Hochsensibel

05. Dezember 2019

Ist Hochsensibilität ein Instagram-Trend, ein ernsthaftes neurologisches Phänomen oder einfach nur Ausrede für irrationales Verhalten? Drei junge Frauen erzählen darüber, wie es sich anfühlt, mehr zu fühlen.

Von Jelena Colic, Fotos: Maximilian Salzer


Hochsensibilität
Hochsensible fühlen mehr als andere Menschen. Superkraft oder Bürde?

Als ich vor der Venus von Botticelli in Florenz gestanden bin, habe ich geweint, weil das Gemälde so schön ist“, erzählt mir Sophie. Beim Musik-Eignungstest für die Pädagogische Hochschule hatte die 25-jährige Pädagogin und Fotografin ein Blackout beim Klaviervorspielen, obwohl sie gut vorbereitet war. Eine dort anwesende Professorin hat ihr vorgeschlagen, sich in Hochsensibilität einzulesen – und Sophie fand endlich eine Erklärung für ihre „Besonderheit.“ Auf ihrem Instagram Account „ssein“ spricht sie offen darüber und will ihren Followern Mut machen, Hochsensibilität als Superkraft anzusehen. Sophies Instagram-Feed besteht nicht nur aus ästhetischen Bildern, sie geht in ihren Captions und Stories auch offen damit um, wenn es ihr nicht gut geht. Es geht nicht darum, die heile Instagramwelt aufrechtzuerhalten. Sondern darum, offen zu der Verletzlichkeit zu stehen und es in einer Art digitalem Tagebuch festzuhalten. So erzählt sie auf dem Kanal offen darüber, dass sie als Lehrerin der Gedanke vor dem bevorstehenden Elternabend in Panik versetzt, oder welche Alltagssituationen sie überfordern. Gleichzeitig teilt sie mit ihren Followern auch fröhliche Tanz-Videos, wenn ihre Laune ein Hoch erlebt. 

Bloggerin, Autorin und Aktivistin dariadaria tut es ihr gleich. In zahlreichen Instagramstories erzählt sie vom Leben als Hochsensible. Dariadaria spricht darüber, wie schwierig es ist, als HSP (hochsensible Person) gleichzeitig politisch engagiert und Aktivistin zu sein. Sie ist oft mit Situationen konfrontiert, die Unbehagen in ihr auslösen, wie vor einem großen Publikum sprechen oder mit Menschen zu interagieren, die weniger empathisch sind als sie selbst. In ihren Stories erklärt sie aber auch wissenschaftlich Hochsensibilität und erklärt, dass erhöhte Stresshormonwerte üblich bei HSP sind und HSP öfter an Migräne oder chronischer Müdigkeit leiden, als nicht hochsensible Personen. Mit ihren informativen Stories leistet sie Aufklärungsarbeit und möchte den Begriff Hochsensibilität entstigmatisieren. 

Tatsächlich: Immer mehr Instagrammer „outen“ sich als Hochsensibel – psychische Gesundheit wird in den letzten Jahren zunehmend wichtiger. Psychische Erkrankungen werden in den Alltag integriert und weniger als Krankheit oder Abnormalität betrachtet als noch vor einer Dekade. Aber wo ist die Grenze zwischen #selflove, #selfcare und einer ernsthaften neurologischen Diagnose?

Hochsensibilität
„Du bist zu nah am Wasser gebaut“ bekommen Hochsensible oft zu hören.

Superkraft oder Bürde?

„Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern ein Wesensmerkmal. Deshalb braucht es keine Diagnose. Hochsensible können durch Selbstfürsorge und Selbstführung lernen, mit der hohen Sensibilität umzugehen“, erklärt Iris Lasta, psychologische Beraterin und Coach. In ihrer Praxis erklärt Lasta Hochsensiblen in geschütztem Rahmen, dass sie in Ordnung sind, so wie sie sind und stärkt somit ihr Selbstbewusstsein. Leugner der Hochsensibilität glauben immer noch, dass Hochsensibilität nur ein übersteigertes Maß an Emotionalität bedeutet und keine Berechtigung hat. Mehrere Studien von der amerikanischen Psychologin und Pionierin auf dem Gebiet der Hochsensibilität Elaine Aron durch funktionale MRT beweisen aber, dass jene Areale im Gehirn, die für Empathie, Wahrnehmungsfähigkeit und Handlungsplanung verantwortlich sind, bei Hochsensiblen eine höhere Aktivität anzeigen, als bei nicht Hochsensiblen. Was laut dieser Erklärung eigentlich Hochsensible zu „fähigeren“ Menschen machen sollte, als Nicht-Hochsensible. Aber von außen wird es oft anders betrachtet.

US Forscherin und Psychologin Elaine Aron ist Pionierin auf dem Gebiet der Erforschung von Hochsensibilität. 1995 erforscht sie die „sensory processing sensitivity“ und prägt mit ihrem Buch „The Highly Sensitive Person (HSP) – How to Thrive When the World Overwhelms you“ maßgeblich das Verständnis von Hochsensibilität. Aron geht davon aus, dass 15-20% der Bevölkerung hochsensibel sind. 

