„Ich fahre nicht aus Mitleid in die griechischen Lager, sondern aus Hochachtung.“

03. Januar 2021

Integration durch Kampfsport: Ehemaliger Taekwondo-Weltmeister Ronny Kokert schmuggelte sich in das Lager Kara Tepe und verteilte an die Menschen dort Bargeld. In Wien trainiert er jugendliche Flüchtlinge und lehrt, Wut und Angst in Mut zu transformieren. Er lässt Integration so einfach aussehen: Wenn das bloß die österreichische Politik auch so sehen würde.

Von Aleksandra Tulej, Foto: Susanne Einzenberger. Alle Fotos sind im Shinergy-Studio im 8 Wiener Bezirk entstanden.

Foto: Susanne Einzenberger
Foto: Susanne Einzenberger

ALMANAH: Herr Kokert, Sie waren letztes Jahr zwei Mal auf Lesbos in den Flüchtlingslagern: Im Februar in Moria und dann im September nach dem Brand in Kara Tepe. Was hat sich seit Februar verändert?

RONNY KOKERT: Es hat sich rein gar nichts verändert. Wenn, dann ist die Lage schlimmer geworden. Kara Tepe ist ja nur ein provisorisches Lager. Von weitem sieht es ja ordentlich aus: Weiße Zelte, blauer Himmel, blaues Meer. Aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass dort völlig unmenschliche Zustände herrschen. Laut den Ärzten sind die häufigsten Verletzungen, die sie bei Kindern im Lager behandeln, Rattenbisse. Die Kinder weinen nicht einmal – sie stehen zu sehr unter Schock und haben zu viel Angst. Das muss man sich einmal vorstellen. Die Leute schlafen dort am Boden. Wenn es regnet, ist alles überschwemmt. Teilweise schlafen bis zu 200 Menschen in einem Zelt. Es gibt nicht genug sanitäre Anlagen und keine ausreichende medizinische Betreuung. Es ist ein Drama.

ALMANAH: Auf Ihrem Facebook-Profil posten Sie auch viele persönliche Geschichten aus den Lagern. Sind Sie mit den Menschen vor Ort dauerhaft in Kontakt?

RONNY KOKERT: Ja, ich will damit zeigen, dass das nicht nur irgendwelche Zahlen sind, sondern konkrete Schicksale, konkrete Gesichter, Menschenleben. Wie zum Beispiel der 20-Jährige Afghane Arsalan. Arsalan hat mir im Lager als Dolmetscher geholfen. Sein Vater wurde erschossen, er war mit seiner Mutter und seinen Geschwistern im Lager. Das Boot, das die Familie nach Griechenlang gebracht hat, ist gekentert. Viele sind ja Nichtschwimmer, die Rettungswesten sind oft gefälscht und erfüllen nicht ihre Aufgabe. Arsalan konnte sich retten, indem ihn sein Cousin im Wasser hochgehalten hat, und zum Festland gebracht hat. Nach einer langen Zeit im Lager ist der Junge weiter aufgebrochen. Er ist Anfang Dezember verstorben, er hat es bis zur Bosnisch-Kroatischen Grenze geschafft. Sein junges, schwaches Herz hat es einfach nicht mehr ausgehalten. Er konnte die kalten Nächte im Wald und die ständige Angst nicht mehr ertragen.

ALMANAH: Sie haben bei Ihrem ersten Moria-Besuch im Februar 2020 ein Video gedreht, das die Zustände im damaligen Moria zeigt – und die Aufnahmen mit der Europa-Hymne unterlegt. Wie haben Sie es geschafft, im Lager zu filmen? Journalisten ist der Zutritt ja verboten.

RONNY KOKERT: Ich habe mich ins Lager rein- und wieder hinausgeschmuggelt. Beim ersten Mal wurde ich von der Polizei erwischt, sie haben mir mein Handy abgenommen und die Aufnahmen gelöscht – aber die kleine Kamera, mit der ich das Video gedreht habe, habe ich in meiner Unterhose versteckt. Die Kamera wurde dann nicht gefunden. Ich habe dieses Video gemacht, um den Österreichern zu zeigen, wie es dort wirklich aussieht. Ich wollte eben genau diese Doppelmoral zeigen: Den Umstand, dass das alles mitten in Europa passiert. Du kannst im Hafen in einem Café sitzen und fünf Minuten entfernt ist dann dieses Lager.

ALMANAH: Hat die Intention, diese Doppelmoral zu zeigen, funktioniert?

RONNY KOKERT: Ich habe viel Resonanz auf das Video bekommen, aber es hat sich nicht viel geändert. Die Hifsleistungen kommen weiterhin nicht an.

ALMANAH: Laut dem Innenministerium wurden winterfeste Zelte geliefert, die aber nach wie vor in Athen gelagert werden. Wieso kommen die Hilfsleistungen nicht an? 

