Kein Kind? Die spinnt!

02. Juli 2020
Sie haben nichts gegen sie, sie wollen nur keine haben: Kinder. Doch Frauen ohne Kinderwunsch werden nicht akzeptiert und als „unnatürlich“ abgestempelt. Über den Wunsch nach Sterilisation, den Vorwurf des Egoismus und die Absprache der Mündigkeit: Vier Frauen erzählen von ihren Beweggründen und darüber wie es ist, stetig im Kreuzverhör zu stehen.
 
Text: Hannah Lea Jutz, Illustrationen: Linda Steiner 

 

keine Kinder
Illustration: Linda Steiner

Barfuß gehe ich durch eine Blumenwiese. Es duftet nach Frühling und eine leichte Brise wirbelt mir die Haare ins Gesicht. Ich blicke nach unten und erschrecke. Statt meiner Füße sehe ich plötzlich einen runden, gewölbten Bauch. Schweißgebadet wache ich auf. Ich sitze kerzengerade in meinem Bett, atme schwer und greife mir panisch an den Bauch. Nur ein Traum. Gottseidank. Was für viele ein Lebensziel ist, ist für mich der absolute Albtraum. Ich will keine Kinder. Sie überfordern mich. Sie sind laut, haben zu viel Energie und brauchen immer Aufmerksamkeit. „Du bist noch jung, das kommt schon noch“, „Das kannst du doch nicht sagen!“, oder „Warum denn nicht?“ sind Sätze, die ich mir anhören muss, wenn ich erzähle, dass ich keine Kinder will. Eigentlich sollte es egal sein, warum ich und andere Frauen sich gegen Kinder entscheiden. Ob wir das aus finanzieller Instabilität, einem fehlenden Partner oder der Fokussierung auf Ausbildung und Beruf bestimmen. Ich sollte nicht rechtfertigen müssen, dass ich zu jenen Frauen gehöre, die mitunter dem Klima zuliebe keinen Nachwuchs in die Welt setzen möchten. Denn mit meinen 21 Jahren bin ich Teil der Generation, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sein wird. Wie soll es da erst meinen Nachkommen ergehen? Laut einer schwedischen Studie spart der Verzicht auf ein Kind mehr als zehnmal so viel CO2 wie der auf ein Auto. Motive für ein kinderfreies Leben gibt es viele. Letztlich habe ich einfach kein Bedürfnis, eines zu bekommen. Und damit bin ich nicht allein. 

SYSTEMFEHLER
Rojda* ist heuer dreißig geworden, verheiratet und kinderlos. Sie kommt aus einer kurdischen Gastarbeiterfamilie und ist Migrantin in zweiter Generation. „Für mich war es, wie für viele andere Frauen in der Community, eine Selbstverständlichkeit, dass ich irgendwann Kinder habe.” In ihrer konservativen Familie gehören Kinder zum Leben dazu. „Meine Eltern haben immer gesagt ‘Erst wenn du selbst Kinder hast, wirst du mich verstehen.’ Dieser Satz hat mich geprägt. Und er macht mir Angst. Er war wie eine Entschuldigung für Fehler, die sie in der Erziehung gemacht haben. Deswegen fürchte ich mich davor, ein eigenes Kind zu erziehen. Man kann so viel falsch machen.” In den letzten Jahren standen bei Rojda Studium und ihre Arbeit im Kunst- und Kulturbereich im Vordergrund. „Kinder waren für mich einfach nicht präsent. Wenn man einen Partner und einen sicheren Job hat, fragen die Leute aber irgendwann: ‚Und, wie sieht’s aus?‘”. Solche Aussagen stören sie. “Nur Frauen bekommen diese Frage gestellt. Es ist aber eine Entscheidung, die man gemeinsam mit dem Partner treffen muss.” Rojdas Mann will keine Kinder. Zumindest nicht in dem System, in dem die beiden leben. Ihr geht es ähnlich. „Ich habe keine Lust, das Kind in den Kindergarten zu bringen, arbeiten zu gehen, es wieder abzuholen und dann für jedes Wochenende dankbar zu sein. Rojda fühlt sich von den Strukturen in Österreich benachteiligt. Für sie würde sich durch faire Karrieremöglichkeiten und ein gerechteres Karenz- und Teilzeitarbeitssystem viel ändern. „Ich will nichts aufgeben müssen. Selbst wenn man den perfekten Partner hat, trägt man als Frau viel mehr Verantwortung. Es muss normal sein, Männer mit Kindern am Spielplatz zu sehen. Auch außerhalb von Neubau und Mariahilf.”
 
