„DU WUTMUSLIMA – NICHT SCHON WIEDER DIE OPFERSCHIENE!“

01. Dezember 2020

„Politischer Islam!“ - „Das hat nichts mit dem Islam zu tun!“ - „Opfer-Täter-Umkehr!“ Während sich Islamexperten in österreichischen Qualitätszeitungen ein intellektuelles Battle liefern und damit für Aufsehen in der Twitterblase sorgen, bekommt die junge biber-Community auf Instagram davon kaum etwas mit. Sie debattiert bewusst lieber unter sich. Denn nach den Attacken in Frankreich, dem Terrorattentat in Wien und der Großrazzia gegen österreichische Muslimbrüder ist die Stimmung emotionalisiert. Vorwürfe stehen im Raum und schaffen Lager: Wer von Rassismus spricht, sei stets das Opfer. Wer kritisch ist, werde gebasht. biber hört zu – und zwar abseits der Expertenblase.

Von Delna Antia-Tatić, Illustrationen: Zoe Opratko

"Ja, Oida, ehrlich, hast du denn über nichts anderes zu reden? Kehr mal vor deiner eigenen Haustür!“ Solche Sätze kennt die 17-Jährige Sihaam Abdillahi zur Genüge. Immer wieder, wenn sie Rassismus anspricht, spielen Mitschülerinnen und Mitschüler ihre Aussagen herunter. Dabei ist es recht offensichtlich, dass Sihaam die ganze Palette kennt: Sie ist eine Frau, sie ist schwarz, sie trägt Kopftuch. „Ich biete viel Angriffsfläche.“ Auch Kids mit Migrationshintergrund zeigen sich von ihrer „Schiene“ genervt. Gerade solche mit Balkan-Background. „Die gehen bei Diskriminierung mit, aber nicht bei Rassismus.“

Früher hat Sihaam sich davon einschüchtern lassen. Inzwischen ist die Österreicherin mit somalischen Wurzeln Landeschülervertreterin und lässt sich nicht mehr leise drehen. „Das ist eine schamlose Frechheit!“, antwortet sie heute, sobald ihr jemand die „Opferrolle“ vorwirft. Gerade in öffentlichen Debatten ist es ihr wichtig, mit Fakten und Statistiken zu reagieren. Besser rational als emotional, lautet ihre Strategie – die auch etwas mit Selbstschutz zu tun hat. Innen drin treibt sie jedoch eine Gefühlsmischung aus Wut, Frust und Ehrgeiz an. Sihaam empfindet sich in der Verantwortung (antimuslimischen) Rassismus als Thema zu strapazieren. Gerade wegen ihres „Phänotypus“, wie sie selbst sagt. Sie weiß, dass es um Repräsentation geht. Dennoch selektiert sie, wo sie medial auftritt. „Einem Max Mustermann vom ORF würde ich kein Interview geben.“ Warum, will ich wissen, immerhin hat biber mit ihr das 3min-Interview geführt (Seite 3). Weil sie damit schlechte Erfahrungen gemacht habe: So jemand habe keine Ahnung von Rassismus und Diskriminierung und vor allem nicht von seinen eigenen Privilegien, erklärt Sihaam. Mit dieser Medien-Selektion ist sie nicht allein. Auch die Journalistin Nour Khelifi teilte auf Instagram erst unlängst ihre Absage an die Redaktion von ServusTV, die sie zu „Talk im Hangar 7“ als Gast eingeladen hatten. Nour begründet dies in ihrem öffentlichen Posting damit, dass sie bei solchen Anfragen rund um „wie radikal sind Muslime“ und in "populistischen Formaten" nicht instrumentalisiert werden möchte. Anders als Sihaam geht es ihr nicht um einen Max Mustermann als Journalisten, sondern vielmehr um den Boulevard, wie sie es nennt. Anstatt  journalistischer Klarheit und Objektivität werden diese Themen nur weiter emotional befeuert und Polemik geschürt, angefangen vom Sendungstitel bis hin zur Besetzung von der Diskussionsrunde.  „In solchen Sendungen bekommst du erst gar nicht die Möglichkeit, deine Thesen anzusprechen. Man verteidigt sich von Anfang bis Ende“, schreibt sie. Die Journalistin empfiehlt anderen Muslim*innen, es ihr gleich zu tun und ebenfalls Einladungen zu dieser Sendung nicht anzunehmen. „Wir haben das nicht nötig“, beendet sie ihr Posting.

