Korruption: "Läuft wie geschmiert"

07. Juli 2010




In Südosteuropa ist Korruption allgegenwärtig. Sie bestimmt nicht nur den Alltag der Einheimischen, sondern auch die Geschäfte der Österreicher, der wichtigsten Investoren der Region.

 

Von Todor Ovtcharov 

 

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev erzählt gerne einen Witz: Ein bulgarischer Politiker macht eine Dienstreise nach Süditalien. „Siehst du diese Straße?“, fragt sein italienischer Kollege. „Ja“, antwortet der Gast. „50 % für die Straße, 50 % für mein Haus“, sagt der Italiener stolz und zeigt auf seine Villa. „Siehst du diese Brücke?“ fragt er weiter. Der Bulgare nickt. „50% für die Brücke, 50 % für mein Auto“, sagt er und zeigt auf seinen Ferrari. „Und siehst du diese Schule? 50% für die, 50% für meinen Garten.“ Einige Zeit später reist der Italiener nach Bulgarien. Er sieht zehn Villen mit wunderschönen Gärten und zehn Ferraris, die davor parken. „Wie kommt es, dass du so reich bist?“ fragt der Italiener, und der Bulgare sagt: „Siehst du diese Straße, diese Brücke und diese Schule?“ „Nein, da ist nichts“, sagt der Italiener. „Eben.“   

Korruption gibt es überall von Japan bis in die USA. Aber nirgendwo sticht es mehr ins Auge als im Südosten Europas. Da, wo Österreich zu den größten Investoren gehört.

 

Hart an der Grenze

Die neuen EU-Mitglieder Bulgarien und Rumänien geraten immer wieder in die Kritik der Europäischen Kommission für das Verschwinden von EU-Fonds. Letztes Jahr wurden sämtliche EU-Agrarfonds für Bulgarien eingefroren. Korruptionsskandale sind auch in den Ländern Ex-Jugoslawiens allgegenwärtig. Und die griechische Politik wird seit der Befreiung Griechenlands von den Osmanen von Vetternwirtschaft bestimmt. Die soziokulturellen Hintergründe von Korruption sind einerseits im Erbe des osmanischen Reiches zu suchen, andererseits in der kommunistischen Vergangenheit.

  

Als besonders korrupt gelten in Südosteuropa die Zollbeamten. Früher erzählte man den Witz, warum die Kinder von bulgarischen Zollbeamten dreieckige Münder haben. Antwort: Wegen der Unmengen von Toblerone-Schokolade, die sie verschlingen. Damals war Toblerone nicht erschwinglich und galt als Zeichen von Prosperität. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass „kleine Geschenke“ auch heute noch den Grenzübergang von Bulgarien, Serbien und Rumänien beschleunigen. Durch Beihilfe zum Drogen-, Alkohol- und Waffenschmuggel wurden angeblich viele Zollbeamte in Bulgarien zu Millionären.

Die Polizisten machen sich nicht viel besser auf der Korruptionsskala. Nirgendwo in Europa gibt es mehr Bullen pro Einwohner als in Griechenland und Bulgarien. Die meisten wählen den Beruf nicht, um das Gesetz zu hüten, sondern um darüber zu stehen. Ein bulgarischer Sender zeigte neulich eine Reportage über einen unbestechlichen Polizisten – angeblich ein Unikat. Viele Türken, die schon einmal durch Bulgarien in die Türkei gefahren sind, können ein Lied singen von den Schmiergeldern, die sie an Straßenpolizisten gezahlt haben.

 

Schulnoten im Angebot

Auch der Bildungssektor gilt in Bulgarien als besonders korrupt. Die Gehälter von Lehrern und Professoren reichen kaum für ein würdiges Leben – also werden Noten verkauft. Die Universität für Nationale Wirtschaft und Weltwirtschaft in Sofia (UNSS) wird im Volksmund „Universität-bringen-Sie-die-entsprechende-Summe“ genannt. Letztes Jahr wurde ein Assistent dieser Uni durch eine TV-Reportage als Vermittler von Diplomarbeiten und Prüfungsnoten entlarvt. 

