritische Instanz der israelischen Gesellschaft“ bezeichnet. Das Selbstverständnis ist „umfassend liberal“, was sich zum Beispiel darin zeigt, dass sich das Medium für die Gründung eines Palästinenserstaates ausspricht. Die Zeitung hat eine Auflage von 65.000 bis 75.000 Exemplaren, die täglich, außer samstags, erscheinen.

Nach Betrachtung der Ausrichtung wirkt es nicht mehr so überraschend, dass Ha’aretz, ein israelisches Medium, mit dem Cover auf die schrecklichen Opfer der vermeintlichen Gegenseite, sprich der Palästinenser, aufmerksam macht. Ob aber diese Darstellung nicht pietätlos, oder gar respektlos gegenüber den Angehörigen und Familien der jungen Opfer ist, ist eine ganz andere Diskussion. Es stellt sich die Frage, wie viel politische Berechnung hinter dieser Aktion steckt und ob es mit einem journalistischen Ethikverständnis vertretbar ist, diese Kinder dazu zu benützen, den Konflikt zu veranschaulichen und  zu emotionalisieren.

Auf Nachfrage, wie eine derartige Aktion in Österreich bewertet werden würde, antwortet Dr. Alexander Warzilek, Geschäftsführer des österreichischen Presserats, dass Punkt fünf im Ehrenkodex, also der Persönlichkeitsschutz, hier greifen würde. Dieser besagt genauer, dass auf Anonymitätsinteressen von Unfall- und Verbrechensopfern besonders zu achten sei. Die Identität eines Opfers könne aber dann preisgegeben werden, wenn dazu eine amtliche Veranlassung vorliegt, wenn das Opfer eine allgemein bekannte Person sei, oder das Opfer oder nahe Angehörige in die Preisgabe eingewilligt hätten. Warzilek betont: „Die Zustimmung der Eltern ist in so einem Fall unbedingt erforderlich. Nur wenn diese gegeben ist, darf ein Bild veröffentlicht werden.“ Er weist auf einen ähnlichen Fall in Österreich hin, indem ein totes, syrisches Kind mit Zustimmung des Vaters abgebildet werden durfte, „um wach zu rütteln“, so Warzilek. Gerade bei Kindern sei aber in Österreich prinzipiell besondere Zurückhaltung in der Berichterstattung notwendig und müsse sensibel mit Inhalten umgegangen werden. Warzilek weist aber zuletzt auch darauf hin, dass in Israel der Umgang mit Daten- und Persönlichkeitsschutz ein ganz anderer wäre, was insbesondere mit den wiederkehrenden Konflikten und den Opfern, die diese fordern, zusammenhängt. Ob die Eltern ihre Zustimmung für die Veröffentlichung der Fotos der Kinder gegeben haben, ist derzeit nicht ersichtlich und ohne Hebräisch-Kenntnisse kaum recherchierbar.

Wie es überhaupt dazu kam, dass diese Kinder als Opfer des Nahost-Konflikts am Cover dieser Zeitung landeten? Die jüngste Eskalation begann als Folge von Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften am Tempelberg in Jerusalem und im arabisch geprägten Osten der Stadt. Israel plant dort neue Siedlungen, für Muslime ist der Bezirk heilig. Die Hamas forderte Israel mittels Ultimatum auf, unter anderem die Sicherheitskräfte vom Tempelberg abzuziehen. Israel kam der Aufforderung nicht nach, woraufhin die Hamas am 10. Mai begannen, insgesamt mehr als 4.360 Raketen auf Jerusalem abzufeuern. Weil in Israel dadurch 13 Menschen getötet wurden, reagierte Israel seinerseits mit Angriffen auf palästinensisches Küstengebiet. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza nehmen diese Angriffe das Leben von 254 Palästinensern. Davon sind etwa ein Viertel Minderjährige. 

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