RONNY KOKERT: Weil sich keiner zuständig fühlt. Das, was Europa hier tut, ist unterlassene Hilfeleistung. Jeder Mensch hat ein Recht auf Asyl, auf Unterkunft, Nahrung und Medizinische Versorgung. Laut der Europäischen Menschenrechtskonvention. Und all das findet dort im Lager nicht statt. Das ist eine Schande für Europa. Und Österreich ist Teil der Europäischen Union. Wir tragen eine Verantwortung.

ALMANAH: Was ist Ihre konkrete Forderung an Österreich als Staat? Das Lager evakuieren? Die Zustände im Lager verbessern?

RONNY KOKERT: Man muss das Lager sofort evakuieren, die Leute aufs Festland holen, den Menschen einen Zugang zu einem fairen Asylverfahren gewähren. Was die Verbesserung der Zustände betrifft, sehe ich darin keine dauerhafte Lösung: Das Lager ist nicht darauf ausgerichtet, dort so lange Zeit Menschen unterzubringen. Und manche harren dort schon jahrelang aus – zuerst in Moria und jetzt in Kara Tepe. 10.000 Menschen auf Europa zu verteilen, wäre kein großer Aufwand. Ich bin nicht weltfremd, ich weiß, dass das Herausforderungen mit sich bringt. Aber diese Menschen aufzunehmen, wäre kein Problem für die EU-Staaten. Das würde niemand merken, niemand würde uns etwas wegnehmen. Die Lösung wäre so leicht möglich.

ALMANAH: Wieso versagt die Österreichische Politik hier aus Ihrer Sicht?

RONNY KOKERT: Diese Menschen sitzen dort als Faustpfand einer Politik fest, die populistisch auf Stimmen aus ist. Es ist eine Partei an der Macht, die sich nach Wählerstimmen richtet, und nicht nach Überzeugungen. Wenn sich die Wählerstimmen bei uns ändern, dann werden die auch den Kurs ändern. Die ÖVP schmückt sich ja als christlich-soziale Partei – Ich versuche genau darauf aufmerksam zu machen, vor allem vergangenen Dezember in der Weihnachtszeit: Die Herbergssuche, die christlichen Werte zu Weihnachten – da fragt man sich, wo diese Werte bleiben, wenn es um die Situation in Griechenlad geht…

ALMANAH: Da die Politik nicht handelt, haben Sie die Sache selbst in die Hand genommen: Bei Ihrem letzten Besuch im September 2020 in Kara Tepe haben Sie den Menschen persönlich Bargeld übergeben. Wie hat das funktioniert? 

RONNY KOKERT: Ich habe, nachdem Moria abgebrannt war, eine Spendenaktion gestartet und beschlossen, dass ich das Geld direkt übergebe. Ich weiß, dass das umstritten ist, aber es hat gut funktioniert. Ich habe mich dann einfach heimlich mit den bedürftigen Familien getroffen und ihnen Kuverts gegeben. Mit 100 €, 200 € oder 400 € drin.

ALMANAH: Wie haben Sie die Menschen im Lager erlebt? 

RONNY KOKERT: Unglaublich freundlich und würdevoll. Ich denke, das ist auch der Grund, warum wir uns so gut verstehen: Ich fahre nicht aus Mitleid hin, sondern aus Hochachtung. Ich kenne ihre Geschichten und ich bin beeindruckt von der Würde und dem respektvollen Umgang, der dort herrscht – untereinander und mir gegenüber. Ich habe ja auch mit den Jungs im Lager Kampfsport trainiert: Das sind Jungs, die auf Pappkartons schlafen und fast nichts zu Essen haben. Und die kommen gestriegelt und motiviert zum Training mit einem Einsatz und einer Höflichkeit, die ich selten erlebt habe. 

ALMANAH: Aber es gibt ja auch traurige Zwischenfälle: Mitte Dezember wurde im Lager ein dreijähriges Mädchen vergewaltigt und schwer misshandelt aufgefunden. 

RONNY KOKERT: Es leben nicht nur anständige Leute dort. Es passieren dort auch solche schrecklichen Fälle. Aber nicht nur das: Es kommt immer wieder zu Streit, vor allem wenn es um Religionen geht. Allein in der einen Woche, in der ich im Lager war, sind zwei Menschen bei einem Streit ums Leben gekommen. Solche Vorfälle gab es in Moria auch schon. Das neue Lager ist zwar um nichts besser als Moria, aber es ist übersichtlicher. Es ist nicht so verwinkelt, was die Menschen dort als sicherer empfinden. Aber das Leben im Lager fördert auch Konflikte.

ALMANAH: Sie sind Taekwondo-Weltmeister und Begründer der Shinergy-Philosophie – bei Ihnen lernt man, Stress in Kampfkunst umzupolen. Wie kann man sich das genau vorstellen?