Laut einer Studie des Zentrums für Demokratieforschung in Sofia aus dem Jahr 2009 sinkt die Korruption immerhin. Dennoch geben 25,8 Prozent der Bevölkerung zu, Schmiergelder gegeben oder genommen zu haben. Auch laut Transparency International gelten die südosteuropäischen Länder als besonders korrupt. Eine 2006 erschienene Untersuchung zeigt, dass nur ein Sechstel der österreichischen Tochterfirmen in Rumänien eine saubere Weste hat. Etwa 40 Prozent unserer Betriebe leisten „immer“, „meistens“ oder „oft“ inoffizielle Zahlungen. Konkrete Daten gibt es jedoch nicht. „Es ist sehr leicht, über Korruption zu sprechen. Schwer ist es, etwas zu beweisen“, sagt Politologe Ivan Krastev.

 

Sex mit dem Chef

Georgi* arbeitet für ein großes österreichisches Unternehmen in Bulgarien. Er sagt, dass es den Österreichern sehr leicht fiele, sich den Regeln, die auf dem Balkan herrschen, anzupassen. Schließlich war Bestechung in Österreich noch bis vor kurzem von der Steuer absetzbar. Schmiergelder werden in der Form von Werbekosten und Spenden versteckt, oder man beauftragt einen „Unternehmensberater“, der alles regelt. „Beweisen kann man nichts“, meint Georgi. Auch Svetljo* hat einmal für eine österreichische Firma im Osten gearbeitet. Letztes Jahr wurde das gesamte Managerteam ausgewechselt, da ungünstige Verträge das Unternehmen fast in den Ruin getrieben haben. Gerüchten zufolge hätten die Mitarbeiterinnen der Firma den Chefs sexuelle Dienste angeboten, um beruflich aufzusteigen. Die Österreicher sollen diese in Anspruch genommen haben. „Ich kann das schon verstehen“, meint Svetljo. „Wenn bulgarische Autofahrer in den Westen fahren, halten sie sich auch an die dortigen Verkehrsregeln. Sind sie wieder hier, fahren sie wie verrückt. Es ist normal, dass die Wessis unsere Geschäftsregeln übernehmen.“ 

 

Korruption wird in Osteuropa nicht so bald von der Bildfläche verschwinden. Ein Bericht des amerikanischen Wirtschaftsexperten William Sullivan macht das Problem deutlich: „Man kann nicht jemandem 400 Euro im Monat zahlen und erwarten, dass er ehrlich bei der Verteilung von 200 Millionen Euro vorgeht“, sagt Sullivan. Sowohl die Institutionen im Osten als auch die westeuropäischen Investoren müssen versuchen, der einheimischen Bevölkerung eine Möglichkeit zu geben, ein würdiges Leben mit anständigen Gehältern zu führen. Nur so kann die Schmiererei ein Ende haben.

 

*Namen geändert

 

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Kommentare

 

Meine Frau konnte ihr Studium in Polen nicht abschließen, weil sie damals nicht genug "Kleingeld" hatte. Aber hier wird es auch zunehmend schlimmer, je mehr die Leute weniger in der Tasche haben. Einige Bonzen in den oberen Etagen zeigen es uns vor. Der Unterschied ist, das wir eine freundlichere Umschreibungen dafür haben ;-)

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Sich zu verstellen ist simple Selbsttäuschung.

 

vor jahren war mal in zagreb der fall, dass profs den mädls unmoralische angebote für gute noten angeboten haben.

und meine tante erzählte mir, dass dies vor 20 jahren genau so der fall in bosnien war. auch ihr prof hat ihr n sehr gut für ein bisschen flachlegen angeboten.
sie meinte. das war durchaus üblich damals.

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