Die Corona-Matura

25. Mai 2020

Heuer gibt es in Österreich coronabedingt eine „verschlankte“ Matura. Was bedeutet das für die 40.000 MaturantInnen, die sich dauernd den Vorwurf gefallen lassen müssen, sie hätten es dieses Jahr leichter als ihre VorgängerInnen?

Von Anna Egger, Andrea Krapf und Aleksandra Tulej, Fotos: Franziska Liehl


Aber eines ist klar: Ihr werdet immer der Corona-Jahrgang bleiben.“ – „Na danke. Wie oft haben wir MaturantInnen diesen Satz in den letzten Wochen schon gehört?“, ärgert sich die 17- jährige Andrea, die im Mai an einer AHS in Vöcklabruck maturieren wird. „Wir haben ja „nur“ die schriftliche Reifeprüfung ablegen müssen. Wir hätten ja viel länger Vorbereitungszeit auf die Matura gehabt.“ All das kann sich Andrea von ehemaligen und zukünftigen MaturantInnen, ProfessorInnen, Familienmitgliedern und den Medien anhören. Es vergeht kein Tag, an dem die 17-Jährige nicht mit dem Vorwurf, dass sie es „ach so leicht hätte“, konfrontiert ist. Doch ist das wirklich so? Hat man es wirklich „so leicht“, wenn man sich während einer Pandemie auf die Reifeprüfung vorbereiten muss?

Als die COVID-19-Maßnahmen in Österreich verhängt wurden, herrschte zunächst Chaos. Keiner wusste, wie es weitergeht. An Matura dachte wohl kaum jemand. Wie soll sie ablaufen? Wird es überhaupt eine geben? Und wenn ja, in welcher Form? Einen Monat später stellte das Bildungsministerium den konkreten Fahrplan vor. „Aber man darf auch nicht sagen, dass das eine normale Zeit ist, in der wir leben“, verlautbarte Bildungsminister Heinz Faßmann bei einer Pressekonferenz Anfang April. Spätestens da war allen Beteiligten klar: Es wird alles ganz anders als die Jahre zuvor. Für viele angehende MaturantInnen, inklusive den Autorinnen dieser Geschichte, ging das große Bangen erst richtig los.

Coronajahrgang
Foto: Franziska Liehl

"Wir bekommen nichts geschenkt"

Andrea ist eine von rund 40.000 MaturantInnen, die dieses Jahr in Österreich die „Corona-Matura“ schreiben wird. Oder auch die „verschlankte“ Matura, wie sie in den Medien gern genannt wird. „Verschlankt“ bedeutet in dem Fall, dass die mündlichen Reifeprüfungen wegfallen. Die Matura wird schriftlich nur in drei Fächern abgelegt – die Note setzt sich zu einer Hälfte aus der Zeugnisnote und zu der anderen Hälfte aus der Maturaprüfung selbst zusammen. In den Fächern, in denen man eigentlich angetreten wäre, zählt die Zeugnisnote der achten Klasse. Im Zweifelsfall sticht die Prüfungsnote. Konkret: Mit einer Jahresnote von einem „Befriedigend“ oder besser hat man die Matura also quasi schon in der Tasche. Das ist im Grunde genommen doch schon eine Durchkommensgarantie? Geschenkte Matura quasi? „Nein!“, ist Anna, eine Maturantin an einer Wiener AHS, die dasselbe Schicksal der Corona-Matura wie Andrea teilt, überzeugt. „Natürlich wurde uns Arbeit erspart. Aber geschenkt, wie manche, so auch meine Schwester, hartnäckig beteuern, bekommen wir die Matura nicht. Das zu behaupten, diskreditiert unsere Leistungen der letzten acht Jahre“, zeigt sich die 18-Jährige genervt. „Es ist einfach unfair. Was können wir dafür, dass wir dieses Jahr Matura haben?“, fragt sich Anna. Diese Form der Matura soll übrigens laut Bildungsminister Fassmann auch für die künftigen Jahrgänge beibehalten werden - es gehe bei der Matura darum, die Reife einer Person festzustellen, und nicht ein punktuelles Ereignis zu dokumentieren. Ob diese Regelung auch in Zukunft tatsächlich weitergeführt wird, ist Ende Mai 2020 noch nicht fixiert. Die diesjährigen MaturantInnen wussten dies zum Zeitpunkt ihrer Reifeprüfung jedenfalls noch nicht und sehen diese Regelung als problematisch.

Denn auch Andrea ist sich sicher: Es gibt in jeder Klasse mindestens einen Schüler oder eine Schülerin, welche/r sich dadurch jetzt mit schlechteren Noten als gewünscht abfinden muss. Und dabei nicht einmal die Chance auf eine bessere hat. Und auch der Ergänzungsunterricht könnte problematisch ausfallen: Statt einer intensiven Maturavorbereitung sitzen Abschlussklassen teilweise nur zwei Tage für jeweils zwei Stunden in der Schule, so Andrea.

