"Ohne Greta Thunberg gäbe es die Bewegung nicht"

04. Dezember 2019

 

Jori Thaler
Jori Thaler ist engagierter Fridays For Future Aktivist. (C)Soza Jan

„Die Politik muss einmal spüren, dass etwas geschehen muss.“ Klimaaktivist Jori Thaler, 16, wird als Beobachter an der UN-Klimakonferenz teilnehmen. 

Wie ernst ist der Politik der Klimaschutz? Im Dezember findet die nächste UN-Klimakonferenz in Madrid statt. Wird wieder alles zerredet? Bleiben Abkommen wieder folgenlos? Tausende Jugendliche aus aller Welt werden daran teilnehmen - mit einer eigenen Jugendkonferenz und als Beobachter. Neben einer offiziellen Jugenddelegation (die von der Bundesjugendorganisation gestellt wird) fahren auch zehn Jugendliche aus NGOs, zum Beispiel von Fridays for Future. Jori Thaler ist einer von ihnen.

Von Wolfgang Mitterlehner, Foto: Soza Jan

Wie bist du zu Fridays for Future gekommen?

Ich habe den ersten großen Streik besucht, mit der ganzen Klasse, und bin dann auch bei den weiteren Streiks dabei gewesen. Fridays for Future ist ja in Arbeitskreisen organisiert - eigentlich schon viel Bürokratie für so eine Organisation, sagen wir manchmal - ich habe mich für den Arbeitskreis Grafik gemeldet, entwerfe zusammen mit ein paar anderen die Grafik und Designs für Fridays for Future, und war auch dabei beim Arbeitskreis für die Organisation der Streiks selbst

Wir treffen uns monatlich (im Café Möbel), da besprechen wir die Aufgaben und bestimmen den Koordinator. Ansonsten kommunizieren wir via Slack, damit man von zu Hause arbeiten kann.

Was hat dich bewegt, mitzumachen?

Der Faktor, dass Österreich die Klimaziele aller Voraussicht nach nicht erreicht, dass die damalige Regierung kaum gehandelt hat bzw. schlechte Maßnahmen getroffen hat, dass überhaupt nicht der Fokus auf dem Thema liegt, obwohl es eigentlich darum geht, ob die Klimakrise aufgehalten werden kann oder nicht. Denn sobald die 1,5 Grad Erderwärmung überschritten sind, ist das ein irreversibler Effekt. Und deshalb, würde ich sagen, haben eben viele - auch ich - erkannt, es muss etwas getan werden. Ich habe mich immer viel mit Umwelt, Verkehr, Luftqualität beschäftigt - aber davor habe ich nicht gewußt, was ich tun könnte, Fridays for Future hat dafür eine Plattform geboten.

Es ist schon sehr beeindruckend, dass das übergegriffen hat auf so viele Länder, aber man muss schon sagen, dass der Fokus immer noch in Europa ist. In Amerika ist die Bewegung lange nicht so groß wie hier. Das Bewusstsein ist dort nicht so stark wie in Europa.

Fridays for Future, auch Greta Thunberg als Person, polarisieren. Es gibt massive Gegner, auch die VertreterInnen werden oft massiv angegriffen. Wie kannst du dir das erklären, dass das Thema so stark umstritten ist?

Es polarisiert deshalb sehr, weil wir sehr klare Maßnahmen fordern, die nicht im Wahlprogramm mancher Parteien sind. Fridays for Future hat den Fokus auf das Klimathema gerückt. Das passt halt nicht jedem.

Es gibt noch immer Menschen, die den Klimawandel nicht anerkennen oder die Gefahr herunterspielen. Sie sagen „Ich will so weiterleben wie bisher, was wollen die eigentlich…“, und dann gibt es welche, die sagen, es hat keinen Sinn, was Fridays for Future macht, die stehen im Kreis und singen… Natürlich gibt es auch welche, die generell ein Problem mit Greta Thunberg haben, aber denen kann ich auch nicht helfen.

Wie siehst du sie?

