Komm ins Palais, wir müssen reden

25. Februar 2021

Sisi, Krönchen und Schlösser: Die Monarchie in Österreich ist vor über hundert Jahren gefallen. Trotzdem gibt es noch adelige Familien, die den Status von damals aufrechterhalten wollen. Dabei ist der Glamour nach außen nicht alles – wie sieht das Leben des sagenumworbenen Blauen Bluts im Jahre 2021 von innen aus? Drei junge Adelige über ein Geburtsrecht, das man nur schwer ablegen kann.

Text: Aleksandra Tulej, Fotos: Zoe Opratko

 

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

Anm. d. Red.: Alle Bilder wurden für die Geschichte nachgestellt. Bei den abgebildeten Personen handelt es sich nicht um die ProtagonistInnen aus dem Artikel. Die Namen, die mit einem * versehen sind, wurden von der Redaktion geändert. Herzlichen Dank an das Grand Hotel Wien, das uns eine wunderschöne Suite für das Shooting zur Verfügung gestellt hat.

 

Das ist ein Birth-Code: Wie du isst, wie du das Besteck hältst, wie du die Hand reichst, wie du jemanden ansprichst. Etikette wurde uns immer eingetrichtert. Ordentlich kleiden, nicht zu viel Schmuck tragen. Das war meiner Großmutter sehr wichtig, die war noch von der ganz alten Schule. Ohrringe habe ich mir heimlich stechen lassen“, erzählt die 29-Jährige Mia. Kaiserin Sisi von Österreich war Mias Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter, in der direkten Linie väterlicherseits. Wenn es heute noch die Monarchie gäbe, würde Mias voller Name „Mia, Prinzessin zu Windisch-Graetz“ lauten.

„An Weihnachten bei meiner Großmutter in Wien hatten wir immer Köche, Angestellte und Kellner. Das war normal.“ Genau wie antike Möbel und Gemälde zuhause, damit ist Mia aufgewachsen. „Die Weihnachtsfeste an sich waren sehr schön, aber sie waren eben nie intim. Meine Großmutter hat sich auch nie selbst die Haare gewaschen oder gekocht. Sie ist leider vor einigen Jahren verstorben. Sie war eine tolle Frau, ich hatte eine starke Bindung zu ihr.“ Mias Großmutter hat es geliebt, Tees und Feiern zu veranstalten – die ganz großen dann auf einem Schloss. „Aber sie war eben noch sehr traditionell.“ Mias Eltern sehen all das schon wesentlich lockerer. Und Mia sowieso. „Meine Tante hat heute noch jemanden, der ihr die Haare wäscht. So ein dekadentes Leben in der heutigen Zeit zu führen, lehne ich ab. Das ist erstens nicht zeitgemäß, zweitens zeugt das davon, dass man nie unabhängig sein kann“, so die 29-Jährige. Sie verwendet heute den bürgerlichen Nachnamen ihrer Mutter. Sie hat ihren eigentlichen Namen immer gehasst, erzählt sie. „Wenn ich Briefe bekomme, die an „Mia, Prinzessin zu Windisch-Graetz“ adressiert sind, muss ich einfach nur lachen.“ Mia hat sich heute stark von diesen Kreisen distanziert – auch wenn ihre Herkunft immer Teil ihrer Identität sein wird.

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

MEHR SCHEIN ALS SEIN

Die kaiserlich und königliche Monarchie (k. u. k.) in Österreich ist 1918 gefallen. Seit dem Adelsaufhebungsgesetz 1919 sind über hundert Jahre vergangen. Das „von“ im Nachnamen darf man seitdem in Österreich nicht mehr führen. Schätzungsweise würden 1,4 Prozent der österreichischen Bevölkerung heute zum Hochadel gehören. Ein kleiner Kreis also – und einer, der sich für Außenstehende nur schwer öffnet. Trotzdem oder genau deshalb bringt die sagenumwobene Aristokratie noch immer eine gewisse Faszination mit sich – sie trägt hierzulande eine lange Tradition. Allerdings liest man, wenn überhaupt, dann nur in der Klatschpresse oder in Historienromanen darüber: Wie steht es wirklich um den jungen Adel in Österreich? Wie leben junge Adelige? Ist alles Glitzer und Glamour? Und vor allem: Was spielt sich in diesen geschlossenen Kreisen ab, in die man schwer hineinkommt?