keine Kinder
Illustration: Linda Steiner
 
DIE LÜCKE IM GESUNDHEITSSYSTEM
Für Ina war immer schon klar, dass sie keine Kinder will. „Ich habe nichts gegen Kinder. Ich will nur keine eigenen.“ Im Februar hat sich die Psychologin sterilisieren lassen. Mit 29 Jahren. Nach jahrelanger Verhütung mit und ohne Hormonen, jeweils mit starken Nebenwirkungen, war es die einzige Methode, die für sie noch in Frage kam. „Dass ich mich irgendwann sterilisieren lassen will, wusste ich schon vor zehn Jahren. Ich habe mir immer gedacht, dass das zu langfristig sinnvoll ist und meinen Körper nicht unnötig mit Hormonen belastet.“ Da eine Sterilisation laut österreichischem Gesetz erst ab 25 erlaubt ist, war es für Ina länger kein Thema. „Entweder man erklärt eine Person mit 18 für mündig oder nicht. Ich verstehe nicht, dass das Gesetz bei der reproduktiven Selbstbestimmung einen Unterschied macht.“ Mit 24 wurde die Sterilisation wieder aktuell: „Zuerst habe ich lange im Internet recherchiert und praktisch nichts gefunden. Viele Ärzte haben mir gesagt, dass sie es nicht bei Frauen unter 35 und mit weniger als zwei Kinder vornehmen würden.“ Ihr eigener Gynäkologe konnte den Eingriff nicht durchführen, da er in Krankenhäusern mit christlichem Träger operiert. 
 

SELBSTBESTIMMUNG STATT BEVORMUNDUNG
Elke Graf leitet das Ambulatorium „pro:woman“, eine der wenigen Anlaufstellen für Frauen mit Sterilisationswunsch in Wien. „Uns ist wichtig, dass Frauen autonom und selbstbestimmt entscheiden und ihnen das auch zugemutet wird. Wir verstehen uns als Feministinnen und Feministen.” Sie sieht das Gesetz ebenfalls kritisch. „Das Alterslimit ist nicht legitim und es gibt keine rechtliche Grundlage. Den Gesetzgeber geht es nichts an, ob man Kinder will oder nicht, das ist eine unzulässige Bevormundung.” Neben dem Gesetzgeber würden auch viele Ärzte die Selbstbestimmung von Frauen untergraben. „Da man keinen Arzt verpflichten kann, den Eingriff zu machen, ist es eine Haltungsfrage. Viele Ärzte sind noch von der alten Schule und denken, sie wissen es besser als die Frauen selbst.“, so Graf. Sterilisation und Vasektomie rentieren sich langfristig und sind „die sichersten Verhütungsmethoden, die es gibt.“ Die Sterilisation rückgängig zu machen, ist schwierig und selten erfolgreich. “Zu uns kommen kaum Frauen, die diesen Wunsch haben. In den letzten fünf Jahren war es vielleicht eine.”

WENN DER KÖRPER DAS MACHT, WAS FRAU WILL
Vor einem Jahr trennt sich Ina von ihrem sterilisierten Freund und kontaktiert nach längerer Suche eine Praxis in Wien. Hier wird ihr anfangs gesagt, wie jung sie ist und ob sie es nicht mit einer anderen Methode versuchen möchte. „Ich erkläre meine Situation und Gründe gerne, aber ich will mich nicht rechtfertigen müssen. Am Ende des Tages ist es die Entscheidung der betroffenen Person.“ Sie entscheidet sich für die komplette Entfernung der Eileiter. „Ich wollte etwas Endgültiges.“ Nach einem Beratungs- und einem Aufklärungsgespräch kam nach der Anästhesie der OP-Tag. „Man wünscht sich diesen Eingriff so lange, da war kein Hauch von Unsicherheit, sondern nur Erleichterung. Es war stimmig und ich habe mich gefreut.“ Nach der OP ruft Ina ihre Mama und engsten Freunde an. „Von meiner Familie und Freunden bin ich immer unterstützt worden, auch weil ich sehr offen mit dem Thema umgegangen bin.“ Nervige Kommentare gab es trotzdem: „’Jede Frau will mal ein Kind’ und ‘das ändert sich noch’ habe ich am häufigsten gehört.” Seltener wurde ihr Egoismus vorgeworfen. “Wobei ich nicht glaube, dass die Leute heutzutage noch Kinder kriegen, um ihre soziale und wirtschaftliche Versorgung im Alter zu gewährleisten. Sie wollen Kinder, so wie ich eben keine will.“ In solchen Situationen wünscht sich Ina mehr Offenheit für Lebensmodelle, die nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. In Inas Vorstellung gehörte die Sterilisation zu ihrem Leben dazu. „Das Größte ist für mich die Selbstbestimmung über meinen Körper, meine Fruchtbarkeit oder in dem Fall meine bewusst gewählte Unfruchtbarkeit und mein Leben. Mein Körper macht jetzt das, was ich mir wünsche.“ 

 

keine Kinder
Illustration: Linda Steiner

 

