Libanon – ein Land versinkt in Dunkelheit

07. Dezember 2022

Blackout und Inflation: Was uns hierzulande Angst macht, gehört im Libanon längst zum Alltag. Die einstige Schweiz des Nahen Ostenswird seit Jahren von einer Krise nach der anderen überrollt. Kein Strom, keine Arbeit, keine Regierung, kein Bankensystem, überfüllte Flüchtlingslager und die Hisbollah als stärkste politische Kraft: Das ist der Libanon 2022. 

Wir waren vor Ort.

 

Von Aleksandra Tulej

Foto: Dylan Collins/AFP/Picturedesk
Foto: Dylan Collins/AFP/Picturedesk

 

Beirut im Herbst 2022: Für zwei Dollar bekommen wir heute im Mini-Markt an der Ecke eine Packung Zigaretten und einen Schokoriegel. Gestern hat uns derselbe Einkauf vier Dollar gekostet, den wahren Wert weiß keiner so richtig. Die Preise für die Produkte in den Regalen stehen nirgendwo angeschrieben, der Verkäufer entscheidet, was wir heute für einen Dollar bekommen. Eigentlich entscheidet es nicht er, sondern die Hyperinflation. Im Laden ist es finster und still, die Kühlschränke funktionieren heute nicht. Stromausfall. Ganz gewöhnliche Szenerie in der libanesischen Hauptstadt. Der Shop befindet sich in einer Seitengasse im Viertel Al-Hamra, unweit des Stadtzentrums von Beirut. Al-Hamra galt lange Zeit als eine typische Touristenmeile mit florierendem Nachtleben. Vereinzelte Lokale leuchten noch in bunten Neonfarben und erinnern an längst vergangene Zeiten.

Der Großteil der Restaurants und Geschäfte ist aber geschlossen. Vor Hochhäusern stehen Wachposten – sie bewachen die Apartments der Wohlhabenden. Von hier aus hat man einen guten Ausblick auf die Stadt. Eigentlich. Aber außerhalb der Bubble der Reichen im Zentrum versinkt Beirut in der Dunkelheit. Nicht einmal die Ampeln funktionieren, da hier Energie gespart werden muss. Strom für Privathaushalte gibt es nur mehr ein bis zwei Stunden am Tag. Einen Stromgenerator, der mehr als ein Monatsgehalt kostet, kann sich fast niemand leisten. Der würde uns 200 Dollar im Monat kosten, ich verdiene circa 300 Dollar. Und das ist noch immer mehr, als die meisten meiner Freunde verdienen, erzählt Mahmoud. Er ist 27, arbeitet in der IT-Branche, hat vor kurzem geheiratet und ist mit seiner Frau in eine neue Wohnung in einem Vorort von Beirut gezogen. Er hat einen relativ sicheren Job, aber keiner weiß so richtig, wie es morgen aussehen wird, worauf man sich verlassen kann. Immer mehr junge Menschen aus dem Libanon wollen das Land verlassen, haben aber nicht die finanziellen Mittel dazu. Wie Salah, der 28 Jahre alt ist und als Grafikdesigner arbeitet. Er verdient 350 Dollar im Monat, seine Miete beträgt 200. „Ich will unbedingt raus hier, wir haben kein normales Leben mehr. Hier haben wir einfach keine Zukunft.

 

Ein Land ohne Regierung

Über Jahrzehnte hinweg wurde der Libanon wegen seines Wohlstands und der guten wirtschaftlichen Situation als die Schweiz des Nahen Ostensbezeichnet, aber diese Zeiten sind längst vorbei. In den letzten Jahren ging es rasant bergab. Erst kam der Bürgerkrieg, dann der Krieg mit Israel 2006, Korruption und Misswirtschaft schädigen das Land, die Corona-Krise, die Explosion am Hafen von Beirut 2020 und zuletzt sogar der Ausbruch von Cholera: Stand Ende November werden 14.000 Fälle gemeldet. Mit dem Krieg in der Ukraine ist plötzlich auch die Lebensmittelversorgung nicht mehr sicher. Das Land ist stark auf Import angewiesen und der Libanon bezieht 70 % seines Weizens aus der Ukraine. Der Krieg verzögert die Lieferungen maßgeblich. Dazu kommt noch die finanzielle Krise: Das Bankensystem ist zusammengebrochen, die libanesische Lira, die stark an den US-Dollar gekoppelt ist, hat seit 2019 circa 90 % an Wert verloren, die Arbeitslosigkeit wird immer größer, die Hälfte der Einwohner:innen lebt unter der Armutsgrenze, die Lebensmittelpreise sind teilweise um 400 Prozent gestiegen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Schuld trägt, folgt man der Meinung vieler Bewohner:innen, die korrupte Regierung. Und selbst die gibt es momentan übrigens gar nicht mehr: Der Präsident Michel Aoun hat Ende Oktober seine Amtszeit beendet und bis jetzt gibt es keinen Nachfolger. Doch nicht nur der Präsident wird von der Bevölkerung angeprangert. Aoun war stark mit der Hisbollah, die übrigens seit den 1990er Jahren im libanesischen Parlament sitzt, verbündet. International ist die Hisbollah als Terrororganisation eingestuft, im Libanon ist sie aber nach wie vor die stärkste militärische und politische Kraft.

