EDO MAAJKA ungeschminkt

29. März 2010

Sogar die Großeltern am Balkan kennen seinen Namen. Edo Maajka, von Beruf Rapper, ist bekannt durch seine scharfen Töne und sein exzessives Bühnenverhalten. biber traf den Musikjunkie in seiner Wahlheimat Zagreb – ungeschminkt und ungeschnitten.

 

biber: Die Menschen in Zagreb erkennen dich auf der Straße. Stört dich das?

Edo Maajka: Überhaupt nicht, die meisten kennen mich ja persönlich. Im Ausland ist es eine andere Geschichte. Dort musst du viel mehr Geduld aufbringen, für Fotos posieren etc. Ich kann es den Leuten nicht übelnehmen, schließlich war ich selbst der
lästigste Fan, den man sich vorstellen kann. Ich ging als Jugendlicher den Musikern solange auf den Sack, bis ich mein Autogramm bekommen habe.

Sind Autogramme alles, was sie haben wollen?

In 90 Prozent der Fälle schon, wobei Fans manchmal etwas eigenartige Vorstellungen von Treffen haben. Es passiert manchmal, dass sie mich auf einen Drink einladen und dann wütend sind, wenn ich ablehne. Es muss Grenzen geben.

Führt man als Rapper ein wildes Leben?

Das war einmal. Mittlerweile ist mein Magen so im Arsch, dass ich Alkohol nur als Aufputschmittel vor Konzerten benutze. Da trinke ich einen Whisky, damit ich durchgerüttelt bin und mich das Lampenfieber erfasst. Sonst bin ich ganz brav geworden und trink' nur mehr Fanta (zeigt auf sein Getränk). Das war früher nicht so.

Erzähl uns mehr...

Ein Beispiel: Ich habe vor kurzer Zeit eine ältere Doku gesehen, wo mich der Journalist fragt, ob ich den unzähligen weiblichen
Angeboten wirklich standhalten kann. Ich habe der Kamera zugezwinkert und gesagt: Ich flirte nur ein bisschen. Jetzt denke ich
mir: Mann, wie konntest du so ein Arschloch sein und deine Ehefrau vor laufenden Kameras so verletzen?

Was hat sich verändert?

Zwei Gründe: Das Leben und meine Freundin. Sie ist spanische Jüdin und arbeitet in Zagreb. Oft fahr’ ich mit ihr und ihrer Tochter nach Tel Aviv. Dort besuche ich etliche Musikclubs und jamme mit einheimischen Künstlern. Außerdem erinnert mich die Situation in Israel an unseren Krieg in Ex-Jugoslawien.

Gleiche Scheiße, andere Verpackung?

Exakt! Ich muss immer wieder staunen, wie die Politik überall auf der Welt die Menschen gegeneinander hetzt. Egal ob
Ex-Jugoslawien, Palästina oder Somalia. Die Parallelen sind verblüffend. Den Menschen geht es beschissen, sie widmen sich Gott und dann kracht’s! Wenn man frustriert Zuwendung bei Gott sucht, kann das niemals gut enden. Es ist wie eine Zeitbombe, die früher oder später explodieren muss.

Bist du öfters in deiner Heimatstadt, Brčko?

Ich besuche meine Familie mindestens einmal im Monat. Es ist meist eine traurige Angelegenheit. Die Situation in Bosnien ist
sehr angespannt, jeder Tag ist ein Kampf. Die nationalistischen Strömungen beeinflussen die Menschen mit derselben Rhetorik
wie während des Krieges. „Du bist ein Opfer und kannst nichts verändern“, lautet die Grundmeinung der Menschen. Jeder fühlt sich gefickt. Nach dem Krieg fehlte es in Bosnien an Wiederaufbau und Veränderung. Mladić und andere Kriegsverbrecher sind noch immer auf freiem Fuß. Solange sich das nicht ändert, sehe ich schwarz.

Was wird sich bei dir ändern?

Ich spüre, dass dieses Jahr große Veränderungen mit sich bringen wird. Momentan nehme ich eine CD mit meiner Band auf
und find’s einfach nur geil. Da kann ich mich endlich austoben und verschiedenste Musikrichtungen verschmelzen lassen. Wenn ich mit meiner Band auf der Bühne stehe, ist es mir ziemlich egal, ob drei oder dreitausend Zuschauer anwesend sind. Im
Mittelpunkt steht der musikalische Exzess. Der ist wie eine Droge für mich.

Was hörst du privat?

In meiner Freizeit höre ich am allerwenigsten Rap. Balkan war immer schon eine Rockhochburg. Bands wie „Bijelo Dugme“ oder „Zabranjeno Pušenje“ waren zu ihrer Zeit revolutionär. Oft verwende ich auch Samples von alten Jugoschlagern oder bediene mich bei Reggae-, Dub- und Soulliedern. Ich verstehe nicht, wie manche Rockbands in Zagreb kategorisch eine Zusammenarbeit mit Rappern ablehnen. Die haben nicht verstanden, worum es bei Musik geht.

Apropos verstehen. Kommen auch Nicht-Jugos zu deinen Konzerten?

Auf jeden Fall. Sie verstehen die Sprache nicht, fühlen aber die Musik. Das ist auch viel wichtiger. Letztens kam ein Schweizer zu mir und lobte mich für meine energisches Verhalten auf der Bühne. Dort ist es nicht mehr üblich, dass bei Hip-Hop-Konzerten
wild herumgehüpft wird. Verrückt, oder?