Vor allem am Anfang war sie sehr wichtig. Es ist nun mal so, dass eine Organisation eine Person braucht, die sie darstellt, mit der man die Organisation identifizieren kann. Greta Thunberg war das eben, ohne sie gäbe es die Bewegung nicht. Bei Fridays for Future Wien ist sie nicht das Thema, da geht es darum, was wir von Wien, von der Regierung fordern. Sie hält zu einem Teil auch die Bewegung am Leben. Ihre Auftritte sind schon Thema, auch das polarisiert, in einem größeren Rahmen als nur am Heldenplatz.

Was hat eigentlich die Klimakrise verursacht, deiner Meinung nach?

Vor allem die Industrialisierung, und zwar ohne Wissen und ohne Rücksicht auf die Auswirkungen. Und dann, in nächster Linie, die Öl- und Petrochemieindustrie, der massive Einsatz von Plastik, von Fahrzeugen, die mit fossilen Kraftstoffen betrieben werden, und die Förderung selbst, die mit großen Umweltbelastungen verbunden ist. Sie haben genau gewusst, was sie tun, aber sie haben nichts unternommen - es war ein gewinnorientiertes Herangehen ohne Rücksicht auf die Zukunft.

Heißt das, dass diese Kräfte nicht mehr entscheiden dürfen?

Man wird den Kapitalismus nicht so drehen können, dass er umweltfreundlich ist. Was gemacht werden kann, ist, dass die Politik Maßnahmen umsetzt, Dinge erledigt, die die Konzerne bzw. die Geschäftstaktik in einen Rahmen setzt, der umweltfreundlich ist. Es wäre schön, wenn die Unternehmen es einsehen würden und von einem Tag auf den anderen CO2-neutral produzieren würden (was eh nicht geht),  aber es ist nicht zu erwarten. Wichtig ist, dass die Technologie und die Energieproduktion weggehen von den fossilen Brennstoffen.

Muss also der Kapitalismus überwunden werden, um die Klimakrise zu beenden?

Ich glaube, man kann es mit dem Kapitalismus lösen. Der Kapitalismus ist einerseits sehr schlecht in Umwelthinsicht, andererseits kann er auch sehr gut sein, weil er Innovation vorantreibt, was nicht immer der Fall ist bei anderen Wirtschaftssystemen.

Aus meiner Sicht bietet der Kapitalismus bei all den Nachteilen, die er hat, viele Möglichkeiten, um schnell, wirklich schnell, neue umweltfreundliche Technologien voranzutreiben, das ist der große Vorteil,  weil es geht ja um die Zeit. Es geht jetzt nicht darum, dass man innerhalb von zehn Jahren ein Wirtschaftssystem umstellt, sondern es geht darum, dass wir innerhalb von zehn, zwanzig Jahren so weit kommen, dass der CO2-Ausstoß massiv gesenkt wird, und das geht halt nur vor allem mit Technologien.

Es ist natürlich etwas Wahres daran, dass ein System, das Gewinn nur mit Wachstum machen kann, nicht immer klimafreundlich wirtschaftet. Es muss schon umgedacht werden, dass es auch Wohlstand gibt ohne Wachstum.

Was hältst du von den radikaleren Gruppen, wie zum Beispiel extinction rebellion?

Ich persönlich sehe extinction rebellion sehr kritisch und mit mir auch viele bei Fridays for Future. Wir sind ganz was anderes. Wir haben zum Ziel, dass wir möglichst breitenwirksam auftreten, dass wir für jede und jeden in Österreich oder auf der Welt zugänglich sind, dass es nicht eingeschränkt ist auf die radikale Sicht und dass auch etwas konservativer denkende Leute sich wiederfinden können.

Welche Veränderung wird passieren, wenn man am Nachmittag die Ringstrasse blockiert? Es ist einfach ein Ärgernis für viele und schreckt viele von der Klimabewegung ab, anstatt dass sie verstehen, wieso wir das machen.

Beschäftigt dich eigentlich auch die Gefahr eines großen internationalen Kriegs oder gar eines Atomkrieges?