 

 

Die Menschen leben seit vielen Generationen in den Lagern
Foto: Joseph Eid/Picturedesk

Fallende Hisbollah-Hochburgen

Nur eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt: Im Süden der Hauptstadt beginnen die Hisbollah-Hochburgen. Hier hängen an jeder Ecke vergilbte Plakate von getöteten Hisbollah-Kämpfern und Bilder mit dem Antlitz des Hisbollah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah zieren die Hauswände. Die dem Iran nahestehende Hisbollah fungiert im Libanon gleichzeitig als Partei und Miliz. Sie kontrolliert weite Teile des Landes. Lange Zeit über genoss die Hisbollah Zuspruch von einigen schiitischen Teilen der Bevölkerung, da sie Unternehmungen umsetzten, die eigentlich Aufgabe des Staates gewesen wären: Sie bauten Krankenhäuser, Schulen und Waisenhäuser. Aber immer mehrere der ehemaligen Unterstützer:innen sprechen sich heute gegen die Miliz aus. Sie stellen fest, dass die Hisbollah die Gehälter an ihre Mitglieder in US-Dollar zahlt, während die Bewohner:innen immer weniger zum Überleben haben. So kommt es auch in den eigentlichen Hochburgen der Hisbollah immer wieder zu Protesten vergeblich.

 

Die Häuser in den Lagern drohen einzustürzen
Foto: Aleksandra Tulej

 

Mit Waffe zum Bankomaten

Das politische System im Libanon ist etwas kompliziert angelegt. Nach dem festgelegten Religionsproporz muss der libanesische Staatspräsident maronitischer Christ sein, der Ministerpräsident Sunnit und der Parlamentspräsident Schiit. Faktisch bezeichnen aber viele Libanes:innen die Regierung als eine mafiaartige Struktur, in der Posten und Ämter nach Belieben vergeben und zugeschoben werden. Seit dem Bürgerkrieg ist das Präsidentenamt im Libanon aber oft unbesetzt geblieben, Proteste der Bevölkerung haben keinen entscheidenden Unterschied gebracht. Die, die können, also vor allem viele junge Libanes:innen, ziehen ins Ausland Hauptsache raus aus dem Land, das immer mehr zusammenbricht. Und jene, die im Land bleiben, hegen auch keine großen Hoffnungen mehr: Die Wahlbeteiligung bei den letzten Wahlen lag bei unter 40 %.

Wir sind das gewohnt, das ist Standard. Hier macht sowieso jeder, was er will. Die Regierung hat sich nie wirklich um uns gekümmert. Aber jetzt wird es mit jedem Tag schlimmer, ist der Grundtenor unter den Bewohner:innen. Der Staat ist stark verschuldet, viele Gehälter werden nicht ausbezahlt. Es kommt vermehrt zu Vorfällen, bei denen Libanes:innen sich gezwungen sehen, ihre eigenen Ersparnisse mit vorgehaltener Waffe und Geiselnahme aus der Bank zu holen, weil die Banken sich weigern, das Geld herauszurücken. Der Schein wird gewahrt: Der offizielle Währungskurs hat sich nicht geändert, Geld wechseln kann man aber nur mehr am Schwarzmarkt sonst bezahlt man etwa 14-mal so viel, wie das Geld eigentlich wert ist.