Zoe Opratko

„WIR KÖNNEN NICHT ANDERS ALS UNS ZU VERTEIDIGEN“

Doch nicht nur medial wird auf einen „Safe Space“ geachtet. Wie so viele Migrant*innen umgibt sich die Schulsprecherin Sihaam auch im Freundeskreis fast ausschließlich mit „PoCs“ – People of Color. Ähnlich die zweite Schülerin, mit der ich telefoniere. Sie ist gerade 18 Jahre alt geworden, geht auf ein Wiener Gymnasium und bezeichnet sich als Österreicherin mit arabischen Wurzeln. Auch ihr Freundeskreis ist homogen migrantisch: Man teile die gleiche Meinung, sagt sie. Auf die Schülerin, die anonym bleiben möchte, bin ich aufmerksam geworden, weil sie einen Kommentar der biber-Redakteurin Nada El-Azar so kritisch sah, dass sie es ablehnte, ihn für ein Projekt zu übersetzen. Mich überrascht das, immerhin erhielt der Text „All das wegen einer Zeichnung“ auf Social Media viel positive Resonanz – gerade aus der Community. Mich interessieren die Gründe für ihre ablehnende Haltung und frage sie danach. Verletzend sei der Kommentar, sagt sie mir am Telefon. Die biber-Redakteurin hatte in ihrem Kommentar die Meinung vertreten, dass keine Zeichnung, und sei sie noch so beleidigend, einen (barbarischen) Mord rechtfertigen könne. Doch die Schülerin mit der zarten Stimme am anderen Ende des Hörers argumentiert anders: „Mohamed-Karikaturen sind ein Tabubruch. Die Leute sehen das nicht ein.“ Ihr fehle im Kommentar die Begründung, warum für viele Leute die Karikaturen beleidigend seien. Opferschiene? frage ich mich innerlich instinktiv. Ich spreche die 18-Jährige auf die Verhältnismäßigkeit an, darauf, dass ein Mann geköpft wurde und wenn, doch nur er das Opfer sei. Sie antwortet: „Mord ist natürlich nie gerechtfertigt.“ Aber trotz ihrer sanften Art und lieblichen Stimme spüre ich den Frust: „Man muss verstehen, dass durchschnittlichen Muslime nur in Frieden leben wollen. Und wenn sie dann permanent in den Medien hören, dass sich schon wieder ein Muslim in die Luft gesprengt hat – dann kann man nicht anders, als sich zu verteidigen.“ Es verletze sie, wenn genau dieses Verteidigen ihr zum Vorwurf gemacht werde. Sie fügt hinzu, dass die Menschen den Unterschied zwischen Islam und Terror einfach nicht verstehen wollen würden. Ihre Strategie ist daher gegensätzlich zu jener von Sihaam: Sie hält sich raus. Sie will sich nicht einmischen, sie will ihre Ruhe. „Ich möchte mich nicht die ganze Zeit mit Nachrichten auseinandersetzen, das ist zu belastend.“ Ihre Informationen erhält sie über Instagram – konkret den Explore-Feed, wo sie Infos von muslimischen Seiten nach Algorithmen zugespielt bekommt. Nachrichtenportale wie derstandard.at oder die Angebote vom ORF verfolgt sie nicht.

So bekommt sie vom Streit der muslimischen Wissenschaftler Mouhanad Khorchide und Farid Hafez auf DiePresse.com nichts mit – genauso wie auch die Schulsprecherin Sihaam davon nichts weiß. Dass seit Wochen öffentlich in österreichischen Medien ein intellektueller Austausch um die Frage nach dem „Politischen Islam“ und um eine muslimische „Opfer-Täter“-schaft ausgetragen wird – davon wissen beide nichts. Was interessant ist, denn immerhin hören wir bei biber wiederholt, dass sich junge Muslime in den Medien nicht vertreten fühlen, dass sie ihre Stimmen vermissen und nicht selbst zu Wort kommen. Einerseits ist diese Kritik durchaus berechtigt. Andererseits scheinen sie aber auch Anfragen bewusst abzulehnen oder aber sie registrieren es nicht, wenn Muslime zu Wort kommen, so wie derzeit in den Qualitätsmedien. Das hängt aber wohl nicht damit zusammen, um fair zu sein, dass sie Muslime sind, sondern jung. Teenager, Schüler, junge Menschen tendieren nun mal weltweit dazu, ihre Informationen über eigene Social-Media-Kanäle zu erhalten, statt über ausgewiesene Nachrichtenseiten. Dadurch werden die eigene Meinung und vor allem die eigenen Gefühle meistens nur noch mehr bestätigt und bestärkt.

