Der Schrei nach Therapie

27. Februar 2020

Viele migrantische Eltern mussten Härte zeigen, um ihre Kinder durchzubringen. Nun zahlt der Nachwuchs die Rechnung in Form von unverarbeiteten Traumata. Über das Tabu „Therapie“ in Familien mit Migrationsgeschichte und was passiert, wenn das Schweigen gebrochen wird.

Von Elena Bavandpoori, Fotos: Zoe Opratko

Sie blickt in die Leere und hört Schreie. Immer lauter werdende Schreie. Ihre Beine ziehen sie in den Wald. Unter ihren nackten Füßen spürt sie den knirschenden Schnee, der Schritt für Schritt zu kaltem Wasser schmilzt. Für sechs Stunden geht sie barfuß durch den Wald. In ihr kommt die Angst hoch, zu verbrennen. Sie will eingesperrt werden, um sich selbst zu schützen. Als Luana (Name geändert) im Winter 2017 eine Psychose bekommt und in eine geschlossene Therapie geht, rüttelt das ihre albanische Familie auf.

Menschen mit Migrationshintergrund können durch ihre Lebenserfahrungen für psychische Erkrankungen besonders anfällig sein. Gerade bei Familien, die ihre Kinder in einer neuen Kultur aufziehen, geht die Verarbeitung der Migration und des möglichen Traumas über mehrere Generationen hinweg. In vielen dieser Familien wird über seelisches Leiden oder Therapie der Mantel des Schweigens ausgebreitet. Psychische Erkrankungen sind tabu. Wer redet, verliert, so das Motto. 

Nur der Ruf zählt

Das Jahr 2017 neigt sich dem Ende zu, als Alva (Name geändert) von der psychischen Erkrankung ihrer älteren Schwester Luana erfährt. Nach der Psychose ihrer Schwester geht Alva auch in Therapie. Sie befürchtet, dass sich ihre mentale Verfassung verschlechtern könnte. Alva ist geschockt von Luanas Situation. Luana wird mit einer bipolaren Störung diagnostiziert, bei der extreme Stimmungsschwankungen typisch sind. Einen Tag depressiv und niedergeschlagen, einen Tag manisch und voller Euphorie. Diese Erkrankung kann veranlagt sein, wird aber durch belastende Lebensereignisse verstärkt.

Während besonders schweren manischen Phasen können Symptome von Psychosen auftreten, wobei Betroffene halluzinieren oder sich verfolgt fühlen. Das passiert auch Luana. Daraufhin wird sie in der geschlossenen Therapie isoliert und medikamentös behandelt. Für die 25-jährige Alva war sie immer wie ein Vorbild, denn mit ihr konnte sie über Themen sprechen, die in ihrer Familie tabuisiert werden. So auch über Therapie. „Meine Eltern haben ihren Freunden erzählt, meine Schwester wäre auf den Kopf gefallen und könnte deshalb nicht mehr arbeiten gehen“, erzählt Alva. Der Ruf der Familie sei ihren Eltern zu wichtig.

Psychotherapeutin Karoline Eppensteiner leitet eine interkulturelle Privatpraxis in Wien, in der sie auch Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund therapiert. Den Widerstand von Eltern spürt sie oft: „Wenn Eltern ihre Kinder in die Therapie bringen, stellen sie sie manchmal ab wie Autos in der Werkstatt, die wieder fahrtüchtig gemacht werden sollen. Aber es geht nicht darum, wieder zu funktionieren, sondern zu genesen. Kinder sind in Familien die schwächsten Glieder und damit Symptomträger. Sie spüren Dinge, die nie ausgesprochen werden.“

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Luana macht eine sechsstündige Wanderung durch den Wald. Barfuß im Winter.

Es sind eigentlich die Eltern, die die Therapie brauchen

Alvas Familie kommt aus dem Kosovo. Ihr Vater geht als Gastarbeiter in den 80er Jahren in die Schweiz. Alvas Eltern wachsen in patriarchalen Verhältnissen auf und durchleben eine sehr strenge Erziehung. Diese wird auch in der Schweiz weitergeführt. Körperliche Gewalt ist Teil der Erziehung. Es gibt Schläge vom Vater. In Alvas Therapie stellt sich heraus, dass sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leidet, die durch die häusliche Gewalt ausgelöst wurde. PTBS kann nach einem Ereignis entstehen, das das Leben oder die Sicherheit einer Person gefährdet und große Furcht auslöst. So zum Beispiel Unfälle, Krieg oder eben wie bei Alva häusliche Gewalt. Es ist ein Irrtum zu glauben, nur Kriegsveteran*innen würden unter PTBS leiden, wie Alvas Geschichte zeigt.

