chancen:reich: Die erste Berufsmesse für Geflüchtete

09. Juni 2016

Am 29. Juni findet die erste Berufsmesse Österreichs für geflüchtete Menschen statt. Wir haben eine der VeranstalterInnen Stephanie Cox getroffen und mit ihr über die Messe gesprochen und darüber, welchen Betrag Geflüchtete am Arbeitsmarkt leisten können und wo sie gerne hin möchten.

Was ist die chancen:reich?

Die erste Chancenreich findet am 29. Juni 2016 statt und ist eine Berufs-und Orientierungsmesse für geflüchtete Menschen mit positivem Asylbescheid und subsidiärer Schutzberechtigung. Die Messe wird ein Ort sein, wo Begegnungen geschaffen werden aber übers Bildungsangebot und Nostrifizierungsprozesse informiert wird. Die Menschen können sich Inspiration von anderen Geflüchteten holen, die von ihren Erfahrungen erzählen, wie sie es am österreichischen Arbeitsmarkt geschafft haben. Es geht um Inspiration und Knowledge-Transfer. Die Geflüchteten sollen das Gefühl bekommen, dass sie nicht nur willkommen sind, sondern auch qualifizierte Arbeitskräfte sind, die in Österreich Fuß fassen können.

Wie kam es zu dieser Messe?

Im Jänner haben Leo Widrich und ich beschlossen, dass wir unseren Kindern nicht erzählen wollen, dass wir zwar gesehen haben, dass eine Herausforderung kam, aber alles einfach der Politik überlassen haben. Wir sind immerhin privilegiert gewisse Leute zu kennen und auch Dinge ins Rollen bringen zu können. Im Februar sind wir zurück nach Wien, Leo lebt in Hawaii, ich in Berlin, und haben 10 Tage lang intensiv mit FlüchtlingsexpertInnen und Geflüchteten selbst gesprochen und Thesen aufgestellt. Bildung und Arbeit sind die wichtigsten Bausteine der Integration. Die Menschen, die gekommen sind, bleiben nicht paar Monate. Wir kommen beide aus der Unternehmerszene und im Bereich “employment” konnten wir eben den größten Impact schaffen.

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Leo Widrich und Stephanie Cox haben die Idee zur chancen:reich erfolgreich umgesetzt. (Foto: chancen:reich)

Zuerst wollten wir eine Firma gründen, in der wir Geflüchtete anstellen. Dabei sind wir draufgekommen, dass es gar nichts so einfach ist, die passenden Arbeitskräfte zu finden. Es fehlten Infos darüber, wie gut sie sind und vieles mehr. Da dachten wir uns, diesen pain point haben sicher auch andere Unternehmen. Die Herausforderung ist: Wer sind diese Menschen? Was können sie? Wo können wir sie einsetzen? Dann haben wir den Verein “Chance Ingegration” gegründet und sind ans AMS getreten. Die waren schnell begeistert und sind als einer der Hauptpartner eingestiegen. Danach löste das eine Kettenreaktion aus und viele Unternehmen sprangen mit auf. Anfangs wurde uns gesagt, das schafft ihr nie, da braucht man mindestens ein Jahr dafür. Naja und wir haben es doch geschafft.

Was erwartet uns auf der Messe?

Es bedarf einer Anmeldung für die Messe durch das Hochladen eines Profis. Die Unternehmen liefern uns ihre Anforderungsprofile und wir matchen die KandidatInnen mit den Unternehmen. Es wird direkt auf der Messe Interviews geben. Das geht also über reine Information hinaus. Die Messe gilt aber auch zur Orientierung, die Geflüchteten lernen kennen, welche Türen ihnen offen stehen aber auch wie Bewerbungsprozesse in Österreich überhaupt ablaufen. Das unterscheidet sich teilweise in den Herkunftslänern stark.

Wer steht dahinter?

Leo hat ein Social Media Software Unternehmen mit ca. 100 MitarbeiterInnen und Ich habe die Startup-Szene in Österreich mit aufgebaut sowie das Pioneers Festival und mache Unternehmensberatung. Mittlerweile sind wir beim chancen:reich Team 16  Leute, die das alle ehrenamtlich machen, so wie wir. Wir haben alle verschiedienste berufliche Backgrounds, verschiedene Sprachen und Nationalitäten. Auf der Messe sind dann 200 Volunteers vor Ort, die Hälfte davon ÜbersetzerInnen.

