„Ich bin hier nicht der Jugo. Ich bin hier der Quotenmann.“

25. Februar 2021

Endometriose, Clown-Contouring und eine Clutch – was viele Männer nicht einmal buchstabieren können, gehört zu seinem Tagesgeschäft. Die WIENERIN hat seit Anfang 2021 einen neuen stv. Chefredakteur. Der ist nicht nur ein Mann, sondern auch ein „Jugo“. Im biber-Interview spricht Ljubiša Buzić über Frauen, Männer und verrät, warum er der Typ „überintergiert“ ist.

Interview: Delna Antia-Tatić, Foto: Susanne Einzenberger

Foto: Susanne Einzenberger
Foto: Susanne Einzenberger

DASBIBER: Herzliche Gratulation zur neuen Position. Gab es eigentlich Bedenken, wenn ein Mann Teil der Chefredaktion wird – oder ist das ein Zeichen von Feminismus?

LJUBIŠA BUZIĆ: Ich würde es als Zeichen von Feminismus sehen: Dass wir keine Grenzen ziehen und sich auch ein Mann mit feministischen Themen befasst – und keine Berührungsängste hat.

Habt ihr eine Obergrenze für Männer?

(lacht) Nicht dass ich wüsste. Das Thema hatten wir noch nie. Ich bin bis jetzt immer der eine Quotenmann gewesen. 

Bist du auch der Quotenmigrant?

Nein, bin ich nicht. Wir haben in der WIENERIN andere Redakteurinnen mit Migrationshintergrund. Es war der WIENERIN immer wichtig, divers zu sein.

Wie geht es denn Frauen 2021 in Österreich und was steht auf deiner Agenda? 

Ganz groß steht da natürlich, wie sehr Corona die Ungleichheit gezeigt hat und die Belastungen für Frauen noch größer gemacht hat. Stichwort: Homeschooling, Care-Arbeit, unbezahlte Arbeit etc.

Nach sechs Jahren als Insider - würdest du dich als Frauen-Experte bezeichnen? Immerhin bist du sicher einer der wenigen, der Endometriose buchstabieren kann.

Ja, das kann ich. (schmunzelt) Ich würde mich trotzdem nicht als Frauenexperte bezeichnen, sondern, dass ich keine Scheu vor „Frauenthemen“ habe.

Was sind denn Frauenthemen?

Ich selbst ärgere mich manchmal über diese Schublade und denke mir, das sind doch Gesellschaftsthemen. Deswegen habe ich auch unter Anführungszeichen gesagt. Das Lustige ist ja: Als ich mich bei der Wienerin beworben habe, hatte ich überhaupt nicht erwartet, der einzige Mann zu sein. Ich habe die Inhalte des Magazins gar nicht als Frauenthemen gesehen. Für mich war die WIENERIN mehr ein Lifestyle-Magazin und da ging es um gutes Leben, um Genuss und Self-Care.

Wie ist es denn ausschließlich mit Frauen zusammenzuarbeiten?

Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich jetzt mit 20 Frauen oder Männern arbeite, ich muss mich immer auf die Leute einlassen. Vor der WIENERIN war ich bei KOSMO. Da gab es nur Typen, aus allen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Aber auch dort war ich der Fremde, ich war der Schwabo. Die KOSMO- Redakteure waren alle viel mehr in der Ex-Yu-Community verwurzelt. Ich war tatsächlich der pünktlich kommende und korrekte, strebsame Schwabo-Kollege und musste auch dort ganz viel lernen. 

Bist du dann umgekehrt hier bei der Wienerin der Jugo?

Ich bin hier nicht der Jugo. Ich bin ein Mann bei einem Frauenmagazin.

Was heißt das?

Dass ich Vieles zu lernen habe und Vieles nicht kenne. Stichwort: Clown-Counturing, Keypieces. Ich weiß jetzt, was eine Clutch und was Endometriose ist.

Trotz „Überintegration“ – wo kommt denn der Jugo in dir raus?

Beim Essen. Fleisch, Fleisch, Fleisch und immer wieder Burek.

Klischeefrage: Aber was sagt die Familie unten zu deinem Job beim Frauenmagazin?

Die Familie unten hat das nicht so ganz verstanden, was ich da mache und denkt, ich arbeite bei einem Modemagazin. Stolz sind sie natürlich trotzdem, dass ich hier weiterkomme.

In Österreich bezeichnen sich junge, linke Männer selbstverständlich als Feministen – ist das in Bosnien auch so?

Das glaube ich nicht. Sicher gibt es schon welche, aber es ist noch nicht so Mainstream wie hier.

Wir reden grad viel über Männer versus Frauen, dabei ist diese Geschlechtereinteilung längst überholt. In Deutschland wurde das dritte Geschlecht eingeführt, auf Instagram gehört es dazu das Pronomen dazu zu schreiben und junge Frauen bezeichnen sich als Flint-Personen und bekämpfen den Cis-Mann. Steht das Geschlecht in Zeiten des Gender-Queer weniger im Vordergrund oder bräuchte die WIENERIN ein Sternchen* am Cover? 

...ein Sternchen am Cover – müssen wir uns überlegen. (lacht) Wir sind ein feministisches Magazin, so gesehen ist das Geschlecht natürlich ein Thema, an dem wir uns viel abarbeiten. Dass das jetzt fließender wird, schließt ja nicht aus, dass man sich trotzdem damit beschäftigt und es irgendwie ein Teil der Identität ist. Fließend bedeutet ja nicht, dass ich kein Mann mehr bin, sondern dass ich ein Mann bin und aber trotzdem Yoga mache und Mandalas ausmale. 

Was sagst du zur Frauenquote?

Bin ich dafür. Sie ist notwendig und man kann sie definitiv einer Regierung, den öffentlichen Einrichtungen und größeren Konzernen zumuten. Vielleicht nicht jeder kleinen Firma ums Eck, aber jenen, die groß in der Gesellschaft eine Funktion haben, sollten doch eine Verantwortung übernehmen und nicht nur draufschauen, was für sie bequem ist. 

Was hältst du von einer Migrantenquote?

Da hätte ich nichts dagegen.

Am 8. März ist Frauentag, am Balkan eine große Sache und traditionell gibt es Blumen. Warum braucht es diesen Tag und schenkst du einen Strauß?

Klar braucht es den Frauentag, aber Blumen schenke ich nicht. Auch nicht meiner Mama, obwohl sie es sich wohl so vorstellen würde. Aber das ist eine Verwechslung mit dem Muttertag und Valentinstag. Der Frauentag ist ein politischer Tag, wo es nicht darum geht, dass man lieb ist zu Frauen, sondern dass Frauenpolitik in den Mittelpunkt rückt. 

Zum Schluss, verrätst du uns dein Beauty-Geheimnis?

Natürlich, ausreichend Schlaf und viel frisches Wasser.

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