 

Die älteren Bewohner der Lager hoffen immer noch auf eine Rückkehr in ihre Heimat
Die älteren Bewohner der Lager hoffen immer noch auf eine Rückkehr in ihre Heimat. ©Rahma Austria

 

Seit vier Generationen im Lager

In dem krisengebeutelten Land gibt es eine Gruppe, die von der Politik seit Jahrzehnten im Stich gelassen wird: Zwei Millionen Geflüchtete, die abseits der Gesellschaft notgedrungen in menschenunwürdigen Zuständen in Lagern leben.

Im Süden von Beirut liegt das Flüchtlingslager Bourj el-Barajneh. Hier leben 30.000 Geflüchtete aus Palästina – und das seit über 70 Jahren. Einige von ihnen sind im Lager geboren und werden auch im Lager sterben. Die Zustände in den Lagern sind nicht katastrophal sie sind mehr als das: Die Häuser sind provisorisch gebaut, sie sollten ursprünglich nur eine Übergangslösung sein. Diese „Übergangslösungheißt für die meisten hier aber lebenslang. Was sich wie ein Gerichtsurteil anhört, ist auch eines: Viele hier kennen kein anderes Leben als das im überfüllten Lager, ohne wirkliche Zukunftsaussichten.

Das Lager war einst für 3.500 Personen vorgesehen, die Kapazitäten sind längst überschritten. In den letzten Jahren sind weitere 10.000 Geflüchtete aus Syrien dazugekommen. Insgesamt leben hier 40.000 Menschen auf engstem Raum. Bourj el-Barajneh macht eher den Eindruck, als wäre es ein eigener Stadtteil. Es ist eine riesige Siedlung mit eigenen kleinen Lebensmittelgeschäften, in denen die Regale fast leer sind, Friseurläden, die aussehen, als wären sie längst geschlossen und Apotheken, in denen genau zwei Arten von Medikamenten auf dem Tresen liegen. Alles sieht genauso provisorisch aus, wie es auch einst gedacht war. 

Allein die älteren Bewohner:innen erinnern sich noch an ihre Heimat und hoffen, eines Tages dorthin zurückkehren zu können. Für ihre Kinder, Enkel und Urenkel erscheint das allerdings unrealistisch.

 

Palästinenser:innen ohne Rechte

Einfach so darf man in das Lager übrigens nicht selbst die libanesische Polizei hat hier wegen einer Vereinbarung im Kairoer Abkommen von 1969 keinen Zutritt. Das Lager wird von den Palästinenser:innen hier selbst verwaltet. Ahmad, der im Lager wohnt und Anfang zwanzig ist, empfängt uns vor dem Eingang. Es geht hinein über kleine, schmale Gassen. Sonnenlicht kommt so gut wie nicht durch, die Häuser sehen aus, als würden sie jeden Moment einstürzen. Eine Baugenehmigung für das Ausbauen des überfüllten Lagers gibt es nicht, also werden auf eigene Faust immer mehr Stockwerke auf schon bestehende Bauten gesetzt. Alles ist feucht und schimmelig. Zwischen den Bauten hängen offene Stromleitungen, durch undichte Wasserleitungen tropft immer wieder Wasser auf sie was dazu führt, dass pro Jahr etwa hundert Menschen durch Stromschläge sterben. Adnan Otur wohnt im Erdgeschoss. Er sitzt in einem kleinen, finsteren Raum. Strom hat er nicht, von außen dringt auch kein Sonnenlicht zu ihm, die Wände schimmeln. Er sitzt auf seinem Sofa in dem kargen Zimmer, durch eine Verletzung am Fuß kann er ohne Stock nicht mehr gehen. Er hat fünf Töchter, die er alleine großgezogen hat. Eine hat vor kurzem einen Libanesen geheiratet und ist nach Beirut gezogen. So etwas passiere übrigens nicht oft, wie wir erfahren. Das war eine große Freude für mich, dann hat sie wenigstens eine Chance auf eine gute Zukunft, beteuert er. Diese Aussicht auf eine gute Zukunftbleibt den meisten Einwohner:innen des Lagers nämlich verwehrt. Palästinenser:innen im Libanon haben so gut wie keine Rechte: Sie dürfen mit wenigen Ausnahmen keine akademischen Berufe ausüben, keine Immobilien kaufen und der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist für sie mit vielen Auflagen verbunden. Keine libanesische Regierung hat Palästinenser:innen jemals als gleichberechtigt anerkannt, der Flüchtlingsstatus wird an die Kinder weitergegeben. Eine libanesische Staatsbürgerschaft zu erhalten, ist so gut wie unmöglich. Der Libanon begründet das mit dem Argument, dass eine vollständige Integration der Geflüchteten eine Rückkehr in ihre Heimat erschweren würde. In diese können sie aber auch nicht mehr zurück: Während Israel am 14. Mai 1948 seine Unabhängigkeit ausrief, war dieser Tag für Palästinenser:innen der Beginn ihrer Flucht und Vertreibung, die bis heute andauert. Damals wurden 75.000 Menschen aus dem früheren Mandatsgebiet Palästina von Israel vertrieben diese Vertreibung wird auch „Nakba“ (Arabisch für „Katastrophe) genannt. Die Vertriebenen ließen sich primär in Nachbarländern wie dem Libanon nieder. Das war vor über 70 Jahren, mittlerweile leben die Menschen in dritter oder vierter Generation hier in die ehemaligen palästinensischen Gebiete dürfen sie nicht mehr einreisen. Sie gelten als staatenlos, was den Erhalt einer anderen Staatsbürgerschaft wiederum sehr erschwert deshalb bleibt den meisten nichts anderes übrig, als ihr Leben in den Lagern zu verbringen. Im Libanon gibt es insgesamt zwölf Flüchtlingslager. Zuständig für die Lager ist das umstrittene Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge aus dem Nahen Osten (UNRWA). Die UN-Organisation hat nicht genug finanzielle Mittel, besonders seit ihr der Ex-Präsident der USA, Donald Trump, 2018 die Finanzierung entzogen hat mit dem Argument, dass die Existenz der UNRWA die Friedensverhandlungen mit Israel behindere. Während die Politik seit Jahrzehnten keine Lösung findet, harren die Bewohner:innen – hier stellt sich die Frage, ob nach vier Generationen noch die Rede von Geflüchteten sein kann? des Lagers weiterhin aus.

