Mein erster Rausch

21. Oktober 2021

Autor Jad Turjman
Autor Jad Turjman
 

Jad Turjman ist Comedian, Buch-Autor und Flüchtling aus Syrien. In seiner Kolumne schreibt er über sein Leben in Österreich.

 

Eine der ersten Freundschaften, die ich in Österreich geschlossen habe, war mit Fabian. Fabian ist gleich alt, und obwohl wir aus zwei verschiedenen Welten kommen, sind wir einander sehr ähnlich. Wir haben den gleichen Humor und die gleichen Interessen, wir sind einfach auf einer Wellenlänge. Er war angehender Anwalt und sehr sportlich. Er brachte mir viel über Österreich bei und half mir später in vieler Hinsicht. Wobei ich da einschränken muss, nicht alles, was er mir beibrachte, war vorteilhaft. Mit Fabian ging ich das erste Mal in Österreich an einem Samstag fort. Er wollte mir zeigen, wie man in Salzburg ausgeht, und ich war sehr neugierig. “Trinkst du Alkohol?”, fragte er mich, als er mich vom Asylheim abholte. “Sicher!”, erwiderte ich stolz. In Damaskus galt ich als Ungläubiger in der Familie, weil ich als einziger Alkohol trank. ”Aber du kannst mit den Österreichern nicht mithalten”, meinte er ironisch mit einem herausfordernden Unterton. Und ja, er schaffte es, mich zu provozieren. Denn in Syrien vertrug ich von allen Freunden am allermeisten. “Ja sicher kann ich mithalten. Hast du eine Ahnung!”, gab ich prompt zur Antwort. “Ok, dann sehen wir heute, wer mehr trinkt”, sagte Fabian erfolgssicher. Und ich ließ mich dämlicherweise darauf ein.  Damals wusste ich nichts vom Trinkverhalten in Österreich. Ich dachte, es wäre wie in Syrien. 

Da geht es meistens um den Genuss und das Beisammensein. In Österreich hingegen trinkt man, um zu sterben. Lasst mich euch die Geschichte zu Ende erzählen.

 

SIE SAUFEN BIER, ALS WÄRE ES WASSER

 

Auf dem Weg kauften wir viel Bier und fuhren zu einem Freund von Fabian, der in Salzburg lebt, wo auch bereits andere Freund*innen anwesend waren. Sehr nette Stimmung, Leute und Musik. Wir spielten Karten und die ersten Flaschen wurden geöffnet. Ich merkte, dass Fabian und seine Freunde das Bier tranken, als wäre es Wasser. Bei jedem Schluck nahmen sie ein Viertel der Flasche zu sich. Ich hingegen nahm kleine Schlucke zu mir, um den Geschmack wahrzunehmen. Aber anscheinend ging es hier nicht um den Geschmack. Nach fünfzehn Minuten hatte Fabian schon zwei Flaschen ausgetrunken und öffnete die dritte, ich aber war noch bei der ersten. Ich versuchte, verunsichert mitzuhalten. Und als ich das zweite Bier ausgetrunken hatte, merkte ich, dass ich allmählich mein Limit erreichte. Ich begann sinnlos zu lachen und mein Mund sprach ohne meine Erlaubnis. Ich hörte meine Stimme, aber es war nicht ich, der sprechen wollte. Fabian war dabei, die fünfte Flasche zu öffnen. Für mich wurde in diesem Moment klar, ich hatte die Wette verloren und wollte tun, was die meisten Verlierer nach einer Niederlage tun: heimgehen. “Wo willst du hin?”, fragte Fabian verwundert. “Ins Quartier. Danke, dass du mich zum Fortgehen mitgenommen hast. Es war nett!” “Was Fortgehen? Wir sind noch nicht fortgegangen. Es war nur Vorglühen”, lachten Fabian und seine Freund*innen aus vollem Hals.

 

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