Der Elefant im Seminarraum

10. September 2020

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Immer geht es nur um die Corona-Situation an Schulen und Kindergärten. Aber wie haben Studierende im Corona-Semester gelernt? Lebt der Babyelefant im Audimax auch im Wintersemester weiter?

Von: Anna Jandrisevits, Illustrationen: Christof Stanits

Wer in der Vergangenheit um 8:00 Uhr früh in den Lehrsaal einer jeden Hochschule blickte, hat wohl kaum in ein enthusiastisches Gesicht gesehen. Es gab nun mal nichts Schlimmeres, als Lehrveranstaltungen zu unchristlichen Zeiten. Oder das hoffnungslose Lernen in der Bibliothek für eine Prüfung, zu der man am Ende sowieso nicht antrat. Oder Lehrende, die nach dem Ende des Unterrichts noch eine weitere Viertelstunde vortrugen, sodass man weniger Zeit für den Burrito in der Mittagspause hatte. Dass wir uns diese „Probleme“ mal sehnlichst zurückwünschen würden, hätte wahrscheinlich niemand gedacht. Aber nach diesem Sommersemester (und diesem Jahr) wünschen wir uns alles zurück, was auch nur ein kleines Stück Normalität bedeutet. Am Vormittag des 10. März verkündete Bildungsminister Heinz Faßmann die Schließung aller Hochschulen in Österreich. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich der gewohnte Alltag aller Studierenden schlagartig. Die Pandemie verlegte das Studium über Monate hinweg vor den Bildschirm. Das Zuhause wurde zum Campus, das Zimmer zum Lehrsaal. Obwohl Zoom-Einheiten, Online-Prüfungen und digitale Lehrformate den Uni-Alltag auf den Kopf stellten, lässt sich aus der Fernlehre auch Positives ziehen. Drei StudentInnen erzählen über ein außergewöhnliches Sommersemester.

Niemand hat sich ausgekannt und alle waren verwirrt. - Lena

ALLER ANFANG IST SCHWER
„Niemand hat sich ausgekannt und alle waren verwirrt“, erinnert sich Lena an den Tag der Schließung zurück. Die 26-Jährige studiert Gesundheits- und Krankenpflege am FH Campus Wien. Im März wurde auch ihr 2. Semester umgekrempelt: Anfangs war die Kommunikation zwischen Lehrenden und Studierenden chaotisch, teilweise wurden ihrer Kohorte missverständliche Informationen vermittelt. Zu Beginn schienen die Hochschulen selbst nicht zu wissen, wie es weitergehen wird. Lena kann es nachvollziehen: „Es war eine neue Situation für uns alle.“ Im ganzen Durcheinander stand am Ende des Tages allenfalls eines fest: Die Hochschulen würden nicht mehr aufsperren. Davon erfuhr auch Annika, als sie am 10. März am Flughafen in Frankfurt saß. Die gebürtige Deutsche studiert Journalismus und Neue Medien an der FH Wien der WKW und arbeitet nebenbei als Stewardess. „Ich saß am Gate, um zurück nach Wien zu fliegen, weil diese Woche wieder Unterricht stattfinden sollte. Ich las die E-Mail und dachte: Jetzt werden ein paar harte Wochen auf mich zukommen. Die Vorfreude auf Wien war weg.“ Der Umstieg auf die Fernlehre schien an vielen Hochschulen gleichsam holprig zu beginnen. Gerade bei Lehrveranstaltungen, bei denen Studierende normalerweise den gesamten Hörsaal einnahmen, war eine digitale Umsetzung schwierig. Florian studiert Raumplanung und Raumordnung an der Technischen Universität Wien. Obwohl das Studium vermehrt auf Theorie setzt, konnten Zoom & Co den Lehrinhalt nicht zur Gänze wiedergeben. „Wenn 100 Leute an einer Online-Einheit teilnehmen, wird es schwierig. Beim einen rauscht es, beim anderen funktioniert das Mikrofon nicht. Und die Chat-Funktion nutzen manche nur, um blöde Fragen zu stellen“, so der 21-Jährige. Technische Schwierigkeiten und ungünstige Lehrformate erschwerten die Fernlehre, die Situation verbesserte sich jedoch mit der Zeit: „Die Lehrenden haben sich mit den Monaten gut umgestellt. Im Mai und Juni hat dann schon alles gut funktioniert.“ Der Erfolg von Distance Learning scheint vor allem von den ProfessorInnen abzuhängen, meint auch Annika: „Manche Lehrende haben sich Mühe gegeben und uns mit Aufgaben, Fragen und Tests eingebunden. Andere haben ein PDF der Lehrinhalte hochgeladen und uns damit mehr oder weniger allein gelassen.“

