Böse Kurden, gute Kurden

25. Juli 2014

Im Zuge der Krise im Nahen Osten könnte erstmals im Nordirak ein kurdischer Staat entstehen. biber sprach mit Ali Can vom Dachverband der kurdischen Vereine in Österreich (FEYCOM) über ein neues Kurdistan, Erdogans Interessen im Nordirak und wieso die Kurden die Region vor den radikalen Islamisten verteidigen können. Von Marina Delcheva.

 

biber: Seit dem Siegeszug der ISIS-Kämpfer in Syrien und im Irak ist erstmals die Rede davon, dass im Nordirak ein Kurdistan entstehen soll. Halten Sie das für realistisch?

Ali Can: Das ist sicher ein historischer Moment für die Kurden, dass es zumindest zu einem Teil-Kurdistan kommen könnte. Aber dort gibt es praktisch seit 15 Jahren ein Selbstverwaltungsgebiet von Kurden. Das Ziel der Kurden war es eigentlich, dass ein einheitlicher, demokratischer Irak entsteht. Aber anscheinend kommt das nicht zustande und es bleibt den Kurden dort nichts anderes übrig als ihr Territorium diesen radikalen Islamisten (Anm.: die ISIS-Kämpfer) gegenüber zu schützen. Auf internationaler diplomatischer Ebene gibt es in diese Richtung auch positive Meldungen dazu. Die Kurden haben bewiesen, dass sie politisch stabil sind und ein freies Kurdistan im Norden Iraks sollte unterstützt werden.

 

Im Gegensatz zur irakischen Armee konnten die Peschmerga, die kurdischen Kämpfer, zumindest im Norden das Fortschreiten der ISIS-Kämpfer stoppen…

Wir bekämpfen diese radikalen Islamisten seit drei Jahren in der Region, vor allem in Syrien mit der JPG (Anm.: Volksverteidigungseinheiten der syrischen Kurden). Wir leisten dort seit zwei Jahren Widerstand, sodass sie aus der kurdischen Region draußen sind. Etwa 1.500 Kurden sind bei diesem Krieg umgekommen. Und dabei wurde den Kurden nicht geholfen, im Gegenteil. ISIS und Al-Nusra wurden vermutlich von Saudi-Arabien, Katar und der Türkei mit Waffen und mit Geld unterstützt. Dort findet man diese internationalen Dschihadisten aus Bosnien, Tschetschenien, Albanien, die dort kämpfen. Man hat einfach Grenzen offen gehalten für Verwundete von Al-Nusra, aber den Kurden die humanitäre Hilfe an den Grenzen verweigert. Natürlich ist die Gefahr immer noch da – das Geld, die Technologie, die sie haben. Kein einziges arabisches Land hat diese Organisation als terroristisch bezeichnet. Man weiß auch nicht genau, von wem die Unterstützung kommt.

 

Sogar der türkische Premier Recep Erdogan hat gesagt, er könne sich einen kurdischen Staat im Nordirak vorstellen. Er pflegt politische Beziehungen zum irakischen Kurdenführer Masoud Barzani. Woher kommt das plötzliche Interesse Erdogans?

Ihm bleibt nichts anderes übrig. Ich würde behaupten, die Kurden sind im Nahen Osten die einzige demokratische Gruppe. Es ist so weit gekommen, dass diese Systeme anerkennen müssen, dass es, ohne die Kurden zu inkludieren, in Zukunft nicht mehr geht. Bis vor zehn Jahren haben sie die Kurden im Nordirak auch nicht anerkannt. Sie wurden als Feudalherren, als Separatisten bezeichnet. Aber mit der Zeit hat sich die wirtschaftliche Zusammenarbeit so weit entwickelt, dass sie sie nicht mehr politisch bekämpfen können. Dann haben sie angefangen, gute Kurden, böse Kurden zu spielen: Ich bin mit den Kurden im Irak gut, aber mit meinen eigenen Kurden gehe ich anders um. Und das funktioniert auch nicht mehr. Daher ist es im Interesse der Türkei mit den Kurden zu kooperieren. Ich glaube nicht, dass das ein freiwilliger Herzenswunsch von Erdogan ist. Es geht auch um Erdöl und Wasser, das darf man nicht vergessen. Wir haben im Nordirak die Flüsse Euphrat und Tigris und reiche Ölfelder. Pipelines gehen durch Kurdistan. Ohne uns funktioniert es nicht mehr so wie früher.

 

Wieso ist gerade jetzt die Rede von einem freien kurdischen Staat?

Naja, die Kurden kämpfen seit über 100 Jahren für ihre Freiheiten. Kurdistan ist eine internationale Kolonie. Ein eigenständiges Kurdistan würde bedeuten, sechs Länder zu teilen – Türkei, Iran, Irak, Syrien, Teile Armeniens und Aserbaidschans – und das ist nicht so einfach. Jetzt gibt es geopolitische, wirtschaftliche Interessen im Nahen Osten, wo manche sagen, ok, jetzt ist die Zeit gekommen. Aber für uns Kurden ist die Zeit schon längst da. Dass jetzt die internationale Gemeinschaft mitspielt, ist erfreulich, aber die Kräfte, die jetzt plötzlich ein freies Kurdistan befürworten, sind schuld am Schicksal der Kurden.

