Die vergessene Pflegerin

08. April 2020

Die 24-Stunden-Pflegerin Valerija Kositer sitzt an ihrem Arbeitsplatz in einem Haus in Wien-Liesing fest. Die Rückkehr nach Kroatien ist unleistbar. Kositer fühlt sich von der österreichischen Politik im Stich gelassen, so wie viele ihrer Kolleginnen. Ein persönlicher Appell ans Nicht-Vergessenwerden. 

Von Valerija Kositer und Jara Majerus, Foto: Zoe Opratko 

Heute ist ein grauer Apriltag in Wien. Draußen ist es kalt. Ich verlasse das Haus und mache mich auf den Weg in Richtung Wiener Wald, der am Ende der Straße beginnt, und achte darauf, keinen Menschen zu begegnen. Momentan befinden wir uns im Ausnahmezustand. Wir müssen auf uns aufpassen, soziale Kontakte meiden und eigentlich sollten wir zuhause bleiben. Ich heiße Valerija Kositer, bin 55 Jahre alt und kann nicht zuhause bleiben. Denn ich bin nicht zuhause, sondern in Wien. Hier, im 23. Bezirk, arbeite ich als Krankenpflegerin und kümmere mich 
um einen alten, dementen Mann, der allein lebt. Normalerweise sorge ich zwei Wochen für ihn und fahre dann nach Hause, nach Petrinja, zu meiner Familie. In der kleinen kroatischen Stadt war ich aber schon seit fünf Wochen nicht mehr. Ich kann nicht zurück, kann nicht nach Hause. Ich stecke fest. Die Grenzen sind zu, mein Flug wurde abgesagt und auch sonst gibt es keine leistbaren Verbindungen in mein Heimatland. Als es in den Nachrichten hieß, dass die Grenzen dichtgemacht werden, war unklar, ob meine Kollegin aus der Slowakei ihre zwei Arbeitswochen im Haus des alten Herren antreten und meine Schicht ablösen kann. Deshalb blieb ich hier. Einfach zu gehen und den Mann allein zu lassen, das konnte ich nicht. Das wäre unmenschlich gewesen. Für die Gesellschaft bin ich als Pflegerin austauschbar, ich weiß das. Aber für den alten Mann, den ich betreue, bin ich das nicht. 

Foto:Zoe Opratko
Foto:Zoe Opratko

Alles steht still

Meine Kollegin schaffte es gerade noch rechtzeitig, mit ihrem Auto aus der Slowakei nach Wien zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich Österreich aber schon nicht mehr verlassen. Ich habe die Botschaft kontaktiert. Dort hieß es, ich solle mit dem Zug, dem Bus oder dem Taxi bis an die slowenische Grenze fahren und dann müsse mich eben jemand abholen. Aber mein Mann darf mich nicht abholen. Er darf meine Heimatgemeinde in Kroatien, Petrinja, nicht verlassen und erst recht nicht nach Slowenien oder gar Österreich einreisen. Dabei würde er ja gar nie aus dem Auto aussteigen. Wir würden nirgendwo anhalten und niemanden anstecken. Aber für mich und all die anderen Frauen in meiner Situation macht die Regierung keine Ausnahme. Wir sind nicht wichtig genug. Wir sind nur die Pflegerinnen. Wir sind nur die Leute, die sich um die Alten und Kranken kümmern. Wir Pflegerinnen wurden vergessen. Ich wollte es nicht wahrhaben und ich habe mir diesen Gedanken lange verboten. Aber wir wurden vergessen und das schmerzt. Ich habe akzeptiert, dass ich länger als geplant hier bleiben muss. Ich habe Geduld, aber ich sehe keine Überlegungen, ich sehe keine Lösungsvorschläge. Ich habe versucht, mir einzureden, dass die Regierung schon nach einer Lösung sucht, um uns nach Hause und wieder zurück zu unseren Arbeitsplätzen in Österreich zu bringen. Aber das ist nicht der Fall. 

Foto:Zoe Opratko
Foto:Zoe Opratko

Unmögliche Maßnahmen

Die Maßnahmen, die die Regierung
 bis jetzt für uns beschlossen hat, sind unmöglich durchzuführen. Denn wenn wir es irgendwie in unsere Heimatländer schaffen sollten, müssen wir uns automatisch in eine zweiwöchige Quarantäne begeben. Wenn wir danach für die Arbeit zurück nach Österreich möchten, müssen wir mit einem Test nachweisen, dass wir uns nicht mit dem Coronavirus infiziert haben. Diesen Test können aber nur jene machen, die Symptome für das Virus aufweisen. Wenn ich an der österreichischen Grenze keinen negativen Bescheid nachweisen kann, darf ich zwar nach Österreich einreisen, muss aber auch hier zwei Wochen in Quarantäne. Nur wo? Viele Pflegerinnen dürfen nicht bei den Menschen, die sie pflegen, in Quarantäne gehen. Das wäre kontraproduktiv und lebensgefährlich für die pflegebedürftigen Menschen. Wieso werden nicht einfach Shuttlebusse organisiert, die uns über die Grenzen bringen? Wieso erhalten wir und unsere Agenturen nicht mehr Informationen von der Regierung? Wieso interessiert sich niemand für uns? Die Unsicherheit und die geringe Wertschätzung für unsere Arbeit machen mich und meine Kolleginnen schwach und wütend. 