Wie negativ konnotiert das Wort sensibel ist, weiß auch Julia. Die junge Frau mit einem Abschluss in Medienmanagement hatte es in ihrer Kindheit nicht leicht. „Meine Mama wurde oft sehr laut. Weinen war in meiner Familie ein absolutes No-Go. Ich habe mich aber immer schon durch Weinen ausgedrückt“, erinnert sie sich. Während ihrer ganzen Kindheit und Jugend musste sie sich Sprüche wie „Du bist zu nah am Wasser gebaut.“ anhören. Dass sie überdurchschnittlich viel weint, war ihr peinlich und hat dazu geführt, dass Julia sich isoliert hat.

„Die Menschenmengen, laute Musik – ich war einfach überreizt.“

Primar Prof. Dr. Aigner ist Leiter der klinischen Abteilung für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin am Klinikum in Tulln und setzt sich speziell mit dem Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und psychischen Erkrankungen auseinander. Aus seiner Arbeit geht hervor, dass Hochsensibilität als Persönlichkeitseigenschaft ein Risikofaktor für die Entwicklung psychischer Erkrankungen sein kann. Die Gründerin des „hochsensitivnetzwerk von hsp für hsp“ Mag. Sabine Knoll ergänzt dazu: „Hochsensible können natürlich psychisch krank werden wie alle anderen. Wenn sie eine glückliche Kindheit hatten, haben sie jedoch kein größeres Risiko an Depressionen zu erkranken als Nicht-HSP. Bei einer schwierigen Kindheit, besteht allerdings schon ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen.“ Julia ist durch Zufall mit Anfang 20 auf Hochsensibilität gestoßen und hat sich endlich abgeholt gefühlt. „Ich habe endlich verstanden, was mit mir los ist. Jeden Sonntag nach dem Fortgehen ging es mir schlecht, ich habe viel geweint und brauchte lange, um mich zu erholen. Die Menschenmengen, laute Musik - ich war einfach überreizt“, schildert Julia ihre Erfahrungen. Auch die Trennung von ihrem damaligen Freund konnte sie elf Monate lang nicht verarbeiten. Das war der Punkt, an dem sie wusste – es muss was passieren. Mit Hilfe eines Therapeuten und Einlesens in die Hochsensibilität hat sie ihre Routine geändert und ihr Leben an ihre Hochsensibilität angepasst. „Ich lebe nach meinen Bedürfnissen und habe emotionalen Abstand zu toxischen Leuten in meinem Umfeld. Es sind aber auch simple Dinge wie dass ich regelmäßig esse und hungrig keine Entscheidungen treffe“, lacht die 28-Jährige. 

„Es ist, als könntest du Gedanken lesen"

Für viele Nicht-Hochsensible sind Aussagen wie „Ich spüre, dass es dir nicht gut geht“, ohne was gesagt zu haben, nur schwer nachvollziehbar. Durch ihre große Reizoffenheit können Hochsensible aber auch ihre erweiterte Wahrnehmung nutzen und sind oft sehr intuitiv. „Es reicht schon, wenn ich im Supermarkt bin und jemanden sehe, der grantig ist und einen anderen der traurig ist. Ich komme raus, fühle mich elend - als ob mich eine Gewitterwolke begleitet. Es ist, als könntest du Gedanken lesen“, wundert sich Julia. Mit seinen Gefühlen beim anderen zu sein und die Außenorientierung sind sehr typisch für HSP. Das führt aber auch dazu, dass HSP nie ganz bei sich sind und sich schnell verloren fühlen. Das Gute an ihrer Intuition ist laut Julia aber: „Du weißt immer, was auf dich zukommt.“

Bei Freelance Visual Designerin Ronja ist das sehr ähnlich. „HSP brauchen und suchen die Gesellschaft anderer Menschen, aber gleichzeitig brauchen sie sehr viel Zeit für sich zum Regenerieren. Ich ziehe sehr viel Energie aus Treffen mit anderen. Je nachdem, wie er oder sie drauf ist, nimmt mich das positiv oder negativ mit.“ Beraterin und Coach Iris Lasta sieht in einem großen Schwanken zwischen dem Bedürfnis nach Austausch und Zeit zum Alleinsein, dass der oder die HSP mit sich selbst noch nicht gut im Kontakt ist.

Ist (hoch)sensibel ein Schimpfwort?

Schon von klein auf heißt es, dass wir und doch nicht so anstellen sollen und stark für die böse Welt da draußen sein müssen. Uns wird eingetrichtert, wir sollen wenig bis keine Gefühle zeigen, damit wir erfolgreich werden. Das Arbeitsleben ist hart. Viele haben gerade deshalb Angst, in unserer Leistungsgesellschaft Schwäche zu zeigen. „Du Sensibelchen“ ist negativ behaftet und für viele immer noch ein stark weibliches Thema. Eine kurze Google Bildersuche bestätigt es: Gibt man sensible Haut ein, werden ausschließlich weibliche Gesichter mit roten Flecken gezeigt. Als alternativer Vorschlag wird „dünnhäutig“ geboten. Es zeigt sich erneut, dass das gängige Narrativ über Sensibilität geändert werden muss. Sensibilität in all ihren Formen wird im gängigen Diskurs immer noch als ein starker Nachteil gesehen. Hochsensiblen wird vorgeworfen, es nur als Vorwand zu nutzen und Kritiker schieben es ins Esoterik-Eck zusammen mit Kaffeesatzlesen und Wunderheilern.  

