Anschlag in Bagdad – Wenn deine Familie im Krieg lebt, wird Trauer zum Alltag.

25. Januar 2021

Terroranschlag im Irak – Die Reaktionen in den westlichen Medien? Kein „Je Suis Baghdad“ , keine irakische Flagge auf irgendwelchen Wahrzeichen, weder in Paris, noch in Dubai. Nicht überraschend, meint unser Gastautor Derai Al Nuaimi, der in Baghdad geboren ist. Doch wenn deine Familie im Krieg lebt, werden Trauer und Angst zur Normalität.

Gastkommentar von Derai Al Nuaimi 

Letzten Donnerstag war es wieder soweit: Eilmeldung in den Medien. Terroranschlag in Baghdad. 32 Tote, über 100 Verletzte. Und schon geht es los. Mama anrufen und fragen, ob alles okay ist, ob sie was weiß, mit jemandem gesprochen hat. War jemand dort, ist jemand aus der Familie verletzt? Gab es noch andere Anschläge? Ich bin besorgt, der Großteil meiner Familie und Verwandten lebt noch im Irak, viele davon in Baghdad, meinem Geburtsort. Man versucht irgendwie jemanden zu erreichen, sich irgendwie Gewissheit zu holen, dass doch alles passt. 

Du hast hier in Wien deine Freunde, dein Grätzl – und deine Familie lebt im Krieg.

Es gab Jahre, da gehörten solche Situationen zu unserem Alltag. Jede Woche hat man von einem Anschlag gehört, manchmal sogar von mehreren in derselben Woche. Es waren so viele, dass irgendwann nur mehr die lokale arabische Presse davon berichtete. Alle anderen waren anscheinend zu weit weg oder der Nachrichtenwert war zu klein. Wieso sollte er auch groß sein? Ist ja sowieso nichts Neues, ist ja Normalität dort. 
Diese Jahre waren für mich und meine Familie besonders hart. Du lebst in Österreich, du gehst hier zur Schule und arbeitest hier. Du hast hier deine Freunde, dein Grätzl, deine neue Heimat. Das gilt aber nicht für alle. Deine Großeltern, deine Tanten und Onkel, deine Cousinen und Cousins leben noch im Krieg. Deine Familie, deine Wurzeln, deine alte Heimat. Sie brennt. 
Sie ist im Krieg und mit diesem Gefühl stehst du jeden Tag auf und mit diesem Gefühl gehst du auch jeden Tag schlafen. Es begleitet dich, es ist immer da. Auch wenn es ab und zu in den Hintergrund gedrängt wird, kommt es doch immer wieder auf. Es wird zu einem Teil deiner Identität. Du hasst dieses Gefühl zwar, du willst es aber auch auf gar keinen Fall verlieren. Nicht solange deine Familie so leben muss. 

Hat man sich in den letzten drei Jahren weniger Sorgen machen müssen?

Jetzt war der letzte Anschlag schon drei Jahre her  - bis vergangenen Donnerstag. Was hat sich jedoch in diesen drei Jahren geändert? Waren es drei Jahre der Freude und des gesellschaftlichen Aufatmens? Waren die letzten drei Jahre für uns, also die in der Diaspora lebenden Familienmitglieder, einfacher? Hat man sich in den letzten drei Jahren weniger Sorgen machen müssen?
Leider nicht. Auch wenn es keine Anschläge gab, so herrschte im Irak ein permanenter Kriegszustand. Krieg in Form von Entführungen, politischer und wirtschaftlicher Instabilität, fehlender Meinungsfreiheit und Armut. Die Menschen im Irak leben in Trauer, in alltäglicher Trauer. Diese ist zur Gewohnheit geworden, so sehr, dass man bei Freude skeptisch wird. Zu lange ist es her, dass man in Frieden und Stabilität gelebt hat. Und der Weltgemeinschaft, der scheint es egal zu sein. Der mediale Aufschrei? Mäßig. Machen wir es zu einer gesellschaftlichen Debatte? Nicht wirklich. Kein "Je Suis Baghdad", keine irakische Flagge auf irgendwelchen Wahrzeichen, weder in Paris, noch in Dubai. 

Der Boden ist Asche und das Wasser ist zu Blut geworden.

Zum Anschlag vom 21. Jänner hat sich der IS bekannt. Der IS, die aktuellste Krise im Irak. Und davor?  Davor war es der Bürgerkrieg und davor die Al-Qaida und davor die Invasion und davor und davor und davor. 
Irgendwann werden Krieg und Trauer zur Gewohnheit. Sie werden zur Normalität, sowohl für die Menschen, die im Irak leben, als auch für uns, ihren Familienmitglieder, die weit weg in Sicherheit und Frieden leben. Seit 18 Jahren herrscht Krieg und ein Ende ist nicht in Sicht. Der Boden ist Asche und das Wasser ist zu Blut geworden.

Derai Al Nuaimi ist Vorsitzender der Bundesjugendvertretung und Wiener Landesvorsitzender der Muslimischen Jugend Österreich.

 

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