In der Terror WG

13. September 2019

Sie scheint eine sympathische Studentin zu sein. Gleiches Alter, ähnliche Interessen. Klingt nach einer super Mitbewohnerin, denkt sich unsere Autorin und unterschreibt den WG-Mietvertrag. Doch was folgt, ist eine nervenzermürbende Zeit aus Kontrollzwängen und Terrornachrichten.

Von: Sarah Sarge, Fotos: Susanne Einzenberger


WG Terror
Foto: Susanne Einzenberger

Frei nach der Devise „Neue Stadt, neues Leben“ ziehe ich vergangenen Oktober von Hamburg nach Wien und beginne mein Studium. Vorerst gebe ich mich mit einem kleinen Zimmer im Studentenheim zufrieden. Doch schnell beschließe ich, nur übergangsweise zu bleiben, denn der Mythos über Messie-Studenten und laute Partyexzesse bewahrheitet sich. Also begebe ich mich auf WG-Casting-Tour und werde schnell fündig: Altbau, großes Zimmer, gute Lage und vergleichsweise günstig. Jana*, die seit einem Jahr in der Zweier-WG wohnt, scheint mir auf Anhieb sympathisch. Sie ist zwanzig Jahre alt, studiert im zweiten Semester Ernährungswissenschaften und ist extrem sportlich. Ihr glattes, braunes Haar umrandet ihr hübsches, stets geschminktes Gesicht und ihre Top-Figur sticht sofort ins Auge. Janas offene und unkomplizierte Art wirkt einladend und motivierend. Sie gibt mir direkt zu verstehen, dass sie sich mehr Lebendigkeit in der Bude wünsche und auch für neue Freunde sei sie offen. Was Geschirr und Schränke betreffe, könne man sich alles teilen. Noch vor der Vertragsunterzeichnung treffen wir uns zum Backen, veranstalten einen Spieleabend mit unseren Partnern und auch eine gute Freundin lernt Jana kennen. „Das ist ein absoluter Glücksfall“, bestätigt mir meine Freundin und ich platze fast vor Vorfreude auf mein bevorstehendes Wohnungs-Upgrade.

ZUERST FREUNDLICH, DANN FREAK

Obwohl alles so vielversprechend klingt, macht sich in mir schon am ersten Tag nach meinem Einzug ein beklemmendes Bauchgefühl breit. Jana redet kaum mit mir und scheint eingeschnappt zu sein. Immer wieder frage ich sie, ob es etwas gibt, worüber wir sprechen sollten, doch sie ignoriert mich. Erst einige Tage später erklärt sie mir vorwurfsvoll, dass sie sich meinen Einzug viel gemeinschaftlicher erwartet hatte. Um schnell Harmonie zu schaffen, entschuldige ich mich bei ihr und bemühe mich, ihr ein gutes Gefühl zu geben. Ich schlage gemeinsame Aktivitäten vor, begleite sie zu IKEA und nehme sie zum Fortgehen mit. Trotzdem gibt Jana immer häufiger unfreundliche Bemerkungen von sich und ich entwickle das beklemmende Gefühl, es ihr nie recht machen zu können. Kaum eingezogen, sehne ich mich sogar zurück nach meinem Zimmer im Messie-Studentenheim. Auch noch zwei Wochen später hat sich mein Bauchgefühl nicht gebessert. Eine Anspannung liegt in der Luft, von der ich nicht weiß, wie ich sie lösen kann. Ich fühle mich immer unwohler in der WG, von der ich gehofft hatte, dass sie mein Zuhause und Rückzugsort in der fremden Stadt werden würde. Um diesem Gefühl entgegenzuwirken, verabrede ich mich mit Jana zum Fernsehschauen. Eigentlich ist es sogar ganz nett. Nachdem Jana signalisiert, dass sie gerne schlafen würde, suche ich die Küche auf, um den Abwasch zu erledigen. Plötzlich stampft Jana herbei und keift: „Ab jetzt wirst du gefälligst immer ankündigen, wenn du jemanden herbringst.“ Sie knallt die Tür hinter sich zu. Völlig überrumpelt und irritiert über die Kontextlosigkeit und ihren Tonfall, gehe ich ihr nach. Doch noch bevor ich etwas sagen kann, sprudelt es an Vorwürfen aus ihr heraus. Als hätte man einen Schalter umgelegt, steht plötzlich eine ganz andere Jana vor mir. Eine aggressive, widersprüchliche Jana. Sie wirft mir vor, nie da zu sein und nie aufzuräumen. Außerdem hätte ich sie beim Fortgehen zu selten angeschaut, mich zu wenig um sie bemüht und auch mein Verhalten während des Fernsehabends sei unverschämt gewesen, weil ich sie nicht genug beachtet hätte. Es scheint mir, als verwechsle sie mich mit einem Ehemann, der ihr zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. Sie wird lauter und die Vorwürfe mehr, fast so, als würde ihr das Streiten gefallen. Keineswegs um eine Lösung bemüht, schreit sie, dass ich nichts anderes als eine Schnorrerin sei, es nur auf ihre Dinge abgesehen hätte und sie maßlos ausnutzen würde. Sie beschimpft mich und lässt mich nicht zu Wort kommen. Fassungslos verlasse ich den Raum und kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Nie zuvor hatte eine Person so respektlos mit mir gesprochen. Ich halte die Situation nicht aus und ziehe zu meinem Freund.

