Drive-by-Dating in Teheran

09. Februar 2009

 

Ein halb aufgesetzter Schal, enge Jeans und ein möglichst kurzer Mantel. Junge Frauen im Iran hält das Regime nicht davon ab, sexy durchs Leben zu gehen. Angebandelt wird, wenn die Revolutionswächter nicht zusehen können – beim langsamen Cruisen durch die Millionen-Metropole.

Wenn am Donnerstag das Wochenende beginnt und sich die Sonne langsam hinter dem Alborsgebirge senkt, füllen sich die Straßen und sechsspurigen Autobahnen der 14-Millionen-Metropole Teheran mit Autos. Smog verhüllt die Sterne und das Drive-by-Dating kann losgehen. Jene, die sich ein Auto leisten, fahren dann langsam parallel, riskieren Blicke und – das Endziel des Manövers – tauschen dann möglichst unbemerkt ihre Handynummern aus. Das kann schon mal einen Verkehrskollaps auslösen.

Hormone gegen Dogmen
Das ist den Kids egal, denn selbst der scharfäugigste Revolutionswächter kann sie hier nicht überwachen. Und bei einer Bevölkerungsstruktur mit 70%- igem Anteil an unter 30-Jährigen, besiegen Hormone alle religiösen Dogmen. Jugendliche im Iran sind nicht anders als ihre europäischen Altersgenossen. Sie tragen lieber Markenkleidung als Bomben. Ihre Idole sind Popstars und nicht Politiker. Sie wollen flirten, lieben, leben und lachen. Genau wie ihr.
Allerdings sind die Umstände ihres Jungseins anders als in Europa. Iranische Kids können nicht einfach so „drauflosflirten“. Das Regime überwacht rigoros jedes Treiben, das zu vorehelichem Kontakt führen könnte. Deswegen müssen die Kids hier erfinderisch sein – und die Flirtmittel des 21. Jahrhunderts voll nutzen. Mehr und geschickter als ihr.

Dresscode und Nasenoperation
Das Arsenal der Kids gegen die Tugendwächter ist breit: Internet und SMS ermöglichen eine unbemerkte Kommunikation. Beliebt ist auch der Flirt an überfüllten Orten wie  Shoppingmalls oder „Gemeinschaftsparks“, wo sich am Abend zahlreiche Großfamilien zum Abendessen oder zum Spazierengehen einfinden. Die Malls haben noch den Vorteil, alles im Angebot zu haben, was man zum „Sehen und Gesehenwerden“ braucht.
Was heute in Teheran als „fashion statement“ getragen wird, ist morgen in Isfahan oder Shiras Mode. Der Dresscode ist nicht unbedingt teuer, aber auffallend: ein halb aufgesetzter Schal, enge Jeans und ein möglichst kurzer Mantel. Schals in grellen Farben sind angesagt, gefärbte Haare, ob nun blond oder brünett mit Locken.
Es wird auf jedes Detail Wert gelegt. Marken wie Dior und Chanel sind schon längst bekannt und werden in allen „Megamalls“ angeboten. Vor allem Beauty-Produkte sind im Iran heiß begehrt, es gibt eigene mehrstöckige Geschäfte, die Schminke, Parfüms, Cremés, und alles andere an Kosmetik verkaufen.
Das andere „fashion statement“ ist eine Nasenoperation. Und die Kids machen das so mutig, als ob sie nie von Michael Jackson gehört hätten. Denn Nasenoperationen liegen absolut im Trend. Das Pflaster, das sowohl Mädchen wie Junge auf der Nase tragen, ist ein Statussymbol. Auch ein möglichst teures Handy – und für die, die sich es leisten können, sind große ausländische Autos ein „Must-have“.

Luxus vom Persischen Golf bis Dubai
Musikalisch sind die „Javoon-ha“, so lautet dass Wort für Teenager auf Persisch, voll in der iranischen Popszene. Die meisten Lieder, die sie hören, handeln von Liebe und Zuneigung. Wie übrigens überall auf der Welt in diesem Alter. Seit Neuestem ist aber auch Persischer Hip-Hop in den Autoradios der jungen „Teherani“ zu hören.
Die reiche Teheraner Jugend trifft sich hoch in den Bergen zum Skifahren und Snowboarden. Dort herrscht eine ausgelassene Stimmung und das Kopftuch kann dabei auch leicht „abfallen“. Wirkliche Sorgen kennen sie nicht, auf Ferienreisen tummeln sie sich auf der Insel Kisch am Persischen Golf, das vielen als zweites Dubai bekannt ist. Dort gibt es viele Luxus-Hotels und Ferienanlagen, die alle möglichen Aktivitäten anbieten. Wenn sie sich entspannen und dabei europäisches Klima haben wollen, fahren viele zu ihren Villen im Nordwesten des Iran (Shomal). In dem Gegend  ist es kühl, es gibt schöne Wälder und Berge mit weißen Schneespitzen, ganz so wie in Europa. 

