„Ihr reißt andere mit ins Grab!“

22. Oktober 2021

Vermehrt landen Ungeimpfte auf den Covid-Stationen des Landes, manche verlassen sie nur tot. Ärzte und Krankenpersonal verzweifeln, dabei liegt die Lösung auf der Hand. 

Von Amar Rajković, Fotos: Zoe Opratko 

"Wir haben vor kurzer Zeit eine ungeimpfte 31-Jährige aufgenommen. Die Blutkreisanalyse zeigte eine geringe Menge an Sauerstoff im Blut. Innerhalb von drei Stunden landete die Patientin auf der Intensivstation, sie musste intubiert werden. Am nächsten Tag war sie tot.“ Kurz herrscht Stille im Büro des Prof. Arnulf Ferlitsch. Geschichten wie diese muss der Primar für Innere Medizin im Wiener Ordenskrankenhaus Barmherzige Brüder in letzter Zeit oft erzählen. Er spricht mit ungeimpften Angehörigen von Covid-Verstorbenen, mit unbelehrbaren Vätern, die Druck auf ihre Söhne ausüben, sich nicht impfen zu lassen oder mit aufgebrachten Müttern, die im Spital eine Szene machen, weil sie ungetestet ihre stationierte Tochter nicht besuchen dürfen. Obwohl Ferlitsch keine Gelegenheit auslässt, um PatientInnen und Angehörige von der Impfung zu überzeugen, landen jeden Tag viele junge Menschen auf der hauseigenen Covid-Abteilung. Tendenz steigend. 

Foto: Zoe Opratko (Nachgestellt)
Foto: Zoe Opratko (Nachgestellt)

 

In Österreich sind (Stand 14. Oktober) laut dem Dashboard des Gesundheitsministeriums 61,55 % der Gesamtbevölkerung voll immunisiert. Damit liegt das Land rund 10 Prozentpunkte unter dem EU-Durchschnitt und sogar 20 hinter Ländern wie Portugal, Spanien und Dänemark. Die anfängliche Impfeuphorie ist verflogen, die Ärzte bleiben auf Moderna, Pfizer und Co sitzen. Die Hauptstadt hat zwar in den letzten Monaten bundesweit aufgeholt, trotzdem gibt es Bezirke, die negativ auffallen: Favoriten zum Beispiel. Im bevölkerungsreichsten Stadtteil Wiens leben 50,9 % Bürger ausländischer Herkunft. (Quelle: MA 17 Integration und Diversität) Die Quote der Vollimmunisierten beträgt dort nur 54 %, gefolgt von Simmering mit 56,03 %, wie es aus dem Büro des Gesundheitsstadtrats Hacker heißt. Der Wien- Durchschnitt beträgt 60,90 %, Spitzenreiter ist der grüne und einkommensstarke Bezirk Neubau (68,27 %), gefolgt von Wien Hietzing mit 67,57 %. Das hat einerseits mit der älteren und bildungsnahen Bevölkerung in den führenden, aber auch mit dem niedrigeren Bildungsniveau in den traditionellen Arbeiterbezirken zu tun. 

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„JEDER KÖRPER TICKT ANDERS.“ 

All diese Zahlen tangieren Nenadnicht. Der Austro-Serbe, dessen Eltern in den 70ern nach Wien zum Arbeiten kamen, hat jüngst eine Corona-Infektion durchgemacht. Er ist „kein Impfgegner“, wie er betont, und auch kein „Kurz-muss- weg“-Wüterich von den Samstagsdemos, der Bill Gates, Soros oder dem israelischen Geheimdienst die Schuld an der „Plandemie“ gebe. Er kenne seinen Körper, gehe fast jeden Tag radeln und achte ganz genau auf die Ernährung. Impfung kommt für den 40-jährigen Versicherungsvertreter aber nicht in Frage. Erst recht nicht, nachdem er im Sommer beim Besuch der Verwandten in Serbien an Corona erkrankt sei.

