No Gay-Pride in Belgrade

08. November 2012

Pervers, krank, Gefahr für die Familie: In Serbien herrscht null Toleranz, was Schwule und Lesben betrifft. Umso überraschender ist der Erfolg der serbischen Kinokomödie „Parada“. Regisseur Srdjan Dragojević im biber-Interview über homophobe Schuldirektoren, die Rolle der Kirche und warum er noch immer an Titos Jugoslawien glaubt.

Homosexualität bleibt noch immer ein rot es Tuch für die serbische Politik. Im Oktober wurde die „Gay Pride“ Parade in Belgrad zum zweiten Mal in Folge abgesagt. Die Begründung: Premierminister Ivica Dačić fürchtet um das Wohl seiner Sicherheitsbeamten und den Imageverlust, der aufgrund der vermuteten Ausschreitungen zwischen Rechtsradikalen und Teilnehmern an der Demo, Serbien treffen würde. Angesprochen auf die durch die Absage gefährdeten EU-Ambitionen Serbiens, erwiderte Dačić entnervt: „Scheiß auf die EU, wenn die Gay-Parade die Eintrittskarte ist.“ Diese Aussage spiegelt die Meinung der serbischen Öffentlichkeit wider. Kirche, rechtsradikale Gruppen wie „Dveri“, „Obraz“ oder „1389“, aber auch ein Großteil der Bevölkerung, tolerieren keine gleichgeschlechtliche Liebe und sprechen gar von einer Krankheit, so wie jüngst der serbischorthodoxe Patriarch Irinej. „Die Politik hat es nicht geschafft, ein Zeichen zu setzen.“ Mit seiner schwarzen Komödie „Parada“ legt Srdjan Dragojević den Finger tief in die Wunde der serbischen Gesellschaft und ihren Umgang mit Andersgesinnten. „Parada“ ist seit Ende Oktober auch in den österreichischen Kinos zu sehen. Der Regisseur lässt in seinem Film einen Macho-Kriegsveteranen auf ein schwules Bilderbuchpärchen los. Ausgerechnet der homophobe Limun soll ihnen helfen, die „Gay Pride“ Parada abzuhalten, die von rechten Schlägern, aber auch vom Staat, bedroht wird. Diese brisante Mischung ergibt eine prämierte, schrille Komödie mit typisch balkanischem Humor und das vor dem Hintergrund eines absoluten Tabuthemas – Homosexualität.

 

biber: Was war ihr persönliches Motiv für „Parada“?

Srdjan Dragojević: Das waren die Ereignisse, die mich bei der ersten Gay-Parade 2001 in Belgrad erschütterten. Mitten am Hauptplatz wurden damals die Veranstalter von rechten Hooligans und Nazis verprügelt. Die anwesende Polizei und Bevölkerung schaute tatenlos bei den bestialischen Übergriffen zu. Ich habe damals Wut und Abscheu empfunden. „Parada“ ist die Verarbeitung von all diesen schlimmen Erinnerungen.

Serbiens Premierminister Dačić begründete die diesjährige Absage der „Gay Pride“ mit der nicht gewährleisteten Sicherheit für die Teilnehmer. Ist dieses Argument berechtigt?

Natürlich nicht. Ich habe die Absage letztes Jahr verstanden, weil eine akute Gefahr für die LGBT-Aktivisten (engl.: „Lesbian, Gay, Bisexual und Trans“) gegeben war. Der Staat hat dann ein ganzes Jahr Zeit gehabt, um Entschlossenheit zu zeigen und mit den Hooligans, Neonazis und den rechtsgerichteten Organisationen abzurechnen. So wie der kroatische Präsident Mesić, der dieses Jahr an der Gay-Parade in Zagreb teilgenommen hat. Damit haben Homophobe und Xenophobe in Serbien grünes Licht erhalten, um zu wüten, zu beleidigen und alle Andersdenkenden anzugreifen.

Wenn man am Balkan von Homosexualität spricht, hat man das Gefühl, es handle sich um eine Krankheit. Was kümmert es die Menschen, wer wen küsst oder wer mit wem ins Bett geht?

Als Psychologe und ehemaliger Psychotherapeut Als Psychologe und ehemaliger Psychotherapeut erlauben sie mir die folgende Erklärung: Ein großer Teil der aggressiven, gewalttätigen Schwulen- und Lesbengegner versucht damit, seine eigenen homoerotischen Impulse zu kontrollieren, indem er sie mit Aggression bekämpft. Die zweite Komponente, neben der psychoanalytischen, ist die soziologische. Spannungen in der Gesellschaft vermehren sich, wenn die Leute keine Perspektiven sehen, verzweifelt sind. Minderheiten sind dann ein willkommenes Ziel zum Frust auslassen. Viele der jungen Homophoben sind in den 90er Jahren aufgewachsen, in Zeiten von Sanktionen und Krieg. Sowohl damals als auch jetzt, an-gesichts großer Armut, konnten diese Menschen das Land nicht verlassen. Sie konnten keine anderen Modelle sehen, wie man mit so einer Veranstaltung umgeht.

Obwohl er ein Tabu-Thema behandelt, hat der Film großen Erfolg in ganz Ex-Jugoslawien gefeiert. Warum?