Ihr Vater weiß nichts von Alvas Therapie: „Ihn hat es fast zerrissen, als meine Schwester die Psychose hatte. Meine Mutter hat ihm gesagt, dass er die Schuld dafür trägt. Aber er kann es nicht wahrhaben, weil es zu sehr schmerzen würde. Deshalb weiß er auch nicht von meiner Therapie.“ Tatsächlich erschüttert Luanas Psychose die Familie in ihren Grundfesten. Die Mutter sucht seither mehr Halt in der Religion und liest aus dem Koran. Alva sagt, ihre Eltern bräuchten eigentlich die Therapie nach der Kriegserfahrung im Kosovo und ihrer strengen Erziehung, aber das Stigma und die Angst vor Therapie seien zu groß: „Mein größter Wunsch wäre es, dass sich mein Vater bei uns entschuldigt. Ich glaube, er versteht seine Fehler, kann aber nicht darüber sprechen.“

Männer schweigen mehr als Frauen

Selbst wenn Familien über ihr Leid schweigen, geben sie eine Atmosphäre an ihre Kinder weiter. Angst, Überforderung und Verdrängung können wortlos vermittelt werden (siehe Infokasten „Therapiekosten“). Es gibt viele Gründe, warum Eltern misstrauisch auf Psycholog*innen reagieren: „Eltern können eifersüchtig auf die Therapie sein, weil die Kinder Hilfe bekommen und sie nicht“, erklärt Karoline Eppensteiner. „Trotzdem verzichten sie auf professionelle Hilfe, weil sie Angst oder Scham haben, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Es werden sehr schmerzhafte Erfahrungen hochgeholt.“

Eppensteiner zufolge brauche es einen sehr sicheren Raum und viel Vertrauen, um über psychische Erkrankungen zu sprechen. Es seien generell eher Frauen, die Therapie beanspruchen: „Da gibt es einen sichtbaren Unterschied zwischen den Geschlechtern, da es Frauen durch die Sozialisation eher erlaubt wird über Gefühle zu sprechen als Männern.“ Auch Alvas zwei ältere Brüder gehen bislang nicht in Therapie, obwohl sie sich aktiv mit ihr darüber austauschen und sehen, wie sehr es Alva bei der Aufarbeitung ihrer Erfahrungen hilft. Besonders traumatische Vorfälle können unaussprechlich sein – also bloß nicht drüber sprechen und alten Wunden aufreißen. Dabei wirkt das Reden heilend, weil es dazu führen kann, traumatische Erlebnisse handhabbar zu machen.

„Therapiekosten“
Die Psychologie kennt das Phänomen der transgenerationalen Traumaweitergabe. Hierbei werden Traumata an folgende Generationen weitergeben, ohne je ausgesprochen zu werden. Ein Schmerz, der in vorangegangenen Generationen erlebt wurde, manifestiert sich in der DNA. Beispiel: Eine Patientin hat immer wieder das Gefühl, zu verbrennen und dann stellt sich in der Therapie heraus, dass ein Elternteil als Kind in einem Haus fast verbrannt wäre, aber nie darüber gesprochen hat.

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Alvas Vater war gewalttäig. Heute geht sie in Therapie, um ihr Trauma zu verarbeiten.

 „So wird es auch brennen, wenn du in die Hölle kommst“

Nicht nur Alvas Familie ist von einem unterdrückten Umgang mit Traumata geprägt: Die 21-jährige Nesrin (Name geändert) wächst als das dritte von vier Kindern in einer Wohnbausiedlung in Wien auf. Bereits vor der Flucht nach Österreich werden die Eltern Zeugen von unfassbarer Gewalt. Der Vater wächst im Gazastreifen auf, die Mutter verliert beim Bürgerkrieg in Ägypten ihren Vater. Nesrin beschreibt das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter: „Sie war nie da für mich, ich konnte als Kind nicht einmal auf ihrem Schoß sitzen. Meine Mutter musste ja auch nicht für mich da sein, weil meine älteren Geschwister für mich da waren.“

Mit zwölf Jahren beginnt sie, sich selbst zu ritzen und entwickelt Bulimie. Als ihre Mutter sie eines Tages beim Ritzen erwischt, sprüht sie ihr mit den Worten „So wird es auch brennen, wenn du in die Hölle kommst“ zur Strafe Desinfektionsmittel in die Wunden. Ebenso wird es in ihrer Familie als respektlos erachtet, dass sie das Essen erbricht, wofür ihr alleinverdienender Vater hart schuftet. Für Nesrin kann es so nicht mehr weitergehen. Im Alter von 16 Jahren spricht sie mit ihren Eltern und fordert eine Therapie. Diagnose: Borderline. Die Krankheit entsteht neben einer gewissen Veranlagung durch kindliches Trauma und emotionale Vernachlässigung. Selbstverletzung, starke Stimmungsschwankungen und Angst vor Verlassenwerden sind klassische Symptome.

