Kick, Schlag, Blut!

28. März 2013

Dort, wo gewöhnlich Kinder Purzelbäume schlagen, gibt’s heute was auf die Fresse. In der Hans-Mandl-Berufsschule in Wien Meidling stehen einander moderne Gladiatoren im Ring gegenüber. Mit jedem Tropfen Blut werden die Fans der „Mixed Martial Arts“ lauter.

 

Ein Tritt, ein Schlag, ein Wurf. Aus der Nase des Italieners fließt Blut. Mit jedem Treffer sieht er schlimmer aus. Er gibt nicht auf, versucht seinen Gegner zu treffen. Wieder landet die Faust in seinem Gesicht. Das Publikum tobt, jeder Tropfen Blut wird mit einem lauten Schrei begrüßt. Der Itali- ener gibt auf, er kann nicht mehr. Josef Leitner freut sich. Der Mann vom Budo Sport Wien studiert Sport und Geschichte. „Wenn nichts aus der Kämpferkarriere wird, werde ich halt Lehrer“, lacht er nach dem Kampf, in dem er Angelo Marceli durch technisches K.o. besiegt hat. Er trägt keine sichtbaren Spuren zur Schau, sein Gegner hat eine gebrochene Nase und blaue Augen. Angelo bedankt sich trotzdem.

Fünf MMA-Kämpfe sind an diesem Sonntagabend in der Hans-Mandl-Berufsschule geplant, deren Sporthalle zur Kampfarena wird. Die Veranstaltung heißt „Vendetta rookies – Train hard, Fight easy!”, auf Deutsch: „Rache-Neulinge – Trainiere hart, kämpfe leicht!“

Wir sitzen am Ring, neben Petra und Ines. Petra wurde im Vorjahr Dritte bei der Kickbox-EM; Ines trainiert seit knapp einem Jahr. Kickbox-Kämpfe haben beide schon gesehen, Freefight noch nie. „Willst du auch kämpfen?“ Ines weiß es nicht, sie ist schwer am Überlegen. In den Umkleidekabinen, die als Vorbereitungsräume für die Kämpfer dienen, riecht es intensiv nach Menthol. Der brennende Geruch kommt vom Thai-Öl, mit dem sich die Kämpfer einschmieren – es wirkt schmerzlindernd, macht die Muskeln warm und fördert die Durchblutung. Die Atmosphäre ist angespannt.  Die MMA-Kämpfer tragen dünnere Handschuhe und einen Mundschutz. Gekämpft wird im Stehen und am Boden. Jeder Treffer wird von einem harten Schlaggeräusch begleitet, Knochen gegen Knochen, es fließt mehr Blut als bei Kickbox-Kämpfen.

 In den Pausen werden Chart Hits gespielt, ein knapp bekleidetes Girl präsentiert die nächste Runde. Das Publikum pfeift, die Coaches geben ihren Kämpfern für die kommenden fünf Minuten Tipps.

Der Kampf zwischen Oguzhan Medet und Felix Scherübel ist ein besonders emotionaler. „Ogu“ scheint das gesamte Publikum hinter sich zu haben. Ein kleiner Bub, der neben uns sitzt, schwitzt fast mehr als sein Idol. Er schreit auf Türkisch, gibt dem 84 kg schweren Kämpfer Ratschläge. Ogu legt los, eine Gerade, der ein Tritt auf den Oberschenkel des Gegners folgt. Das Publikum ist entzückt, der Linzer Gegner desorientiert. Scherübel verzieht das Gesicht und antwortet mit einer Schlag und Kickserie. Es wird hin und her gefetzt, die Männer landen am Boden – der Türke drischt auf seinen Kontrahenten ein, ehe er selbst vermöbelt wird. Beide rappeln sich auf, bei de können kaum noch stehen. Unentschieden. Der Bub ist enttäuscht.

Was sind Mixed Martial Arts?

MMA ist eine Vollkontakt-Kampfsportart, die durch Ultimate Fighting Championships in den USA Anfang der 90er jahre populär wurde. Ziel war es, die effektivste Kampfsportart zu finden. Die Idee stammte von einer brasilianischen Kampfformel, „Vale Tudo“ (dt.: alles geht), die ursprünglich eine Serie von Kampfsportveranstaltungen war, die in Brasilien Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts stattgefunden hat. Im Vale Tudo waren im Gegensatz zu modernen Mixed Martial Arts auch Kopfstöße und voller ellenbogeneinsatz erlaubt, die Kämpfe wurden allein von den Kämpfern entschieden. Die Athleten trugen keine Handschuhe, es gab keine Punktewertung, keine Runden und kein Regelwerk. Es wurden mehr Regeln eingeführt, dadurch wurde der Sport medientauglich gemacht und erlebt in den letzten 20 Jahren einen Boom. MMA ist das neue Boxen, es zieht immer mehr Publikum an. Zu blutig, zu gefährlich sagen viele. In Deutschland wurde ein Fernsehverbot eingeführt, weil man den am Boden Liegenden schlagen darf.

