„Das gehört sich nicht für eine Somali“

25. Februar 2021

Sihaam Abdillahi ist 17 Jahre alt, politische Aktivistin – und Teil der Somali-Community in Wien. In ihrem Gastkommentar erzählt sie, wie sie sich trotz der traditionellen und patriarchalen Werte ihrer Community eine Stimme verschafft hat.

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

„Schämst du dich nicht, dass man dein Gesicht überall sieht?“ – Sätze wie diesen durfte ich mir von meiner Community schon oft anhören. Ich bin Somali und Aktivistin. Das eine schließt für mich das andere nicht aus. Aber mein Umfeld will es nicht verstehen. Aufgrund der traditionalistischen Haltung von vielen in der Community gibt es sehr wenige somalische Flint*(Anm. d. Red.: Frauen, Lesben, Inter, Non-Binary, Trans)- Personen, die sich den Raum nehmen und ihre Geschichten erzählen.

Sie haben die Befürchtung, sie könnten in Ungnade fallen. Unsere Community ist so darauf versessen, dass ein Mädchen nur dann wirklich glänzen kann, wenn sie sich zurückhält. Das heißt konkret: Wenn sie im Haushalt hilft und die große weite und ein wenig verkorkste Welt meidet. Nicht aufzufallen ist eine Tugend, die jedes Somali Mädchen besitzen sollte.

 

ICH VERSCHAFFE MIR EINE STIMME UND NERVE WEISSE ALTE CIS- MÄNNER

Mein Aktivismus ist von meiner intersektionalen (Anm. d. Red,: Intersektional bedeutet die Überschneidung mehrerer Diskriminierungskategorien) Identität geprägt. Als schwarze Hijabi und als Flint*-Person bin ich eine Zielscheibe für rassistische, sexistische und faschistische Sprüche und genau dagegen kämpfe ich. Und obwohl meine Familie sich mit meinem Aktivismus identifizieren kann – immerhin behandle ich Themen wie Antirassismus, Politik, oder Bildung-, stellen sie mir immer die ein- und die- selbe Frage: „Warum musst du diejenige sein, die das thematisiert?“ Ich antworte ihnen darauf, dass ich nicht länger auf eine idealisierte Heldin, die mich repräsentiert, warten werde. Ich will selbst diese Heldin sein. Sie sind zwar nicht begeistert davon, dass ich schon mit 17 derart politisiert bin. Ich habe ihnen aber bewusst gemacht, dass ich sicher nicht aufhören werde. Die Dickköpfigkeit liegt in der Familie. Selbst als ich als erste schwarze Hijabi Landesschulvertreterin geworden bin und das eigentlich nur zelebrieren wollte, ist es einigen negativ aufgestoßen. Warum ist es so verwerflich, gesehen und gehört werden zu wollen, wenn weiße alte Männer unsere Community als ein Pack voller gewalttätiger, ungebildeter Asylanten darstellen? Sollte nicht eine Lobeshymne gesungen werden, wenn ich den Menschen zeige, was unsere Community alles zu bieten hat? Das einmalige und kaum zu übertreffende Essen zum Beispiel, den Zusammenhalt innerhalb der Community, die Schönheit unserer Festtage und unsere traditionelle Kleidung, die unsere Verbundenheit zu unserem Land repräsentiert. Oder liegt es schlicht und einfach daran, dass ich eine weiblich assoziierte Person bin?

Ich bin da draußen, verschaffe mir eine Stimme und nerve weiße alte Cis-Männer. Ich zeige ihnen mit meiner Stärke und meinem Durchhaltevermögen, dass ich hergekommen bin, um zu bleiben. Und ich soll damit aufhören, damit ich eine gute Hausfrau* werde? Damit ich mir diktieren lasse, wie ich sein soll? Sicher nicht.

 

ICH ENTFERNE TOXISCHE MENSCHEN AUS MEINEM LEBEN. NATÜRLICH HÖFLICH, WIE SICH DAS FÜR EINE SOMALI ZIEMT.

Am Anfang dachte ich, dass ich gezwungen bin, eine Art Doppelleben zu führen. Zu verheimlichen, dass ich auf Demos gehe und meine Erfolge, wie beispielsweise die Wahl in die Landesschulvertretung oder auch den Sieg beim Redewettbewerb „Sag‘s Multi“ oder auch die Tatsache, dass ich im Landesteam der Aktion Kritischer SchülerInnen Wien bin, geheim zu halten. Die somalische Community tendiert dazu, zu denken, dass eine Flint*-Person am besten aufgehoben ist, wenn sie sich lediglich in den Kreisen ihrer Familie aufhält. Kritisch und auffallend zu sein würden nur der Reputation der Flint*- Person schaden und nach außen sollte sie wie ein stets eleganter, zurückhaltender Schatten sein, der weder gesehen, noch gehört wird.

Aber das widerspricht meiner Natur. Ich liebe es, auf Demos zu gehen, und ich feiere gerne mit meinen geliebten Menschen meine hart erarbeiteten Erfolge und auch Niederlagen. Wie kurz nach dem Terroranschlag im November, als ich kurz davor war aufzugeben, weil ich es nicht mehr geschafft habe, mich von den Hassnachrichten nicht treffen zu lassen.

Ich habe aufgehört, toxische Menschen – seien es Leute aus der somalischen Community oder die alten weißen Männer, die mich verunsichern möchten und mich meiner Stimme und meiner Stärke berauben wollen – zu rechtfertigen. Manche Menschen in meiner Umgebung wollen mich daran hindern, ich selbst zu sein, und deshalb spreche ich ihren Meinungen jeglichen Wert ab. Ich weiß, wer ich bin und wohin ich will, und was ich will – das ist alles, was zählt. Und so entferne ich sie aus meinem Leben. Natürlich mache ich das höflich, wie sich das für eine Somali ziemt. ●

 

Zur Autorin: Sihaam Abdillahi ist 17 Jahre alt, Landesschülervertreterin und politische Aktivistin. Sie setzt sich für Selbstbestimmung und Ermächtigung junger Frauen ein.

Dieser Artikel ist Teil des biber-Empowerment-Specials "Du bestimmst. Punkt."  Junge Frauen aus den Communities berichten im Rahmen des Projektes darüber, wie sie für Selbstbestimmung kämpfen. Das Projekt wird durch den Österreichischen Integrationsfonds finanziert. Die Redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber. 
Hier findet ihr die anderen Artikel, die im Rahmen des Projektes entstanden sind:

 

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