Den Ärmeren bleiben immer noch die zahlreichen Internetcafés und ein Handy der vorvorigen Generation. Ganz so wie in Europa.

 

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Kommentare

 

Netter Beitrag
aber das sind eher Einzelfälle
Die Wahrheit schaut leider ganz anders aus
40 % im Iran leben in bitterer Armut ohne irgend welche Perspektiven
ohne Bildung oder geschweige Aussicht auf Arbeit
cirka 4 % der Bevölkerung sind schwerstens Opium abhängig
4% klingt nicht viel, aber das sind immerhin 4 Millionen Menschen
Weltweit (prozentuell gesehen) das Land mit den meisten Drogensüchtigen
und dann noch das schwere Joch der Religion im Iran.
Die verschiedensten Unterteilungen des Islam verfolgen sich gegenseitig bis aufs Blut
zigtausende werden deswegen gezwungen ihre Heimatorte zu verlassen und sich wo anders anzusiedeln
Die Regierung unterliegt Religiöser Autorität
Da ist kaum Platz für jungendliche westliche träumerei
Es ist immer noch normal und alltäglich, dass Gerichte Strafen wie Amputationen von Gliedmaßen, Prügelstrafen oder Augen Ausstechen anordnen
Cirka 80 % der Bevölkerung sind Analphabeten
Seit 1979 hat man ein neues Bildungssystem eingeführt, dass gegenüber den westlichen Systemen eigentlich ein Riesen Schritt nach hinten ist
im Gegenteil, man sieht es eher ungern wenn Frauen überhaupt lesen können
Schiiten regieren das Land und verfolgen mit einem ungeheuren Eifer alle anderen Religionsformen

ich glaube bei all diesen Zuständen, sind neue Handys wirklich nur Einzelfälle und Nebensache

 

Sogar Ahmadinedschad, el presidente persönlich, soll das eine oder andere Pfeifchen inhaliert haben... bin ich da richtig informiert?

Und aus sicherer Quelle weiß ich, dass es auch unter Jugendlichen eine extrem offene Partyszene im Iran gibt, die Drogen nehmen, die einem Normalsterblichen nicht einmal ein Begriff sind.

Love & Peace

 

Ich kenn Leute, die regelmäßig auf Entzug gehen, wenn sie vom Persien-Aufenthalt nach Wien kommen.

 

...über den Iran und das Leben in Teheran. (Arte sowieso der beste Sender den gibt) Eine Künstlerin erzählte im Interview, dass sie ihre Arbeiten nicht ausstellen könne, weil das vorher durch staatliche Instanzen geprüft werden müsse. Und sie reicht auch nicht ein, weil ihre Zeichnungen figurativ sind. Sie zeichnete Selbstportraits, in der nackte Beine zu sehen sind.

Da habe ich mir gedacht, wie hart das ist in so einem kontrollierten System zu leben. Als Künstler, Musiker,...
Die Menschen sind nicht schuld daran, wenn mal die Diktatoren an der Macht sind - ist das echt schwer, die da wieder runter zu kriegen mit demokratischen Mitteln.

Also viele jungen Menschen die man interviewte haben ihr Unglück über die zustände geäußert, etc...
Wir können uns das hier ja nicht mal richtig vorstellen, dass wer kommt und einen verhaftet, weil man miteinander redet (also Mann und Frau).

Aber das lustige war, dadurch das in den Haushaltswerbungen nur ausschließlich Männer vorkommen - sogar für Waschmittel und so, weil sie ja keine Frauen zeigen dürfen.

