Die Tränen der geknickten Tulpe

04. Dezember 2009





Mit falschen Versprechungen wurde Lale hergelockt. Aus der erzwungenen Prostitution konnte sie sich befreien, jetzt prostituiert sie sich freiwillig.


Von Janina Dragostinova

Lale sucht jemanden, der in nächster Zeit von Wien nach Bulgarien fahrt. Am besten mit dem Auto. Sie mochte ein Kinderfahrrad und Kinderkleidung nach Hause schicken. Sie fragt bei ihren Landsleuten herum, vielleicht findet sich einer. Sonst fuhrt Lale ein ruhiges, eintöniges Leben. Morgens steht sie gegen zehn Uhr auf, duscht, macht Kaffee, zündet sich die erste Zigarette an. Sie hat es nicht eilig. Sie kann sich ihre Arbeitszeit selbst einteilen. Die Küche der Zweizimmerwohnung ist eng. Ein kleiner Tisch, zwei Stuhle, ein Ofen, der Kühlschrank, abgenutzte Kuchenschranke. Mit ihrer Arbeit verdient Lale genug, aber sie will nichts Überflüssiges haben, nichts, was die Wohnung in ein Zuhause verwandeln konnte. Sie will sich an sie nicht binden. „Keine Gefühle!“ – so lautet ihre Lebensphilosophie. Die Wohnung teilt sie mit drei anderen Frauen. Jede zahlt 150 Euro Miete, hat ihr eigenes Bett, das genügt. Unter den Betten liegen große Reisetaschen, jederzeit bereit zur Abreise.

Angebot: Kellnerin in Wien

Gegen Mittag macht sich Lale zur Arbeit auf. Ihr Arbeitsplatz ist nicht weit. Sie wohnt an einer Seitenstraße vom Gürtel und arbeitet in einem der vielen Cafes zwischen Westbahnhof und Gumpendorfer Strae. Lale ist Prostituierte. Sie kommt aus Bulgarien, wo sie der türkischen Minderheit angehört und ist durch einen in Österreich lebenden Türken nach Wien gekommen. Doch das ist schon sechs Jahre her, damals war sie 20 und hatte einen Sohn mit acht Monaten. Der österreichische Türke war in Lales Dorf gekommen und hat ihr Arbeit angeboten. In Wien. Als Kellnerin. Sie überlegte nicht lange. In Wien fand sie bald heraus, dass sie nicht als Kellnerin, sondern als Prostituierte arbeiten sollte. „Ich erinnere mich sehr deutlich an den ersten Kunden“, erzählt Lale. „Er war Österreicher, in meinem Alter. Ich versuchte ihm verständlich zu machen, dass ich das nicht will. Es half nichts, ich musste es tun. Im Übrigen war der Junge nicht so schlimm. So weise und zarte Haut hatte ich noch nie gesehen. Trotzdem fuhlte ich mich wie eine Tulpe, die man geknickt hat.“ Lale bedeutet auf Türkisch und Bulgarisch Tulpe. Nach zwei Tagen hat sie zu weinen aufgehört: „Weil ich begriff, dass mir das nichts bringt, außer Kopfschmerzen. Ich aber hatte in Bulgarien ein Kind zurückgelassen, dem musste ich Geld schicken.“ Die ersten sechs Monate in Wien lebte Lale bei dem Türken. Den ganzen Verdienst musste sie ihm abliefern, und am Ende jeder Woche bekam sie 100 Euro, die sie nach Bulgarien schickte. Auf einmal wurde er aggressiv, begann Lale zu prügeln, verlangte mehr Geld. Drei Monate lies sie sich das gefallen, dann zeigte ihn Lale bei der Polizei an. Er wurde wegen Menschenhandels und Zuhälterei zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Lale war frei und konnte nach Bulgarien zurückkehren. Sie wollte nicht. Sie sah die Chance, selbstständig zu arbeiten. Als Prostituierte.