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PRAXIS AUS DER FERNE
Besonders in praxisorientierten Studiengängen stellte die Fernlehre eine Herausforderung dar. In Lenas Studium ist Praxis unabdingbar. Wer nicht lernt, wie man Infusionen anhängt oder Blut abnimmt, kann den Beruf der Krankenpflege nicht ausüben. Eine kleine Rettung war das Praktikum: „Wir durften weiterhin unser Praktikum machen. Ich habe auf einer Bettenstation im Krankenhaus gearbeitet, das hat mir unglaublich geholfen.“ Doch in manchen Fächern, wie etwa Neurologie, reichte weder das Praktikum noch die Onlinelehre für den Lernerfolg aus: „Der Stoff ist extrem anspruchsvoll und erfordert fachspezifisches Lernen. Wir mussten uns das plötzlich alles selbst beibringen.“ Rückblickend hat Lena nicht so viel gelernt, wie sie hätte können und sollen. Da stimmt auch Annika zu: „Uns ist der praktische und essentielle Teil des Studiums verwehrt geblieben. Sei es auch nur ein Tag im TV-Studio der Hochschule gewesen. Ich habe dieses Semester viel weniger gelernt, weil uns gar nicht die Möglichkeit geboten wurde, praxisorientiert zu lernen.“Im Bildungsministerium sieht man das anders. Annette Weber, Pressesprecherin im Kabinett des Bundesministers Faßmann, meint dazu: „Das Gesamtbild zeigt, dass ein Studieren weitgehend möglich war. Unsere Wahrnehmung ist, dass von allen eine hohe Flexibilität gefordert war, dass sich aber auch alle große Mühe gegeben haben, die besondere Situation konstruktiv zu gestalten und zu nutzen.“ An vielen Hochschulen bot man den Studierenden Hilfe an. Lenas Studiengang durfte etwa einen Tag vor der Online-Prüfung einen Probetest machen, um den Ablauf kennenzulernen. „So wurden wir nicht ins kalte Wasser gestoßen und die Prüfung verlief gut.“ Die meisten Online-Prüfungen wurden als Open-Book-Format abgehalten, was positive Resonanz nach sich zog. „Man hatte zwar weniger Zeit und mehr Stress, aber es war trotzdem angenehmer, weil man den Stoff zur Hilfe nehmen durfte“, meint Florian. Gegen Ende des Semesters durfte der TU-Student unter Abstandsregeln wieder schriftliche Prüfungen im Lehrsaal absolvieren. Und auch an anderen Hochschulen wurden in den Sommermonaten Lehrveranstaltungen und Prüfungen angeboten. Diese Möglichkeit wurde erfreulicherweise gut genützt, heißt es aus dem Bildungsministerium.

ABSTAND STATT AUSTAUSCH
So fortgeschritten die digitale Lehre auch sein mag, sie kann keinesfalls den persönlichen Austausch ersetzen. Der Bildschirm lag zwischen den Studierenden und erschwerte die Kommunikation. „Manche Kolleginnen habe ich seit Monaten nicht gesehen. Dieses Miteinander vermisse ich“, meint Lena. In der Kohorte entstehen viele Freundschaften, die unter der Pandemie litten. Man verbringt schließlich nicht nur im Hörsaal Zeit miteinander, meint Florian: „Wir gingen in der Mittagspause gemeinsam essen oder feierten zusammen nach einer bestandenen Prüfung. Das fehlt sehr.“ Die Appelle der Regierung waren teils missverständlich formuliert, sodass ein Großteil glaubte, Besuche bei FreundInnen und Bekannten seien verboten. Also sahen sich auch StudienkollegInnen wochenlang nur im Netz. Der virtuelle Austausch konnte den persönlichen Kontakt nicht ersetzen und führte bei vielen zu Einsamkeit. Gerade für Studierende aus dem Ausland stellte der fehlende Kontakt zu den Lieben eine Hürde dar. Annika stammt aus der Nähe von Heidelberg und entschloss sich letztes Jahr für das Masterstudium nach Wien zu ziehen. Die 23-Jährige war während des Lockdowns auf sich alleine gestellt: „Klar fühlt man sich einsam, wenn man nicht mal mehr die Freundinnen, die man in Wien kennengelernt hat, sehen kann. Ich habe mich über den Smalltalk mit dem Kassierer im Supermarkt gefreut, weil ich sonst keine sozialen Kontakte hatte.“ Wer mit MitbewohnerInnen lebte oder seine Familie sehen konnte, hatte mit jenem Problem nicht zu kämpfen. Im Bildungsministerium sei man sich bewusst, dass das Semester nicht für alle glatt gelaufen ist, erläutert Weber: „Wir stehen im ständigen Austausch mit Studierenden, besonders der Österreichischen HochschülerInnenschaft. Sie hat auch bei der Erstellung des Leitfadens für den Herbstbetrieb mitgewirkt. Das zeigt: Wir nehmen die Anliegen der Studierenden äußerst ernst.“

