Beton, Dukaten & Krediti Financial Management à la Balkan

14. April 2023

Meine Eltern haben früh investiert. In Immobilien. Viele Eltern investierten in den 80ern und 90ern in Immobilien. Es sind sichere Wertanlagen. Langfristig und strategisch. Eines Tages bestimmt profitabel, weil ja wertsteigernd mit den Jahren. Wenn die Lage halbwegs passt, in eine stabile Infrastruktur gebettet ist und beim Bauen auf die Energieeffizienz geachtet wurde. 

Oder eben nicht. Ich könnte jetzt zu den Rich Kids, die was Geiles zum Erben haben, gehören. Hätten meine Eltern vor dreißig Jahren in Wien ein, zwei kleine, feine Garconnieren gekauft – sie, ich und ihre Enkel könnten heute von den explodierenden Mieten leben. Ich könnte mich chillig auf meine Karriere als Irgendwas-Influencerin konzentrieren und den Hobbies höherer Töchter nachgehen: ETFs kaufen, Kunst und Taschen sammeln. 

 

Jugo-Villa statt Hygge

Meine und die vielen anderen Eltern haben darauf nicht geachtet. Statt am noblen Bauernmarkt in 1010 Wien stand die neue Wertanlage am ungepflasterten Bauernfeld im Jugodorf, so groß wie der 1. Bezirk, nur ohne Postleitzahl. Zentral gelegen waren diese Beton-Ungetüme höchstens am unmittelbaren Hühnerstall. Wohnoase oder Residenzperle hieße sie im Zentrum Wiens. Die Gastarbeiter-Villa im Osten Serbiens hatte nie etwas von Hygge. (Anm.: Dänischer Einrichtungsstil, der Gemütlichkeit, Entspannung und Heimeligkeit vermittelt.)  

Was sie hatte, war Fläche. Viele Zimmer. Und das Hauptzimmer mit der Ledergarnitur aus dem Lutz, mit dem langen Esstisch. Wenn alle kommen, einmal im Jahr. Manchmal sind da auch Gipslöwen und Wasserfontänen im Vorhof. Einmal im Jahr kamen wir dann alle. Der Vorhof war voll mit Gipstieren und den „majstori. (dt. Bauarbeiter) Unsere Sommerferien verbrachten wir also mit den Großeltern und Männern, die das Haus reparierten. Es war immer was zu tun.

 

Nostalgie auf Pump

Das Urlaubsgeld ging für die Hochzeitsgarderobe und die Instandhaltungskosten drauf. Diese Wertanlage war nie profitabel. Wert hatte sie auch nie. Außer den emotionalen. Dieser überbot den überteuerten Konsumkredit bei Weitem. Merke dir: Für Auslands­immobilien bekommst du in Österreich keine Wohnfinanzierung. Wie gut, dass die Verwandtschaft mit Nullzinskrediten einspringt und bei Rückzahlungsausfällen kein Inkasso rufen kann. Ein klassischer Impulskauf, auf den viele Eltern damals einstiegen. 

Einige Eltern haben den Exit geschafft, mit viel Verlust und Wehmut. Beim Betongold bewiesen sie kein „sicheres Händchen. Das echte Edelmetall jedoch kennt jede Balkan-Familie seit Generationen als einzig wahre, sichere Kapitalanlage: Dukati. Golddukaten gehören in jedes gute Jugo-Investment-Portfolio.

 

Dukati vor Inkasso

Sie sind gern gesehenes Wertgeschenk bei Hochzeiten, Geburten, Taufen. Lassen sich in jeder Sockenschublade verstecken und bezahlen deine verschwitzte Klarna-Rechnung, wenn mal wirklich alle finanziellen Stricke reißen. Mit jeder Familienfeier stocken wir unsere Kapitalanlage auf und bunkern sie zwischen den Wänden der finanzierten Eigentumswohnung. Weit weg von Rich Kid, vom 1. Bezirk. Weit weg vom Jugodorf. Aber mit ganz viel Hygge. 

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