Demütigungen im Netz: Kasia Lenhardt ist kein Einzelfall

16. Februar 2021

Es war kein „Rosenkrieg“, keine „Schlammschlacht“, und auch kein „Beziehungsdrama". Ex-„Germany’s Next Topmodel“-Kandidatin Kasia Lenhardt wurde im Alter von 25 Jahren am 9. Februar tot aufgefunden. Der Vorfall regte erneut eine kritische Diskussion über Cybermobbing und mediale Gewalt an. Warum wir den Umgang der Medien mit Hass gegenüber Frauen schleunigst ändern müssen.

Von Hanna Begić

Wer war Kasia Lenhardt?

In Zeitschriften und in der Boulevardpresse wurde Katarzyna Lenhardt (poln. Spitzname Kasia)  stets als die Ex-Freundin des FC-Bayern-München Fußballstars Jérôme Boateng betitelt. Jedoch hatte Kasia abseits der Sensationspresse auch ihre eigenen Erfolge zu feiern und einen ausgiebigen Lebenslauf in der Tasche. Mit sieben Jahren begann die gebürtige Polin zu modeln. Im Jahr 2012 folgte dann der Einstieg in Heidi Klums Castingshow Germany’s Next Topmodel. Damals zogen vier Kandidatinnen in das Finale ein, unter ihnen Kasia, die mit 16 Jahren den vierten Platz einnahm. Sie wurde bei Günther Klums Modelagentur One eins unter Vertrag genommen und lief unter anderem für Modehäuser wie Vivienne Westwood, Hunkemöller und Phillip Plein als Model. Zahlreiche Gastauftritte in diversen Fernsehshows folgten, darunter Hell’s Kitchen auf Sat.1. Auch in Sachen Social Media und Selbstvermarktung war Kasia vielen weit voraus. Sie wurde 2015 Mutter und studierte nebenbei seit 2018 BWL.

Das sind nur einige Aufzählungen der Erfolge und der angehenden Ziele der nur 25-Jährigen. Größere Bekanntschaft erreichte Lenhardt aber durch ihr stark medialisiertes Liebesleben. Erst Anfang Februar wurde die Trennung zwischen ihr und dem deutschen Fußballstar Jérôme Boateng bekannt gegeben. Der Shitstorm, der sie lawinenartig in der darauffolgenden Woche ertränkte, ist von rigorosen Gerüchten und Verschwörungen evoziert worden. Kasias Leben wurde auf Begriffe wie Rosenkrieg, Schlammschlacht und Beziehungsdrama reduziert. Komiker wie Oliver Pocher und Co. nahmen sich das Recht, Kasias private Angelegenheiten bloßzustellen und sie zum Gespött zu machen. Nach der Trennung von Jérôme Boateng wurde ihr Name mehrmals in den Schmutz gezogen - was ihr etliche Hasskommentare einbrachte. Auch Kasias Anschuldigungen an ihren Ex, häusliche Gewalt betreffend, wurden nicht ernst genommen. Der Grund: Sie hätte sicherlich ihrem Ex Negativschlagzeilen unterjubeln wollen. Am sechsten Geburtstag ihres Sohnes nahm sich Kasia Lenhardt ihr Leben und ließ ihre Hilfeschreie verstummen.

Frederic Kern / dpa Picture Alliance / picturedesk.com
Frederic Kern / dpa Picture Alliance / picturedesk.com

Wieso ist es wichtig, Kasia Lenhardt‘s Tod zu thematisieren?

Nicht selten werden Frauen in der Öffentlichkeit durch den medialen Tumult, der sie umgibt, die Männer, denen sie vertraut haben und durch Hasskommentare im Netz dämonisiert und in Misskredit gebracht. Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, haben eine schwere Zeit sich selbst ihr Narrativ zu gestalten. Die Frau im Mittelpunkt der Medien lebt in einer bivalenten, ja sogar in einer bipolaren Welt. Sie ist ein Entweder-Oder, der meistens in der Männerwelt durch einen Stereotyp verkörpert wird. Sie ist der langweilige Engel im Haus oder die Femme Fatale auf den Straßen, sie ist der boshafte Workaholic oder die verrückte Liebhaberin. Man mag es so viel wenden und drehen wie man will, die Frau ist Zielobjekt eines strukturellen und systematischen Problems: dem Patriachat.

Kasia Lenhardt konnte sich nicht mehr mit dem Druck der Presse, den Vorwürfen ihres Ex-Partners, der öffentlichen Demütigungen durch Publikation privater Sachverhalten und zu guter letzt durch Cyber-Mobbing auf den sozialen Medien auseinandersetzen. Kasia hatte in ihrer Verzweiflung ihr Narrativ selbst in die Hand genommen, was augenscheinlich fatale Folgen mit sich brachte. Kasia war kein Opfer der Gegebenheiten ihrer Umgebung, Kasia hat gegen die Banalität des medialen Raums, dem sie sich hingab und der Hasskommentare tagtäglich ankämpfen müssen. Kasia Lenhardt ist kein Einzelfall. Denken wir nur an die New York Times Doku "Framing Britney" oder an den den Medienrummel um Jennifer Aniston und Angelina Jolie oder an die Lustigmacherei über Amanda Bynes psychischen Zustand. Das Frausein ist noch immer ein Kampf ums Überleben, jedenfalls war es dies für Kasia Lenhardt. Wir müssen Frauen Raum geben, ihre Narrative zu gestalten, ohne sie dafür zu verurteilen. Wir müssen den Umgang der Medien, des Internets, mit Frauen stärker in den Fokus setzen und ein Sprachrohr finden, welches niemanden zum Suizid drängt.

Sind Hasspostings strafbar?

Hier stellt sich die Frage, wie viele Regularien und Maßnahmen müssen seitens der Politik noch gesetzt werden, um mediale Gewalt in unserer heutigen Zeit noch mehr einzuschränken? In Zeiten der vierten Revolution – der digitalen Revolution- scheint die mediale Welt eine infinite und unbegrenzte Reichweite einzunehmen. Seit 2016 wird Cyber-Mobbing in Österreich als Delikt, sprich strafbar, angeführt. Betitelt wird das Vergehen als „Fortgesetzte Belästigung im Wege einer Telekommunikation oder eines Computersystems“. Im Zentrum dieser Gesetzesordnung steht die Person, der Hass im Netz wiederholt widerfährt, die die Lebensführung der Person selbst unzumutbar beeinträchtigen und ihr Ansehen in ihren sozialen Kreisen vermindert oder gar verletzt. Durch die rigorose Vernetzung und die Teilhabe jedermanns an allem durch das Internet gibt es kein Etikett oder Knigge, wie man sich im virtuellen Raum zu verhalten hat, mehr … wie auch? Man sitzt vor einem Bildschirm, die nonverbale Komponente fehlt, man widerfährt keine Hemmungen, keine direkten Gegenstimmen. Hass im Netz ist kein neuartiges Phänomen. Seit den Anfängen des social networkings und vor allem durch Imageboards oder Webforen ist auch das kollektive Cybermobbing bewährt und gängig geworden. Es benötigt natürlich ein noch mehr ausgebautes Regelwerk und noch mehr Fokus auf diese Thematik seitens der Politik, jedoch ist Empathie und der Umgang zueinander ein unentbehrlicher Bestandteil, wenn nicht lebenswichtig. 

Die Autorin Hanna Begic wird voraussichtlich ab März die biber-Akademie absolvieren.

Hier findest du Hilfe bei Suizidgedanken und Depressionen:
Telefonseelsorge Österreich. 142

 

 

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