Deutsch braucht es auch für Krisensituationen!

10. April 2020

Normalerweise gehören Wer­tekurse, Frauenberatungen oder Deutschkurse zum Tages­geschäft des ÖIF, dem Öster­reichischen Integrationsfonds. Doch wie funktionieren diese Integrationsmaßnahmen für Flüchtlinge und Migranten in Zeiten von Corona? Darüber spricht biber mit dem Direktor Franz Wolf im Skype-Interview.
Von Delna Antia-Tatic, Mitarbeit Hannah Jutz und Jara Majerus

Wolf Skype

BIBER: Herr Wolf, wie gelingt Integration in Zeiten von Corona – können zum Beispiel Kurse stattfinden?

FRANZ WOLF: Es wurde natürlich alles abgesagt, was den persönlichen Kontakt von Menschen betrifft: alle Seminarangebote, Beratungen, Workshops. Wir verlagern nun vieles ins Digitale.

Zum Beispiel?

Da gibt es beim ÖIF zwei Stränge: Einerseits informieren wir unsere Zielgruppe, das sind Flüchtlinge und Migranten. So wurde zum Beispiel mit über 100.000 SMS auf die richtigen Verhaltensweisen aufmerksam gemacht und auch auf Strafen hingewiesen. Wir unterstützen zudem die Regierung bei der Übersetzung von Dokumenten und betreuen mit mehrsprachigem Personal die Hotlines mit, wie etwa zu Gewalt gegen Frauen.

An wen verschicken Sie die SMS genau?

An jene Menschen, die mit dem ÖIF in Kontakt stehen. Personen, die in der Beratung sind, die Deutsch- oder Wertekurse machen oder Teil unserer Programme sind.

Wie funktioniert die Integrationsarbeit derzeit abseits solcher Corona-Infos?

Die aktuelle Situation erfordert, dass schnell vieles auf die Beine gestellt wird. Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten Wochen mit den Online-Angeboten voll starten können. Aber man sollte sich keine Illusionen machen. Denn für einige in unserer Zielgruppe, etwa Flüchtlinge wie somalische oder afghanische Frauen, kann dieses Online-Programm nur eine Notfallalternative sein. Es kann nicht den persönlichen Kontakt im Deutschkurs ersetzen.

Besitzen diese Frauen überhaupt die Infrastruktur, um an einem Online-Kurs teilzunehmen?

Natürlich, bei jemandem, der noch nie einen Computer bedient hat, oder womöglich nicht alphabetisiert ist, bei dem wird es schwierig in dieser Zeit zu lernen. Das muss man zur Kenntnis nehmen. Aber wir versuchen, so viel wie möglich zu tun.

Die Corona-Krise zeigt die sozialen Ungleichheiten. Kinder und Jugendliche, die aus sozial benachteiligten und kleinen, engen Haushalten kommen, stehen jetzt noch mehr vor Herausforderungen. Welche Aufgaben übernimmt hier der ÖIF?

Das ist sicher ein großes Thema: wenig Wohnraum bzw. mehrere Kinder auf wenig Wohnraum; das ist eine Situation, die Zuwanderergruppen stärker betrifft. Der ÖIF unterstützt auch mehrsprachig hinsichtlich der häuslichen Gewalt, obwohl das nicht nur ein Thema ist, welches Zuwanderer betrifft.

Zuletzt wurde eine zusätzliche Corona-Initiative zur Bekämpfung von Fake-News in den Communities gestartet. Warum?

Fake-News und Gerüchte machen die Runde und verunsichern Menschen in dieser schwierigen Zeit zusätzlich. Uns ist es einfach ein Anliegen, dass wir bei der Aufklärung darüber auch Menschen in Österreich erreichen, die noch nicht gut genug Deutsch sprechen. Aber es zeigt auch, dass Deutsch nicht nur für die Arbeit und die Kommunikation im Alltag wichtig ist, sondern gerade in Krisensituationen: um sein eigenes Leben und das anderer zu schützen. Daher ist es das Ziel, dass Menschen Deutsch können.

Nimmt Ihre Zielgruppe die Situation nicht ernst genug?

Man kann zum Teil eine gewisse kulturelle Gelassenheit beobachten, von der Österreich sicherlich in vielen anderen Situationen auch profitieren mag, die aber derzeit nicht angebracht ist. In Gebieten mit hohem Migrationsanteil wird zum Beispiel weniger auf die vorgeschriebenen Abstände geachtet.

Ist der Grund für weniger Regelkonformität mangelndes Deutsch?

Es ist ein Thema der Sprache, wohl auch ein Thema des kulturellen Umgangs mit solchen Situationen. Asiatische Kulturen sind etwa sehr sensibel bei solchen Thematiken. In Wien hat man schon vor Monaten Touristen mit Mundschutzmasken gesehen.

Wie geht es denn Ihrer Zielgruppe, wie Sie sagen, in dieser Krise?

Es gibt Menschen, die haben viel zu tun und werden auch als sogenannte Helden des Alltags bezeichnet. Darunter sind natürlich viele Zuwanderer, weil sie oftmals auch niedrig bezahlten Berufen nachgehen: Jene, die an der Supermarktkasse sitzen, für Amazon arbeiten oder eine Pizza liefern.

Durch die Corona-Krise hat sich der Arbeitskräftemangel in Österreich dennoch zusätzlich verstärkt – Bereiche wie Pflege oder Agrarwirtschaft, aber auch Supermarktketten oder die Post brauchen mehr Personal, um die Krise zu stemmen. Ist jetzt die Zeit gekommen, um Asylwerbende in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

Nein. Es werden in bestimmten Branchen zwar Arbeitskräfte gesucht, aber es gibt auch sehr viele arbeitslose Asylberechtigte in Österreich. Insgesamt gibt es derzeit eine massiv steigende Arbeitslosigkeit in Österreich und es gibt genügend verfügbare Arbeitskräfte. 

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