Die Leiden des jungen Todor

02. Februar 2009

"Regeln sind für Weicheier"

Es ist mir unerklärlich, wieso es Südosteuropäern so schwer fällt sich in Österreich an Regeln zu halten. Alle meine Bekannten von der Balkanhalbinsel gehen bei Rot über die Straße, schnallen sich nie im Auto an und ich kenne keinen, der seinen Müll trennt.

Von Todor Ovtcharov.

 

„Ich mach dir drei Kinder!“

„Regeln sind für Weicheier“, meint mein Freund Emil – ein Bildhauereistudent auf der Angewandten. Jeder, der sich in seinem Auto anschnallt, wird ausgelacht. Nicht nur das – Emil fährt immer halbnackt, trinkt dabei gerne Whiskey und wenn er an einer Kreuzung hält und neben ihm ein Auto mit einer schönen Fahrerin steht, lehnt er sich aus dem Fenster und schreit kräftig mit einem starken slawischen Akzent: „Ich mache dir drei Kinder!“.

Geklauter Gouda aus dem Supermarkt

Da Emil für eine Weile ziemlich knapp bei Kasse war und mit 30 bis 40 Euro im Monat leben musste, hat er den Supermarkt nebenan jeden Tag beklaut – in seinem Hosenbund verschwanden Kaviar, der teuerste Gouda und Meeresfrüchte. Ohne Geld ernährte er sich wie ein König. Nur einmal geriet er in Schwierigkeiten – am 6. Dezember, dem Nikolaustag. Der Heilige Nikolaus ist, anders als der österreichische Nikolo, in Bulgarien der Beschützer der Fischer. Deswegen isst man am 6. Dezember immer Fisch – einen gefüllten Karpfen mit Reis und Walnüssen. Da es aber in den österreichischen Supermärkten keinen Karpfen gab, nahm sich Emil eine Forelle und steckte sie schnell in seine Hose.

Forelle im Hosenbund

Irgendjemand vom Personal hat ihn gesehen und so packte ihn ein Sicherheitsangestellter unter dem Arm und brachte ihn ins dunkle Zimmer hinter der Feinkostabteilung. Da rief er mich an, ich sollte so schnell wie möglich kommen, um die Situation zu klären. Ich kam zur gleichen Zeit wie die Polizei. „Was ist das Problem?“, fragte der Beamte. „Eine Forelle im Hosenbund“, erwiderte die Supermarkt-Security. Der Polizist brach in Lachen aus und riet Emil, sich selber welche aus der Donau zu fischen. Dann überprüfte er ob er sich legal in Österreich aufhielt und ließ ihn gehen.

Balkan-Party und wieder die Polizei

Das zweite Mal als ich mit der Wiener Polizei zu tun hatte, war nach einer Schlägerei auf einer Balkan-Party in einem Studentenheim. Der geeignete Zeitpunkt bei solchen Partys nach Hause zu gehen, liegt zwischen der Turbofolkmusik und der Schlägerei. Auf der Party war ziemlich viel los – während sich zwei Freunde von mir mit dem Feuerlöscher besprühten, versuchte ein dritter, den Bierautomaten im Gang mit einem Einkauswagen zu hacken, indem er den Wagen mit aller Kraft gegen den Automaten prallen ließ. Irgendwann geriet alles außer Kontrolle und die Party verwandelte sich in eine Massenschlägerei. Am nächsten Tag, als die Beteiligten eine Erklärung bei der Polizei abgeben sollten, war ich wieder als Dolmetscher im Einsatz – alle wollten so schnell wie möglich die Schlägerei und die Gründe dafür vergessen, alle waren wieder Freunde, bis zur nächsten Party.

