Meine Zukunft in Österreich

31. August 2020

SOS Mitmensch gibt in der Porträtreihe „Meine Zukunft in Österreich“ Schülerinnen, die nach Österreich flüchten mussten, eine Stimme und ein Gesicht. Die Geschichten geben Einblick in die große Herausforderung des Ankommens als Jugendliche in einem neuen Land und des Umgangs mit zahlreichen Hürden und Vorurteilen. Zudem werfen die Erzählungen Schlaglichter auf den persönlichen Aufbruch der Mädchen und jungen Frauen in Richtung Selbständigkeit und Selbstverwirklichung.

Die Texte berichten von prägenden und teils spezifisch weiblichen Erfahrungen auf der Flucht sowie in und außerhalb der Schule. Damit schlägt SOS Mitmensch einen Perspektivenwechsel bei den politisch brisanten Themen Integration, Asyl und Gleichbehandlung vor, der die Erfahrungen betroffener Mädchen und junger Frauen in den Fokus rückt. Ihre Geschichten verraten, welche Probleme sie beschäftigen und was ihnen geholfen hat.

Die gesammelten Geschichten sind auch „Erfolgsgeschichten“: Sie zeichnen nach, wie es den Mädchen trotz aller Hürden gelungen ist, Fuß zu fassen, Freundinnen und Freunde zu finden, ihren Träumen nachzugehen und an einer neuen und selbstbestimmten Zukunft in Österreich zu arbeiten.

So enthält die Reihe insgesamt 9 Porträts über junge und starke Frauen, die in Österreich angekommen sind, um hier eine Zukunft zu haben und sich dabei nicht unterkriegen zu lassen. Lesen Sie selbst!

 

Infos und Kontakte zur freiwilligen Flüchtlingshilfe finden Sie hier.

 

 

SOS-Mitmensch
© Karin Wasner

 „Ein Mädchen zu sein ist schwierig, ganz egal wo man ist“

Sabiha weiß genau mit welchen Schwierigkeiten Schülerinnen, die nach Österreich kommen, konfrontiert sind. Vor vier Jahren floh die heute 20-Jährige mit ihrer Familie aus Pakistan nach Österreich. Heute besucht sie die HTL Donaustadt in Wien. 

 

„Eine Geschichte, die mir immer in Erinnerung bleiben wird, ist die meines zerrissenen Religionsbuches in der Neuen Mittelschule Eferding Nord in Oberösterreich: Jeden Donnerstagnachmittag ging ich in den Islamunterricht, mein Buch lag immer in meinem Bankfach in der Klasse. Eines Tages, als ich wieder zum Religionsunterricht gehen und mein Buch aus dem Fach nehmen wollte, sah ich, dass es komplett zerstört war. Irgendwer musste es in der Pause einfach genommen und zerrissen haben! Ich war so traurig und habe den ganzen Tag geweint. Die Direktorin hat mich getröstet, aber bis heute weiß ich nicht, wer das gemacht hat.

Danach habe ich mir ein neues Buch besorgt und habe mit dem Unterricht weiter gemacht. Ich musste ja weitermachen. Einige Schülerinnen und Schüler mobben und nennen das dann Spaß. Ich fürchte, das ist in jeder Schule so, aber es ist einfach nicht lustig. Das war 2017, als ich noch nicht lange in Österreich war.

Anfang mit oberösterreichischem Dialekt

Anfangs lebte ich mit meiner Familie für zwei Jahre im Eferdinger Asylquartier in Oberösterreich. Wir wohnten gemeinsam mit drei anderen Familien in einem großen Raum, der in vier Zimmer aufgeteilt war. Es war oft sehr laut und ich konnte mich nicht gut konzentrieren.

Die Schule war in Eferding aber die größte Herausforderung. Zu Beginn bin ich in der Klasse gesessen und habe immer zugehört, aber wirklich nichts verstanden. Ich bin eigentlich eine sehr fleißige Schülerin, aber anfangs hatte ich einfach null Ahnung, wovon die Lehrer sprachen. Das lag auch am oberösterreichischen Dialekt. Selbst die sehr nette Deutschlehrerin hat immer im Dialekt gesprochen. Heute hilft mir das, weil ich dadurch jetzt alles verstehe.

