,,Alte Menschen, gönnt uns doch einfach!''

24. Februar 2022

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Collage: ©Zoe Opratko

 

Wir schicken Memes statt E-Mails, verschieben Deadlines für die mentale Gesundheit und werden alles tun, nur nicht für einen Job 40 Stunden arbeiten – die Generation Z macht es anders als ihre Vorgänger*innen und sagt dem Kapitalismus den Kampf an.

 

Von Anna Jandrisevits, Collagen: Zoe Opratko

 

Munira schaut auf ihren Google-Kalender, der randvoll mit unterschiedlichen bunten Termineinträgen ist. Die Woche ist durchgeplant, mit einem geringfügigen Job bei einer NGO und zwei Studiengängen – Politikwissenschaften und internationales Recht – passt da gerade mal ein Mittagessen rein. Aber irgendwas davon aufgeben? Kommt nicht infrage! Das Doppelstudium ist ja nur logisch: Einen Studiengang macht man aus Interesse und einen, um irgendwann davon leben zu können. Munira, die im Jahr 2000 geboren ist, hat also rund um die Uhr Stress. Als ich sie dann aber frage, ob sie sich vorstellen könnte, für immer einen 40-Stunden-Job zu machen, kann sie nur lachen: „Niemals!“

 

Collage: Zoe Opratko
Collage:Zoe Opratko

 

„Arbeit ist Ausbeutung“

 

Ich weiß, Boomer (Anm.: Menschen, die ca. 1946-1965 geboren sind) und Millennials (Geburtsjahre ca. 1980-1997) sind jetzt extrem verwirrt und fragen sich: In welcher Welt ergibt das Sinn? Ich erkläre es euch. Denn anstatt andauernd nur über die „fehlende Arbeitsmoral“ der Generation Z zu sprechen, arbeite ich tatsächlich mit ihnen zusammen. Seit einem halben Jahr bin ich Chefin vom Dienst bei „die_chefredaktion“ auf Instagram. Wir machen Journalismus von jungen Leuten für junge Leute. Obwohl es keine genaue Definition gibt, werden der Generation Z überwiegend jene zugerechnet, die von 1997 bis 2012 zur Welt gekommen sind. In unserer Redaktion sind alle unter 25 und das merkt man, nicht nur an den Themen, sondern vor allem an der Arbeitsweise.

 

Wir kommunizieren über Sprachnachrichten und Memes, Meetings werden öfter mal verschoben, weil Gen Zs wie Munira sich andere Prioritäten setzen und von 9 bis 17 Uhr arbeiten die wenigsten. Die Generation deshalb als faul oder respektlos abzustempeln, ist aber falsch: Ein Arbeitsplatz wird einfach niemals ihre alleinige Priorität sein. In einer Studie des deutschen Zukunftsinstituts aus 2021 über die Generation Z in der Arbeitswelt wünschen sich 48 % der befragten 16- bis 25-Jährigen flexible Arbeitszeitmodelle, 74 % wollen ihr Leben selbst bestimmen und trotz ihres Jobs unabhängig sein.

 

Dass man Deadlines kurzfristig verschiebt oder unzuverlässig arbeitet, ist meist natürlich nicht in Ordnung, so viel gleich vorweg. Ich habe mir schon oft gedacht, dass die jungen Menschen in meinem beruflichen Umfeld Dinge tun und sagen, die ich mich in 100 Jahren nicht getraut hätte. Aber sie tun und sagen auch Dinge, für die ich ihnen applaudiere. Ich unterstütze ihren Willen nach Veränderung. „Arbeit ist Ausbeutung!“, sagt mir etwa Marlena, Jahrgang 1998, sie ist Jus-Studentin und arbeitet Teilzeit in einem Tattoo-Studio. „Im Endeffekt kannst du dir im Kapitalismus, wenn du die Mittel hast, nur aussuchen, ob du von jemandem ausgebeutet wirst oder dich selbst ausbeutest, indem du selbstständig wirst.“

 

Gerade unter Millennials, die im Zeitraum der frühen 1980er bis zu den späten 1990er Jahren geboren wurden, boomt das Modell der Selbstständigkeit: Arbeit, die den eigenen Interessen und Vorstellungen entspricht. Das klingt erstmal cool, aber selbst wenn in dem Geschäftsmodell Nachhaltigkeit und Moral eine Rolle spielen, müsste man bis zu einem gewissen Grad kapitalistisch denken, sagt Marlena. Überhaupt habe der Ansatz, sein Hobby zum Beruf zu machen, „damit sich kein Tag wie Arbeit anfühlt“, in der Generation Z nichts verloren: „Das führt nur dazu, dass du das, was du eigentlich liebst, am Ende auch hasst, weil du davon abhängig bist.“

 

Collage
© Zoe Opratko

 

Nie wieder Hustle

 

