"Ayip!, Das gehört sich nicht!"

24. Februar 2022

„Das kannst du machen, wenn du verheiratet bist!“ „Da kannst du dann mit deinem Mann hin!“ – Was, wenn eine junge Frau gar nicht heiraten möchte? Was, wenn sie nicht auf einen Mann angewiesen sein will, um vom Elternhaus unabhängig zu werden? „Ayıp!“ Autorin Şeyda Gün hat es satt, die „vorbildliche“ Tochter in der kurdischen Community zu sein, auch auf die Gefahr hin, als „eine Schande“ abgestempelt zu werden.

 

Von Şeyda Gün, Fotos: Zoe Opratko

 Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

 

Ayıp!“ (übersetzt: eine Schande). Dieser Begriff ist für viele Frauen aus der türkischen oder türkischsprachigen kurdischen Community kein Fremdwort. Denn wir alle haben zumindest einmal in unserem Leben etwas gesagt, getragen oder geglaubt, dass „ayıp“ für unsere Familie, Bekannte oder sogar Freunde ist. Einmal  war ich auf der Suche nach einem Outfit für eine kurdische Hochzeit in Wien. Meine Mama wollte, dass ich mich der Community entsprechend kleide: Das Kleid dürfe auf keinen Fall zu kurz sein oder einen Ausschnitt haben, denn es wäre „ayıp“, wenn ich nicht angemessen gekleidet wäre. Obwohl meine Familie sich niemals in mein äußeres Erscheinungsbild einmischte und mich so respektierte, wie ich bin, ging es hier darum, was andere Menschen in der Community über mich denken oder gar reden würden, wenn ich mir ein etwas „freizügigeres“ Outfit für den anstehenden Anlass aussuchen würde. Im Endeffekt habe ich dann getragen, was mir gefallen hat – ob die „Leute reden“ ist mir egal.

Denn: Wer bestimmt, wann was warum „ayıp“ ist? Sowohl in der türkischen als auch in der kurdischen Community können viele Dinge eine „Schande“ für Frauen sein. Mütter und Väter sind beispielsweise besonders stolz auf ihre Söhne, wenn die feste Freundin vorgestellt wird. Wenn die Tochter den festen Freund aber vorstellen möchte, herrscht Ausnahmezustand unter den vier Wänden. Das ist doch ayıp! Frauen können doch nur den Mann vorstellen, den sie auch später heiraten, das besagt der imaginäre Gesetzeskodex der Community. Bereits in jungen Jahren werden Mädchen darauf aufmerksam gemacht, sich „vorbildlich“ innerhalb der Community zeigen zu müssen. Vorbildlich sein heißt, in die Schule zu gehen und dann sofort wieder nachhause, nicht bei Freundinnen am Wochenende übernachten, denn Pyjamapartys sind ein Tabu. Vorbildlich sein heißt, nicht auf Partys gehen, nicht im Club zu tanzen. Auch ich kenne das nur zu gut. Als ich meiner Mama im Teenageralter sagte, ich möchte auf Pyjamapartys, dachte sie, ich scherze. Sie hatte kein Verständnis dafür, wieso ich bei meinen Freundinnen zu Hause übernachten sollte. Für sie war das „ayıp“. Was würden denn andere dazu denken? Ich erklärte ihr, dass es das normalste auf dieser Welt sei und es nur in unserer Kultur einfach kein Verständnis dafür gebe. Sie hat sich im Endeffekt mit der Tatsache angefreundet und akzeptiert, dass es eine Welt außerhalb unserer Kultur auch gibt und nichts dagegenspricht, wenn ich mit meinen Freunden meinen Spaß habe. Die Pyjamapartys aka Homepartys waren somit kein Problem mehr. Hätte ich dieses Gespräch nie gesucht und versucht, ihr eine Welt außerhalb unserer Kultur zu erklären, wäre nie etwas aus den Partys geworden. Ich kann mich in dieser Hinsicht glücklich schätzen, dass dieses Verständnis entstand. Heute denke ich an meine Zeit im Gymnasium zurück und liebe die Erinnerungen. Die schönste Zeit, die lustigsten Erlebnisse, mit den besten Leuten. All das, weil ICH mich durchgesetzt habe.