Nenad wird sich nicht impfen lassen. Trotz oder gerade wegen einer durchgemachten Covid-Erkrankung Foto: Lisa Leutner
Nenad wird sich nicht impfen lassen. Trotz oder gerade wegen einer durchgemachten Covid-Erkrankung Foto: Lisa Leutner

Da er die Erkrankung relativ unproblematisch überstanden hat, fühlt er sich in seiner Ablehnung gegenüber der Impfung bestätigt. Auf die Horrorgeschichten des Arztes aus dem Spital angesprochen, bleibt Nenad bei seiner Impfskepsis: „Jeder Körper tickt anders. Es wird immer Ausnahmen geben, aber die werden mich in meiner Meinung nicht beeinflussen. Ich hatte erst gestern einen Kunden, dessen Sohn nach der ersten Impfung Herzrhythmusstörungen bekommen hat. Was willst du dem Vater zur Impfung erzählen?“, fragt er mit ratlosem Blick. Nenad argumentiert wie viele Impfskeptiker. Die Risiken von Nebenwirkungen seien im Verhältnis zu harmlosen Verläufen zu groß, heißt es oft.

Dr Arnulf Ferlitsch. Foto: Zoe Opratko
Dr Arnulf Ferlitsch. Foto: Zoe Opratko

„Seit 2002 wird an SARS geforscht, 50.000 Menschen haben damals einen baustoffähnlichen mRNA-Impfstoff bekommen und bis heute kaum Nebenwirkungen gezeigt. Und er enthält keine Chips von Bill Gates, wie manche Menschen vermuten“- Dr. Arnulf Ferlitsch, Primar Barmherzige Brüder Wien

Eine Argumentationslinie, die Dr. Ferlitsch zum Kopfschütteln veranlasst: „Seit 2002 wird an SARS geforscht, 50.000 Menschen haben einen baustoffähnlichen mRNA-Impfstoff damals bekommen und bis heute kaum Nebenwirkungen gezeigt. Und er enthält keine Chips von Bill Gates, wie manche Menschen vermuten.“ Dem 47-jährigen Internisten bleibt anscheinend nur der Zynismus, um auf die teils skurrilen Gründe der ImpfskeptikerInnen zu antworten. Dazu gehört die Angst von jungen Männern, nicht zeugungsfähig und die von Frauen, unfruchtbar zu werden. ImpfskeptikerInnen fürchten, dass die Nebenwirkungen der Impfung sich negativ auf die Familienplanung auswirken würden. Das sei jedoch durch nichts belegt, „ein Blödsinn!“, betont Ferlitsch und fügt hinzu, dass noch nie in der modernen Geschichte so viel Geld, Energie und Hirnschmalz in die Entwicklung eines Impfstoffes geflossen sei. Die Notfallzulassung, die bei Corona-Impfstoffen gegriffen hat, ist heute strenger denn je: „Aspirin würde durch den heutigen Zulassungsprozess niemals durchkommen“, gibt er zu bedenken. Trotzdem herrscht so viel Unwissenheit rund um das Virus. 

Krankenhaus
Foto: Zoe Opratko

Vor dem Betreten jedes Patientenzimmers muss das Krankenpersonal eine Reihe an Hygienemaßnahmen treffen. 