Der Applaus bleibt aus

Ärzte und Krankenschwestern wurden durch die Krise zu Helden, denen man applaudierte. Wir Pflegerinnen aber blieben vergessen. Wir sind keine Leute, die zu Helden wurden. Wir sind keine Leute, die die Situation retten. Wir sind keine Leute, um die sich die Regierung kümmert. Dabei tragen wie alle in dieser schwierigen Situation eine Last. Diejenigen, die Tag und Nacht in den Spitälern arbeiten, diejenigen, die durch die Krise ihre Arbeit verloren haben, diejenigen, die in den Supermärkten arbeiten und auch wir Pflegerinnen. Alle sprechen davon, dass wir in dieser Situation zusammenhalten müssen. Aber der Zusammenhalt schließt uns nicht ein.
 Er hört bei uns auf. Dabei leisten wir in diesem Land nicht bloß eine Arbeit. Wir haben nicht nur einen Beruf gewählt, sondern einen Lebensweg. Und dafür erfahren wir nicht genug Anerkennung, denn wir sind nur die Pflegerinnen. Unsichtbar und unerwähnt. Wenn die Regierung entscheidet, dass wir weiterhin nicht ausreisen können und noch zwei Wochen oder gar zwei Monate in Österreich bleiben müssen, dann bleibt uns keine Wahl.

 

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

„Mein Leben in Petrinja wartet auf mich.“

Niemand fragt sich, welche Auswirkungen das für uns hat. Wir alle haben unsere eigenen Leben zuhause, wir haben Familien. Wir alle haben Probleme, mit denen wir uns beschäftigen müssen und Dinge, die wir in unseren Heimatländern erledigen müssen. Wenn ich in Wien bin, dann pausiere ich alles in Petrinja. Seit fünf Wochen wartet mein Leben in der kleinen Stadt auf mich und ich weiß noch nicht mal, wann und wie ich zurückkomme. Ich werde mit Sicherheit noch einen Monat hier bleiben müssen und es scheint niemanden zu sorgen oder zu kümmern, was das für mich bedeutet. Dabei sind wir Pflegerinnen für die Gesellschaft und die Gemeinschaft da. Wir tragen unsere Verantwortung und bringen Opfer. Dafür wollen wir keinen Applaus. Wir wollen nur nicht vergessen werden. 

Foto:Zoe Opratko
Foto:Zoe Opratko

WISSENSWERT: 

Das sagt das Gesundheitsministerium: 

“Die COVID19-Pandemie stellt die Situation der 24-Stunden-Betreuung vor besondere Herausforderungen. Durch verstärkte Grenzkontrollen und Grenzschließungen kam es für 24-Stunden-BetreuerInnen aus den süd-ost-europäischen Ländern zu Hürden bei der Einreise. Wir wissen, dass das BMEIA (Außenministerium) laufend in Kontakt mit den jeweiligen AußenministerInnen der Herkunftsländer der Betreuungskräfte steht, um auch für diese Personengruppe die Einreise in ihre Heimat zu erleichtern. In der letzten Videokonferenz zwischen dem Gesundheitsminister und den neun LandessozialreferentInnen wurde vereinbart, dass Betreuungskräften, die ihren Turnus in Österreich verlängern, ein einmaliger Bonus in der Höhe von 500 Euro ausbezahlt wird. Unser oberstes Gebot ist der Schutz der Pflegebedürftigen sowie derjenigen, die für die Aufrechterhaltung unseres Pflegesystems essentiell sind – und dazu gehören zweifelsfrei auch die 24-Stunden-BetreuerInnen.” 

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Wissenswertes zur 24-Stunden Pflege und Betreuung

Bei der 24-Stunden Pflege werden betreuungsbedürftige Menschen von Personen unterstützt, die im selben Haushalt leben. Meistens wechseln sich zwei BetreuerInnen ab und leben jeweils für zwei Wochen bei der zu pflegenden Person. Je nach Bedarf wird beim Einkaufen, Kochen, Anziehen, Spazieren oder der Körperpflege geholfen. Aktuell gibt es in Österreich ca. 62.000 registrierte PersonenbetreuerInnen, fast alle sind Frauen. Knapp die Hälfte von ihnen kommt aus Rumänien, ein Drittel aus der Slowakei und nicht einmal zwei Prozent aus Österreich. Daher treffe die Coronakrise sie besonders, erklärt Veronika Bohrn Mena, Expertin für prekäre Arbeitsverhältnisse: „Die Familien hier haben Angst, dass sie die Pflegerinnen verlieren. Diese haben selbst Familie, sind auf das Geld angewiesen und müssen sich entscheiden: Bleibe ich hier, verstoße gegen das Gesetz und sehe meine Familie nicht mehr oder fahre ich nachhause und kann eventuell nicht zurückkommen?“ Die Arbeitszeit von 238 Stunden in zwei Wochen wird mit um die 1000 Euro entlohnt. „Wir bezahlen Arbeit nicht nach ihrem gesellschaftlichen Wert, sondern nach Anerkennung.“, so Bohrn Mena. Bevor die PflegerInnen einreisen, müssen sie sich testen lassen: „Das Risiko ist für sie selbst und die Pflegebedürftigen sehr hoch.“ Da die Personenbetreuung ein freies Gewerbe ist, sind die Pfleger*innen fast immer selbstständig. Sie müssen sich selbst versichern und haben keine Arbeitslosenversicherung. „Wenn sie nicht arbeiten, bekommen sie nichts.“, ergänzt Veronika Bohrn Mena. Síe hofft, dass wir durch die Krise lernen: „Die Pflegerinnen brauchen rechtlichen Schutz und höheren Lohn. Wir dürfen niemanden vergessen. Auch nicht die Alten und die, die sie pflegen.“

 

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