Die Schlacht um Katar - Eine voreingenommene WM-Debatte

13. Dezember 2022

Marokko schreibt Geschichte und erreicht als erstes nordafrikanisches Land das Halbfinale. Dass der Sieg für ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der muslimischen Community sorgte, war nicht zu übersehen. Stories und Instagram-Videos zeigten feiernde Fans - von Kairo bis Deutschland. Während der Sieg der marokkanischen Mannschaft das Selbstbewusstsein der arabischen Einheit verstärkt, wird in Europa die Fußballweltmeisterschaft mit ihrem Austragungsort in Katar so heiß ausdiskutiert wie nie zuvor. Vor dem Start der WM dominieren bereits negative Schlagzeilen in der vermeintlich vielfältigen Medienlandschaft Deutschlands. 

Gastbeitrag von Maiyra Chaudhry

 Es werden gezielte Framing-Strategien angewandt um die ohnehin schon kontroverse WM und das Gastgeberland Katar negativ in das Scheinwerferlicht zu rücken. So solle das „Turnier der Schande“ aufgrund der Menschenrechtsverletzungen in Katar boykottiert werden. Die Auftaktveranstaltung der WM sei „Katars krasse Lügenshow“ und Fußball schauen ohne in den Alkoholgenuss zu  kommen sei ein No-Go, denn „Kein Turnier ohne Bier!“ , lautet das Motto der Fußballfans. In der hitzigen Diskussion scheint es unterzugehen, dass die WM Länder der gesamten Welt repräsentiert und sich nicht ausschließlich auf die westlichen Wünsche und Gelüste fokussiert. Menschen die religiöse Werte vertreten, werden durch das gezielte Agendasetting der überflüssigen Bier-Debatte im Vorfeld ausgegrenzt. Die unterirdische Berichterstattung ist lange noch nicht beendet. Insbesondere bei der Darstellung und Betitelung der Feedbeiträge auf dem Social-Media-Kanal Instagram, ist ein Herdentrieb zu beobachten. Während des scrollens im Instagram-Feed fallen Postings mit akzentuierten Zitaten wie „Die WM nach Katar zu vergeben, war ein Fehler. Dort gehört sie nicht hin.“ und weitere Bildinhalte auf. Diese zeigen, wie Fans stolz im Stadion Plakate mit der Aufschrift „QATAR ABSCHALTEN!“ , präsentieren. Abfällige Schlagzeilen dieser Art und eine gezielte negative Attributierung gegenüber dem islamisch geprägten Gastgeberland Katar senden nicht nur eine bloße Botschaft an die Leser*innen, sondern haben gewaltige Auswirkungen auf den nachfolgenden Diskurs. Diese machen sich in den Kommentarsektionen deutlich bemerkbar. Eine Entwicklung hin zur Spaltung und hasserfüllte Nutzerkommentare sind die Folge.

Katars krasse Lügenshow“

Gerade bei kontroversen Themen neigen Menschen dazu, in ihren Äußerungen die Mehrheitsmeinung anzunehmen. Dieses Phänomen spiegelt die Theorie der Schweigespirale nach Noelle-Neumann wider. Durch ein gezieltes negatives Framing der WM-Berichterstattung, wird a priori ein bestimmtes Denkmuster vorgegeben, welches die Mehrheit akzeptiert und kein Gegenbild mehr zulässt. Die aktuelle Empörung über Katar ist definitiv nicht zu übersehen, doch auch diese läuft in die Zielgeraden einer Absurdität. Die höhe völliger Respektlosigkeit gegenüber der arabischen Kultur wurde endgültig mit der Herabwürdigung des katarischen Fußballmaskottchens La`eeb erreicht. Die wesentlichen Merkmale des Maskottchens der Fröhlichkeit und des Selbstbewusstseins fielen ins Abseits. Stattdessen wurde La`eeb als ein gigantisches Maskottchen bezeichnet, dass auf eine unangenehme Weise an ein Leichentuch erinnern würde . Die westlichen Medien und dessen Akteure*innen sehen sich dazu berufen, die Stellung des Moralapostels einzunehmen und lassen kaum ein Ereignis aus, um das Gastgeberland Katar, an den Pranger zu hängen. Die oft zitierte vermeintliche Todesopferzahl der WM-Gastarbeiter*innen in Katar, aus dem Artikel der britischen Zeitung „The Guardian“ sorgte weltweit für eine große Empörung . Mittlerweile wurde der Artikel schon mehrfach korrigiert und überarbeitet, da keine handfesten Beweise für die genannte Todesopferzahl vorliegen. Inzwischen ist bekannt, dass in der falschen Statistik Tote durch Verkehrsunfälle, Suizide und als Folge von einer Corona-Erkrankung einkalkuliert wurden. Nichtsdestotrotz wird die Todesopferzahl als Beleg einer scheinbar niederträchtigen Menschenrechtspolitik wiederkehrend zitiert. Die bittere Konsequenz der Falschmeldung ist zu einem, dass gegen das Land Katar und dessen Bewohner*innen reiner Hass und eine Abneigung entsteht und zum anderen pauschalisierende Aussagen wie „Menschenleben zählen nichts“ , alle Katerer über einen Kamm scheren. Es besteht nicht nur die Gefahr, dass Vorurteile gegen eine gesamte Völkergruppe entstehen, sondern eine fatale stereotypisierende Rollenzuschreibung der Katerer erfolgt - nämlich die eines „Menschenrechtsverachters“. Jedes Todesopfer ist eins zu viel. Offizielle belegte Zahlen der verstorbenen Gastarbeiter*innen in Bezug auf die WM-Bauarbeiten existieren nicht.