RISS IN DER LIESINGER IDYLLE
MarijasEltern sind in den 90ern vor dem Krieg aus Bosnien nach Österreich geflüchtet. Die Friseurin stammt aus einer konservativ katholischen Familie. Marija ist gewiss nicht die Impfgegnerin, die man in der Esoterik-Ecke vermutet. Ihr gepflegtes Aussehen und die zuvorkommende Art schätzen viele ihrer Stammkundinnen im Friseursalon im 23. Bezirk. Doch das Streitthema „Impfung“ lässt in der Vorstadt Wohlfühloase die Wogen hochgehen. Einige KundInnen würden sich nicht mehr von ihr die Haare verschönern lassen, so Marija, die heute mit einer neuen Pony-Frisur die neidischen Blicke der Kundschaft auf sich zieht. Der Grund: Marija ist nicht geimpft und macht auch kein Geheimnis daraus. „Ich kenne viele Bekannte aus Bosnien, die starke Impfnebenwirkungen hatten“, verrät sie mir. Ihr Chef und Salon-Besitzer Dragan Aleksićmuss das zähneknirschend hinnehmen. Es sind ja bis jetzt „nur drei KundInnen“, die darauf bestanden haben, nicht mit Marija in Kontakt zu kommen. Aleksić steckt in einem Dilemma, weil er seine MitarbeiterInnen, von denen übrigens nur Marija nicht geimpft ist, nicht dazu zwingen kann. Andererseits wundert er sich, dass man in der Community lieber unseriösen Quellen oder konservativen Eltern als der Wissenschaft Glauben schenkt. „Diese Menschen (Anm. d. Red.: MigrantInnen in zweiter und dritter Generation) sehen sich als Opfer. Ihre Eltern verrichten zumeist schlecht bezahlte und körperlich anstrengende Arbeit, sie werden in der Straßenbahn komisch angeschaut, wenn sie in ihrer Sprache kommunizieren und jetzt haben sie keine Lust, sich noch einmal für andere zu opfern“, so Aleksić, der aber die Hoffnung bei Marija nicht aufgegeben hat. Sie habe ihm erzählt, dass sie sich impfen lasse. Allerdings nur, wenn sie dazu gezwungen werde, so der genervte Friseurmeister. 

Mario Dujaković, Mediensprecher des Gesundheitsstadtrats Peter Hacker in Wien, gibt der inkonsequenten Linie der Bundesregierung eine Teilschuld an dem Impfstillstand: „Die niedrige Quote in den vorwiegend jungen Bezirken liegt daran, dass die österreichische Impfkampagne erst seit nicht so langer Zeit auch auf Junge fokussiert. Die jüngsten Bezirke wie Favoriten und Simmering sind tendenziell erst später von der Impfkampagne erfasst worden.“ Tatsächlich scheint sich laut den neuesten Zahlen etwas zu tun: Wienweit sind die Bezirke mit dem größten prozentuellen Zuwachs von 30.6 – 30.9 Favoriten (15,5 %), Simmering (15,2 %) und Brigittenau (15,2 %), allesamt Wiener Bezirke mit hohem MigrantInnenanteil und von der Altersstruktur besonders junge Stadtteile.

Stationsleiter der Covid-Station bei den Barmherzigen Brüdern in Wien, Georg Urban, ortet vielschichtige Gründe in der Bevölkerung, sich nicht impfen zu lassen. Einerseits liege die Entscheidung über die Impfung oft beim Familienoberhaupt, das nicht davor zurückschrecke, die eigenen Kinder unter Druck zu setzen, wie sich Urban erinnert: „Uns erzählte mal ein Patient, dass er sich nicht geimpft habe, weil das sein Vater verboten hatte.“ Andererseits gebe es genug Leute, bei denen wegen Verständnisproblemen die deutschsprachigen Impfkampagnen nicht ankommen. Und selbst wenn man der Sprache mächtig ist, bleiben bei der diffusen Kommunikation der Politik einige Fragen offen: Wo muss ich jetzt welche Maske tragen? Wieso muss ich mich wieder einschränken, der Ex-Kanzler hatte die Pandemie doch schon für besiegt erklärt? Alles Gründe für die vergleichsweise niedrige Impfquote in Österreich.