EINE ENTSCHEIDUNG FÜRS LEBEN
„Mit vierzehn habe ich zum ersten Mal gesagt, dass ich keine Kinder will“, erzählt Lisa. Die Autorin ist 55 und hat bewusst ein kinderfreies Leben gewählt. „Ich mochte schon als Kind keine Kinder. Wenn ich in den Hof zum Spielen gegangen bin, hab ich gewartet bis sich alle schleichen“, lacht Lisa, die in der Steiermark aufgewachsen ist. Später erfährt sie, dass sie hochsensibel ist und sehr empfindlich auf Lärm reagiert. „Ich brauche viel Freiraum und Ruhe. Ich muss immer die Möglichkeit haben, wegzukommen.“ Viele aus Lisas Umfeld sagten, es müsse erst der Richtige kommen, dann würde sie schon Kinder wollen. „Wenn es der Richtige ist, wird er mich nicht damit belasten, habe ich dann entgegnet.“ Seit zehn Jahren ist Lisa mit ihrer Partnerin Moni zusammen, inzwischen sind die beiden verheiratet. Zuvor hatte sie immer Beziehungen mit Männern, bei denen sie früh abgeklärt hatte, dass Kinder kein Thema sind: “Mittlerweile bin ich in einem Alter, in dem man mich in Ruhe lässt. Es würde auch körperlich nicht mehr gehen.”
 
SELBSTVERWIRKLICHUNG ABSEITS VOM KINDER KRIEGEN
Rojda kann sich aktuell nicht vorstellen, ein Kind zu haben. „Ich glaube auch nicht, dass sich das in den nächsten Jahren ändert. Ich will mir aber die Möglichkeit offen lassen und mich nicht auf eine Meinung festlegen.“ Gelegentlich gibt es Kommentare von ihrer Mutter, wie schön es doch wäre, Enkelkinder zu haben. Direkte Fragen aber keine. „Es ist nicht mehr so, wie es früher war. Das Familienkonzept, wie sie es kennen, verändert sich. Sie werden mit meiner Entscheidung zu kämpfen haben, aber sie werden sich damit abfinden müssen.“ Für viele Menschen bedeuten Kinder Selbstverwirklichung. Nicht aber für Rojda und ihren Partner: „Wir wollen aus dem kapitalistischen Stadtleben aussteigen und in einer Selbstversorgerkommune neu anfangen. Das bedeutet auch, die Familienplanung erstmal hinter uns zu lassen.“ Die Familie, die sich Lisa aufgebaut hat, ist nicht blutsverwandt mit ihr. „Auf meine Wahlfamilie kann ich mich aber genauso verlassen.“ In der Coronakrise half sie ihren kinderlosen Nachbarn, fehlende Pflege von den eigenen Kindern war für sie nie Thema. „Das würde ich gar nicht wollen. Die Leute sagen immer, es ist egoistisch, wenn man keine Kinder will. Ich finde es egoistisch, Kinder aufzuziehen und dann von ihnen zu erwarten, dass sie sich um einen kümmern.“ Vor acht Jahren hielt sie zum ersten Mal ein winziges Baby in der Hand: “Ich hatte so Angst, dass es runterfällt. Es war auch entzückend und lieb, aber für mich kann ich mir das einfach nicht vorstellen.” Mit Kindern von Freunden kommt sie gut aus, ist aber auch froh, wenn sie wieder heimkommt. An ihrem Leben würde Lisa nichts ändern. „Mit Kind hätte ich mein Leben komplett anders leben müssen. Meine Persönlichkeit wäre anders. Ich will von niemandem abhängig sein.“ 
 
FREIHEIT VOR BABY
Auch ich wollte schon als Kind möglichst unabhängig sein. Laut meiner Mama habe ich meine Baby-Born Puppe regelmäßig liegen lassen und mich allgemein nicht sonderlich gut um sie gekümmert. Wahrscheinlich werden das also meine einzigen Erfahrungen als Mutter bleiben. Und das ist in Ordnung. Familienplanung ist schließlich ein Menschenrecht. Jede soll für sich selbst entscheiden, wie diese Familie aussehen soll. Ein fehlender Kinderwunsch mag für viele unverständlich und für einige unnatürlich sein. Doch glücklich sein geht auch - und für manche Frauen nur - kinderlos.
 
*Name von der Redaktion geändert
 
STERILISATION  BEI DER FRAU
Bei der Sterilisation werden die Eileiter entweder mit Clips abgeklemmt, durchtrennt oder komplett entfernt. Die Clips-Methode ist das einfachste Verfahren, aber auch das, bei dem es - trotz sehr geringer Wahrscheinlichkeit - am ehesten zu einer Schwangerschaft kommen könnte. Vor der Sterilisation gibt es kostenlose Beratungstermine, diese sind jedoch nicht verpflichtend. Seit 30 Jahren bietet pro:woman die Sterilisation mit Clips an, der Eingriff kostet 1400 Euro. Auch die beiden anderen Methoden liegen preislich zwischen 1400 und 2000 Euro, müssen aber im Krankenhaus durchgeführt werden. Die Kosten zahlt frau selbst. “Leider übernimmt das keine Kasse und auch keine private Versicherung. So wie überall im Verhütungsbereich”, erklärt pro:woman Leiterin Elke Graf. Den Eingriff rückgängig zu machen ist sehr aufwendig und funktioniert nur mikroskopisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Eileiter erfolgreich verbunden werden, ist gering. Die Sterilisation ist ebenso wie der Schwangerschaftsabbruch kein Teil der gynäkologischen Facharztausbildung.
 

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