HEXEN, FLÜCHE, HELLSEHER- In Wien ist der Teufel los

02. Oktober 2008

 

Zauberer, Wunderheiler und Magier sind ein fester Bestandteil Wiens. Das behaupten viele Balkanesen, Türken & Co. in dieser Stadt. Manche werden von der Ex-Freundin verhext, vom Teufel besessen oder hören Stimmen der Toten. Und dann kennen sie wen, der irgendwen kennt, der helfen kann. – „Gaaanz sicher!“ Den Wunderheiler aus Serbien, die alte Zigeunerin vom Reumannplatz oder der blinde Hodja aus dem Bergdorf. Was für ein Beruf! Etwas labern und es bringt Kohle. Biber-Redakteurin Ivana Martinović hat sich erkundigt, ob diese Branche nicht etwas für sie wäre.


Fotos von Marc-Antonio Manuguerra

An einem späten Abend im D-Wagen. Zwei Reihen hinter mir in der Bim höre ich aufgeregte, tuschelnde Frauenstimmen. Drei Balkandamen, alle so Mitte 40, reden darüber, dass sie zur Donau schwimm en gehen wollen. „Super, Nachtschwimmen, wie aufregend“, denk ich mir.
Dann sagt die eine: „Du Schwester, brauchst dich nicht waschen. Kannst es auch über seinem Bild machen.“ Jetzt begreife ich erst, dass es um geheime Rituale geht – und werde neugierig. Über Flüche, Hexen und Magier habe ich ja schon einiges gehört. Aber was ist dran an Pendel, rotem Faden und Kaffeesud lesen? Viele in Wien schwören drauf und pfeifen schon mal auf den Hausarzt. Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Wunderheiler? Gut, dann schlüpfe ich in die Rolle eines Hellseherlehrlings und mach’ für Biber den Crashkurs über weiße und schwarze Magie.

Onkel Pera und die Wunderheiler
Was die drei Tramway-Ladys an Ritualen noch so austauschten, bekam ich leider nicht mehr mit. Ich musste aussteigen. Zu Hause angelangt, machte ich mich an den Informations-Erste-Hilfe-Kasten Internet ran. Im Web findet sich so manches: Virtuelle Zukunftsprognosen, Websites von Wahrsagern, die kostenpflichtig beraten und „helfen“. Und tippt man Voodoo ein, kriegt man gleich die Bastelanleitung für Voodoopuppen: „Autsch!“ Sogar das Net erfasst also deine Energie. Interessant! Oder verfasst das Orakel für jeden User die gleiche Zukunftsprognose? Das ist viel Info, aber wirklich weiter bin ich nicht gekommen.

Dass Wien für viele Wunderheiler vom Balkan die wahre Goldgrube ist, ist ja spätestens seit der Geschichte rund um den Doppelgänger von Radovan Karadzić allgemein bekannt. Dieser Typ mit dem weißen Rauschebart und den großen Brillen soll laut seinen Anhängern selbst Krebs heilen können. Also mal schauen, was sich so finden lässt. Raus auf die Straße ! Eine dieser Hexen oder ein Magier oder Hellseher wird schon auftauchen.

Frau Nada sagt mir drei Kinder voraus
Ich hocke mich in ein Café am Reumannplatz. Ein Cola light später kommt auch wirklich jene Zigeunerin vorbei, die ich dort seit Längerem beobachte. Ich winke sie zu mir. Ihr Klischee-Outfit lässt auf viel Hexen-Know-how hoffen: Weiter, bunter Rock, im Knäuel gebundenes, weißes Haar, zerfurchte Haut, beschwörender Blick. Erst einmal liest mir Frau Nada aus der Hand, sagt mir drei Kinder voraus. Die Vorhersage, dass ich dreimal aufgehe wie eine Wassermelone, stimmt mich nicht gerade glücklich. Zudem will ich mehr wissen und verlange einen Hellseher-Einführungskurs. Also: Tell me more, Frau Nada!