 

Gassen im Lager Burj El-Barajneh
Foto: Aleksandra Tulej

Es geht ums Überleben und das ein Leben lang

Um zu überleben, sind sie also seit Generationen auf Gelegenheitsjobs, illegale Arbeit oder völlig auf humanitäre Hilfe angewiesen. Wie die 29-jährige Yasmin Ahmad Fahur, die im Lager Sabra und Shatila geboren ist und bis heute hier lebt. Sie hat drei Kinder: ein Baby und zwei im Volksschulalter sie alle leben in einem Raum. Außer einer provisorischen Kochnische und einem Schrank, einem Stapel zusammengeklappter Matratzen, die nachts zum Schlafen auf den Boden gelegt werden, hat hier nicht viel Platz. Yasmin ist alleinerziehend, seit ihr Mann sie vor einigen Jahren verlassen hat. Yasmins Kinder sitzen am Boden und üben das Schreiben von Buchstaben. Sie kann ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken, da der Bus, der sie zur Schule bringen würde, zu teuer geworden ist. Sie selbst ist sieben Jahre lang in die Schule gegangen, danach konnte sich die Familie ihre Schulbildung nicht mehr leisten. Sie will nicht, dass das bei ihren Kindern auch so endet. Die Familie ist bei weitem kein Einzelfall durch die mangelnde Schulbildung der Kinder dreht sich die Armutsspirale von Generation zu Generation weiter. Im Lager bekommt man den Eindruck, dass es hier ums Überleben geht, und das ein Leben lang. Wenn sich strukturell nichts ändert, dann muss es eben symptomatisch sein: Die größte Hilfe kommt von NGOs, die Hilfe vor Ort leisten, indem sie den Menschen in den Lagern dringend notwendige Mittel wie Medikamente, Lebensmittel oder eben das Geld für den Schulbus direkt übergeben.

Die vielen Krisen haben sich auch auf die Bewohner:innen der Lager massiv ausgewirkt. Die Gelegenheiten, sich etwas dazuzuverdienen, werden immer geringer und die Lebensumstände immer schwieriger.

Das Land steuert von einer Krise in die nächste, die Liste an betrüblichen Ereignissen wird immer länger und eine Besserung ist nicht in Sicht. Die letzte Abstimmung zum Präsident im Parlament hätte am 11. November stattfinden sollen, das Land bleibt aber ohne Staatschef zurück: Man hat sich im Parlament wieder einmal nicht einigen können. ●

 

 

 

 

 

 

Der Artikel ist im Rahmen einer Begleitung von Rahma Austria in den Libanon entstanden
Der Artikel ist im Rahmen einer Begleitung von Rahma Austria in den Libanon entstanden

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