Alles für die Marke

06. Dezember 2021

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Warum tragen wir Gucci, Prada und Nike? Wer sind die Fashionvorbilder und wer inspiriert die Styler und Modefreaks? Lokalaugenschein im Donauzentrum.

Von Seyda Gün, Fotos: Zoe Opratko

DER ALBANISCHE ADLER TRÄGT NIKE AIR FORCE

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Cousinen Edita und Bekime.

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Die zwei 16-jährigen Cousinen tragen mit Stolz ihre Kette mit dem albanischen Adler. Diese symbolisiert ihre Herkunft und ihren Nationalstolz. Bekime imponiert mit ihrem Lacoste Trainingsanzug und den weißen Nike Air Force. Edita fühlt sich im Nike-Jogginganzug, kombiniert mit – richtig erraten – ebenfalls Nike Air Force, am wohlsten. „Wir kaufen beide Marken, weil sie trendy sind und jeder um uns herum sie trägt“, erzählt Bekime. Die zwei 16-Jährigen scrollen sich meistens auf TikTok durch und staunen über die neuesten Modetrends auf der Videoplattform. Wenn ihnen etwas gefällt, klicken sie sich durch Hashtags, Kommentare und Verlinkungen und gelangen somit an die Quelle ihrer Shopping-Begierde. Die Kleidung von Bekime und Edita wird auf den Nacken der Eltern finanziert, aber nicht ganz ohne Fleiß. „Eine Jogginghose von Primark um 5 Euro kaufen mir meine Eltern sofort. Bei teureren Sachen, wie dem Lacoste-Trainingsanzug, musste ich ein wenig betteln. Im Endeffekt haben sie es mir trotzdem gekauft“, erzählt Bekime grinsend. Manches Mal steckt auch eine Belohnung im Spiel. „Wenn wir gute Noten nach Hause bringen, dann kaufen sie uns auch die Sachen, die wir wollen“, so die 16-jährige Edita.

 

DER BAUHACKLER, DER SCHÜLER UND DER ARBEITSLOSE

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Stojan, Ivan und David zeigen ihre Looks.

„Viele junge Leute tragen Markenklamotten, um bei anderen rauszustechen oder damit zu flexen“, verkündet Stojan in seinem Bauhackleroutfit und Tommy Hilfiger Haube in der Hosentasche. Der 19-Jährige zeigt uns innerhalb von zehn Minuten drei Personen im Donauzentrum, deren Outfit mehr als 500 Euro kostet. „Schau, die da, ihre Tasche kostet mindestens 300€.“ Vor allem scheinen Schuhe bei den jungen Fashionistas groß im Kommen zu sein. Die ständigen Begleiter auf unseren Füßen würden schließlich 90 % von einem gut kombinierten Outfit ausmachen, findet Stojan. Sein Freund Ivan lacht, was Stojan veranlasst, ein „Ich schwör, es ist so“ in Richtung seines Freundes zu rufen, um den Wahrheitsgehalt seiner Aussage zu bestärken. Der 18-jährige Ivan findet Markenklamotten für den gesamten Auftritt nicht wichtig. Viel eher kommt es auf die Kombination der einzelnen Teile an, die sich Ivan über den chinesischen Online-Händler „Shein“ ganz bequem nach Hause liefern lässt. Es sind vor allem YouTuber, aber auch Plattformen wie TikTok und Instagram, die junge Menschen zu ihren Styles inspirieren. Der deutsche YouTuber Justin Fuchs (auf YouTube: JustinLIVE) bewegt mit seinen Videos die Jugend und spricht viel über Mode, setzt Trends und bewertet Outfits. Er hat sogar seine eigene Marke unter dem Namen „Peso“ kreiert. Strahlend prahlt Stojan mit seiner Peso-Jacke. Aber auch lokale YouTuber wie der Wiener Maximilian Weißenböck (auf YouTube: MaxaMillion) setzen Trends. Maximilian führt wie Justin sein eigenes Modelabel und gibt jungen Menschen Inspirationen zu neuen Outfits. Stojan verdient sein eigenes Geld, Ivan ist Schüler und David ist zurzeit arbeitslos. Um stylemäßig mit Stojan mitzuhalten, hilft Ivan samstags seinem Vater auf der Baustelle aus. David lacht und zeigt dabei seinen stilvollen Louis-Vuitton-Gürtel, den er sich um knapp 450€ mit seinem Arbeitslosengeld gekauft hat. Die beiden anderen können darüber nur den Kopf schütteln.