Gibt es Unterschiede zwischen dem Publikum in Ex-Jugoslawien und dem aus der Diaspora?

In der Diaspora kommen viel mehr Menschen, weil es cool ist auf einem Edo Maajka Konzert gesehen zu werden. Sie kapieren
nicht, worum es in meiner Musik geht. Am  liebsten habe ich es, wenn mich irgendwelche Nationalistensäcke nach dem Auftritt beschimpfen. So wie kleine Kinder, die ihre Eltern anschreien, weil sie nicht mehr fernschauen dürfen. (lacht)

Du hältst also nichts von Patriotismus?

Patriotismus und Nationalismus sind zwei verschiedene Dinge. Wenn ich auf ein Fußballspiel gehe und meine Mannschaft
anfeuere, bin ich ein Patriot. Wenn ich aber im Stadion bin, um die gegnerischen Fans zu vermöbeln, bin ich ein Nationalist.
Genauso wie meine lieben Landsmänner aus der Diaspora, die meinen, nur weil sie denselben Pass wie ich haben, müssen sie weniger Gage für mich zahlen.

Passiert das oft?

Und wie! Ich habe im letzten Monat drei Auftritte im Ausland abgesagt, als ich erfahren habe, dass der Veranstalter ein Jugo
ist. Sie zahlen oft schlecht oder weniger als vereinbart. So wie bei meinem letzten Auftritt in Wien, Ende Februar.

Kannst du von der Musik leben?

Ich muss. Hier musst du dich von Auftritt zu Auftritt hanteln und froh sein, wenn am Ende des Monats genug Geld auf der Kante
ist. Einen Tag hast einen Auftritt in Ljubljana, am nächsten Tag bist du in Skopje. Dann hängst du zwei Wochen in der Luft, weil keine Angebote da sind. Und daneben musst du auch Musik machen. Erst wenn du Abstand zu dem ganzen Tourgeschehen nimmst, kannst du freien Kopf bekommen und etwas Erfrischendes bringen. Sonst unterscheidest du dich nicht vom Rest und
machst immer denselben Dreck.

Bist du gläubig?

Ich bin ein sehr religiöser Mensch. Wenn du selbst von deiner Religion überzeugt bist, wirst du nicht darüber reden oder andere davon überzeugen wollen. Die Energie, die in einer Moschee, in einem Tempel oder einer Kirche freigesetzt wird, ist einfach gewaltig.

Du hast die kroatische Staatsbürgerschaft angenommen. Was sagen deine Landsmänner dazu?

Bosnische Nationalisten sind Idioten. Wenn ich mich denen beugen müsste, hätte ich nie eine CD herausgebracht. Ich lebe seit nunmehr 18 Jahren in Kroatien. Zagreb ist meine Stadt, meine große Liebe. Manchmal kamen Leute aus Zagreb zu mir und
wollten mich am liebsten zurück nach Bosnien schicken. Jetzt, wo ich kroatischer Staatsbürger bin, können sie mich am
Arsch lecken. Ich bin nicht mehr der arme Flüchtling. Ich durfte allerdings auch die bosnische behalten, weil ich vom Kulturministerium offiziell die Bestätigung erhalten habe, einen wertvollen, kulturellen Beitrag für beide Länder zu leisten.

Was passiert in der Zukunft mit Edo Maajka?

Keine Ahnung, was die Zukunft bringt, ich mach’ mir auch keine Gedanken darüber. Früher wollte ich alles kontrollieren und
planen, das machte mich nur nervös. Jetzt genieße ich jeden Tag, wie er kommt. Nur eines weiß ich ganz sicher: Ich werde bis zu meinem Lebensende mit Musik verbringen. Eines Tages mit Frau, Kind und Musikstudio
auf einem Bauernhof, das wär’s.

 

Name: Edo Maajka
(Bürgerlicher Name: Edin Osmic)
Alter: 31
Wurzeln: Brcko, Bosnien-Herzegowina
Beruf: rappen, produzieren, schreiben, wild auf der Bühne hüpfen
Besonderes: erfolgreichster Rapper in Ex-Jugoslawien; produzierte das Album „Protuotrov“ (dt.: Gegengift) seines Rapkollegen
Frenkie mit Raplegende „Masta Ace“.


www.edomaajka.com
www.frenkie.ba

 

 

Von Amar Rajković und Daniel Shaked (Fotos)

Bereich: 

Kommentare

 

"Du hast die kroatische Staatsbürgerschaft angenommen. Was sagen deine Landsmänner dazu?"

Nette Frage ;)

 

hahhaahhahaha gell??

 

jaaaaaa. super interview, amar. gefällt mir totaaaaaaal gut, besonders edos musikgeschmack ;))

 

das hätt ich ma fast gedacht;)

 

geht auf nem Konzert, wenn er/sie den Künstler bzw. seine Musik nicht mag??? verstehe ich net...

schönes Interview! schließe mich auch an... die vorletzte Frage war net schlecht.

 

um einfach sagen zu können: he herst, war auf konzert, oida.

 

EDO ist einfach super !
cool das es mal ein interview auf Deutsch gibt....

 

cooles interview

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