Durchhalten lohnt sich

Mittlerweile lebe ich mit meiner Familie in einer Wohnung im 10.Wiener Bezirk. Ich besuche die HTL-Donaustadt im Zweig „Software Engineering“. Hier habe ich keine Probleme mehr, weder mit Deutsch noch mit meiner Klasse. Die Hassfächer von vielen anderen sind jetzt meine Lieblingsfächer: Informatik und Programmieren.

In zwei Jahren werde ich maturieren und danach auf die Universität gehen, denn ich möchte unbedingt Ingenieurin werden. Dass ich ein Mädchen bin, hindert mich nicht daran. Ich glaube, ein Mädchen zu sein, ist sowieso oft schwierig — ganz egal was man macht oder wo auf der Welt man ist. Aber ich habe gelernt: Es lohnt sich Vieles, auch wenn es anfangs schwierig ist.“

 

 

SOS-Mitmensch
© Karin Wasner

 „Love yourself!“

Nur mit Musik schaffte es Sara nach ihrer Flucht aus Syrien selbstbewusst und lebensfroh zu bleiben. Heute lebt die 17-Jährige in Ruprechtshofen im Bezirk Melk, besucht das Musikgymnasium in Scheibbs und spricht im Mostviertler Dialekt über ihr Ankommen in Österreich und bei sich selbst.

 

„Das erste Wort, das ich auf Deutsch kannte, war das Wort Ausländerin. Ich konnte die Sprache nicht, habe aber immer und immer wieder dieses Wort gehört. In der ersten Schule haben meine Klassenkollegen andauernd so zu mir gesagt und ich wusste, es meint irgendetwas Gemeines.

Einmal habe ich dann meinen Vater gefragt, der schon länger in Österreich war und deshalb besser Deutsch konnte, was dieses Wort eigentlich heißt. Er hat es mir erklärt. Ich fühlte mich dann wirklich schlecht und allein. Das war vor etwa dreieinhalb Jahren, da bin ich gerade mit meiner Familie von Syrien nach Niederösterreich gekommen.

K-Pop als Rettung

In derselben Zeit habe ich angefangen K-Pop zu hören. Das ist koreanische Popmusik mit Rap- und Elektro-Elementen und ich kann gar nicht sagen, wie wichtig diese Musik für mich war. K-Pop hat mich durch die schwierige Zeit des Ankommens in Österreich begleitet und mir sehr geholfen mich hier zurechtzufinden. Ich liebe die Messages, die die Musik transportiert. In den Texten heißt es: „Love yourself!“ Das hat mir extrem viel Kraft und Energie gegeben. Ich habe mir damals gedacht: Ok, dann habe ich eben keine Freunde und Freundinnen mehr, ich brauche sie nicht. Ich brauch gerade nur mich selbst und die Musik. Auch das Gefühl, dass ich mich selbst mag und ich an mich selbst glaube, habe ich durch die Songs bekommen. Das war voll schön für mich, denn die Musik konnte mir niemand wegnehmen.

Mein Vater ist Musiklehrer auch deshalb war Musik wohl immer schon wichtig für mein Leben. Ich wurde so krass zum K-Pop Fan, dass ich sogar begonnen habe, koreanisch zu lernen. In der Schule lernte ich Deutsch und nachmittags zu Hause brachte ich mir selbst via Youtube koreanisch bei. Das war auch etwas verrückt, aber heute spreche ich Arabisch, Deutsch, Englisch und Koreanisch und bin ziemlich stolz auf mich.

Tanzen in Korea

Ich gehe jetzt in das Musikgymnasium in Scheibbs, wo ich Klavier und Gitarre sogar als Hauptfach habe. Es in dieses Gymnasium zu schaffen, war ein erster kleiner Traum, den ich erreicht habe. Auf einmal bin ich mit der ganzen Klasse befreundet. Viele finden jetzt sogar mein Kopftuch cool.

Später einmal will ich K-Pop Coversongs produzieren, um auch anderen Menschen mit meiner Musik Hoffnung und Kraft zu geben. Und mein allergrößter Traum wäre es natürlich irgendwann nach Korea zu reisen und dort auf so vielen K-Pop Konzerten wie möglich zu tanzen.“

 

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