WG Terror
Nichtmal Klopapier oder Mistkübel gehörten in der WG zum Allgemeingut.

KLOPAPIER-AFFÄRE

Am nächsten Morgen erreicht mich eine Nachricht von Jana. Anders als erwartet, schreibt sie, dass sie ausziehen wird und ich mir jemanden Neuen suchen soll. Überrascht frage ich sie nach den nächsten Schritten. Ich erhalte keine Antwort. Erst nachdem ich erneut nachfrage, schreibt sie: „Ich bin sprachlos und gebe keinen Kommentar dazu ab. Wir machen jetzt klare Regeln und meine Sachen sind ein absolutes Tabu für dich. Auch der Klopapierständer ist damit gemeint, inklusive Klopapier.“ Ich muss Lachen und bin schockiert zugleich. Ab diesem Zeitpunkt ist für mich ein weiteres Zusammenleben unvorstellbar, doch Jana weigert sich, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Weder will sie ausziehen, noch lässt sie zu, dass ich ausziehe. Der Vertrag bindet uns als „gleichberechtigte“ Hauptmieter für 15 Monate an die Wohnung und die Hausverwaltung zeigt sich alles andere als kooperativ. Ohne Janas Zustimmung bin ich handlungsohnmächtig und gezwungen zu bleiben. Auch noch Tage später bombardiert sie mich mit Nachrichten, die immer absurder werden. Sie warnt mich quasi ironisch, dass das Jahr jetzt richtig spaßig für mich werden würde. In Zukunft solle ich mindestens einen Tag vorher in einen Kalender eintragen, wenn Besuch kommen wolle und solle nie wieder auch nur eine ihrer Sachen anfassen. Außerdem verfasst sie einen seitenlangen Regelplan. Ich teile ihr mit, dass ich mir eine WG nicht wie eine Zweck-WG mit Regelsystem vorstelle und das von Anfang an kommuniziert habe, woraufhin Jana antwortet: „Erstens interessieren mich deine Sachen nicht und zweitens interessierst du mich nicht.“  Irgendwann stelle ich mein Handy zeitweise aus, um meinen Bauchschmerzen bei jeder neuen Nachricht ein Ende zu setzen. Mittlerweile ist ein Monat vergangen und in der WG stehen zwei Wasserkocher nebeneinander auf dem Kühlschrank, zwei Mülleimer versperren den Weg in die Küche und im Bad sind zwei getrennt gestapelte Haufen Klopapierrollen zu finden. Ich selbst komme nur noch zum Pflanzengießen und Postholen. Jana scheint genau das zu haben, was sie wollte: Mich unter Kontrolle und die Wohnung für sich allein.

NEIN, SIE STEHT NICHT AUF MICH

Doch ich kann die Situation nicht ungeklärt lassen und bitte sie zu einem persönlichen Gespräch. Wie erwartet, ignoriert sie mein Anliegen. Die eigentlich gutgemeinten Ratschläge von Freunden und Bekannten, wie „An deiner Stelle würde ich einfach mal gescheit mit der reden“, wirken weniger hilfreich als Druck erhöhend. Nicht selten fallen die Kommentare „Vielleicht steht sie auf dich“, oder „Die hat bestimmt eine starke Persönlichkeitsstörung“. Sie ist aber nicht lesbisch, sie hat einen Freund. Und ob sie eine Persönlichkeitsstörung hat, kann ich nicht beurteilen und hilft mir auch nicht weiter. Völlig eingenommen von der verkrampften Suche nach einer Lösung und des scheinbaren Ausgesetzseins, vernachlässige ich immer mehr meine Freunde und mein Studium. Ich fühle mich ausgelaugt, persönlich verletzt und bin unbeschreiblich wütend. Es fällt mir schwer, den psychischen Belastungen standzuhalten, denn alles in meinem Leben scheint sich plötzlich um Jana und die WG zu drehen. In mir kreisen Gedanken an die für mich einzigen Optionen, entweder Wien zu verlassen und zurück zu meinen Eltern nach Hamburg zu ziehen oder einen weiteren Job zu suchen um eine zweite Bleibe zu finanzieren. Obwohl ich versuche, dagegen zu wirken, entwickle ich sogar Angst vor Janas Unberechenbarkeit, weshalb ich mich kaum noch ohne Begleitung in der Wohnung aufhalte. Als mich dann meine Mutter für zwei Tage besucht, kehre ich mit ihr in die WG zurück. Jana weiß schon lange darüber Bescheid, nimmt aber trotzdem keine Rücksicht. Mitten in der Nacht hämmert sie wild mit ihren Fäusten gegen meine verschlossene Tür und beschwert sich über die zu heiße Heizung. Auch am nächsten Morgen gönnt sie mir keine Ruhe. Sie keift mich an, dass ich meinen Wasserkocher falsch positioniert hätte und Schuld daran sei, dass weder der Staubsauger noch das Warmwasser funktionieren, obwohl ich den ganzen letzten Monat nicht in der Wohnung verbracht hatte.  Als ich ihr entgegne, dass ich ihre unsinnigen Massenvorwürfe nicht mehr hören möchte und schon gar nicht in ihrem Tonfall, beleidigt sie mich dann auch noch als elende Schmarotzerin. Meine Mutter, die das Gespräch im Nebenzimmer verfolgen konnte, mischt sich ein, um ein Gespräch mit Vertrauenspersonen vorzuschlagen. Jana lacht und wendet sich mir zu: „Tja, da kannst du dich auf etwas gefasst machen. An deiner Stelle hätte ich wirklich Angst vor meinen Eltern. Einen Anwalt habe ich übrigens auch schon.“ In den folgenden Tagen warte ich vergeblich auf einen Terminvorschlag für ein Gespräch. Jana hat mich inzwischen bei WhatsApp blockiert. Doch an meinem Geburtstag erreicht mich eine Nachricht von ihr: „Liebe Sari, ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag. Mach dir einen schönen Tag!“. Ich frage mich, ob das Sarkasmus oder ein Beweis für ihre zwei Gesichter sein soll. Unschlüssig darüber schreibe ich ihr einen Brief, in dem ich klarstelle, dass ich eine gemeinsame Lösung finden möchte. Doch nicht Jana, sondern ihre Mutter antwortet mir und wir vereinbaren endlich ein Gespräch.