Mia klärt auf: „Es ist mehr Schein als Sein. Diese ganzen Schlösser und Angestellten, das hört sich ja irgendwann auch auf. Aber es ist schwierig, einen Lebensstandard, den Adelige früher hatten, aufrechtzuerhalten. Und das erfordert heute mehr als nur einen Namen.“ Es herrscht die Annahme, dass alle Adeligen nach wie vor sehr reich sind. „Ja, man hat vielleicht Familienschmuck, den andere nicht haben, aber es ist ganz bestimmt nicht mehr so, wie damals.“ Vorab: Den „Typus Adeliger“ gibt es nicht. Vor allem heutzutage hält sich nicht mehr jeder und jede an die vorgegebenen Regeln. Wie überall gibt es die, die Klischees bedienen, und die, die den Zuschreibungen ganz und gar nicht entsprechen. Und jene, die all dies kritisch hinterfragen.

Wie Anna*, die aus einem anderen österreichischen Adelsgeschlecht stammt. Anna ist heute in der Kreativbranche tätig. Sie möchte anonym bleiben. Soviel muss reichen: Ihre Eltern wären, wenn es die Monarchie noch gäbe, beide Graf und Gräfin. Der Adel in Österreich ist eng vernetzt, also ist Vorsicht geboten, wenn man aus dem Nähkästchen der eigenen Familie plaudert. Soviel muss reichen: Ihre Eltern sind beide Graf und Gräfin. „Dieser Kreis will etwas aufrechterhalten, das einfach nicht mehr existiert. Richtig viele Familien können sich das aber einfach nicht mehr leisten, die ganzen Schlösser zum Beispiel, von denen sie sich aber nicht trennen können. Es ist ein riesiges Privileg, so aufzuwachsen. Aber es ist Fluch und Segen zugleich“, so die 31-Jährige. Besitztümer und Materielles sind eine Sache. Aber was beide Frauen wirklich beschäftigt, sind die Werte, die ihnen von klein auf beigebracht wurden.

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

„MAHLZEIT“ SAGT MAN NICHT

Etikette sei wichtig, besonders Manieren beim Essen. Bei Tisch gerade sitzen, die Gabel speziell halten, und die Serviette auf den Schoß legen. „Wer diese Etikette nicht beherrscht, wird bei uns schief angeschaut.“ Adelige erkennen Adelige – da sind sich Anna und Mia einig. Vor allem an ihren Tischmanieren.“

„Wir essen nicht wie Bauern“, hieß es immer in Annas Familie. „Guten Appetit“ oder „Mahlzeit“ sage man nicht vor dem Essen. Niemals. Das kommt laut Mia daher, dass in gediegenen Kreisen Essen nichts Besonderes sein durfte. „Mahlzeit“ war etwas für die Armen, die sich über Essen am Tisch gefreut hatten. „Das war bei uns ein totales No-Go.“ Mia erinnert sich, als sie eines Tages ihren damaligen Freund zu einem Essen bei ihrer Großmutter mitgenommen hatte. Er war Musiker aus Berlin und die Adels-Etikette war ihm fremd. Als das Essen serviert wurde, hatte er allen „Guten Appetit“ gewünscht und damit die Runde in Verlegenheit gebracht. Mia und Anna haben sich beide schon dabei erwischt, wie sie bei vergangenen Partnern darauf geachtet haben, ob diese auch Tischetikette beherrschen. „Ob er gerade sitzt, ob er „richtig“ isst“, erzählt Mia. Heute hat sich diese Denkweise bei ihr stark geändert. “Das war so bescheuert von mir. Aber es war einfach so tief in mir verankert.“ Es hat auch bei Anna Jahre gedauert, bis sie es geschafft hat, die Denkmuster aus ihrer Kindheit aufzubrechen. Vieles werde so gelebt, weil "man das eben so macht": Die Etikette, der sonntägliche Gang in die Messe, die Exklusivität. Irgendwann hat Anna begonnen, all dies stark zu hinterfragen. „Ich musste mich quasi selbst neu erziehen, damit ich mich für die Welt öffnen kann.“ Heute erzählt Anna reflektiert und offen über ihre Vergangenheit. Ihre Kindheit hat sie trotz all der Regeln aber gut in Erinnerung.