Es herrscht Chaos

Die Vorbereitung auf die Matura an sich gestaltet sich laut der Oberösterreicherin online schwieriger. Jede Schule betreibt Homeschooling auf eine andere Art und Weise. Während manche LehrerInnen Tag für Tag einen aufwendigen Onlineunterricht und laut Andrea sinnvolle Arbeitsaufträge in den Matura-Fächern vorbereiten, müssen sich andere MaturantInnen mit Online-Vorbereitungsprogrammen wie Mathago oder Studyly über die Runden helfen. Bundesweit gleiche Voraussetzungen für die Zentralmatura? Fehlanzeige. Es ist überall anders, an jeder Schule, bei jedem Lehrer oder jeder Lehrerin. Gesamtheitlich betrachtet herrscht Chaos. „Hätte man uns das zumindest nicht ein bisschen früher sagen können? Hätte ich im Nachhinein gewusst, dass in meinem Abschlusszeugnis nur meine Jahresnoten stehen, hätte ich weitaus andere Fächer gewählt“, so Andrea. Natürlich konnte im Herbst keiner wissen, dass die Matura dieses Jahr unter post-pandemische Bedingungen geschrieben wird. Alles, was „die Erwachsenen“ jetzt tun können, ist, den Jugendlichen die bestmögliche Alternative zu liefern. Aber die Jungen haben eigene Ideen: Andrea und Anna würden sich beide wünschen, dass man die Matura einfach abschafft – auch für die Jahrgänge nach ihnen. Das Abschlusszeugnis der achten Klasse sollte dann einfach als Matura-Äquivalent gelten. Das würde viel Stress und unnötiges Hin-und-Her ersparen. Dieses Jahr wird ihr Wunsch aber noch nicht in Erfüllung gehen. Sie werden die Matura wohl oder übel schreiben. Aber auch nach der Reifeprüfung wird sich vieles anders gestalten als bislang. Hat man die „Corona-Matura“ dann in der Tasche, ist der Spuk nämlich noch nicht vorbei: Maturafeiern, Maturastreich, Schulball, Maturareisen, der „Sommer nach der Matura“, den viele mit Freiheit, Unabhängigkeit und Unbeschwertheit verbinden - das alles wird es heuer in der bisher bekannten Form nicht geben. Statt Sonne, Strand und Saufen erwarten die Jugendlichen Mindestabstand, Maske und Maßnahmen, an die sich alle zu halten haben. Dazu kommen noch die Zukunftsängste: Die Angst davor, keine Arbeit zu finden. Oder die, während einer Wirtschaftskrise einen unkonventionellen Berufsweg einzuschlagen. Anna will im Herbst Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kultur- und Sozialantropologie an der Uni Wien inskribieren, Andrea wird im Juni die Aufnahmeprüfung für den Bachelor „Journalismus und Medienmanagement“ an der FH Wien machen. Anna und Andrea fragen sich, ob zukünftige Arbeitgeber oder etwa die Uni diese „verschlankte“ Matura als vollwertig ansehen werden. Diese Ängste dürften unbegründet sein. „Alle Kandidatinnen und Kandidaten bekommen ein vollwertiges Reifeprüfungszeugnis, das alle auch bisher damit verbundenen Berechtigungen mit sich bringt“, heißt es seitens des Bildungsministeriums. Auch laut der Uni Wien brauchen sich die MaturantInnen keine Gedanken darüber zu machen. „Diese Sorgen sind völlig unbegründet. Die diesjährige Matura ist natürlich gleich viel wert wie die der vorangegangenen Jahre“ , sagt Cornelia Blum, Pressesprecherin des Rektorats der Universität Wien. „Eine Matura von vor 20 Jahren ist ja inhaltlich auch nicht so, wie eine Matura heute – und trotzdem formal gleichgesetzt.“ An der Berechtigung ändere die „verschlankte“ Matura nichts. Auch große Unternehmen wie beispielsweise SIEMENS sehen hier kein Problem. Eine Bewerberin, die dieses Jahr maturiert und sich dann bei SIEMENS bewirbt, würde keine Nachteile gegenüber BewerberInnen aus den Vorjahren bekommen, heißt es seitens des Unternehmens.

Coronajahrgang
Foto: Franziska Liehl

Maturareise ist gestrichen

Bevor der „Ernst des Lebens“ beginnt, freuen sich viele auf einen letzten unbeschwerten Sommer. So auch Anna. „Die ganze 8. Klasse über habe ich mich auf diesen Juni gefreut. Wenn ich wieder einmal Stunden für die VWA recherchiert oder für einen Test gelernt hatte, dann habe ich mir vorgestellt, wie ich mein Maturazeugnis in der verglasten Schul-Cafeteria überreicht bekomme.“ Anna hatte sich ausgemalt, wie sie gemeinsam mit ihren MitschülerInnen, LehrerInnen,Eltern und Geschwistern im Schulgarten bei kleinen Broten und Champagner über die letzten turbulenten Jahre und über ihre kleinen und großen Zukunftspläne plaudern wird. All das wird jetzt nur sehr eingeschränkt möglich sein. Eine Woche nach der Matura wäre Anna mit ihrem besten Freund Lucas nach Argentinien gereist. Mit einem Mate-Tee in der Hand wären sie vor den Rainbow Mountains in Salta gestanden und hätten das Jahr Revue passieren lassen – dieses Bild hatte Anna klar in ihrem Kopf. Die Reise ist storniert, Heimaturlaub ist angesagt. „Statt dem – seit Jahren geplanten – Festivalbesuch sollen wir schön zuhause bleiben. Statt mit den Girls und Boys am Strand in der griechischen Sonne oder an der italienischen Riviera zu braten, sollen wir an einen heimischen See fahren“, ärgert sich auch Andrea. Vor zwei Tagen ist Anna in ihrem Zimmer gestanden und ihr Herz hat angefangen zu rasen. „Jetzt, wo ich bald meine Matura habe, sollte mir alles offenstehen. Doch wenn ich an meine Zukunft denke, bin ich neugierig aber besorgt, wenn ich mich meinen Abschluss machen sehe. Stolz aber enttäuscht.“ So oder so, an diesen Jahrgang wird man sich erinnern. Wie Anna resümiert: „Denn wir haben sie geschrieben, die Corona-Matura.“

 

* Die Namen sind von der Redaktion geändert.

* Alle Bilder wurden für die Geschichte nachgestellt. Die auf den Fotos abgebildete Person kommt nicht in dem Artikel vor.

 

Coronajahrgang

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