Menschrenrechte für alle

Laut Amnesty International sollen bis zu 15.000 Nicht-Katarer im Zeitraum von 2010 bis 2019 für das große Fußballereignis gestorben sein . Die Hauptorganisatoren (FIFA und Katar) zählten drei tote Gastarbeiter*innen während der Bauarbeiten. Weitere 37 sollen angeblich nicht in einem direkten Zusammenhang während der Ausführung der Arbeiten gestorben sein . Ob diese Zahlen zweifelsfrei angenommen werden können, bleibt offen. In die Statistik der Organisatoren wurden nur Menschen einberechnet, die auf den Stadion-Baustellen verstorben sind. Weitere Baumaßnahmen wie beispielsweise der Flughafen- und Metroausbau die im Zusammenhang mit der WM standen, blieben hierbei unberücksichtigt . Dass mit dem geltenden „Kafala“-System innerhalb der Vereinigten Arabischen Emirate enorme Einschränkungen und Abhängigkeiten für die Gastarbeiter*innen einhergehen, ist kein neues Phänomen und bereits seit Jahren bekannt. Nirgends auf der Welt gibt es die Gewähr dafür, dass Menschenrechte nicht verletzt werden. Einen absoluten Schutz vor Übergriffen können auch keine demokratischen Rechtsstaaten bieten. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen berichtete im Februar diesen Jahres von schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen und einer enormen Zunahme von Gewalttaten gegen Flüchtlinge und Migranten an den europäischen Landes- und Seegrenzen . Die Bilder und Videos der miserablen und inakzeptablen Zustände an den Grenzen Europas sind jedem bekannt. Über die kaum vorhandenen Menschenrechte der geflüchteten Menschen auf dem Weg nach Europa, wird kaum eine Stimme laut oder ansatzweise eine vergleichbare Debatte geführt. Dass laut UN 18.892 Flüchtlinge in einem Zeitraum von Januar 2014 bis Oktober 2019 auf dem Weg in die vermeintliche Sicherheit ums Leben gekommen sind, findet keine bemerkenswerte mediale Aufmerksamkeit . Für die angeschlagenen und schutzbedürftigen Menschen hatte Europa nur abschreckende Zäune und eine kalte Zurückweisung übrig. Wurden hier etwa keine Menschenrechte missachtet?

„Die Welt zu Gast bei Freunden“

Nun stellt sich die Frage, ob die hagelnde Kritik an das Gastgeberland Katar nicht etwa zwölf Jahre zu spät kommt und hätte bereits im Jahr 2010 erfolgen sollen, als die Vergabe an Katar ohne Bedenken und Überprüfung gewisser Kriterien erfolgte? Der Fakt, dass die Fluglinie Qatar-Airways seit 2018 der Sponsor des FC Bayerns ist, wird aber in keiner Silbe der Moral-Debatte erwähnt und ist wohl genauso wie die Energiepartnerschaften zum Golfstaat heuchlerisch akzeptabel. Vermisst wird auf dieser Ebene eine konsequente und einheitliche Berichterstattung der Medienlandschaft. Wo bleiben hier die kritischen Schlagzeilen und Bilder, wenn es plötzlich um verständnisvolle Kooperationen mit dem arabischen Staat geht? Vom Gatekeeping-Prozess zum Thema Menschenrechtsverteidigung, anlässlich der Weltmeisterschaft in Russland und die Austragung der Olympischen Spiele in China, war keine Spur zu sehen. Offensichtlich ist, dass hier tatsächlich mit zweierlei Maß gemessen wird. Journalistische Standards und die Einhaltung von Qualitätskriterien sollten oberste Priorität der Mediensender sein und nicht die Demütigung und eine gezielte herabwürdigende Akzentuierung von einzelnen Kulturund Religionskreisen. Einem westlichen Land anzugehören ist kein Freischein dafür, die Werte, Sitten und kulturellen Gepflogenheiten arabischer Länder regelrecht niederzutreten und zu einem öffentlichen Gespött werden zu lassen. Spannend bleibt, ob die westliche Welt über die Gastgeberländer der nächsten Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und USA im selben Umfang kritisch beäugen wird? Mit dem WM-Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ im Jahr 2006, begrüßte Deutschland tolerant, höflich und respektvoll seine Gäste. Wünschenswert wäre es gewesen, die Botschaft der Weltoffenheit und Toleranz länger als vier Wochen in Deutschland zu sehen und zu spüren. Allein im Jahr 2021 wurden insgesamt 1.051 homophob motivierte Straftaten registriert. Die hohe Dunkelziffer lässt sich kaum bemessen, da laut Berliner Polizei für queere Menschen, die Fälle nicht zur Anzeige gelangen oder unter der Allgemeinkriminalität zugeordnet werden . Das Ausmaß rechter, rassistischer und  antisemitischer Gewalt ist in Deutschland dramatisch. Die Bilanz aus dem vergangenen Jahr liefert erschreckende Zahlen. Trotz pandemiebedingter Ausgangsbeschränkungen ereigneten sich täglich bis zu vier rechte Angriffe . Die heterogene Gesellschaft in Deutschland erfordert ein stärkeres Verständnis füreinander innerhalb des multikulturellen Gefüges. Die Entstehung neuer kollektiver Identitäten erfordert die Akzeptanz fremder Sichtweisen und Sitten, ohne die Menschengruppe gegenüber zu diskreditieren. Zwanghaft die eigene Weltanschauung über eine andere Personengruppe stülpen zu wollen, ist keine sinnenhafte Lösung. In der aktuellen WM-Katar-Debatte sollten alle Beteiligten selbstkritisch vor der eigenen Tür kehren, bevor auf andere Länder mit dem Finger gezeigt wird.

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