Wieso so ein Verdrängung des weiblichen statt findet (?!), wenn man bedenkt, was für eine fesche aufgeschlossene Frau Farah Diba war bzw. ist. Das erinnert mich bisserl an die Hexenverbrennungen in Europa, in der Zeit wo man der weiblichkeit mit soviel Hass, Angst, begegnet ist. Wieso so eine Verdrängung des weiblichen Prizips durch die Männerwirtschaft?! Ich verstehe es einfach nicht.

Und dann sind mir noch viele Frauen aufgefallen, die das Kopftuch, dass eher einem Schal ähnelte, um den Kopf trugen, wo man auch die Haare sehen konnte in der Öffentlichkeit (?!)

Es muss voll hart sein für die Intelektuellen und künstlerisch schaffende Menschen, so ein unfreies Leben zu führen. Aber ich denke irgendwie arrangiert man sich halt bzw. muss man ja.

 

iri

Also ich glaube nicht das es Einzelfälle sind, jeder sucht doch dort nach liebe und zuneigung, wie bei uns in indien, hab auch so ne doku auf phoenix gesehen über ein junges verliebtes mädel im iran. egal ob nun arm oder reich. Das wenige, dass die menschen besitzen, dass sind eben nur dinge, die sie, als Prestige herzeigen können.

Aber arm sind sie auf jeden Fall geworden, es kommt nichts zu den Menschen zurück, der Lebensstandard ist sehr gesunken. Die Gesellschaft ist voller Intrigen, Verboten, Morden, Verschleierungen, Affären, sehr komplex geworden.

Die Regierung unterliegt nicht der Religiösen Autorität, sie ist Religiöse Autorität.

es gibt "offiziell" keinen Platz für Träumerei, aber es wird dort trotzdem, wie in einer Parallelgesellschaft prostituiert, misshandelt, alkohol getrunken, partys etc. wichtig dabei ist, alles heimlich zu machen. Viele machen es gerade aus dem Grund, weil es verboten ist.

Das Land hat deswegen soviel opiumsüchtige, weil die Regierung die Menschen vor allem aus den Bildungsfernen schichten, aber auch aus der fast nicht mehr vorhandenen Mittelschicht "betäubt", die menschen sehen keinen ausweg, tag für tag wird es teurer und schlechter.
hier nehmen kids und teenies drogen weil ihnen langweilig ist, dort werden drogen genommen um aus diesen unglaublich schwierigen alltag heraus zu kommen, den man sich in europa nicht mal ansatzweise vorstellen kann.
deswegen werden ihnen drogen indirekt, quasi durch den staat angeboten um nicht so viel zu hinterfragen.

80% unBildung beim Antritt von Reza Pahlavi. Denn mittlerweile gibt es eine ausgezeichnete Hochschulabsolventenrate, und sehr wenige ungebildete. Die Bildung ist hier nicht das Problem, sondern sehr viel mehr, dass man trotz Uni-Abschluss arbeitslos ist und die religiösen Linien vorgereiht werden und dadurch man in die Depressivität versinkt, weil teilweise....basij aus den ärmeren südlichen Teheran, erfahren ihre Bildung, indem sie sich als Basij Milizen, von jung an, anmelden um später, den für sie reservierten Platz an einer Elite Uni anzunehmen, ohne Prüfungen gemacht zu haben + die Famliien, der im Krieg gefallenen (Kinder)Soldaten.

Frauen: Vor allem Frauen drängen auf den Arbeitsmarkt, und müssen integriert werden. Grundsätzlich ist dass Bildungssystem, was das Niveau angeht, nach hinten los gegangen. Es gibt zwar viele Absolventen, aber das, was ihnen auf der Uni beigebracht wird, ist sehr niedrig, und wenn passend dann will man auch hier Pasdaran aus den eigenen Kadern einbetten.

Das man es ungern sieht, dass Frauen lesen können, ist aber absolut falsch, das kann bei der taliban bzw pashtunen in Afghanistan sein, oder auf Anatolischen Berghöhen, ab nicht im Iran. Da liegt ein Missverständnis des Frauenbildes im Iran vor.

Dort ist es gang und gebe, dass Frauen eine bedeutende Rolle spielen, sie haben leider sehr wenig Rechte und werden zurückgereiht, aber "ungern" ist da niemanden, wenn sie lesen kann. Frauen sind von sich aus, bestens ausgebildet und selbständig.