Auch der 26-Jährige Medizinstudent Friedrich*, dessen Mutter aus einem österreichischen Ritterstand stammt, und dessen Vater aus Deutschland kommt, hat eine strenge Erziehung genossen, wie er selbst sagt. „Vor allem was die Tischkultur angeht. Vernünftig und höflich benehmen – das heißt: leise sein und sich den Gepflogenheiten anpassen, das wurde uns immer eingebläut.“ Friedrichs Eltern war es immer sehr wichtig, dass ihre Kinder „etwas vorzeigen können“: Wie Klavierspielen oder gute sportliche Leistungen. „Da waren meine Eltern sehr bedacht darauf.“ Nach Außen eben. Innerhalb der Familie war das anders: „Meine Familie ist sehr distanziert. Es wird wenig mit Emotionen umgegangen. Ich habe so gut wie nie gesehen, dass meine Eltern sich küssen oder körperliche Nähe zeigen.“

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

„AM LIEBSTEN WÄRE IHR JA PRINZ HARRY GEWESEN.“

Friedrich lässt das „von“ bei seinem Nachnamen gerne aus - vor allem auf seinem Namensschild im Krankenhaus, in dem er gerade arbeitet. Er dürfte es offiziell noch angeben, da er halb Deutscher ist. In Deutschland ist das „von“ nicht abgeschafft, aber Friedrich lebt in Österreich. „Dann fragt mich niemand über meine Familie aus. Das würdest du ja andere Leute auch nicht fragen.“ Mia und Anna hängen ihre Herkunft auch nicht an die große Glocke. Es sei irgendwo ein Stigma, von dem man nicht loskommt: Ob Bemerkungen im Geschichtsunterricht, Mobbing durch MitschülerInnen und die Tatsache, dass jeder alles über deine Familiengeschichte nachlesen kann – auch durchaus negative Vorfälle. Das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, sei sehr präsent. „Ich habe lange gedacht, dass ich benachteiligt werde. In der Schule, bei zwischenmenschlichen Situationen. Aber ich bin natürlich krass privilegiert bei den Dingen, auf die es wirklich ankommt. Wie beispielsweise in der Arbeitswelt“, resümiert Anna. Nach außen hin wolle man sich bedeckt halten. „Untereinander“ sei das aber anders: „Du wirst mehr akzeptiert, wenn du aus „gutem Hause“ bist, vor allem von den älteren Leuten“, so Mia. Man wolle unter sich bleiben. „Der Kreis öffnet sich für Außenstehende sehr schwer“, so Friedrich. Und dieser Kreis ist hier in Österreich klein. „Ab der dritten Feier, auf der du warst, weißt du schon genau, wer wer ist.“ Das wird von den älteren Generationen auch so propagiert: Cocktailpartys und Feste, auf denen die Sprösslinge aus Adelsfamilien zusammengewürfelt werden. Anna* konnte damit nie richtig etwas anfangen: „In diesen Kreisen sind ganz basale patriarchale Strukturen so präsent. Vor allem beim Dating – Slutshaming sei gang und gäbe. „Das habe ich selbst erlebt und von einigen Frauen gehört. Dieses „Der Mann ist der Held, und die Frau wird verurteilt“ werde ganz stark gelebt. Nach außen hin zählt aber der Schein. 

Mias Großmutter war erpicht darauf, dass ihre Enkelinnen einen adeligen Partner finden. „Am liebsten wäre ihr ja Prinz Harry gewesen“, lacht Mia. „Sie war eben noch von der ganz alten Schule. Ich selbst habe mich immer dagegen gesträubt, jemand mit adeligem Hintergrund zu daten.“ Den Prototyp des adeligen jungen Mannes, der rote Hosen und ein Jägersakko trägt und Familienwappen vergleicht, lehnt Mia entschieden ab. Obwohl sie genug davon kennt. „Ich wollte immer das Gegenteil: Ich fühlte mich immer zu Rebellen hingezogen“ Da Mias Vater auch schon gegen diese Limitationen rebelliert hat, wurde es nach und nach akzeptiert. Weder Mias, noch Annas, noch Friedrichs Eltern haben sie dazu gedrängt, „standeswürdige“ Partnerschaften zu schließen. Alle drei haben ein gutes Verhältnis zu ihrer engen Familie. Im erweiterten Kreis sieht das allerdings schon problematischer aus.