Auch in Nesrins Familie ist der Ruf das Wichtigste, weshalb das eigentliche Problem ihrer psychischen Erkrankung ignoriert wird: „Ein Familienfreund sah die Narben auf meinen Armen, weil ich etwas Kurzärmeliges trug und sagte vor meinen Eltern, dass mich ein Mann so nie nehmen würde. Meine Mutter rührte nur in ihrem Tee rum und niemand sagte etwas.“ Nesrin muss schon früh die Kultur ihrer traditionell muslimischen Eltern und die Kultur Österreichs ausbalancieren. Da sie als Jugendliche selten aus dem Haus darf, verliert sie den Anschluss zu ihren österreichischen Bezugspersonen: „Mein Tagebuch war wie ein Ersatz für all die Freunde, die ich nicht hatte.“

Sich immer zwischen den Welten bewegen müssen

Psychotherapeutin Karoline Eppensteiner zufolge ist das Gefühl von Zugehörigkeit und die Suche nach Identität ein elementarer Bestandteil des Erwachsenwerdens. Bei Menschen mit Migrationshintergrund kann das allerdings noch eine spezielle Konnotierung haben, da sie sich zwischen den Welten bewegen. Je nach Herkunft und sozialer Schicht machen sie Diskriminierungserfahrungen und stehen oft unter Erwartungsdruck. Zum einen kann es den Erwartungsdruck der Familie geben, zum anderen den der Anpassung an die Gesellschaft. Das kann zu Verunsicherung führen. Therapie kann daher auch sinnvoll für Menschen sein, die keine akute psychische Erkrankung haben.

So überlegt sich auch die 26-jährige Medina aus Kärnten eine Therapie zu machen. In ihrer bosnischen Familie übernahm sie die Erziehung ihres jüngeren Bruders. Wertschätzung gab es für diese Verantwortung wenig: „Ich weiß, dass meinen Eltern die Zeit fehlte, weil sie so viel arbeiten mussten. Die Frustration und das Gefühl der Heimatlosigkeit verstehe ich, aber meine persönliche Entwicklung wurde beeinträchtigt. Ich will mein Leben leben, ohne schlechtes Gewissen.“ Als Erste in der Familie studiert Medina. Die Kommunikation in ihrer Familie beschreibt sie als sehr aufgeladen: „Es ist wie Psychoterror – so als würde man beschossen werden und nie wissen, wann die Bombe platzt. Jegliche Kritik an meinen Eltern wird abgeschmettert“, schildert die Architekturstudentin. Erst vor kurzem realisierte Medina, dass die Belastung von zuhause nicht gesund ist und sie professionelle Hilfe braucht.

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In der Therapie werden schmerzhafte Erlebnisse mit professioneller Hilfe aufgearbeitet.

Wer kann sich Therapie überhaupt leisten?

In migrantischen Familien aus weniger privilegierten Schichten ist nicht nur das Tabu, sondern auch die Finanzierung der Therapie ein Problem: „Wenn du als Kind keinen Klavierunterricht bekommst, dann bekommst du als Erwachsene auch keine Therapie bezahlt. Pro Stunde zahlt man zwischen 60 und 90 Euro“, sagt Nesrin dazu (siehe Infokasten „Traumaweitergabe“).

Mittlerweile hat sich der Umgang mit psychischen Erkrankungen in Nesrins und Alvas Familie verbessert. Aber auch nur, weil sie selbst mit dem Problem so stark konfrontiert wurden, dass sie es einfach nicht mehr verdrängen konnten. Zwei Jahre sind nun vergangen, seitdem Luana ihre Psychose hatte. Inzwischen kann sie wieder arbeiten – etwas, was ihre Familie im Winter 2017 nicht für möglich gehalten hätte, als Luana barfuß und verängstigt im Wald stand.

„Traumaweitergabe“
In Österreich hängen die Kosten einer Psychotherapie von der Übernahme der Krankenkasse ab. Diese variieren nach Bundesland und nach Vorliegen einer Diagnose. Dabei werden Teile der Kosten übernommen, vollfinanzierte Psychotherapie gibt es nur in kleinen Kontingenten. 50 Euro pro Stunde verdienen Therapiepraxen an Kassenpatient*innen, weshalb es sich für Praxen weniger rentiert Krankenkassenverträge anzunehmen. In Deutschland sind es im Vergleich dazu 100 Euro.

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Luanas Wanderung durch den Wald hat ein Ende gefunden. Sie ist auf dem Weg der Besserung.
 

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