 

DIE MALL-PHILOSOPHEN

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Omid und Cristiano sind die Mall-Philosophen.

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„Meine Moncler Jacke, die ich anhabe, schaut nur teuer aus. Ich habe sie von Willhaben um 200 Euro gebraucht gekauft“, rechtfertigt sich der Austro-Afghane Omid. „Ich sage immer, wer so viel Geld für eine Jacke ausgibt, da hat die Jacke ihn gekauft – nicht er dieJacke!“ Oha, wir haben hier einen Hobbyphilosophen getroffen. Cristiano sieht die Sache ähnlich. Viele junge Menschen würden dem Trend der Markenklamotten nachlaufen, weil sie nach Status streben, meint er. Der 22-Jährige betrachtet den Markenwahnsinn unter seinesgleichen kritisch. „Es braucht nur etwas viral gehen und schon laufen alle dem gleichen Trend hinterher“, sagt er empört. Die zwei sprechen an, dass es vor allem die Rapszene sei, die vielerlei an Trends setzen würde, denen dann viele junge Menschen folgen. Sogar der Deutschrapper Haftbefehl müsste den Jungs zugehört haben. Er kritisierte jüngst im Podcast „Podkinski“ den Markenwahn der heutigen Jugend. „Alle Laufen in Marken herum. Prada, Louis oder Gucci.Ehrlich, mit 15, Alter? Die sind doch komplett brainwashed.“ Haftbefehl gab sich auch selbstkritisch: „Wir Rapper sind ein großer Grund, warum das so gekommen ist.“ Omid verrät uns ungefragt, dass er viele Leute kenne, die Fake-Markensachen tragen: „Aus der Türkei. Hauptsache Marke. Ist egal, ob original oder nicht“, winkt der 22-Jährige ab. Jedenfalls sind ihm Menschen bekannt, die sich bei der App „Klarna“ zumindest einmal schon verschuldet haben. Klarna ist ein schwedischer Zahlungsanbieter, der mit vielen Onlinehändlern kooperiert. Das Gefährliche bei Klarna: Die „kaufe jetzt, zahle später“-Aktionen verleiten viele junge Menschen dazu, über den Verhältnissen zu leben. Die Ratenzahlungen erscheinen verlockend, sind aber blöderweise der erste Schritt in den Bankrott. Etwas, was Omid und Cristiano garantiert nicht passieren wird, wie sie uns versichern.

 

CARRIE BRADSHAW VOM SPANISCHEN COLLEGE

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Lina holt sich ihre Inspiration auf der Straße.

Mit ihrer Moncler Jacke und dem Burberry Schal ist Lina definitiv ein Eyecatcher im Wiener Donauzentrum. „Ich selber trage Markenkleidung seit meiner Zeit auf einem College in Spanien“, so die 22-Jährige. Hört, hört. Nur ein kleiner Bruchteil ihres Umfeldes in Wien trägt Markensachen. Lina sieht das Thema Markenkleidung anders. Für sie gibt es zwei Arten an Menschen: „Diejenigen, die Marken tragen, um sich zu beweisen und einen Status in der Gesellschaft zu erreichen, und die Ästheten, die Marken tragen, weil sie die Ware schön finden oder den Designer mögen.“ Lina ist, wie sie sagt, von jeher modeaffin. Dazu gehört das Recherchieren nach den neuesten Fashion Trends im Internet, in verschiedensten Blogs und Magazinen. Social Media als Inspirationsquelle? Findet Lina überbewertet.

 

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