In unserer Community heißt „vorbildlich sein“ vor allem, dem Weltbild der Community gemäß zu leben, ohne die eigenen Bedürfnisse jemals ausleben zu dürfen. Wenn du als Frau nicht den „vorbildlichen“ Funktionen der Gesellschaft entsprichst, beginnt deine Community über dich zu sprechen. Gibt es Gossip in deiner Community über dich? Uff, ayıp. Es ist ein Weltuntergang für Familien, wenn schlecht über die Tochter gesprochen wird, es ist eine Schande. Heute frage ich mich, wer überhaupt das Recht hat, mir und allen anderen Frauen vorschreiben zu dürfen, was ayıp ist oder nicht. Ich bestimme für mich, du bestimmst für dich. Punkt.

"Wir sollten als Frauen nicht bei jedem Schritt, den wir wagen, aufpassen müssen, ob das nicht ,ayip`ist. "Foto: Zoe Opratko
"Wir sollten als Frauen nicht bei jedem Schritt, den wir wagen, aufpassen müssen, ob das nicht ,ayip`ist. "Foto: Zoe Opratko

 

Deine Freiheit liegt bei dir – nicht in der Ehe

„Es ist der Traum von jeder jungen Frau eines Tages zu heiraten“, heißt es in unserer Kultur. Stimmt das überhaupt? Mein Traum war es nie. Diese Art von Lebensweisheiten verankern sich tief in den Köpfen von kleinen Mädchen. Unbewusst wachsen wir mit falschen Vorstellungen unserer Community auf, die unserer eigenen Realität weitaus entfernt liegen, wir aber dennoch denken, es seien unsere „Träume“.

Keine große Überraschung ist, dass sich die Weisheiten mit Vorliebe auf Frauen beziehen, nicht auf Männer. Während Männer die Freiheit haben, ihre Ziele im Leben umzusetzen, werden Frauen ihre Träume vorbestimmt. Apropos Freiheit: Es gibt unzählige Familien, die ihren Töchtern alle Freiheit der Welt versprechen, wenn sie „groß“ sind und heiraten. „Du kannst die Welt bereisen, wenn du verheiratet bist!“, „Dort kannst du später einmal mit deinem Mann hingehen!“ oder „Das kannst du bestimmen, wenn du geheiratet hast und dein eigenes Leben führst!“ sind besonders beliebte Vorgaben für junge, neugierige Mädchen der Community. Für mich sind das nicht nachvollziehbare Aussagen, die mir Kopfschmerzen bereiten. Wieso sollte eine Frau die Welt nicht bereisen dürfen, ohne verheiratet zu sein? Wieso müssen Frauen auf den Mann und die Ehe angewiesen sein, um über sich selbst bestimmen zu dürfen? Heiraten und sich damit Freiheiten zu erkämpfen, wird normalisiert. Frauen führen laut Community das eigene Leben erst dann, wenn sie verheiratet sind, als ob wir davor nicht existieren würden. Dabei spricht keiner darüber, wie viel Verantwortung und Risiken die Ehe mit sich bringt. Fakt ist, dass nicht alle Lebensgemeinschaften gut enden. Es gibt genug (Ehe-)Frauen da draußen, die Opfer von Gewalt werden, sei es physisch oder psychisch. Und auch ist es nicht so, dass sich alle Frauen der Community erst durch die Ehe ihre Freiheiten erheiraten. Es gibt aber leider genug, die diesem Ideal nachgehen.