Der Wunderheiler hilft
Ich will wissen, welche Menschen andere Menschen verfluchen. „Das sind böse Menschen, mein Kind“, meint die Zigeunerin. Ja gut, aber wie tun sie das? Sie bedienen sich persönlicher Gegenstände: Nägel, Haare, Bilder, erklärt Nada. Sie zünden aber auch Kerzen verkehrt an, um zu verfluchen, verbrennen Gebete aus den heiligen Büchern und entscheiden sich dadurch für das Böse. Viele Dinge gibt es, meint sie, die unvorstellbar, aber wahr seien. Der Tag gehöre den Lebenden, die Nacht aber den Toten. Auch die berühmte schwarze Katze bringt wirklich Unglück. Der sollte man in der Nacht nicht begegnen.
Aber was tun, wenn man doch ins magische Fettnäpfchen tritt?
„Der Wunderheiler hilft“, beruhigt die Zigeunerin. Er kehrt den Prozess des Fluches um und lenkt ihn auf die schuldige Person ab. „Aber, dann ist das doch auch böse?“ frage ich. Nada: „, Alles Böse kommt auch wieder zu einem zurück“. Meine Reumannplatzpsychologin hat auch eine Erklärung für Träume, die Vorahnungen sein sollen. Träumt man von klarem Wasser, bedeute das Tränen, trübes Wasser symbolisiere Krankheit. Taucht der Tod eines geliebten Menschen im Traum auf, verlängere man ihm das Leben. Ein Mann im weißen Hemd bringe Geld ins Haus. Und die schwarze Katzen, die … aber das hatten wir ja schon.


Hellseher Rašo von der Burggasse
Die Zigeunerin ist sicher kompetent. Aber zumindest eine zweite Meinung muss her. Also folgte ich einem heißen Tipp meiner Nachbarin. In der Burggasse, nahe der Lugner City, befindet sich ein kleiner Gassenladen mit riesiger Schrift „Vidoviti Rašo“(Hellseher Rašo). Ohne Voranmeldung platze ich rein. Gleich bittet mich der Hellseher ins Wartezimmer, wo ich eine begeisterte Anhängerin treffe. Die Frau ist extra aus Kroatien angereist, um ihrem Sohn zu helfen, „der besessen ist. Nur Rašo könne da noch helfen“.
Später werde ich ins Zimmer des Magiers gebeten. Der Hellseher selbst entspricht so gar nicht dem Stereotyp: Normales Outfit, unauffällige Frisur, um die Fünfzig. Er spricht sehr offen über das Geschäft mit dem Aberglauben.


Placebo und Scharlatane
„Herr, Rašo, gibt’s diese Zaubersachen jetzt?“, will ich wissen. „99 Prozent der Menschen bilden sich ihr Unglück ein und sind davon überzeugt, dass andere schuld an ihrer Situation seien. Nie ist man selbst schuld“, antwortet Rašo. Na, also doch zur Wunderheilung? „Glauben versetzt Berge. Auch die Medizin bedient sich der Placebo-Medikamente. Ein Wunderheiler ist ein Placebo. Der Mensch glaubt fest daran, benimmt sich dementsprechend und es passiert dann. Oh Wunder! Und sie glauben, ich hab die Macht.“ 
Hört sich doch sehr vernünftig an, vom Hellseher. Aber nicht grad gut fürs Geschäft, denk ich mir. Rašo erzählt mir von Scharlatanen, die viel Geld mit ihren Ritualen verdienen. Die Menschen seien geblendet davon.  Er sei ein Seelsorger, hört sich die Probleme der Menschen an und „sieht“ ihre schwierige Lebenssituation. Das sei keine Eingebung, sondern die Gabe, gegenwärtige Probleme zu erfassen.


Die geheimnisvolle Kraft der Cola
Jetzt kommt der Hellseher in Fahrt: „Eines Tages kam eine alte Frau zu mir. Müde von der Arbeit und von Schwächeanfällen geplagt, äußerte sie ihre Vermutung, dass sie verflucht sei. Ich bot ihr ein Cola an, wobei sie gleich daran glaubte, dass dieses Getränk heilende Kräfte hätte, weil es doch höchstpersönlich von mir stammt. Sie nahm es mit nach Hause und trank jeden Tag einen kleinen Schluck davon. Sie kam nach ein paar Tagen wieder, wollte Nachschub und lobte, dass ihr die Cola geholfen hätte.“
Was Koffein alles macht. Ein schönes Beispiel dafür, warum Menschen viel lieber an andere glauben, als an sich selbst und ihre positive Einstellung. Klingt alles einleuchtend, dachte ich mir. Aber solche Menschen lassen sich doch nicht durch ein paar nette Worte beeindrucken? Lässt Rašo auch Taten sprechen? Warum kommen so viele Menschen zu ihm, wenn es nur um Seelsorge geht?  Jetzt will Rašo nichts mehr sagen. Das bleibt ein Berufsgeheimnis!