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

BLACKFACE, SEXISMUS UND CHAMPAGNER

Im September 2015 war Anna auf einer Aristo-Hochzeit eingeladen. „Der Empfang war in einem Park aufgebaut: Und dann haben wir erfahren, dass genau da, wo wir jetzt unter dem weißen Zelt mit unserem Champagner und Kanapees stehen, in der Nacht zuvor Flüchtlinge übernachtet haben. Da habe ich wirklich gemerkt, dass unsere Welt realitätsfern ist.“ Stichwort Parallelgesellschaft. Anna führt heute immer wieder hitzige Diskussionen über Feminismus und Gleichberechtigung mit Familienmitgliedern – und stößt teils auf Zustimmung, aber teils auch auf taube Ohren. „Man spricht nicht darüber, dass es Leute gibt, denen es schlechter geht als einem selber. Es kommt auf die Leute drauf an; manche sind offener, manche kritischer, auch was das Politische angeht, die sind aber eher die Ausnahme“, so Friedrich. „Österreich ist ein goldener Käfig. Wir haben hier nicht so viele Kulturen wie beispielsweise in London oder Paris. Und: Unser Sozialsystem ist sehr gut und das kaschiert viel an Armut.“ Wie gut ihre gesellschaftliche und finanzielle Situation ist, ist nicht allen so bewusst, wie Anna, Mia und Friedrich. Eine Arroganz und ein Obrigkeitsgefühl seien durchaus präsent.

„Bei diesen Adels-Festen werden teilweise Sexismen und Rassismen reproduziert, das ist wirklich arg. Es werden Witze über Menschen gerissen, die einen anderen Background haben.“ Anna ist besonders eine Situation in Erinnerung geblieben. „Es gab eine Kostümparty. Das Motto war Safari – die Gäste waren als Tiere oder Dandys verkleidet. Und es gab tatsächlich einen, der als Sklave verkleidet war. Inklusive Blackface und Kette am Fuß. Und da hieß es dann von einigen anderen Anwesenden: ‚Darf ich die Kette auch mal halten?‘“, erinnert sich Anna. „Ich habe so viel Scham gespürt. Es war ein betretenes Schweigen im Raum, aber gesagt wurde trotzdem nichts. Ich war aber erst 16 Jahre alt und wusste nicht, wie ich mich verhalten soll. Mir war aber klar, dass das ganz falsch ist. Das war auch der erste Moment, wo ich gemerkt habe, dass ich weiß bin.“ Sowohl Anna als auch Mia haben sich viel mit ihrer Identität und den Strukturen, in denen sie aufgewachsen sind, beschäftigt. Sie sind sich ihrer Privilegien bewusst und kritisieren deshalb auch das, was falsch läuft. Wie in allen Gruppen, die von außen als homogen betrachtet werden, aber eigentlich divers sind, gerät man auch in Adels-Kreisen schnell in einen Topf. „Es gibt wie überall solche und solche“, so Mia. Die Erfahrungen der drei sind subjektiv –und stehen nicht repräsentativ für die ganze Gruppe– aber sie sind hilfreich, um einen Blick „von innen“ zu bekommen.