In der so genannten „Hustle-Culture“, die Millennials auf Instagram jahrelang groß gemacht haben, wird der Selbstwert über die Produktivität am Arbeitsmarkt definiert – wer keine Leistung erbringt, ist für diese Gesellschaft nicht gut genug. Völlig zurecht hat die Generation Z das Wort „Hustle“ aus ihrem Vokabular verbannt, wir wollen uns nicht ins Burn-out arbeiten. Auch viele unserer Eltern, die zur Boomer-Generation gehören, haben sich ihr Leben lang in ein und derselben Firma kaputt gearbeitet. „Wir Arbeiter*innenkinder wissen, wie schwer unsere Eltern gearbeitet haben. Das wollen wir für uns nicht“, sagt Munira. Vielleicht kann sich diese Generation diese neue Arbeitsweise also auch aufgrund der Arbeit unserer Vorgenerationen leisten. Ebenjener Menschen, die uns oft unterstellen, faul und unzuverlässig zu sein. Für Munira macht das keinen Sinn: „Wieso gönnen uns alte Menschen nicht einfach? Ist doch ur gut, dass wir nicht ihre Probleme haben, uns nicht körperlich und psychisch fertigmachen. Als würden wir ein gutes Leben nur verdienen, wenn wir arbeiten, bis nichts mehr von uns übrig ist.“

 

Gen Zs gehen es also anders an. Statt sich an ein Unternehmen zu binden, versuchen sie, sich ganz viele unterschiedliche Standbeine aufzubauen, weil sie jetzt schon wissen: In der Zukunft wird es nicht den einen Job geben, der sie für immer glücklich macht. Diese Einstellung kann aber natürlich nicht auf die gesamte Generation zutreffen. Eine 21-jährige Steirerin, die in der Landwirtschaft arbeitet, hat wahrscheinlich trotzdem ein anderes Bild von Arbeit, als die Gen Zs aus der Hauptstadt. „Es hat auch nichts mit fehlendem Respekt zu tun, egal in welchem Alter, man sollte vor seinen Vorgesetzten und Mitarbeiter*innen immer Respekt haben“, sagt Viktoria, Jahrgang 1999, die neben dem Publizistik-Studium ein 40-Stunden-Praktikum in einem Büro macht. Ihre Kolleg*innen sind meist älter als 35, sie unterschätzen den enormen Stress, den Viktoria durch das Studieren und Arbeiten hat. Wenn ihr irgendwas zu viel wird, traut sie sich aber noch nicht, etwas zu sagen. „Ich glaube, wenn ich jüngere Kolleg*innen hätte, würde ich mich eher trauen. Die verstehen mich vielleicht mehr, weil sie selbst damit konfrontiert sind.“

 

Mentale Gesundheit hat einen unfassbar hohen Stellenwert für die Generation Z und das ist gut so. Als ich selbst ein 40-Stunden-Praktikum absolvierte und währenddessen umgezogen bin, eine Masterarbeit geschrieben und an einem Studienprojekt gearbeitet habe, ging meine Psyche den Bach runter. Ich wünschte, ich hätte nur einmal den Mut gehabt, es meiner damaligen Vorgesetzten zu sagen, aber ich war die Jüngste und hätte mich nie getraut. Anders als Leyli, die mir letztens eine Sprachnachricht geschickt hat: Sie kann die Deadline für eine Reportage nicht einhalten, weil sie so viele Prüfungen hat und sich komplett überfordert fühlt. Dass ich deshalb unseren Redaktionsplan umstellen musste, war das Letzte, woran ich in diesem Moment dachte. Viel mehr war ich froh darüber, dass Leyli ehrlich zu mir ist. Dass mir meine Kolleg*innen vertrauen und keine Angst vor mir haben. Das klingt für manche vielleicht normal, aber das ist nicht der Standard.

 

Collage
© Zoe Opratko

 

Mehr Verständnis

 

Und deshalb nehme ich gerne verschobene Meetings und Deadlines in Kauf. In sechs Jahren in dieser Branche habe ich nie so viel Kreativität, Mut und Talent erlebt, wie von Menschen aus der Generation Z. Aber natürlich: Auch wir müssen vielleicht noch lernen, das Verständnis, das wir so oft von unserem Umfeld einfordern, anderen entgegenzubringen. Es ist richtig und wichtig, dass wir es anders machen wollen als unsere Vorgenerationen, aber manchmal sind auch wir noch zu egoistisch. „Wir müssen wegkommen von diesem individualistischen Denken, bei dem jede*r nur auf sich und den eigenen Erfolg schaut. Wir sollten uns als Teil von etwas großem Ganzen sehen, bei dem wir ein Verantwortungsgefühl gegenüber der Gesellschaft haben und Solidarität eine Rolle spielt“, erklärt mir Marlena, passenderweise in einer Sprachnachricht. „Ich wünsche mir, dass wir eine Gesellschaft bilden können, in der alle ihren Fähigkeiten und Interessen entsprechend einer Tätigkeit nachgehen können, von der die ganze Gemeinschaft profitiert. Damit wir erkennen, dass wir als Einzelperson dann aufblühen, wenn unsere Community aufblüht.“ Das klingt doch nach einem schönen Arbeitsplatz. ●

 

 

 

 

 

 

Anna Jandrisevits ist Chefin vom Dienst bei der Chefredaktion, einem Instagram-Medium, das von Ex-Biber-Redakteurin Melisa Erkurt gegründet wurde. Inzwischen verfolgen bereits 25.000 Follower*innen die Inhalte der Chefredaktion. Wer jungen und diversen Journalismus unterstützen und gleichzeitig einen exklusiven Newsletter erhalten möchte, schaut bei Steady vorbei: www.steadyhq.com/de/diechefredaktion

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