Bei allen HSP, mit denen ich gesprochen habe, zieht sich die unglaubliche Erleichterung durch, zu wissen, dass sie nicht alleine sind. Die Tatsache, dass ihr hochsensibles Wesen kein Defekt ist, sondern zu ihnen gehört wie ihre braune Haarfarbe oder grüne Augen – ist für viele sehr wichtig und schützt davor, sich zu isolieren. 

Hochsensibilität
Am besten, wir sind gleichzeitig sanft und stark.

It's a sensitive's world

„Ich habe den Eindruck, dass die heutige Arbeitswelt keinen Platz für solche Emotionen lässt und das nicht einmal, wenn du dich bei einer NGO bewirbst, die eigentlich mit sensiblen Themen Tag für Tag zu tun hat“, klagt Ronja. Eine Forschungsarbeit von Elaine N. Aron aus 2018 in Großbritannien zeigt, dass unter Kindern und Jugendlichen bereits 20-35% hochsensibel veranlagt sind. Die steigende Tendenz bedeutet, dass sich Arbeitgeber*innen darauf einstellen müssen. Mag. Sabine Knoll leitet den Lehrgang „Experte*in für HSP“ am WIFI Wien. Seit 2013 gibt es den Lehrgang und seit 2017 gibt es die Möglichkeit, die Module auch einzeln zu absolvieren. Gedacht ist der Lehrgang für Menschen in beratenden und begleitenden Positionen, wird aber auch von Privatpersonen besucht, die mehr über sich oder ihr hochsensibles Kind erfahren möchten. Ziel des Lehrganges ist es, Hochsensibilität als Chance und Potential zu sehen und zu lernen, wie einem Burnout vorgebeugt werden kann

„Es braucht mehr Soft Skills und Spirit in der Wirtschaft. Wir brauchen eine Veränderung. Die jüngere Generation lebt das schon. Eine HSP kann ein großer Gewinn für eine Firma sein, wenn sie am richtigen Platz fernab eines Großraumbüros sitzt und möglichst keine Reizüberflutung erfährt“, erläutert Knoll zum Thema der Vereinbarkeit von Hochsensibilität und Berufsleben. Laut Knoll betrachten HSP eine Firma meist wie ihre eigene und geben immer 100%. 

„Sensibilität ist ein so feiner Wesenszug, der viel ermöglicht. Es ist schade, wenn Menschen darunter leiden und sich verstellen müssen, anstatt ihre Fähigkeiten zu genießen. Besonders in sozialen und kreativen Berufen kann stark von der Hochsensibilität profitiert werden.“ Obwohl wir uns in der Kindheit noch an Rotkäppchen und den Wolf im Schafspelz erinnern, ist der Grundtenor in unserer Gesellschaft aber heute eher: Schaf im Wolfspelz – innen sanft und nach außen aber hart. Das Innere nie nach außen kehren lautet die Devise. Am besten wir entfernen uns komplett von Fabeln und wenden uns der Realität zu und sind gleichzeitig sanft und stark – Wolf und Schaf.

Hochsensibilität und psychische Beeinträchtigungen
Karin Novi ist Mitbegründerin des Vereins SAG 7 – Sensibel Achtsam Gefühlvoll. SAG7 hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Austausch zwischen Hochsensiblen zu schaffen und sich gegenseitig auch zur Selbsthilfe zu ermutigen. In einem 12-SchritteProgramm darf jede*r Teilnehmer*in in der anonymen Gruppe teilen, was ihm/ihr guttut. Es ist eine Anlaufstelle für Personen, die sich wegen ihrer Hochsensibilität überfordert fühlen. Gemeinsam soll die Resilienz erlernt werden und wie man sich abgrenzen kann. „HSP haben eine intensive und detaillierte Wahrnehmung. Sie nehmen alles auf wie ein Schwamm – egal ob Gerüche, Geräusche oder Lichter. Das kann man nicht abschalten“, fügt Karin Novi hinzu. Frau Novi ist wegen eines tragischen Schicksalsschlages in die Psychiatrie gekommen und hat 2014 dort bei einem Vortrag das erste Mal von Hochsensibilität gehört. Nachdem sie das erste Buch dazu gelesen hat, fühlte es sich so an, als ob sie ihre eigene Biografie in den Händen hält. „Erst dann konnte mein Genesungsprozess beginnen. Zu wissen, dass ich zu einer Minderheit gehöre, hat mir sehr geholfen. Meine ständige Überreizung war die Ursache für meine psychische Beeinträchtigung und mein Suchtverhalten“, so die Vereinsgründerin aus dem Waldviertel.

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