 

EIN WELTWEITES NETZWERK

Der familiäre Zusammenhalt wird in Familien aristokratischer Herkunft groß geschrieben, wie Mia, Anna und Friedrich berichten. Alles wird groß gefeiert: Geburtstage, Hochzeiten und Feiern aller Art. Bei Todesfällen beispielsweise wird von allen Seiten Geld gesammelt und Unterstützung geboten. So war es auch, als Annas Vater vor einigen Jahren plötzlich verstorben ist. Man hält zusammen, auch international. „Das ist ein riesiges weltweites Netzwerk. Ich kann sagen: Ich will an irgendeinen beliebigen Ort auf der Welt und es gibt immer irgendeine Tante, die irgendwen dort kennt, wo man unterkommen kann“, lacht Anna. Auch Friedrich bestätigt das: „Das schöne ist: Man kennt überall Menschen, man weiß, wenn man nach Madrid fliegt, dann kennt man irgendeinen Cousin und kann dort schlafen. Auch wenn man den vielleicht nicht so gut kennt.“ Mia hat ihre Au-Pair Monate in Italien verbracht - bei einer adeligen, sehr wohlhabenden Familie, die sie durch ihre Großmutter kennengelernt hat. „Unsere Familien sind sehr groß und vernetzt - und das auf der ganzen Welt. Dadurch kann man viel reisen und ist meist dann auch überall sehr willkommen.“ Mia findet es schön, dass sie durch ihren Background so viel über ihre Familie lesen kann. „Ich weiß, dass es außergewöhnlich ist, dass ich über meine Vorfahren so viel erfahren kann“, sagt sie.

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

„MAN KANN NICHT ALLE STRUKTUREN AUFBRECHEN“

„Das Interessante ist ja: Man denkt heutzutage, dass man alle möglichen Strukturen durchbrechen kann. Aber das hier, das bleibt aufrecht. Auch 100 Jahre später.“ Man würde immer und immer wieder untereinander bleiben und untereinander heiraten. Richtig werten will Friedrich das nicht. Mia und Anna haben noch nicht aufgegeben: Sie können sich nicht vorstellen, dass diese Muster noch lange erhalten bleiben – und das wollen sie auch nicht. Sie sehen nicht ein, dass man etwas, das einfach nicht mehr existent ist, mit einer künstlichen Arroganz weitertragen will.

Anna wünscht sich, dass interne Strukturen aufgebrochen werden und man offener wird. „Über den heutigen Adel liest du in der Klatschpresse oder in Historienromanen, die alte weiße Männer geschrieben haben.“ Es gäbe selten etwas dazwischen. „Das einzige, was du von außen mitbekommst, ist, dass in der Berufswelt recht hohe Positionen von solchen Familien eingenommen werden. Und die ganze Freunderlwirtschaft. Aber die internen strukturellen Probleme reichen viele Generationen zurück, werden teils nicht hinterfragt oder offen aufgearbeitet. Das muss sich endlich ändern.“ ●

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

 

 

Expertin Dr. Gudula Walterskirchen im Interview

Foto: Rita Newman
Foto: Rita Newman

Die Historikerin, Journalistin und Autorin Gudula Walterskirchen hat mehrere Bücher veröffentlicht, die sich mit der Entwicklung des österreichischen Adels auseinandersetzen., wie unter anderem das Buch „Der verborgene Stand. Adel in Österreich heute“. Sie liefert die Hintergründe:

 

Biber: Frau Walterskirchen, seit dem Adelsaufhebungsgesetz 1919 sind mehr als hundert Jahre vergangen. Wieso gibt es dann noch heute, im Jahre 2021, Familien, in denen die adelige Abstammung, die Traditionen und die Blutlinie noch solch eine Rolle spielen?

Gudula Walterskirchen: Man muss erstmal zwischen Hochadel und niederem Adel unterscheiden. Das hatte lange mit der Hoffähigkeit zu tun: Nur der Hochadel hatte Zugang zum kaiserlichen Hof. Nachdem wir schon hundert Jahre Republik haben, spielt das heute natürlich keine Rolle mehr. Aber einiges hat sich erhalten: Da hingehend, dass diese bekannten und früher einflussreichen Familien noch immer einen exklusiven Zirkel bilden. Aber auch jene, die früher dem niederen Adel angehört haben, bei denen das mitunter am Familiennamen nicht gleich zu erkennen ist, legen großen Wert auf ihren Status, auf die Traditionen. Das alles wird aber nach innen gelebt, innerhalb der Familie und der sozialen Gruppe. Nach außen hin versucht man eher unauffällig zu sein. Beim Standesbewusstsein muss man unterscheiden zwischen jenen, die noch über einen angestammten Besitz verfügen, und denen, die alles verloren haben, weil sie beispielweise aus kommunistischen Staaten vertrieben wurden. Das ist ein kollektives Trauma, und man will den früheren Status wieder erreichen.