Schwarzkappler verarschen

Bulgaren fahren immer schwarz, zahlen keinen Eintritt für Events und stehen dabei immer direkt vor der Bühne. So zum Beispiel beim Novarock, zu dem wir zu dritt fahren wollten und insgesamt 3 Euro besaßen. Durch eine Cowboy-Strategie kann man den Schaffner im zweistöckigen Zug immer ausschalten – wenn er im ersten Stock die Fahrkarten kontrolliert, sind wir im zweiten und umgekehrt. Einen Weg über den Zaun auf dem Festival findet man immer und so konnten wir mühelos mit Eddie Vedder (der sich übrigens '94 eine Kugel in den Kopf jagen sollte) und seiner Band abrocken.

„Regeln sind für Weicheier“, meint mein Feund Emil und ich stimme ihm zu. Durch Regeln wird die Zivilisation aufgebaut, von der wir uns im Osten noch ganz weit weg befinden. Der russische Filmregisseur Nikita Michalkow sagte neulich in einem Interview: „Die Zivilisation hat den Menschen dazu gebracht, nicht mehr das Leben und den Tod zu respektieren. Alles was wir früher aus unserem Herzen gemacht haben, wird heutzutage durch eine kalte Höflichkeit und eine Handvoll Regeln ersetzt. Wir haben vergessen, dass menschliche Gefühle und Spontaneität das Wichtigste auf der Welt sind.“

 

"Jeder, der sich in seinem Auto anschnallt, wird ausgelacht"

"Der geeignete Zeitpunkt bei solchen Partys nach Hause zu gehen, liegt zwischen der Turbofolkmusik und der Schlägerei"

Kommentare

 

todors geschichten sind das erste was ich aufschlagen, wenn ich den neuen biber lese.

respekt. bin ein großer fan deiner geschichten.

 

guter Mann!

 

und alkoholisiert auto fahren, frauen machomäßig anmachen, nach festen sich sinnlos zu prügeln und zu randalieren ist wohl etwas für balkan-proleten?

nein wirklich, bis zum schluß habe ich gelaubt, es kommt noch irgendeine pointe oder irgendwas, dass das geschriebene relativiert. stattdessen wird das ganze noch in den status einer "philosophie" erhoben. es schadet manchmal nicht, gedanken ganz zu ende zu denken.

 

Super! Die Erfahrung habe ich auch gemacht. Bin aber selber auch etwas so. Im schönen Ohrid letzten Jahres. Ich will die Straße (die Hauptstraße der Stadt) überqueren. Ampel zeigt rot. Ok. Ich als brav erzogene und im "fortschrittlichen" Evropa aufgewachsene weis ich muss stehen und warten. Natürlich halte ich mich nicht immer daran aber wenn da pro Minute an die 50 Autos vorbeibrausen kome ich nicht auf die Idee einfach über Rot zu gehen. Ich warte. Plötzlich bleibt beinhart ein Auto stehen für ihn grün und hupt mich an und der Typ zeigt ich soll doch drübergehen. Also ich hab natürlich gewartet der konnte noch so blöde hupen wollte ja nicht draufgehen. Es sind halt so viele Kleinigkeiten die man an anderen und auch an sich selber bemerkt.

 

Ich hatte in meinem Leben noch nie das Beduerfniss in einem Forum oder Blog zu schreiben. Besonders wenn es um meine Texte geht. Das sie nicht von jedem verstanden werden ist klar. Jedenfalls wuerde ich dich raten Filme von Michalkow zu sehen oder dich zu mindestens zu erkundigen wer der Mann ist und was er da gesagt hat. Was Balkan-Proleten sind bin ich nicht sicher, aber du kennst dich bestimmt besser in der Gesellschaft aus.
viel spass
t.

 

achso, ich hab dich missverstanden? macht nix, es gibt sicher welche, die dich verstehen. was weicheier sind, weiss ich wiederum, da du es ja im text erläutert hast. ach ja, dass eddie vedder '94 seine lebensgefährtin geheiratet hat, das war es wohl, was du umschrieben hast mit "er hat sich die kugel gegeben",oder?

 

Ich hatte erstmal einen offensiven Kommentar im Kopf, da ich aber nicht wie einen "Balkan-Proleten" agressieren soll, sage ich nur: Jah Bless! Es tut mir Leid, dass in dem Text meine Aussage verlorengegangen ist.

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