 

„DIESE PERSON WIRD SICHER GEBASHT.“

Interessant ist für mich, dass beide Mädchen trotz ihrer Unterschiedlichkeit, ähnliche Verteidigungsmechanismen verinnerlicht haben, wenn es um Djihadismus und den Islam geht. Beide sehen die Muslime hier vor allem als Opfer. Ihre Argumente sind nicht neu und bei Privatpersonen wie Institutionen gängige Reproduktionspraxis: Erstens schade der Djihadismus den Muslimen mehr als den Europäern und zweitens würde eine Distanzierung implizieren, dass sie damit etwas zu tun habe, erklärt mir Sihaam. Außerdem steige ja gerade nach solchen Attentaten der Hass auf Muslime. Und in der Tat, Sihaam selbst hat noch in der Nacht des Wien-Attentats diesen Hass zu spüren bekommen, indem ihr die Schuld dafür gegeben wurde, einfach weil sie Muslima ist. Die anonyme Schülerin bemüht am Telefon eine dritte beliebte Kritikabwehr: Sie habe den Koran gelesen und nichts darin gefunden, wo er zum Töten einlade. Quintessenz der Mädchen: Islamismus habe nichts mit dem Islam zu tun. Von selbstkritischen Stimmen aus der muslimischen Community nach dem Anschlag haben sie beide nichts mitbekommen. Ich erzähle ihnen vom ehemaligen Pressesprecher der IGGÖ Ruşen Timur Aksak und seinem Facebook-Posting, in dem er schreibt, dass Muslime sowohl Opfer als auch Täter seien. Beide wirken erstaunt. Sihaam meint: „Diese Person wird sicher gebasht.“ Die Schülervertreterin weiß, wovon sie spricht. Als sie einmal in einer Rede „ihre“ somalische Community kritisiert hat, ist sie selbst stark angegriffen worden. Damals hat sie das verunsichert und sie hat den Fehler bei sich gesucht. Heute denkt sie anders. Die Moscheen müsse man sich sehr wohl anschauen, sagt sie.

Ich rufe noch Asma Aiad an. Die Bloggerin und Künstlerin setzt sich seit Jahren gegen Rassismus ein und beeindruckt durch Aktionen, wie die Organisation einer Mahnwache an Portraits von Holocaustüberlebenden in Wien, nachdem diese zerstört worden waren. Dazu hatte sie die muslimische Jugend als auch andere Jugendorganisationen mobilisiert. Asma verbindet. Und dennoch: Dass ihr die „Opferschiene“ vorgeworfen wird, passiere ihr ständig. „Entweder werde ich als Opfer oder als die ständig wütende Muslimin dargestellt.“ Wutmuslima – das hat die Wienerin schon oft gehört. Doch anstatt sich nur dagegen zu verteidigen und immer weiter diese „Schiene“ zu bedienen, macht sie etwas anderes: Sie zeigt Handlungsmöglichkeiten auf. „Wenn man immer nur Rassismus betont, dann besteht natürlich die Gefahr, dass die Menschen selber in die Rolle der Opfer fallen – und daraus resultiert Ohnmacht.“ Das Gegenteil ist Asma wichtig: Selbstermächtigung und Handlungsfähigkeit. Wer von Rassismus betroffen sei, könne an die Medien gehen, Anzeige erstatten, sich an die Dokustelle für antimuslimischen Rassismus wenden oder sich Hilfe in den eigenen „PoC“-Reihen holen. „Man muss sich das nicht gefallen lassen!“ Es gibt zahlreiche Beispiele, wie Asma Vorfälle umgewandelt hat – indem sie beispielsweise Videos von rassistischen Übergriffen gegen kopftuchtragende Musliminnen so viral machte, dass sogar der Bundeskanzler den Angriff verurteilte, oder indem sie Crowdfunding organisiert. Ihr Ziel: Frauen sollen bei jeder Art von rassistischer Attacke schnell rechtliche und psychologische Unterstützung erhalten können. „Wir leben in einem Rechtsstaat, in einer Demokratie, es gelten die Menschenrechte“, betont Asma kraftvoll.

Zoe Opratko
"Die Regierung spielt mit dem Feuer."