Ungeimpft
Foto: Zoe Opratko

Auf der Corona-Station durften wir nicht fotografieren. Nur den Eingang

 

AUS FAULHEIT UND BEQUEMLICHKEIT?
Ein unterschätztes Motiv ist die Impffaulheit unter den jungen Menschen, wie der Soziologe Kenan Güngör vermutet: „Der Glaube an die eigene Vitalität unter jungen Menschen ist wahrscheinlich ein stärkeres Motiv als die herumkursierenden Verschwörungstheorien. Viele machen sich die Mühe nicht, weil sie der Meinung sind, dass der Ertrag gegenüber dem Aufwand viel zu klein ist.“ Dazu könne man junge Zielgruppe kaum mit klassischen Werbekampagnen erreichen, so Güngör. Der Soziologe spricht von Menschen wie Mehmet. Der Austro- Türke ist geschiedener Vater auf Jobsuche. Im September 2021 bekam er einen unbezahlten Job: Als unfreiwilliger Aushilfslehrer musste er seinen gerade eingeschulten Sohn zuhause in der Quarantäne unterstützen. In dessen Klasse gab es einen Corona-Fall, der Rest wurde in Quarantäne geschickt. „Die Lehrer haben mir einen Packen Zettel mitgeben und gesagt, ich soll die Zahlen von 1–5 mit dem Kind durchgehen“, seufzt der ungeimpfte Vater zweier Kinder. Die Verordnungen der Politik seien für Mehmet „überhaupt nicht logisch“. Und er möchte aufgrund gesundheitlicher Bedenken nicht das Risiko einer Impfung in Kauf nehmen: „Schau, ich möchte meinem Körper keine Schmerzen mehr hinzufügen. Ich hatte eine Hüft-OP, die nicht zufriedenstellend verlaufen ist. Ich musste wochenlang Schmerzmittel nehmen und das Problem ist noch immer nicht geklärt“, so Mehmet bedröppelt. 

"Der Glaube an die eigene Vitalität unter jungen Menschen ist wahrscheinlich ein stärkeres Motiv als die herumkursierenden Verschwörungstheorien" – Kenan Güngör, Soziologe

Dr. Ferlitschs Geduld mit den ImpfgegnerInnen ist mittlerweile fast erschöpft. Zu schwer wiegen die 1,5 Jahre Pandemie in den Gliedern der ÄrztInnen und des Gesundheitspersonals. Sie sind überarbeitet, teils selbst von Long-Covid betroffen, müssen fast täglich mitansehen, wie Menschen an der Krankheit sterben und gleichzeitig feststellen, dass außerhalb des Spitals kaum wer über Corona spricht. Das Klatschen von den Balkonen ist längst verhallt. Primar Ferlitsch wird weiterhin nicht müde, ImpfskeptikerInnen zum Umdenken anzuregen. Die Geschichte handelt von einer 23-jährigen Patientin, bei der eine Lebertransplantation unternommen wurde. „Die Patientin erhielt eine immunsuppressive Therapie, das heißt, ihr Immunsystem war eingedämmt“, erinnert sich Ferlitsch und fährt fort: „Ich habe der ungeimpften Mutter der Patientin mehrmals versucht zu erklären, dass sie sich ihrer Tochter zuliebe impfen lassen sollte, da ihre Tochter doch zur vulnerablen Gruppe gehörte.“ Zur Verwunderung Ferlitschs lief die Mutter beleidigt davon. „Das ging so weit, dass sie die Tochter nicht besuchen durfte, weil sie auch den obligatorischen PCR-Test verweigerte“, so der perplexe Arzt. Was mit der Tochter nach dem Spitalaufenthalt passiert, will sich der Internist gar nicht ausmalen. Tatsache ist, dass die Mutter das Leben des eigenen Kindes mutwillig aufs Spiel setzt. Und klar ist, dass Corona längst nicht nur betagte PensionistInnen gefährdet. Davon berichten der Internist und Stationsleiter des Spitals im zweiten Bezirk. Ihr Appell: „Lasst euch impfen!“, und wenn nicht im eigenen Interesse, dann zumindest für die Mitmenschen, wie die immunschwache 23-jährige oder das am Rande des Burnouts arbeitende Krankenpersonal, denn: „Ihr reißt andere mit ins Grab!“ ● 

*Namen sind der Redaktion bekannt und wurden auf ausdrücklichen Wunsch der Betroffenen geändert. 

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