Prediger gegen Zauberer

Schade, denk ich mir und gehe zu einem, der auch von und für den Glauben lebt. Pfarrer Slavko von der kroatischen katholischen Mission lächelte bei meiner Frage über schwarze Magie. „Die Kirche lehnt Okkultismus ab. Solche Horrorgeschichten gibt es bei jedem Volk. Keiner kann sich Krankheiten leicht eingestehen, die Ursachen bei sich selber suchen. Vor allem nicht, wenn es um psychische Probleme geht. Natürlich gibt es das Böse, genau so wie es das Gute gibt. An diese Flüche und Verwünschungen sollte man aber nicht glauben. Dann ist man geschützt. Das Gute ist stärker, nur muss man sich  dafür entscheiden.“
Ein Pope der serbisch orthodoxen Kirche reagiert auf meine Anfrage am Telefon da schon empfindlicher. „Mit so einem blödsinnigen Thema will ich gar nichts zu tun haben. Jeden Sonntag predige ich, dass die Leute die Finger von solchen Sachen lassen sollen. Magie gibt es nicht und Rituale schon gar nicht.“


Und, bin ich jetzt schlauer?
Offenbar ist es doch recht kompliziert mit der schwarzen und weißen Magie, dem Kampf zwischen Gut und Böse. Alles Blödsinn, wie ich finde. Spätestens seit den Serien „Zauberhafte Hexen“ oder „Bezaubernde Jeannie“ wünscht man sich zwar mit einem Fingerschnippen zaubern zu können. Eine Märchenwelt, die gut auf der Leinwand kommt. Auf überzeugende Argumente, außer ein paar materiellen Accessoires, wie Kerzen, Bilder etc., bin ich aber nicht gestoßen. Und mir scheint, Wunderheiler, Hellseher & Co. sind nichts anderes als Psychologen ohne Diplom, die sich ab und zu greifbarer, selbsterschaffener Rituale bedienen, auf die Menschen leichter hereinfallen. Aber sag niemals nie. Vielleicht gibt es doch Wunder? Ich sag euch dann Bescheid, wenn ich welche sehe.


Ali und sein Liebesfluch
Man möchte sie nicht glauben, diese fantastischen Geschichten vom Übersinnlichem, nicht Erklärbarem. Hier nur eine „wahre“ Begebenheit, die mir erzählt wurde. Ihr könnt es glauben oder eben nicht. Ali (Name von der Redaktion geändert) war ein netter, intelligenter Bursche. Dann verliebte er sich in dieses Mädchen. Sie kam aus demselben Dorf wie er. Schon nach Tagen war Ali verrückt nach ihr. Sibel hier, Sibel da. Sibel, Sibel, Sibel. Es wurde immer schlimmer. Dann fing das mit der krankhaften Eifersucht an. In jeder Frau sah er ihr Gesicht. Jeder Gedanke, jedes Gesprächsthema war Sibel. Telefonterror jede Stunde. „Wo bist du? Was machst du? Mit wen bist du?“ Seine Eltern waren verzweifelt. Das ging vier Monate so. Eines Nachts erwischte Alis Vater ihn beim Geldstehlen – er wollte Sibel Schmuck kaufen. Ali drehte durch und erhob die Hand gegen seine Eltern. Es reichte. Sie schleppten ihn gegen seinen Willen zum Hodja (Muezin), diese Hörigkeit war ja nicht mehr normal. Der Hodja erzählte Unglaubliches, kannte viele Details aus seinem Leben und beschrieb sogar, wie sein Haus in der Türkei aussah. Er wusste, dass in seinem Garten drei Bäume wachsen und meinte, dass irgendwer einen verzauberten Haarknoten von ihm unter dem mittleren Baum vergraben hatte. Tatsächlich fanden seine Eltern dort, was der Hodja prophezeit hat. Sie verbrannten es und für Ali war das Mädchen Vergangenheit.


