"Ich habe keine Angst vor der Polizei, nur vor Allah"

25. Februar 2021

Frauen, die hierzulande meist als unterdrückte Hinterwäldlerinnen abgestempelt werden, zeigen in der bosnisch/kroatischen Grenzregion wie Zivilcourage geht. Sie unterstützen geflüchtete Menschen, während die europäische Hilfe nur stockend bis gar nicht ankommt. Der Gründer der „SOS Balkanroute“, Petar Rosandić, über Heldinnen im Kopftuch.

Fotos: Hasan Ulukisa, Ben Owen-Browne

In solchen Objekten leben Flüchtlinge in Bosnien: Das nie in Betrieb gegangene Pensionistenheim in Bihać
In solchen Objekten leben Flüchtlinge in Bosnien: Das nie in Betrieb gegangene Pensionistenheim in Bihać

Es riecht nach Abfall und Fäkalien als wir das unfertige Gebäude des nie in Betrieb gegangenen und heute leerstehenden Pensionistenheims in der nordwestbosnischen Stadt Bihać betreten. Gelegen am wunderschönen Fluss Una hätten nach den Plänen von Titos jugoslawischen Kommunisten hier Menschen leben sollen, die auf eine Pflege und Versorgung rund um die Uhr angewiesen sind. Doch als Anfang der neunziger Jahre der Krieg in Bosnien ausbrach, zogen die Bauarbeiter endgültig ab und das Heim wurde nie fertiggestellt.

Drei Jahrzehnte später wirkt das leerstehende, graue Gebäude wie der Schauplatz eines Ostblock-Horrorfilms. „As-Salamu Alleykum, wie gehts dir, mein Sohn?“, sagt unsere Begleiterin Zemira zu einem der ungefähr hundert Geflüchteten, die seit der Schließung der Balkanroute in den labyrinthartigen Räumen zumindest ein Dach über dem Kopf gefunden haben. Die Menschen, die hier in unmöglichen Bedingungen - ohne Strom, Wasser und Nahrungsversorgung - leben, freuen sich sichtlich über den Besuch von Zemira.

Die Fabrikshallen des einstigen jugoslawischen Landwirtschaftsimperiums „Agrokomerc“
Die Fabrikshallen des einstigen jugoslawischen Landwirtschaftsimperiums „Agrokomerc“

HÜHNERSUPPE AUS DEM VW POLO

Viele der dort lebenden Burschen sprechen sie auch mit „Mama“ an. „Nein, es sind nicht meine Kinder, aber es sind die Kinder von jemandem, der sich Sorgen um diese macht. Heute schreibe ich auf, wer alles Hosen, Socken und Schuhe braucht. Morgen kommen wir dann wieder. Ich werde vorher kochen und eine Hühnersuppe für die Jungs machen. Kannst du das Feuerholz besorgen, Pero?“, weiht mich die Frau, die wir seit fast zwei Jahren als SOS Balkanroute regelmäßig mit humanitären Transporten und Geldspenden versorgen, in ihre Pläne für die nächsten Tage ein. Als wir einen Tag später aus dem Kofferraum ihres polizeibekannten, hellblauen VW Polos Hühnersuppe, Feuerholz und Kleidung verteilen, strahlen nicht nur für einen kurzen Moment die sonst so hoffnungslosen Gesichter der Geflüchteten, sondern auch das von Zemira.

Die dunklen Räume, in denen einige Gruppen von Geflüchteten Feuer machen und sich so zumindest wärmen können, passen zur völlig aussichtslosen Lage dieser Menschen. Viele von ihnen stecken seit Jahren bereits in Bosnien fest und sie versuchen - allen Rückschlägen zum Trotz - immer und immer wieder, über die Grenze nach Kroatien zu gelangen. Die Rede ist von „The Game“, dem Spiel die kroatische Grenze zu übertreten, ohne dabei von Polizisten grün und blau geschlagen und anschließend - ohne die Möglichkeit, überhaupt einen Asylantrag zu stellen - nach Bosnien zurückgeschoben zu werden. Die Berichte, Beweise und Dokumentationen über die brutale Gewalt der EU-GrenzschützerInnen haben wir Justizministerin Alma Zadić bereits im Juni 2020 persönlich übergeben, ebenso wie den Menschenrechtssprechern aller Parteien im österreichischen Nationalrat, nur nicht dem der FPÖ. Doch bis auf den Antrag und die Initiative von Nurten Yilmaz (SPÖ), abgelehnt von Türkis-Grün, ist wenig passiert und nichts hat sich für die Menschen, die wir täglich in Bosnien versorgen, geändert.

Für immer mehr Familien wird die EU-Außengrenze zum Teufelskreis: Sie können weder rein, noch zurück.
Für immer mehr Familien wird die EU-Außengrenze zum Teufelskreis: Sie können weder rein, noch zurück.

DIE SUCHE NACH DER MILLION

Seit zwei Jahren sind wir Zeugen, dass in Bosnien-Herzegowina die Hilfe für die ungefähr 10.000 Geflüchteten vor allem von Einzelpersonen wie Zemira und kleinen, zivilgesellschaftlichen Initiativen abhängt. Ob es sich um Helferin Anela in Bihać, die jungen Schwestern und Studentinnen Amina und Merdija in Zenica oder die Volksschullehrerin Alma in Velika Kladuša handelt: Es sind vor allem die Frauen, die in der bosnischen Gesellschaft und in der seit drei Jahren andauernden Flüchtlingskrise auf der Balkanroute die Verantwortung übernommen haben. Von der einen Million Euro Soforthilfe der österreichischen Regierung ist hingegen nichts zu bemerken. Auch die grüne Abgeordnete Ewa Ernst-Dziedzic, die mit uns vor Kurzem in Bosnien war, versuchte in Gesprächen mit LokalpolitikerInnen erfolglos, die Spuren des von Österreich propagierten Konzepts der „Hilfe vor Ort“ zu identifizieren. Genauso erfolglos übrigens wie die Suche nach den von Karl Nehammer versprochenen Spenden für die Flüchtlinge in den Lagern auf dem griechischen Lesbos.