Die Gefahr eines solchen Krieges ist derzeit zwar höher durch Donald Trump und andere schräge Machthaber, aber ich schätze sie nicht extrem hoch ein, weil das Grundbewusstsein da ist, von allen Menschen auf der Welt, dass man das vermutlich einzige Leben in der ganzen Galaxie nicht leichtfertig wegen einer Meinungsverschiedenheit auslöschen darf. Man kann nicht sagen, ich lösche jedes Leben aus auf der Welt - und habe ich dann mein Ziel erreicht? Ich glaube nicht.

Was siehst du als die wichtigsten Umweltfragen?

Einerseits die Stromproduktion auf der  Welt, zweitens der Verkehr und dann die Massentierhaltung. Das sind mal die drei größten Probleme. Dann natürlich auch ein Anteil an Schwermetallen, die freigesetzt werden durch Schweröl, vom Schiffsverkehr. Das Lächerlichste ist ja, dass die fünf größten Containerschiffe auf der Welt einen ebenso großen Anteil an CO2 produzieren, wie alle Autos zusammen. Ein Katalysator für eines dieser Schiffe kostet 1,5 Mio Euro. Eigentlich würde es dafür weltweite Regelungen brauchen. Und die gibt es nicht im Schiffsverkehr. Auch Kreuzfahrten sind eines der unnötigsten Dinge, die die Menschheit je erfunden hat.

Die Problematik der Stromproduktion besteht vor allem darin, dass in vielen Ländern der Welt Strom noch immer aus Kohlekraft gewonnen wird oder aus anderen fossilen Brennstoffen, und da ist es nunmal so, dass die USA, China, Russland zu über 80 Prozent aus fossilen Brennstoffen ihren Strom gewinnen und dann gibt es so schlechte Beispiele wie die Länder in Afrika, die natürlich auch versuchen, sich wirtschaftlich aufzubauen, die setzen komischerweise auch auf Kohlekraft. Derzeit werden in Afrika 18 Kohlekraftwerke gebaut. Im Sinne der Klimakrise greift man sich an den Kopf.

Beim Verkehr muss erstens der Individualverkehr vor allem der Autos eingeschränkt werden, indem man mehr Angebote mit der  Bahn schafft. Die Bahn ist ein Schlüssel zum Erfolg, auch was sie an innereuropäischen Flügen ersetzen kann. Man braucht mehr Züge - aber die Strecken sind fast ausgelastet in Europa, weil oft nicht investiert wurde. Man muss zuerst die Bahn massiv ausbauen - vierspurig, sechsspurig teilweise auf den Hauptverkehrsrouten.

Ganz wichtig wäre E-Mobilität im Lieferverkehr in den Städten, vor allem da der Online-Handel nach oben geht - es ist doch sinnbefreit, wenn die Kleinlastwägen der Paketdienste den Motor starten, zehn Meter fahren, das gehört unbedingt auf Elektromobilität umgestellt.

Wie siehst du die Erfolgsaussichten eurer Bewegung?

Ich bin da eher optimistisch. Es wird schon noch eine Zeit dauern, bis unsere Forderungen erfüllt werden, aber ich glaube schon, dass die Politik einmal spüren muss, dass etwas geschehen muss, dass Maßnahmen getroffen werden müssen. Man sieht ja auch mit dem Wahlerfolg der Grünen, dass die Menschen verlangen, dass etwas geschieht. Man darf sich aber nicht blenden lassen, wenn einzelne Maßnahmen ergriffen werden, dass man sich denkt, jetzt ist die Sache erledigt - man muss schon dranbleiben.

In Österreich kommt es drauf an, wie die nächste Regierung ausschaut. Wenn tatsächlich die Grünen in der Regierung sind, dann sehe ich eine definitiv höhere Chance, der Pariser Vertrag würde auf jeden Fall eingehalten werden. Bei tiefgreifenden Maßnahmen, da darf man sich jetzt auch nicht zu viel erwarten.

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