In Zukunft soll Iran mit Basij auf allen Gesellschaftichen Ebenen arbeiten (Technolgie, Wirtschaft, Politik, sogar Kunst!), nicht nur im Märtyrerkampf, was ja bekanntlich, die inspiration für viele andere fundamentalistische Gruppen im Nahen Osten und auf der ganzen Welt wurde. Gerade bei Ahmadis antritt, wurden viele Spitzenpositionen durch „einen von Ihnen“ besetzt.

Der Schiitische Islam sieht sich mehr oder weniger per eigendefinition, als mystisch, als die "unverstandenen", "leidenden" und "trauernden", oder auch unter erzklerikalen, die "reinste form des islam", wobei es unter den schiiten wieder 3, 5, 12 Imam schiiten gibt und bezogen auf den Iran, Linien wie ZB Linie Khomeini, Rafsanjani, zu unterscheiden ist. Diese Linien sind wichtig für das politische Gewicht im schiitisch-politischen Iran und wer gerade etwas zu sagen hat.

 

Das ändert leider alles nichts an der Unterdrückung der Frau in solchen Systemen
Indien ist da ein sehr gutes Beispiel auch wenn man das von einer ganz anderen Seite betrachten sollte
Mitgiftmorde, Tötung weiblicher Babys, Abtreibung weiblicher Föten (über 80% der abgetriebenen Föten sind weiblich), Hexenglauben, unzureichende medizinische Versorgung, Müttersterblichkeit, Frauen werden als Ursache allen Übels auf der Welt betrachtet.
150 000 Frauen (Mädchen)sterben pro Jahr in Indien weil sie schon als Kinder geschwängert werden und die Geburt nicht überleben
Im Osten Indiens herrscht immer noch in vielen Dörfern Hexenverbrennungen
1997 setzte sich Ministerpräsident Kumar sehr für die Frauenrechte ein
Er musste im gleichen Jahr zurücktreten weil er auf so viel widerstand aus den eigenen Reihen erdulden musste

Auf der anderen Seite steigert sich die Lebensqualität in grösseren Städten
10% der Politiker sind weiblich

Hierzu ist ein Buch zu empfehlen: "Die Tochter ist das ärgste Elend" von Anna Reiter

 

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sicherlich stimmen wir da überein, die frau wird unterdrückt, dass sehe ich auch so und finde es sehr schlimm, da gibt es bestimmte "werte" und traditionen und die meisten, die in solchen systemen leiden... kommen aus sehr schlecht entwickelnden gegenden, wo die tradition und die religion alles bestimmt, gerade in indien. wo die frauenunterdrückung in der summe aller anderen probleme untergeht. Das ist dann leider das kleinere übel.

Bzgl Bücher gibts viele die Lesenswert sind und viele die einfach schund sind. Dabei, sollte man immer beachten wer und warum, dass Buch geschrieben wurde, es gibt immer "Geistige" Lobbyisten, die gerne bereit sind ein Buch zu finanzieren, dass dann vieles unterschwellig schreibt und die menschen im westen glauben vieles bzw. sind immer liberal, das führt dann dazu, dass eben diese systeme legitimiert werden bzw. man dann sagt; gut haben wir zB die Reformer im Iran, dann ist alles ok, dass ist es aber nicht (!) gerade unter khatami sind die meisten razzien in studentenwohnungen und anlagen durchgebracht worden. Daher werden aus all dem Elend nur das Frauenproblem unterstrichen, da muss man aufpassen.

Beide Systeme, aber besonders, dass iranische sind ein unheil und müssen weg. Wenn dass geschieht, kann man dann als zweite Frage, die Frage der Frauenrechte beantworten. Aber dass Hauptproblem ist das Regime. VIele dieser Bücher handeln über die Frauenprobleme aber legitmieren in Gewisser Art und Weise, die Basis, das System.
Daher kann man zur Erkenntnis kommen, dass das einzige Problem Frauen sind. anderes Bsp. Shirin Ebadi wird ausgezeichnet, und alles ist wider gut, wir haben jetzt den frauen im iran ein sprachrohr gegeben...daher ist es nicht nötig einen regimewechsel durchzusetzen, es werden aber trotzdem im gleichen bezirk 16- jährige an kränen aufgehängt.

 

ja, und es gibt drogen billiger als benzin zum tanken etc. Die machen dort alle ganz andere Partys. Ich hab auch gehört, das es dort voll abgeht, mit girls und so.

Nicht nur der Presidente sondern auch die Ayatollahs nehmen tiefe züge.

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