WG Terror
Heute wohnt Sarah alleine und genießt ihre Freiheit

„DU MUSST HIER RAUS!“

Zwei Tage später treffen wir uns. Da meine Eltern in Deutschland leben, bin ich dankbar darüber, dass mich mein Freund und seine Mutter, die Juristin ist, bei diesem Gespräch unterstützen. „Auch wir sind an einer Lösung für ein harmonisches WG-Leben interessiert“, hatte mir Janas Mutter versichert. Von diesem Interesse ist jedoch während des Gesprächs nichts zu spüren. Wir drei auf der einen Tischseite, uns gegenübersitzend Jana und ihre Eltern, beginnt Janas Vater auffordernd das Gespräch: „Wir hören?“ Die Stimmung ist stark angespannt. Wir legen unsere Vorschläge dar, doch darauf wird nicht eingegangen. Stattdessen hagelt es wieder einmal an Vorwürfen. Die Mutter meines Freundes versucht, ein diplomatisches Gespräch herzustellen, bis Janas Mutter ihr zuruft, dass sie ihren Mund zu halten habe. Auch Jana scheint sich nicht mehr im Griff zu haben und beschimpft sie als Fotze. Mit der Aussage von Janas Mutter, dass die ganze Situation von mir von Anfang an berechnet gewesen sei, endet dann das Gespräch ohne Hoffnung auf zukünftige Besserung. Und trotzdem bin ich ein wenig erleichtert. Endlich bin ich nicht mehr die Einzige, die Jana so erleben musste und ernte zum ersten Mal völliges Verständnis. „Du musst hier auf jeden Fall raus, das WG-Leben mit Jana ist unzumutbar“, bestätigt mir die Mutter meines Freundes.

Bloß ein einziges Mal kehre ich zurück in die WG: für meinen Auszug. Denn obwohl das Gespräch eine völlige Katastrophe war, bekomme ich überraschenderweise einige Tage später die Erlösung, als eine vorzeitige Kündigung von Jana eintrifft, der auch die Hausverwaltung zustimmen wird. Mit ihr zu reden hatte zwar nicht geholfen, dafür aber der Druck eines Anwalts, die Miete zukünftig nicht mehr zu zahlen. Noch immer kann ich die vergangenen drei Monate und vor allem Janas Verhalten nicht verstehen und nehme deshalb Kontakt zu Janas voriger Mitbewohnerin auf, von der ich wegen der Schlüsselübergabe noch die Handynummer habe. Jana und sie waren beste Freunde gewesen, bis sie auszog. Ihr sei eine ähnliche Geschichte widerfahren, allerdings hatte sie die übrigen Monate, in denen sie es bei Jana nicht mehr ausgehalten hatte, zahlen müssen. Sie wolle sich aber nicht mehr dazu äußern, schreibt sie und ich kann sehr gut verstehen, dass sie damit abschließen will. Ich für meinen Fall habe seit der Kündigung nichts mehr von Jana gehört und bin glücklich, meine erste eigene Wohnung zu bewohnen und damit mein langersehntes Zuhause gefunden zu haben. Endlich nicht mehr zwei Wasserkocher, sondern nur einer, den ich positionieren kann, wie ich möchte. ●

*Name von der Redaktion geändert.


 

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