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Die Fernlehre hat mich entschleunigt. - Florian

ZU HOHE GEBÜHREN
Viele Studierende haben in der Corona-Krise ihren Job verloren, die soziale Lage hat sich bei manchen massiv verschlechtert. Die Studienvertretung schätzt, dass jeder dritte Studierende den Arbeitsplatz verloren hat. Betroffene könnten sich an den Härtefonds der ÖH wenden, der mit 500.000 Euro dotiert ist, so Weber. Trotz der Einschränkungen werden die Studiengebühren aber nicht rückerstattet. Das Sommersemester 2020 habe stattgefunden, heißt es aus dem Bildungsministerium. So ganz stimmt das nicht, meint Lena: „Es hat nicht in dem Ausmaß stattgefunden, wie es hätte sein sollen. Man hätte die Gebühren zumindest teilweise rückerstatten können und vielen Studierenden das Leben erleichtert.“ Florian hätte sich mehr politischen Einsatz gewünscht: „Im Vordergrund standen immer Kindergärten und Schulen, dabei hätten auch Hochschulen mehr Unterstützung von der Regierung gebraucht.“ Wie von der ÖH gefordert, findet auch Annika eine Rückerstattung angemessen: „Die Nachteile, die wir aus diesem Semester gezogen haben, scheinen den meisten gar nicht bewusst zu sein.“Der Hochschulbetrieb wird im kommenden Semester auf eine Kombination aus Präsenz- und Fernlehre setzen. „Unser gemeinsames Ziel ist ein möglichst reibungsloser Lehr-, Prüfungs- und Forschungsbetrieb einschließlich geöffneter Bibliotheken, damit die Studierenden zügig ihrem Studium nachgehen können“, so Weber. Während in anderen Bereichen der Alltag einkehrt, legt man im Hochschulbetrieb weiter den Schwerpunkt auf Distance Learning. Für Annika unverständlich: „Ob man die Abstands- und Hygieneregeln in einem H&M besser einhalten kann, als in einem Lehrsaal, wage ich zu bezweifeln.“ Anders als in Schulen hängen die Einschränkungen von den Gegebenheiten vor Ort ab, so Weber: „Grundsätzlich wird in Präsenz studiert, gelehrt, geforscht und gearbeitet werden. Allerdings sind an den Hochschulen meistens größere Personengruppen anwesend.“ Daher werde es Unterschiede zum Schutze der Studierenden und Lehrenden geben. Florian findet das übertrieben: „Man könnte meinen, dass wir als erwachsene Menschen verantwortungsbewusst genug sind, um Abstandsregeln einzuhalten.“

GEMISCHTE GEFÜHLE
Der Blick in den Herbst ist unsicher. Die Erfahrungen der letzten Monate haben gezeigt, dass ein digitaler Hochschulbetrieb schwierig, aber möglich ist. „Im Unterschied zum Frühjahr wissen die Universitäten und Hochschulen jetzt, was auf sie zukommt“, meint Weber. Raum für Verbesserungen gäbe es jedenfalls immer. Manches von der Fernlehre sollte man auch beibehalten, findet Florian. Etwa könnten Vorlesungen, bei denen Studierende sowieso nur zuhören, weiterhin online stattfinden. „Man erspart sich Zeit und es erfüllt seinen Zweck genauso.“ Der Student hat auch persönlich Positives aus der Situation gezogen: „Es hat mich entschleunigt. Ich bin Fußballspieler, engagiere mich im Jugendverein und fahre für meinen Job als Paketzusteller jedes Wochenende nach Hause ins Burgenland. Mein 3. Semester wäre ohne Fernlehre bestimmt schwieriger gewesen.“ Lena sieht den Mix aus Online- und Präsenzlehre positiv: „Man kann sich die Zeit selbst einteilen und sitzt nicht nur den ganzen Tag auf der Fachhochschule.“ Die Kombination bringt mehr Abwechslung in das Studium. Trotzdem hofft sie, dass anspruchsvolle Fächer wieder vor Ort stattfinden können. „Man bekommt viel mehr mit, wenn man im Lehrsaal sitzt und Fragen stellen kann.“ Auch an Annikas Hochschule wird im nächsten Semester vermehrt auf Onlinelehre gesetzt. Sie erwartet sich für den Herbst spannendere digitale Möglichkeiten und mehr Struktur: „In unserem Zeitalter könnte man viel aus der Onlinelehre schöpfen. Ich wünsche mir, ein bisschen mehr an die Hand genommen zu werden.“ Positiv sieht Annika, dass sie den Präsenzunterricht mehr denn je zu schätzen weiß. Die Studentin versucht ihre verbleibende Zeit in der Hauptstadt zu genießen, auch wenn sie anders verläuft als erwartet. „Das ist nun mal nicht das Studentenleben in Wien, das ich mir so sehr gewünscht habe.

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