 

Kleines Hexen-ABC


Aus dem Kaffeesud lesen
Mach dir einen türkischen Kaffee. Nimm die Tasse und dreh sie um, damit die Linien ihren Lauf nehmen können. Dann erkennst du die Zeichen. Ein Hase bedeutet eine schnelle gute Nachricht. Ein Frosch oder eine Schildkröte ist ein langsamer, aber sicherer Erfolg. Eine weiße Linie ist eine weite Reise, die man antreten wird.


Roter Wollfaden
Der rote Wollfaden dient zur Abwehr vor magischen Augen und Flüchen. Die Leute binden es oft ihren Babys um das Handgelenk, um sie vor bösen Omen zu schützen. Auch das Umgarnen von Gegenständen schützt angeblich vor schwarzer Magie.


Blei oder Wachs gießen
Vor allem in den Dörfern am Balkan gibt es Frauen, die diese Tradition von ihren Vorfahren übernommen haben. Sie sind in der Lage, durch das Gießen von Blei oder Wachs deine Ängste zu erkennen. Sie beten über deinem Kopf mit einer gesegneten Kerze und befreien dich davon.

Bist du verflucht?
Du willst nicht zum Hellseher? Denkst aber, dass mit dir irgendetwas nicht stimmt. Was tun? Kleiner Hexentipp zum Selbermachen: Erhitze eine leere Pfanne oder einen Kochtopf auf deinem Herd. Schmeiß 3 Esslöffel Salz hinein und warte paar Minuten (ca.10) bis das Salz zu platzen anfängt. Verfärbt sich das Salz, dann bist du verflucht. Wenn das Salz weiß bleibt, bist du frei von jeglicher Magie. Das Salz streust du danach in die Toilette. Dieses Ritual wiederholst du sechsmal, jeweils an einem Freitag. Danach bist du befreit.



Biber-Redakteurin Ivana Martinović nach dem Foto-Shooting: „Mir scheint, die Hellseherei und Hexerei ist doch nichts für  mich.“

Kommentare

 

sag mal!bist du eigentlich naturblond oder naturbrünett?oder doch ein rotschopf?:P
muss sagen die dunklen haare stehen die besser!hoffentlich bist du naturbrünett!:P

 

bin naturschwarz :))

 

isus i marija!:P

 

flühe oder flüche?

 

ohlala... wer würde sich nicht von ihr ihr den kaffeesud kucken lassen...?

 

also ich muss sagen, diese Hexe hat`s drauf ;-)
hat mich schon verhext :)

 

danke schen herst. ich hab schon die hexerei aufgegeben. jetz überleg ichs mir nochmal. vielleicht ist da doch noch was zu holen. hmm :))

 

auf jeden Fall Hexi @->->--

 

maroni du casanova! blumen wurden schon lange nicht, hier verschickt. :)

 

also ich glaub schon an kaffeesud.
ich glaub, dass deine taten (zB kaffeetrinken) und wie du sie genau ausübst etwas über dein unterbewusstsein erzählen und dass man das dann (zB im kaffeesud) lesen, bzw interpretieren kann.
weiters glaube ich, dass unser unterbewusstsein keinen unterschied zwischen vergangenheit, gegenwart und zukunft macht und es also tatsächlich möglich ist "in die zukunft zu schauen".

 

geile tiTTen!

 

hahaha danke.

feministenseminar hat wohl bei mir nichts gewirkt. statt aufregen, bedanken.

 

die Bozi...

 

danke schen. hab ich einem tollen fotografen und einer seeehr begabten vigasistin/stylistin zu verdanken. :)

 

meine cousine hat mich heute kreischend angerufen. biber gibts in klagenfurt und in villach am hauptbahnhof in der trafik zu kaufen. *freu*

 

Hallo liebe Gemeinde,

miene Mutter war 1972 in Wien bei einem Jovo aus Kroatien (Lika) Er war Ihres wissens mit einer Bosnierin verheiratet. Alles was er Ihr damals vorhergesagt hat, hat sich in den Jahren erfüllt. An so viele Zufälle glaub ich nicht, also ist auch was wahres daran. Ist irgendjemand ein Hellseher in Wien namens Jovo der Anfang der 70er Jahre dort gelebt hat bekannt?
Gerne würde ich mehr erfahren.

Grüße aus Bayern

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