Arbeiterkind 3.0

24. Februar 2022

So früh wie möglich heiraten und Kohle machen: Diese Zukunft war für Boban vorbestimmt. Zumindest wenn es nach seiner Balkan-Familie geht. Aber er schlug seinen eigenen Weg ein: Ein Arbeiterkind auf Umwegen zwischen dem Job in der Gemüseabteilung und Geschichte-Studium.

 

Von Boban Ristić, Fotos: Matthias Nemmert

 

Ich musste früh in meinem Leben arbeiten. Meine Mutter vermittelte mir mit 16 Jahren eine Lehre bei einer großen Supermarktkette, wo sie auch selbst hinter der Fleischtheke arbeitete. Rückblickend war ich damals viel zu jung und grün hinter den Ohren. Ich war nie gut darin, den Einkauf zu scannen und abzukassieren. Das „Schönen Tag noch!“ zum Abschied klang in meinem Mund wie eine Drohung. Außerdem breitete sich bei mir damals die Angst vor dem Frust aus, welchen ich bei älteren Arbeitskollegen beobachtete. Wie soll man auch nicht deprimiert sein? Die Arbeit ist eintönig und der Lohn im Einzelhandel eher bescheiden. Lebender Beweis dafür waren die pensionierten Samstagskräfte, die mit dem zusätzlichen Lohn ihre mickrige Pension aufbessern wollten. Ich wollte nicht so wie sie enden. Wenn schon ausgebeutet werden, dann in einer Arbeit, die mir Spaß macht. 

Foto: Matthias Nemmert
Foto: Matthias Nemmert

 

„Hr. Ristić bitte in die Gemüseabteilung kommen“

Meine konservative Arbeiterfamilie hatte erwartet, dass ich, so wie jeder junge “Balkaner”, so schnell wie möglich Kohle verdiene und eine Familie gründe. „Wann gibt‘s endlich Enkel, Bobane?“, hörte ich jeden Tag als Frage. Nicht heute. Eigentlich wollte ich studieren und mein Leben auf die Reihe kriegen, bevor ich an eigene Kinder denke. Stattdessen machte ich eine Einzelhandelskaufmann-Lehre und war todunglücklich. Zu Hause wurde es immer ungemütlicher. Die Lage spitzte sich zu als ich die Lehre im letzten Jahr abbrach. Mein Stiefvater, der sich für gewöhnlich nobel zurückhielt, verlor die Geduld mit mir. Unsere Beziehung wurde nicht besser, als ich mich in die Matura-Abendschule einschrieb und untertags den AMS-Kurs „EDV-Systemtechnik“ besuchte. Danach ging es in den Käfig zum Basketball spielen. Der Platz zu Hause wurde immer enger, vor allem für meine jüngere „Seka“ (serb. für „Schwesterherz“), die langsam in die Pubertät kam und sich über ein eigenes Zimmer gefreut hätte. Dies und der Druck meiner Eltern waren letztlich ein Antrieb für mich, aus dem Hotel Mama endgültig auszuchecken. Glücklicherweise bot mir eine Freundin damals an, in ihre Garconniere-Wohnung im 21. Bezirk einzuziehen. Nach Floridsdorf! Kein Problem, als Donaustädter kannte ich das raue Klima von Transdanubien. Die Abmachung mit der Wohnungsbesitzerin: Ich bezahle die Rechnungen, während sie ein paar entspannte Jahre in Serbien verbringt. Fantastischer Deal.

Foto: Matthias Nemmert
Foto: Matthias Nemmert

 

Fleißig und high

Meine Familie sah nicht ein, warum sie meine Emanzipationsversuche mit ihrem hart verdienten Geld unterstützen sollten. Auf einer Bolt-Fahrt klärte mich ein alter Jugo über eine besondere Zweideutigkeit in unserer Sprache auf und darüber, warum er selber immer arbeitete wie ein Pferd. Das Serbische “ti si vredan“ bedeutet übersetzt „du bist fleißig“ – es heißt aber auch „du bist wertvoll“. Den Ursprung des Wortes nahm sich meine Familie anscheinend besonders zu Herzen. Für sie war jemand nur dann was wert, wenn er fleißig war und vor allem gut verdiente. Geld sei der Beweis für den Fleiß. Mir war es nicht wichtig, ein teures Auto zu fahren oder pompös zu heiraten. Ich fing an, mich für die Studienberechtigungsprüfung für kulturwissenschaftliche Studien vorzubereiten.