Zwei Schwestern, eine Mission: Amina und Merdija versorgen die Flüchtlinge
Zwei Schwestern, eine Mission: Amina und Merdija versorgen die Flüchtlinge

Wer vor Ort hingegen jeden Tag in Aktion zu finden ist, ist die junge Anwältin Dženeta Delić Sadiković in Tuzla. Als in ihrer Stadt vor zwei Jahren rund um den Busbahnhof Menschen begannen ihre Zelte aufzuschlagen, war sie zur Stelle und ist es bis heute auch geblieben. Mittlerweile hat sie die Anwaltskanzlei verlassen und betreut täglich von 9 bis 18 Uhr Geflüchtete, die ins von uns finanzierte Tageszentrum kommen. „Ich bin froh, dass wir den Menschen wenigstens 9 Stunden pro Tag einen warmen Raum anbieten können“, sagt Dženeta stolz. Dank Powerfrauen wie ihr und ihrer Kollegin Mirela haben die Menschen im bosnischen Dschungel der Hoffnungslosigkeit - auf der geschlossenen Balkanroute - wenigstens die Gelegenheit, für ein paar Stunden täglich eine gewisse „Normalität“ zu leben. Als wir sie besuchen, schneiden sich die Jungs gegenseitig die Haare, kochen Kaffee oder spielen gemeinsam Schach.

Wie viel Einzelpersonen auch in so einer großen Krise bewegen können, zeigt zudem das Beispiel der Schwestern Amina und Merdija in Zenica. „Wir können gar nicht anders. Unsere Eltern haben uns dazu erzogen, dass wir Menschen, die in Not sind, helfen. Dabei ist es egal, woher diese Menschen kommen“, sagt Amina, die mit ihrer Schwester Merdija täglich Gruppen von 100 bis 200 Menschen in der bosnischen Stahlstadt Zenica versorgt. Die Mädels zeigen uns Zeichnungen von einem Geflüchteten, der - wie sie uns erzählen - „von vielen gemobbt wurde“. „Jetzt hat er schon einige Zeichnungen verkauft, weil sie den Leuten so gut gefallen. Das hat sein Selbstbewusstsein wieder auf Vordermann gebracht“, sagt Merdija, die gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Vater, einem islamischen Religionslehrer, täglich Essen und Sachspenden in die Abbruchhäuser bringt.

Das Horrorcamp Vučjak wurde als „Lager auf der Müllhalde“ bekannt
Das Horrorcamp Vučjak wurde als „Lager auf der Müllhalde“ bekannt

„ANGST VOR ALLAH, ABER NICHT VOR DEN BULLEN“ 

„Letztens haben wir einen Jungen zur Fremdenpolizei begleitet und wollten einen Asylantrag mit ihm stellen. Der Beamte hat uns schimpfend rausgeschickt mit der Aussage, die ‚Migranten‘ seien alles Kriminelle“, erzählt uns Amina enttäuscht. Doch so wie viele bosnische Frauen entlang der Balkanroute kennt auch sie kein Aufgeben. „Jetzt schauen wir nach Sarajevo mit ihm. Dort sollen die Beamten freundlicher sein“, so Amina.

Sanela war selbst mal Flüchtlingskind in der Schweiz. Heute hilft sie anderen Geflüchteten.
Sanela war selbst mal Flüchtlingskind in der Schweiz. Heute hilft sie anderen Geflüchteten.

Dabei haben Amina, Zemira, Alma, Sanela, Anela, Mirela oder Dženeta in ihrer humanen Mission oft Probleme mit der Polizei gehabt. Insbesondere im Una- Sana-Kanton sind die Bedingungen für Flüchtlingshilfe schwierig und die Hilfe von Einzelpersonen ist auch offiziell verboten. „Ich wurde schon so oft zur Polizeistation geladen, kontrolliert, bestraft... Aber in Wirklichkeit habe ich keine Angst vor der Polizei, nur vor Allah“, erklärt uns die bosnische Ute Bock Zemira.

In einer Zeit, in der Europa sich stufenweise von seinen eigens festgelegten Menschenrechtskonventionen verabschiedet und die kroatische EU-Außengrenze mit Bosnien immer mehr zum Moria vor der Haustür wird, ist auf diese Frauen - im Gegensatz zur Politik - auch Verlass. Dass es sich dabei oft um Frauen mit Kopftuch handelt, kann ein Zufall sein oder auch nicht. Im Grunde spielt das auch keine Rolle. Tatsache jedoch ist: Genau jene Frauen, die von Europas Rechtspopulisten aufgrund dieses religiösen Symbols als „radikale Hinterwäldler“ abgestempelt werden, sind die letzten Botinnen der Menschlichkeit entlang der EU-Außengrenze.

Volksschullehrerin Alma hilft Menschen am Grenzgebiet zu Kroatien.
Volksschullehrerin Alma hilft Menschen am Grenzgebiet zu Kroatien.

Der tägliche Einsatz dieser Frauen ist die wahrhaftige und gelebte Solidarität, stärker als jeder Reisepass, jede Grenze, jede Hautfarbe und jedes rechtspopulistische Hetzplakat der Welt. ●

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