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Das Team von chancen:reich im MQ. (Foto: chancen:reich)

Wie erreicht ihr eure Zielgruppe?

Wir haben jetzt das Privileg mit dem AMS Wien so eng zusammenzuarbeiten, sodass die Einladungen zur Messe direkt übers AMS versendet werden. So etwas spricht sich herum, für die geflüchteten Menschen geht es immerhin um ihre Existenz. Wir waren sogar auf arabischen Blogs und haben jetzt schon über 1000 Anmeldungen.

Welche Chance bietet Zuwanderung für österreichischen Unternehmen?

Es sind sehr viele AkademikerInnen hier, vor allem aus Syrien. Der Bildungsstandard ist unserem hier sehr ähnlich, in manchen Bereich sogar höher. Wenn wir den Mut dazu haben, können wir diese qualitativen Kräfte sehr gut nutzen. Außerdem sind sie überaus motiviert, denn sie haben einfach keine Existenzgrundlage. Sie sind Menschen und qualitative Arbeitskräfte. Wir haben eine hohe Arbeitslosenrate, aber es gibt Bereiche, wo es durchaus an Arbeitskräften fehlt, wie zum Beispiel im Tourismus. Auch Lehrstellen können nicht alle mit österreichischen Lehrlingen besetzt werden. Es wird nicht der ganze Pool ausgeschöpft, da ist Platz nach oben.

Besteht die Möglichkeit, dass geflüchtete Menschen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden oder sind sie rechtlich gut genug abgesichert?

Das können wir als OrganisatorInnen der Messe nicht verhindern. Geflüchtete unterschreiben leider teilweise Arbeitsverträge, die sie nicht verstehen. Aber wir bieten Rechtsworkshops für Unternehmen an sowie etliche Workshops auf der Messe, die in Kooperation mit einer Rechtsanwaltskanzlei entstanden sind. Die Geflüchteten werden auch individuell über ihre Rechte und Pflichten in einem Arbeitsvertrag aufgeklärt und beraten.

Wird auch die Nostrifikation der Ausbildungen der geflüchteten Menschen vereinfacht?

Das ist ein Prozess, der noch im Laufen ist. Das Problem ist, dass die Dokumente fehlen, denn viele der Geflüchteten haben ihre Zeugnisse bei der Flucht nicht mitgenommen. Die richtigen AnsprechpartnerInnen sind aber auf der Messe. Es wird den Menschen auch klargemacht, dass das System derzeit überfordert ist und sie selbst pushen müssen. So wie uns Leute gesagt haben, es geht nicht, werden auch ihnen Leute sagen, dass es nicht geht - aber es geht.

Aus eurer persönlichen Erfahrung: Gibt es Jobs, die bei geflüchteten Menschen besonders beliebt bzw. unbeliebt sind?

Frauen in Syrien haben sehr oft einen Lehrberuf ausgeübt und sehen hier nun die Chance, andere Berufe zu ergreifen. AkademikerInnen möchten natürlich auf diesem Level weiterarbeiten. Tourismus ist auch beliebt, weil die deutsche Sprache hierbei nicht das allerwichtigste ist. Es gibt auch viele JournalistInnen, die wieder in diesen Beruf einsteigen möchten. Der Handel ist auch sehr interessant, weil viele in Familienbetrieben von kleinauf mitgearbeitet haben. Zu Handel, Telekommunikation, Gastronomie und Tourismus besteht ein gewisser Bezug. Es ist insgesamt sehr buntgemischt.

Rentiert sich die Messe für euch finanziell?

Wir arbeiten nicht gewinnorientiert, konnten durch die Beiträge der Unternehmen jedoch unsere Fixkosten decken. Wir haben auch von Anfang an gesagt, wir sind keine Charity-Veranstaltung. Wir nehmen den Unternehmen ja hierbei das Recruiting ab, daher wurden verschiedene Pakete geschnürt.

 

Die Messe soll nachhaltig für Integration sorgen und ist auf jeden Fall für nächstes Jahr wieder geplant. Auch biber ist bei der chancen:reich mit dabei und erzählt über die biber Akademie!

 

Was? chancen:reich - Österreichs erste Berufsmesse für geflüchtete Menschen

Wann? 29. Juni 2016 9-17 Uhr

Wo? Museumsquartier, Halle E+G Hofstallungen

Eintritt? kostenfrei aber mit Anmeldung

 

 

 

 

 

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