Fakt ist, dass wir leider hinsichtlich der Bestimmung unserer eigenen Träume und Bedürfnisse blind aufgezogen worden sind. Die traurige Wahrheit ist: Familien geben ihren Töchtern wenig Recht auf Selbstbestimmung. Es gibt genug Mütter, Väter, Tanten, Onkel, Omas und Opas, die für uns Frauen bestimmen können, was richtig ist und was nicht. Deine Freiheit liegt aber nur in deiner Selbstbestimmung, nicht in der Bestimmung der Anderen. Punkt.

 

Den Lästereien in ihrer Community dreht die Autorin den Rücken zu. Foto: Zoe Opratko
Den Lästereien in ihrer Community dreht die Autorin den Rücken zu. Foto: Zoe Opratko
 

Sei „anständig“ oder sei eine Schande

In der türkischen und kurdischen Community wird uns Frauen meiner Ansicht nach viel vorgekaut und fertig auf den Teller serviert. Die Erwartung ist, dass wir nach ihren Vorstellungen unser Leben gestalten. Wenn das nicht passiert, ist es „ayıp“ oder eine Rebellion gegen die Familie.

Unsere Familien und Bekannten stammen aus einer Generation, die weit entfernt von unserer Realität leben. Natürlich kann man die Umstände und „Weltbilder“, in denen sie aufgewachsen sind, nicht mit der neuen Generation vergleichen. Nur weil unsere Familien konservativ aufgezogen wurden, bedeutet das aber nicht, dass sie uns genau so konservativ aufziehen müssen. Viele junge Frauen leben unter den Vorgaben ihrer Familien, es gibt wenig bis keine Selbstbestimmung über das eigene Leben. Die Erwartung ist groß. Sei „anständig“, geh in die Schule oder arbeiten, verzichte auf Clubs und Partys, heirate den ersten Mann, den du kennenlernst, sorge für deine Ehe und vieles mehr. Ich glaube, es fehlt vielen am Verständnis, dass wir alle unterschiedliche Individuen mit individuellen Bedürfnissen, Interessen und Idealen sind. Mich interessiert das eine, dich interessiert das andere. Das Leben, das uns vorgekaut wird, entspricht aber zu oft nicht unseren Vorstellungen. Wir sollten als Frauen nicht bei jedem Schritt, den wir wagen, aufpassen müssen, ob das nicht „ayıp“ ist. Wir sollten nicht zittern müssen, dass alte Tanten aus der Community sich erlauben beim Kaffeekränzchen über unser Leben herzuziehen oder zu urteilen. Oft genug stelle ich mir die Frage, ob sich Frauen aus unserer Community tatsächlich verwirklichen können. Ob sie die Frauen sein können, die sie sein wollen. Ob sie ihren eigenen Interessen und Idealen nachgehen können. In uns allen steckt so viel, doch wie viele von uns trauen sich, den Mut zu ergreifen und die Normen der Community zu brechen? Es ist so viel einfacher, sich das Vorgekaute servieren zu lassen und hinunterzuschlucken, als zu rebellieren und zu beginnen, für sich selbst zu bestimmen. Der erste Schritt ist immer schwer. Aber die Angst davor, als eine „Schande“ abgestempelt zu werden, muss überwunden werden.

Früher machte ich mir viel zu viele Gedanken darüber, ob etwas, was ich sage, mache oder trage, „ayıp“ ist. Seitdem ich für mich gemerkt habe, dass nur ich über mein Leben bestimmen kann, ist mir alles andere gleichgültig. Weder muss ich mein Leben nach den Vorstellungen der Community leben, noch musst du das. Über uns urteilen – das tun sie auch so. Gestalte daher dein Leben so, wie du es möchtest, und verfolge deine Träume und Ideale. Niemand hat das Recht, über unser Leben zu bestimmen. Oder wie man doch so schön im Türkischen sagt: „Herkesin hayatına kimse karışamaz“. Lasst uns die Generation sein, die das ewige „ayıp“ mit diesem Satz ersetzt. ●

 

 

 

 

Şeyda Gün ist 24 Jahre alt, studiert Publizistik, arbeitet bei biber, hat kurdische Wurzeln und setzt sich für Gleichberechtigung in ihrer Community ein.

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