Ein paar Monate später schlenderte ich voll high auf Koffein durch die Gänge der Hauptuni Wien und fühlte mich wie in einem Traum. Endlich konnte ich das machen, wovon ich mein ganzes Leben lang geträumt hatte. Weil das Selbsterhalter-Stipendium nicht alle meine Kosten decken konnte, arbeitete ich erst recht wieder samstags in der Gemüseabteilung. Aber in diesem Fall wusste ich, das war nur Mittel zum Zweck. Am Ende des Weges erwartet mich ein akademischer Titel und ganz viel neues Wissen. 

 

Nato-Bombardement und Geschichte-Vorlesung

Ich wurde 1995 in Požarevac, damals Jugoslawien, geboren und habe den Kosovo-Krieg und die NATO Angriffe 1999 live miterlebt. Die Sirenen und in Panik flüchtende Menschen haben sich in mein Gedächtnis gebrannt. Und so stellte ich zu Hause Fragen, auf die ich keine Antworten bekam. Fragen, die mir später in der Schule auch kein Geschichtsbuch oder Lehrer beantworten konnte. Warum das keiner schaffte, erklärte mir ausführlich Geschichtsprofessor Dr. Stefan Zahlmann im Rahmen seiner 3,5-stündigen Vorlesung “Theorien und Geschichte schriftlicher Quellen und Medien”. In dieser schrieb ich einige Essays zum Thema, warum es keine allgemeingültige Wahrheit in der Geschichte geben könne. Der Einblick in die geschichtsphilosophische Metaphysik half mir, Vorbehalte, die sich über die Jahre gegen Journalisten und andere Kulturschaffende gebildet hatten, zu verlieren und ich habe seither angestrebt, auch einer von dieser Sorte zu werden. Deswegen entschied ich mich für Journalismus. Das Geschichtsstudium erwies sich als eine elegante Lösung. „Ein Drittel der Absolventen endet in der Medienwelt“, sagte man mir in den Info-Vorlesungen.

Foto: Matthias Nemmert
Foto: Matthias Nemmert

Meine Bachelor-Ambitionen bekamen bald die harte Realität zu spüren. Die Doppelbelastung aus schlecht bezahlten, körperlichen Jobs und akademischen Lehrinhalten trieben mich beinahe ins Burnout. Ich verlor 15 Kilo, konnte kaum einschlafen und fühlte mich dauerschlapp. Im dritten Semester klagte ich einer Bekannten mein Leid: „Ich werde weder zu Ende studieren, noch Karriere als irgendwas machen. Ich sollte einfach das machen, was alle von mir erwarten. Autos reparieren oder Handyshop aufmachen oder sowas.“ Adriana konnte mein Selbstmitleids-Lied nicht mehr hören und erzählte von der biber-Akademie. Dort müsse man sich nicht verstellen und kann seine eigene Geschichte erzählen und dabei was lernen. Sie sah mich mit leuchtenden Augen an und erzählte mir, dass ich genau zu biber passen würde. Drei Jahre später sitze ich in der Redaktion, blicke auf das Maria-Theresien-Denkmal gegenüber und fühle mich angekommen. Ich darf Artikel schreiben, Menschen auf der Straße interviewen, über aktuelle Themen wie Impfpflicht, Novak Djoković oder den besten Burek Wiens schreiben. Endlich gebe ich meiner Mutter einen guten Grund, stolz auf mich zu sein. Alleine deswegen hat sich das Praktikum bei biber ausgezahlt. ●

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