„Herr Fessor, sind Sie wirklich ein echter Švabo?“

02. Juni 2022

Er sieht wie ein „Super-Švabo“ aus, fühlt sich aber nicht so. Der Deutschprofessor Alexander Sigmund über seinen babylonischen Alltag in einer HAK in Favoriten.

Fotos: Mafalda Rakoš

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Foto: Mafalda Rakoš

Was auf den ersten Blick für viele Lehrer*innen wie eine versteckte Beleidigung klingen mag, ist für mich eigentlich ein schönes Kompliment, das mir schon öfter gemacht wurde. Dass ich angesichts meiner Erstsprache ein Švabo bin, ist meinen Schüler*innen klar, doch etwas passt nicht ganz in ihr Švabo-Stereotyp. Sind meine Haare zu dunkel? Mein Bart zu dicht? Meine Einstellung zu südländisch, obwohl ich doch als Lehrer vermeintlich – so die häufige Schüler*innendefinition – strenger, humorloser und pedantischer sein müsste?

Hvala, Jovane, srećan Uskrs tebi i tvojima! (Danke, Jovan, dir und deiner Familie auch frohe Ostern!) Was jemanden bei einem Gespräch unter Ex-Jugos nicht verwundern würde, überrascht dann doch aus dem Mund des Deutschlehrers. Ex-Jugo-Wurzeln? In Beziehung mit einer BKS-Sprecherin? Aber nein, ja sam samo Austrijanac (Ich bin nur Österreicher), aber mit so vielen Personen aus verschiedenen Kulturen aufgewachsen und zur Schule gegangen, dass ich einige Jugo-Clubs persönlich kenne, schon kläglich kolo getanzt habe, sarma und roštilj oft gegessen habe, die Bedeutung einer slava kenne und auch gute Grundkenntnisse in BKS (plus Schimpfwortkenntnisse in diversen, anderen Sprachen) habe, die aber noch ausbaufähig sind.

Doch neben meinen Freund*innen vom Balkan bin ich auch mit vielen v. a. türkisch-, polnisch- oder andersstämmigen Kindern bzw. Jugendlichen aufgewachsen, die alle ihre Spuren in meiner Sozialisation hinterlassen haben. Über die Grundzüge des Islams Bescheid zu wissen, mit indisch- oder pakistanischstämmigen Schüler*innen über das perfekte Curry oder Dal zu philosophieren oder im seltenen Fall auf BKS oder Türkisch die Jugendlichen anzusprechen oder liebevoll zurückzuschimpfen, begeistert meine Schüler*innen noch immer. Denn ein Švabo ist für sie höchstens auf dem Gebiet der Lederhosen, faden Hochkultur‘ und der Schnitzelzubereitung bewandert.

„Herr Prof, wie können Sie sich für so viele verschiedene Kulturen interessieren?“, fragte mich ein Maturant in diesem Schuljahr. Sprachbegabung und Sozialisation sind wohl wichtige Faktoren, die man als Kind bzw. Jugendlicher wenig selber beeinflussen kann, aber Offenheit und Neugierde am Neuen, Fremden, Anderen kann man selbst kultivieren. Doch öfter, als man denken möge, schließen sich genau die Schüler*innen mit Migrationshintergrund leider in ihren kulturell-familiären Blasen ein.

Bin ich nun ein ‚echter‘ Švabo? Laut Reisepass, dem Großteil meines Stammbaums und meiner Muttersprache eindeutig ja, doch im Herzen bin ich die Summe aller kulturellen Puzzlestücke, die ich im Laufe meines Lebens zusammengesammelt habe – und somit irgendwie auch ein bisschen „Čuxl“ (wie die Schüler*innen sagen würden). Durch mehr Offenheit und Freude am Neuen und Unbekannten aller Menschen können wir Diversität in allen Formen nicht nur erleben, sondern vor allem gemeinsam leben.

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