RONNY KOKERT: Durch die Shinergy-Methodik vermitteln wir Gegenwärtigkeit vor allem in Angst und Stresssituationen. Wir vermitteln aber auch die Philosophie der Kampfkunst: Erkenne dich selbst, erkenne den Gegner und erkenne dich selbst im Gegner. Unser Prinzip heißt: Kämpfen zu können, heißt nicht mehr kämpfen zu müssen. Man muss sich mit Angst, Wut und Aggression konfrontieren, da gibt es keinen Umweg. Und die Kampfkunst ist der beste Weg.

Foto: Susanne Einzenberger
Foto: Susanne Einzenberger

ALMANAH: Wie Sind Sie auf die Idee gekommen, Shinergy zu gründen?

RONNY KOKERT: Als 13-Jähriger war ich nach einer Knochenmarksentzündung drei Monate im Spital und durfte mich danach kaum bewegen, in die Schule konnte ich danach nur mit so einem Rollwagerl. Das war 1984. Damals haben mich die Geschichten der glorreichen Samurai fasziniert – wie das eben so ist, wenn man sich als Bub schwach und ausgegrenzt fühlt. Also habe ich mit Taekwondo begonnen. Ich war 1992 Weltmeister im Open Taekwondo. Aber ich habe nicht das gefunden, wonach ich wirklich gesucht habe: Im Kampfsport gab es entweder nur den Sport als Leistungssport - da war die Philosophie nebensächlich. Oder es war ein esoterisches Aufsagen von Kalendersprüchen. Ich wollte beides verbinden. So habe ich 1999 Shinergy gegründet und ein Jahr später das Studio aufgemacht.

ALMANAH: Sie haben 2016 das Projekt „Freedom Fighters“ gegründet, wo junge Flüchtlinge in Wien bei Ihnen trainieren. Wie kann man sich das konkret vorstellen?

RONNY KOKERT: Die Idee kam mir, als ich im Flüchtlingslager Traiskirchen mit jungen Menschen gesprochen habe und gemerkt habe, dass ich ihnen beibringen kann, wie sie konstruktiv mit ihrer Angst umgehen. Mittlerweile habe ich über 300 Jungs trainiert, es waren auch Mädchen dabei. Das sind Shinergy-Kurse für junge geflüchtete Menschen, die sind zwischen 16 und 25 Jahre alt. Sie zahlen auch nichts für die Trainings, die Ausrüstung stelle ich ihnen zur Verfügung. Nach Corona möchte ich auch einen eigenen Kurs für Mädchen aufbauen. Ich möchte das Projekt ausbauen, einige der Burschen zu Trainern ausbilden sowie Deutschkurse und psychologische Betreuung anknüpfen.

Foto: Lukas Beck
Foto: Lukas Beck

ALMANAH: Wie ist die Resonanz von den Jungs?

RONNY KOKERT: Ich weiß, dass ich sie durch Kampfsport abholen kann – Das ist eine Auszeit für die Jungs, die haben ja fast alle negative Asylverfahren, die haben Angst vor Abschiebung. Diese Angst kann sich in Wut äußern, die sind ja fast alle schwer traumatisiert, Selbstmord ist ein Thema. Durch die Kampfkunst kann man Wut in Mut transformieren. Mut für ein neues Leben: Die kommen ja hierher und beginnen von Null auf ein völlig neues Leben: Lernen eine neue Sprache, leben in einem neuen Land, lernen neue Menschen kennen – dazu braucht es sehr viel Mut.

ALMANAH: Woher kommt bei Ihnen diese Motivation, sich so für andere einzusetzen?

RONNY KOKERT: Sie lernen nicht nur von mir, sondern auch ich von ihnen. Ich habe sehr viel von ihnen profitiert. Sie haben mir beigebracht, würdevoll mit Enttäuschungen umzugehen. Wir können sehr viel von den Angekommenen – so nenne ich diese Menschen – lernen. Wenn man sich mit der eigenen Veränderung auseinandersetzt, lernt man das am besten von Menschen, die eben ein neues Leben beginnen mussten. Es sind Menschen gekommen, in denen riesiges Potential steckt.

Für mich ist das selbstverständlich, mich für andere einzusetzen. Ich habe ein sehr schönes Leben, ich durfte meinen Traum verwirklichen. Und ich weiß, dass ich mit meinem Handwerk eben helfen kann. Jeder kann etwas besonders gut, und ich kann halt das. Und es erfüllt mich auch und gibt meinem Tun auch einen Sinn.

 

 

Im Mai erscheint Ronny Kokerts Buch "Der Weg der Freiheit", in dem er die Geschichten der "Freedom Fighters" erzählt-und näherbringt, was wir von den Angekommenen lernen können.

 

 

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