 

Wie meinen Sie das?

Kurdistan wurde damals aufgrund wirtschaftlicher Interessen geteilt. Nach dem Ersten Weltkrieg haben sie, ohne Kurden und andere Ethnien zu fragen, einfach das Lineal genommen und auf der Landkarte Länder geschaffen. Und dabei haben Franzosen, Engländer und andere Mächte mitgetan. 40 Millionen Menschen haben keinen eigenen Staat. So gesehen ist das kein Geschenk, das man uns gibt. Die sollen keinen Handkuss von uns erwarten. Es ist unsere Autonomie und wir haben dafür bezahlt. Es hat 30 bis 40 Aufstände gegeben, jeder wurde blutig niedergeschlagen.

 

Stichwort Öl: im Nordirak gibt es gut erschlossene Öl-Quellen. Eine der zwei Pipelines verbindet Kirkuk im Nordirak und Ceyhan in der Türkei. Ist das Öl ein Grund für erste Zugeständnisse, weil man dieses nicht an ISIS verlieren möchte?

Gut, Erdöl war auch ein Grund, warum wir kein Land haben. Früher war es so, dass die Mächte dort in Kooperation mit dem Westen standen. Damals hatten sie es nicht nötig, die Kurden zu fragen. Aber jetzt, nachdem die radikalen Islamisten die Macht übernommen haben, sind die Quellen nicht so sicher. Jetzt suchen sie nach vertrauenswürdigen Partnern. Und die Kurden haben bewiesen, dass sie eigenständig handeln können und realpolitisch in der Lage sind, die eigenen Ölfelder selbst zu verwalten.

 

Wie bewertet die kurdische Community diesen Vorstoß?

Also türkischstämmige Kurden sehen das nicht anders als irakische. Für uns Kurden in der Türkei ist Kurdistan Eins. Über diesen Vorstoß freuen wir uns, wir werden ihn unterstützen. Im Herzen sehen wir uns alle als Kurden. Die Kurden im Irak haben schon einen eigenen Status und es ist wichtig für uns alle, dass der bestehen bleibt und es weitergeht.

 

Wie ist das Verhältnis zwischen dem türkischen Kurdenführer Abdullah Öcalan und dem irakischen Kurdenführer Masoud Barzani?

Phu, gut… Sie haben politisch unterschiedliche Ansichten. Öcalan denkt in Richtung Gesamt-Kurdistan, Herr Barzani denkt eher regional. Man darf nicht vergessen, dass Herr Öcalan noch immer gefangen ist und Herr Barzani hat die Verantwortung, gemeinsam mit der PKK und der PYD in Syrien, die kurdischen Interessen zu vertreten.

 

Kommt es da nicht zu Interessenskonflikten?

Natürlich kommt es zu Konflikten. Rein ideologisch kommt es zu Unterschieden. Im Großen und Ganzen sind sich alle einig, bei demokratischen Grundprinzipien und auch dass Kurden ihre Rechte bekommen sollen. Was zum Beispiel ein Unterschied ist zwischen Kurden im Irak und in der Türkei, ist die absolute Geleichberechtigung von Mann und Frau. Diese praktizieren wir auch im syrischen Teil und im Norden, in der Türkei – also eine Doppelführung von Mann und Frau und eine 40-prozentige Geschlechterquote in allen öffentlichen Ämtern. Was die Frauenrechte betrifft, muss noch viel getan werden bei den Kurden im Süden (Anm.: im Nordirak). Man darf nicht vergessen, unter welchen Systemen sie bis jetzt gelitten haben. Aber das braucht noch Zeit dort. Der Einfluss der Religion darf nicht vergessen werden.

 

Halten Sie in Zukunft ein Kurdistan über die Grenzen des Nordirak hinaus für möglich?

Wenn man sich in den letzten 20 Jahren anschaut, wie oft sich Grenzen geändert haben, dann ist das durchaus möglich und realistisch. Aber das ist nicht die zentrale Forderung der Kurden. Das ist anders als vor 20 Jahren. Also wir sind vom Nationalstaat abgerückt und wir fordern jetzt eine demokratische Nation. Und diese bezieht sich nicht nur auf eine Ethnie, sondern ist ein gesellschaftliches Konzept. Jetzt hat ISIS ein Kalifat ausgerufen. Wer will mit so einem Nachbarn leben? Es ist gegen das Interesse jeder vernünftigen Sache, was die dort aufführen. Wir warnen davor, man darf das nicht unterschätzen. Das ist ein Angstsystem und die Menschen haben keine Möglichkeit sich zu wehren. Ich glaube nicht, dass sich die dortigen Araber und die Sunniten dem freiwillig unterstellen.

 

Box:

Buchtipp: „Syrien. Hintergründe, Analysen, Berichte.“ von Fritz Edlinger und Tyma Kraitt. Promedia-Verlag, 17,90 Euro.

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