Man will also „unter sich“ bleiben. Inwiefern spielt das auch bei Beziehungen oder Heirat eine Rolle?

Grundsätzlich wird es oft noch immer lieber gesehen, wenn der Partner aus einer Familie stammt, die man kennt. Man will unter sich bleiben, um das Vermögen und den Besitz abzusichern und den Status zu erhalten. Dabei geht es nicht bloß um Geldvermögen, sondern viel mehr um den Erhalt von Traditionen und Werten: Beispielsweise über Generationen zu denken, viele Kinder zu haben und sehr religiös zu sein. Man geht in diesen Familien davon aus, dass die Werte und Traditionen eher weitergegeben werden, wenn man jemanden heiratet, der aus genauso einer Familie stammt. Wie überall, wenn man einer gewissen „Gruppe“ angehört.  Von Generation zu Generation wird der Anteil der rein aristokratischen Ehen allerdings immer geringer, das habe ich auch statistisch untersucht – die Verbindungen zu bürgerlichen Familien nehmen immer mehr zu. Mangels Kaisertum gibt es keine Nobilitierungen mehr, Familien sterben aus, es gibt immer weniger die „infrage kämen“ und die Standesdünkel nehmen ab.

Und wenn man jemanden heiratet, der nicht „standesgemäß“ ist?

Das ist von Familie zu Familie unterschiedlich. Ein prominentes Beispiel, wie schwierig das mitunter sein kann, war die Ehe von Karl Habsburg-Lothringen und Francesca Thyssen-Bornemisza. Francesca Thyssen kommt aus dem niederen Adel und ist eine extravagante Frau. Da hat es in Habsburg-Kreisen geheißen „Die passt nicht zu uns, das wird nicht gut gehen.“ Obwohl sie viel Geld in die Ehe mit eingebracht und versucht hat, sich dem konservativen Lebensstil anzupassen, hat das nicht viel geändert. Nach der Scheidung hieß es dann: „Kein Wunder, dass die Ehe gescheitert ist, die hat nie zu uns gepasst.“ Die Vorbehalte bei nicht-standesgemäßen Verbindungen sind also nach wie vor präsent.

Mit welchen Problemen und Vorurteilen, die dem Mainstream unbekannt sind, hat der heutige „Adel“ zu kämpfen?

Die Abgeschlossenheit mag nach außen hin wie die einer versnobten Elite wirken. Es steckt aber auch die Sorge dahinter, dass die Außenwelt einem wegen seiner Abstammung feindselig begegnet. Daher sind Angehörige aus Adelskreisen oft sehr vorsichtig, wenn man sich noch nicht gut kennt. Das hat sehr viel mit den Vorurteilen zu tun, die Adeligen häufig entgegengebracht werden: Wenn wir „normalerweise“ Menschen kennenlernen, nehmen wir die Person als Individuum wahr. Wenn man aber einen prominenten Nachnamen wie beispielsweise „Schwarzenberg“ trägt, ist man kein Individuum mehr, sondern man ist Mitglied einer Gruppe. Und hier gibt es zwei Möglichkeiten, wie einem gegenüber begegnet wird: Entweder mit Bewunderung und fast schon Unterwürfigkeit, oder mit Feindseligkeit. Niemand aber begegnet einem ohne eine Reaktion. Man wird nicht wirklich als eigenständige Person wahrgenommen, sondern als Mitglied einer sozialen Gruppe, der Ruf der gesamten Familie ist entscheidend. Das kann nützen, aber auch schaden. Unbelastet davon sind diese Menschen nie.

Bereich: 

Das könnte dich auch interessieren

Eugen Kaba
Er war erst 21 Jahre und feierte seine...
Ali, Dönmez, Logopäde, Deutsch, Türkisch
Der Logopäde Ali Dönmez über den Druck...
Foto: Zoe Opratko
Sisi, Krönchen und Schlösser: Die...

Anmelden & Mitreden

2 + 2 =
Bitte löse die Rechnung