Fisch im Zement

06. Februar 2015

Deine Großmutter verbietet dir nachts Fingernägel zu schneiden? Der Aberglaube unserer Eltern ist absurd, trotzdem halten wir uns an die angeblich glücksbringenden Praktiken. Ein Best Of.

Von Nour Khelifi, Jelena Pantic, Schadi Mouhandes und Vincent Walenta (Illustration)

Zum Teufel mit der Sohle
Murat kommt heim, zieht seine „Air Max“ aus und schmeißt sie in die Ecke. Wie aus der Pistole geschossen schreit seine Mama: „Leg die Schuhe vernünftig hin, mit der Sohle auf den Boden, denn nur der Teufel hat unsere Schuhsohle verdient!“ Auch Jahre später hält er immer wieder an dieser Angewohnheit fest, ohne genau zu wissen warum. Aber wer will sich schon mit dem Teufel anlegen?

Arme Gans
Wenn Dragan seine Tasche auf den Boden legt, sind Mutter, Oma und Tante in der Sekunde auf 180. „Willst du unbedingt arm bleiben, du Gans?! Du weißt, dass Taschen auf dem Boden Armut bedeuten!“ Zehn Jahre später wohnt Dragana in der eigenen Wohnung, weit weg von den wachsamen Augen der weiblichen Verwandtschaft. Doch noch heute zuckt sie jedes Mal zusammen, wenn sie ihre Tasche unabsichtlich auf den Boden legt und hebt sie sofort auf. Eigentlich glaubt sie nicht daran, aber sicher ist sicher.

Betonaquarium

Fisch in der Mauer, Illustration: Vincent Walenta
Illustration: Vincent Walenta

Während Österreicher Fischstäbchen in der Pfanne anbraten, wandern sie bei Tunesiern ins Hausfundament. Denn Fische bringen Glück und Segen. Wer also sorgenfrei leben möchte, zementier beim Hausbau einen Fisch ins Beton-Fundament. Ob kleine Sardine oder ein fetter Hai – tue es! Sollte man im Gemeindebau aber vielleicht doch lassen.

Geschmiert und geküsst
Während Jamila sich ein Brot schmiert, fällt es aus Versehen auf den Boden. Automatisch dreht sie sich Richtung Müllkorb, als ihre Schwester Alia sie in Grund und Boden schreit. „Nicht wegschmeißen, sondern dreimal küssen und kurz die Stirn berühren, du Asoziale!“ Lebensmittel sollen nicht achtlos verschwendet, sondern respektvoll behandelt werden. Auch wenn es nur eine 15 Cent Semmel ist.

Der Napoleon-Komplex
Die ganze Familie sitzt gemütlich zusammen und guckt sich die Lieblingsserien an. Murat muss schnell aufs Klo. Der kürzeste Weg dorthin ist ein filmreifer Sprung über seinen Bruder. Gerade als Murat zum Sprung ansetzt, schreit sein Vater „HAAALT!!!!“ Geschockt sieht er ihn an. „Oglum, man springt nicht über Leute, ansonsten hörst du auch zu wachsen!“ Immer noch perplex macht Murat einen Bogen um seinen Bruder. „Kein Wunder, dass Napoleon so klein war“, denkt er sich.

Spuck aufs Kind!

Spucke, Aberglaube
Illustration: Vincent Walenta

Ihr dachtet, Komplimente an die Eltern eines Babys oder an das Kind selbst wären nett gemeint? Nicht für Jugos. Die glauben nämlich, dass man damit jemanden verflucht und sich die nett gemeinte Geste ins Gegenteil umkehren könnte. Deshalbspucken sie sicherheitshalber leicht auf ein Baby, damit es hübsch bleibt. „Was für ein schönes Kind! Ptu, ptu, ptu.“ Und damit serbische Kinder vor allerlei Flüchen bewahrt bleiben, binden ihre Eltern meist einen roten Faden ans linke Handgelenk.

 

Anti-24h-Nagelstudios
Haris fetzt sich wieder mal mit seinem kleinen Bruder Muamer um die letzten Cevape. Blut fließt, denn Haris‘ Fingernägel sehen wie Wolverines Krallen aus. Aus Angst, dass er dafür eine Rückhand von seinem Vater kassiert, packt er die Nagelschere aus. Mutter kommt rein, Mutter sieht Nagelschere, Mutter zuckt aus. Denn wer nachts seine Fingernägel schneidet, ruft alle Dschinn (dämonartige Wesen) zu sich. Es macht Sinn, warum Nagelstudios nachts nicht offen haben.

Glückswasser
Es ist Prüfungstag für Darko. Für ihn ist es ganz normal, dass seine Oma oder Mama ihm ein Glas oder gar einen Kübel Wasser hinterherschüttet, wenn erlosgeht. Ist auch ganz logisch: Die Prüfung soll flüssig wie das Wasser verlaufen. Und wenn die österreichischen Nachbarinnen gerade im Stiegenhaus tratschen, wird halt die Klospülung betätigt.

Aberglaube, Wasser, Kübel
Illustration: Vincent Walenta

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