"Nicht nur kontraproduktiv, sondern auch gefährlich" - Islamwissenschaftler Rami Ali über die "Islam-Landkarte"

28. Mai 2021

Die "Dokumentationsstelle Politischer Islam", (darunter u.a. Integratonsministerin Susanne Raab, Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide und Professor für Religionspädagogik Ednan Aslan) hat gestern im Rahmen einer Pressekonferenz die "Islam-Landkarte" vorgestellt. Die umstrittene Karte soll eine Übersicht über islamische Vereine und Moscheen in Österreich geben. Inzwischen sind dort mehr als 600 Organisationen erfasst. Geht es hier wirklich um Transparenz, oder werden MuslimInnen unter Generalverdacht gestellt? Wir haben bei dem Politologen und Islamwissenschaftler Rami Ali nachgefragt. 

Foto: Hiba Khelifi
Foto: Hiba Khelifi

Biber: Was halten Sie von der Islam-Landkarte, die gestern vorgestellt wurde?
Rami Ali: Ich war zu Beginn aufgrund der Präsentation der Landkarte als etwas „Neues“ überrascht. Fakt ist, dass das Projekt schon 2012 als Teil des Projekts „Imame in Österreich“ präsentiert wurde – auch unter derselben Führung wie jetzt. Schon damals war sie lücken– und fehlerhaft. Auch das hat sich bis jetzt nicht geändert. So werden Vorstände angegeben, die nicht mehr im Amt sind, Moscheen werden ausgelassen während andere Gebetsräume falschen ethnischen Communities zugeordnet werden und es finden sich sogar einige Privatadressen von Vorständen darin. Die Verwendung des Logos der Universität Wien suggeriert, dass es sich hierbei um ein Forschungsprojekt handle. Das ist mitnichten der Fall. Es handelt sich dabei um eine willkürliche, fehlerhafte Sammlung, nicht nur von muslimischen Moscheen, sondern beispielsweise auch von zivilen Vereinen, Kindergärten etc. Da hilft auch nicht, dass man es als „work in progress“ bezeichnet. Mit Wissenschaft hat das wenig zu tun.


Kann die Landkarte nicht zu einer besseren Transparenz beitragen, wie von Integrationsministerin Raab argumentiert wurde?
Eine Übersicht über islamische Vereine und ihre Arbeit kann sinnvoll sein – aber nicht auf diese unwissenschaftliche Art, nicht im Kontext von Extremismus und nicht über die Köpfe der Akteur*innen hinweg. Das ist nicht nur kontraproduktiv sondern auch gefährlich, gerade vor dem Hintergrund der ansteigenden Zahlen antimuslimischer Übergriffe.


Warum gehen die Wogen derart hoch in den sozialen Medien?
Die Tatsache, dass das Vorhaben im Kontext einer Stelle präsentiert wurde, die sich extremistischen Ausprägungen des Islams widmet, spielt hierbei eine erhebliche Rolle. Wenn das DÖW, das sich unter anderem mit Rechtsextremismus und Nationalsozialismus auseinandersetzt, eine Liste von beispielsweise ÖVP-nahen Vereinen rausbringen würde, dann hätte das – zurecht – für Entrüstung gesorgt. Besonders scharf kritisiert wurde auch der Aufruf auf der Website, weitere Informationen über Vereine und Organisationen zu liefern. Das kann man auch als Aufruf zur Bespitzelung werten.


In den Sozialen Medien gab es sogar NS-Vergleiche. Geht das nicht zu weit?
Auch wenn ein Vergleich keine Gleichsetzung ist, so erachte ich den Vergleich mit NS-Methoden deren deklariertes Ziel die Vernichtung bestimmter Menschengruppen war, für fahrlässig und unangebracht. Nicht selten sind solche Vergleiche nämlich im Repertoire muslimischer Extremisten zu finden. Für diese kommt eine derartige (semi-)staatliche Watchlist übrigens sehr gelegen, weil sie aus ihrer Sicht belegt, dass die Regierung etwas gegen „den Islam“ und „die Muslim*innen“ hat.

 

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