Am Anfang traten zu den Kämpfen die repräsentanten verschiedener Kampfsportarten an, doch sie bemerkten schnell, dass sie auch andere Kampfstile beherrschen müssen, um konkurrenzfähig zu sein. Heutzutage bedienen sich die Kämpfer sowohl der Schlag und Tritttechniken des Thaiboxens, Boxens, Karate, als auch der Ring und Bodenkampftechniken des Bjj (Brazilian jiu-jitsu), Ringens, Judo und Sambo. Ein Kampf kann auf drei Arten beendet werden: Knockout, Submission (Festhaltetechnik) oder Schiedsrichterentscheidung.

Der meisterhafte Österreicher

In der Pause zwischen den Kämpfen treffe ich Adin Buljubašić, den österreichischen MMA-Meister in der Klasse bis 84 kg. Adin ist Bosnier und kam nach Österreich, als er sechs war. Der 27-jährige trainiert MMA seit 2009. „Ein Freund hat davon erzählt. Ich wurde neugierig. Ich habe davor nie einen anderen Kampfsport trainiert.“ Normalerweise wird MMA von Athleten ausgeübt, die eine Vorgeschichte haben, ob als Ringer oder Thaiboxer. Nur zwei Monate nachdem er zu trainieren begonnen  hatte, stieg Adin zum ersten Mal in den Ring. „Schwachsinn“, sagt er, „Ich hatte keine Ahnung.“ Den Eltern erzählte er, dass er Ringer sei. Sie waren beim Debüt dabei und erlebten eine Überraschung. „Seit wann trägt man Handschuhe beim Ringen?“, fragte sein Vater. Der Daumen brach. Die Verletzung setzte ihn sieben Monate außer Gefecht.

Die Mutter war am Anfang dagegen, mittlerweile hat sie eingesehen, dass der Sport ihrem Buben gut tut. Befürworten würde sie sein Treiben aber nicht. „Wenn du diesen Kampf verlierst, dann solltest du aufhören“, sagt sie vor jedem Kampf. Seine Verlobte ist bei jedem Kampf dabei. „Es ist ein Nervenspiel, es kann immer etwas passieren“, sagt Samantha, „aber ich muss bei jedem Kampf dabei sein, ich muss ihn unterstützen.“ Adin hat noch keinen Kampf verloren, seit sie zusammen sind. „Es ist gut, so eine verständnisvolle Frau zu haben“, lacht der Kämpfer.

Für seinen Meistertitel bekam Adin 400 euro, für den besten Kampf des Abends auf einer Gala in Slowenien erhielt er einen Sack voller Nahrungsergänzungsmittel. im Vergleich dazu: Bei einem UFC event in den USA verdiente Rashad Evans 300.000 Dollar. Manchmal bekommt Adin gar nichts. „Man muss oft umsonst kämpfen, damit man eine Chance auf einen großen Kampf erhält.“ Ein großer Kampf bringt 500 Euro.

Im Ring wurde Adin nur einmal verletzt, im Training brach er sich zwei Rippen und einen Fuß. Vor der Verletzung arbeitete er vierzig Wochenstunden auf einer Baustelle. Ende Mai wird er seinen Titel verteidigen, danach kehrt er zur Arbeit zurück. „Natürlich wäre es mein Traum, bei einer großen Organisation zu kämpfen und mehr Geld zu verdienen“, sagt Adin. Doch ohne Sponsoren und ohne Unterstützung ist es schwer. Momentan trainiert er sechs Mal die Woche, zweimal am Tag. Ringen, MMA, Thaiboxen, Fitness und Grappling stehen auf dem Programm. Doch wenn er wieder arbeitet, kann er dem Training nicht mehr so viel Zeit widmen, er muss schließlich seine Rechnungen bezahlen.

„In keinem Sport gibt es so viel Respekt wie in MMA“, sagt Adin. „Man sieht den Gegner als einen anderen Sportler, nach einem Kampf schüttelt man sich immer die Hände.“ Viele bewundern ihn dafür, viele sagen ihm, er sei mutig. „Keine Ahnung wo ich wäre, wenn ich nicht angefangen hätte“, sagt er. „Ich habe früher viel Blödsinn gemacht, jetzt bin ich viel ausgeglichener.“

Jetzt ist Adin einer der modernen Gladiatoren. Kämpfer, die schon im antiken Rom geliebt wurden – und selbst in der Hans-Mandl-Berufsschule in Wien Meidling ihre treuen Fans haben.

 

Von Artur Zolkiewicz und Marko Mestrović (Fotos)

 

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