 

„DIE RAZZIEN SIND WASSER AUF DIE MÜHLEN“ 

Gleichzeitig leben wir aber auch in einem Land, in dem die Hetze gegen Muslime durch Regierungsparteien zum Alltag gehörten. Sihaam, die Schulsprecherin, erinnert bei unserem Telefonat an die Wahl-Plakate der FPÖ – als nur ein Beispiel. Ich frage sie, wie sie denn die Rede des Bundeskanzlers nach dem Anschlag in Wien empfunden habe. Immerhin zeigte sich die biber-Community positiv überrascht, als Sebastian Kurz den Zusammenhalt in Österreich mit diesen Worten betonte: „Dies ist keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten. Dies ist kein Kampf zwischen den Vielen, die an den Frieden glauben, und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschen.“ Auch der Kurz-Kritiker, Autor und Journalist Muamer Bećirović fand, es sei „wahrscheinlich die beste Rede, die der Kanzler je gehalten hat.“ Sihaam findet Kurz‘ Worte absolut angemessen – und doch amüsant. „Ich halte nichts von One-Hit-Wonder-Bullshit. Seine Politik spricht andere Töne.“ Für sie war die „beste Rede“ nur ein „Image Ding“ aufgrund der internationalen Aufmerksamkeit, die Österreich zu dieser Zeit bekam.

Und wenn man sich das Vorgehen bei der Großrazzia gegen vermeintliche heimische Muslimbrüder anschaut, die nur eine Woche nach dem Attentat in Österreich mit 930 Polizisten stattfindet, dann scheint ihr Zweifel nicht unberechtigt. Seit der „Operation Luxor“ ist der Vorwurf des strukturellen Rassismus lauter geworden und der Frust in der Community gestiegen – das „Opfergefühl“ präsenter als zuvor. Und das scheint nicht unberechtigt, schließlich kam es zu keiner Verhaftung. Insgesamt erscheine die Grundlage der nächtlichen Hausdurchsuchungen fragwürdig, wie Presse-Chefreporterin Anna Thalhammer in einem Hintergrundgespräch bei Fjum, dem Forum für Journalismus und Medien, erzählt. Thalhammer hat nicht nur Einsicht in die Anordnung, sie berichtet auch von Betroffenen: Dass ihnen vor allem Gesinnungsfragen gestellt wurden und dass viele Kinder nun traumatisiert seien, dass diese bettnässen und nur mehr bei Licht schlafen könnten. Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit solch einer Aktion steht für die Journalistin berechtigt im Raum. Und der Schaden, den sie anrichtet, echot durch die sozialen Medien. So erwähnt auch der Politikwissenschaftler und Djihadismusexperte Thomas Schmidinger im Gespräch: „Die Razzien sind Wasser auf jene Mühle, dass der Staat die Muslime diskriminiert – und das vor allem für extremistische Gruppen.“

Die 17-Jährige Sihaam bestätigt mir diese Sicht am Telefon. Immerhin kenne sie selbst durchaus Leute im Umfeld, die extremistische Meinungen teilen und beispielsweise finden, dass der Lehrer Samuel Paty seine Enthauptung verdient habe. „Die Regierung spielt mit dem Feuer!“, resümiert sie. Denn jenes „Opfer-Narrativ“, das gefährlich ist, wird so nur gefestigt. Aber auch der ganz allgemeine Diskriminierungsfrust bei jungen muslimischen Österreicher*innen bekommt erneut Futter und verstärkt eine Abspaltung. Es bestärkt sie in dem Gefühl, von den Max Mustermanns im Land nicht verstanden zu werden, es bestärkt sie in dem Bedürfnis unter „ihresgleichen“ zu bleiben – ob im Freundeskreis oder medial. Es bestärkt sie in ihrer Selbstwahrnehmung. Denn die längst fällige Anerkennung ihrer Realität fehlt. Rassismus ist keine Meinung – wie das deutsche Bundesverfassungsgerichts unlängst verkündete. Rassismus bestimmt ihr Leben. So muss man ihnen zugestehen: Als Muslime sind sie Opfer von Rassismus und Diskriminierung. Es ist keine Rolle. Doch bis das spürbar zugestanden wird, werden sie sich und auch ihre Religion weiter verteidigen, sie werden weiter wütend und frustriert sein und wohl weiterhin Kritik am Islam mit ewig verinnerlichten Abwehrmechanismen abblocken. Sie werden die Opferschiene bedienen müssen, ob aus Ohnmacht oder zur Ermächtigung.

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