 

Leichtestes Geld der Welt“

Das ist das leichteste Geld auf der Welt. Warum sollte ich die Situation nicht nutzen?“ Inzwischen lernte sie einen besseren Mann kennen. Auch Aidjan ist Türke mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Er unterschreibt bei der Polizei, dass er für Lale sorgen wird, damit sie die Aufenthaltsgenehmigung bekommt. Und das tut er wirklich. Er bezahlt ihr auch einen Deutschkurs. Aidjan hat ihr vorgeschlagen, zu ihm zu ziehen, doch Lale will nicht. Keine Gefühle, keine Bindungen. „Aidjan ist nur ein guter Freund, kein Zuhälter“, sagt sie. „Manchmal braucht man jemand, mit dem man sich aussprechen kann.“ Lales Kunden wollen auch nicht immer Sex. Einige mochten nur reden. „Ich tue also so, als horte ich zu, in Wahrheit interessiert mich ihr Leben nicht. Aber das ist nun mal mein Job.“ Für die Männer, die Sex haben wollen, stellt Lale eine Bedingung: Nur mit Kondom. Ihre Kunden findet Lale im Cafe. Wenn sie auf der Straße arbeiten will, muss sie sich registrieren lassen. Sie arbeitet aber lieber illegal, vor allem aus Angst, dass ihre Familie in Bulgarien erfahrt, was sie wirklich macht. Die Menschen in ihrem Dorf glauben, sie sei Kellnerin. Mit ihren Freiern geht sie ins Hotel neben ihrem Cafe. An der Rezeption bezahlt der Kunde 36 Euro für drei Stunden. Normalerweise bleiben sie nicht langer als vierzig Minuten. „Ich schließe die Augen, und er kann machen, was er will. Ich empfinde nichts, auch nicht gegenüber Stammkunden. Eine Frau, die am Fließband Schuhe herstellt, entwickelt ja auch keine Gefühle zu den Schuhen, oder?“

 

Zuhause ein Haus gebaut

Für einen Besuch verlangt Lale 50 Euro. Das reicht, um ihr Leben zu finanzieren und jede Woche 500 Euro nach Bulgarien zu schicken. Sie verdient viermal mehr als ein Universitätsprofessor in Sofia. Davon weiß Lale nichts, aber sie ist stolz auf ihr hat die Familie schon ein zweistöckiges Eigenhaus gebaut. „Ich arbeite für meinen Sohn“, sagt Lale und zeigt den Bekannten im Cafe das Foto des Kleinen, gespeichert auf ihrem Handy. Gleich darauf erscheint ein Pornoclip. Alle lachen, auch Lale. „So ist das Leben nun einmal, man muss hart sein“, sagt sie und fragt plötzlich ernst, ob jemand in nächster Zeit nach Bulgarien fahrt. Am besten mit dem Auto. Sie mochte ein Kinderfahrrad und einen kleinen Anzug schicken. Ende des Monats hat ihr Sohn Geburtstag. Wird sie ihrem Sohn eines Tages sagen, als was sie gearbeitet hat? „Nein, auf keinen Fall.“ Irgendwann werde sie ins Heimatdorf zurückkehren. Einen Wunsch hat sie: Sie mochte ihrem Sohn Wien zeigen. Die Stationen der U6: die Thaliastrase, die Burggasse, den Westbahnhof, die Gumpendorfer Straße, die ganze Gegend, die sie selbst kennen gelernt hat. Schließlich ist Wien eine schone Stadt.

 

 


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Kommentare

 

voll guter artikel. leider geht er a bisl unter im magazin.

eine "fortsetzung" wäre interessant

 

...ja so ist das leider, eine Prostituierte verdinet in Wien 4 mal so viel wie ein Uniprof in Sofia, so ist das nun mal, aber...zu Lale...ich kann das verstehen, obwohl...naja...auch hier könnte man stundenlang diskutieren ob das moralisch in Ordnung ist, denn meiner Meinung nach ist Prostitution keine Lösung, man muss sehr hart sein um das machen zu können, ich könnt das nie, hab einfach eine andere Erziehung bekommen, und auch wenn ich Klo´s putzen gehe, ist mir das lieber als anschaffen zu gehen, so eine Demütigung über sich ergehen zu lassen, seinen ganzen Stolz verlieren...für mich niemals...aber Lale hat ja einen guten Grund...ihrem Sohn ein schönes Leben zu bieten...Geld, Kleidung, Spielzeug, wahrscheinlich ist ihr Sohn, der reichste in seiner Klasse, aber was bringt ihm das? nicht das ganze Geld der Welt, kann ihm seine Mutter ersetzen, die er nur 3 mal im Jahr sieht...

....aber...aber...aber...

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