In erster Linie weil ich kommunikative Filme mache, mit denen ich zum Herzen des gewöhnlichen Mannes durchdringe. Sowohl in Serbien als auch Kroatien gab es schon Filme mit ähnlicher Thematik, nur kennt die niemand. „Parada“ wäre in Serbien noch erfolgreicher gewesen (330.000 Besucher, 600.000 in Ex-Jugoslawien), wenn ich die Tausenden Mittelschüler von 16-18 Jahren, die ich als wichtigste Zielgruppe sehe, erreicht hätte. Ich habe mich damals an die Schuldirektoren des Landes gewandt und sie gebeten, den Film kostenlos vorzuführen. Daraufhin unterstellten mir die Medien, ich würde „Homosexualität promoten“, die Jugendlichen konnten den Film nicht sehen, weil sich die Schulleiter dagegen ausgesprochen hatten. Aber das ist nur eine verlorene Schlacht. Ich werde weiterhin gegen primitives Denken und Intoleranz kämpfen.

Sie haben in einem Interview gesagt, „Parada“ sei ein jugoslawischer Film. Sind sie ein Jugo-Nostalgiker?

Da geht es nicht um die Jugo-Nostalgie, sondern um reale Gegebenheiten. „Parada“ hat bewiesen, dass Jugoslawien und die Jugoslawen noch immer existieren. Tatsächlich fühlen sich jetzt mehr Menschen als „Jugoslawen“ als zu Titos Zeiten. Nur weil die Großserben, Kroaten und Bosnier am lautesten sind, sind sie nicht in der Mehrzahl. Wir Jugoslawen schweigen, arbeiten und genießen den Reichtum und die Vielfalt eines Landes mit 22 Millionen Einwohnern. Und schlussendlich wird Jugoslawien in der EU wiedervereint.

Die Hauptfigur im Film, „Limun“, ist ein homophober Kriegsveteran, der am Ende des Films geläutert ist und Schwule und Lesben vor dem gewalttätigen Mob schützt. Erwartest du beim Zuschauer eine ähnliche Wandlung?

Das tue ich. Diese Metamorphose ist bei vielen Zuschauern auch passiert. Ich bin schon froh, wenn Homophobe die Bereitschaft zeigen, über ihre Einstellung gegenüber Schwulen und Lesben nachzudenken. Ich sehe den Film als eine große Chance und er funktioniert auch deshalb gut, weil er sehr unterhaltsam ist.

Deswegen eine Komödie?

Was wäre passiert, wenn ich dieses Thema durch die Sozialdrama-Brille gezeigt hätte? Der Film wäre im „Ghetto“ geblieben, genauso wie die Minderheit, um die sich der Film dreht. Außerdem sind die meisten meiner Filme Tragikomödien. Das liegt daran, dass ich manisch-depressiv bin. Diesen Dualismus finden sie in all meinen Filmen. Zum Glück überwiegt der Humor.

 

Wer ist er:

Name: Srdjan Dragojević
Alter: 49
Beruf: Regisseur
Bekanntesten Filme: „Lepa sela lepo gore“, „Rane“
Besonderes: Wanderte aufgrund beschränkter Künstlerfreiheit im Jahr 1999 für zwei Jahre nach Amerika aus.

Die serbische Komödie „Parada“ war ein Überraschungserfolg an den serbischen Kinokassen. Rund 600.000 Zuschauer wollten den schwulenfeindlichen Kriegsveteranen Limun sehen, wie er, um seiner Frau einen Gefallen zu tun, eine Securityfirma gründet. Das Besondere dabei: Die Leibwache besteht aus ehemaligen Soldaten aus Ex-Jugoslawien und hat den Auftrag, die Teilnehmer einer Gay-Parade vor rechten Schlägern zu beschützen. Abgedreht, komisch und traurig zugleich! Ab Ende Oktober in österreichischen Kinos.

Von Amar Rajković

 

 

 

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Kommentare

 

Ha, ich habe auch darüber geschrieben im Oktober, tolles Thema

 

 

http://jugoschwabo.blogspot.de/2012/10/parada-ponosa-gay-pride.html#.UJ1...

 

 

 

der Film ist ein WAHNSINNN - man lacht und weint zugleich.

btw ihr seits bissal spät dran... der Film lief schon Anfang des Jahres in den österreichischen Kinos an.

 

jetzt aber auch auf deutsch

 

so wie die alex gesagt hat. jetzt gibts ihn auch auf deutsch, damit wir unseren schwabofreunden nicht alles simultan übersetzen müssen;))

 

Ich hab Nikola Kojo und Srdjan Dragojevic mal getroffen - total am Boden gebliebene, normale und sympathische Leute.

Ich liebe liebe liiiiieebbbeeee diesen Film! Ich geh ihn mir gleich wieder ansehen! Die Charaktere sind ein Wahnsinn, einzig den Bosnier haben sie, finde ich, nicht so toll getroffen :/

 

Ich habe ihn mir mit meiner (kroatischen) Freundin (BFF :P) angeschaut, und als am Anfang "Ustasa" stand (und erklärt wurde wer von wem so genannt wird) dachte ich mir nur: "SCHEISSE, dass wird ein rassistischer Film, und ich sitz hier mit 'ner Kroatin, sie wird mich hassen, zwei Minuten darauf kam "Cetnik" (und die Erklärung) und da wusste ich..puh, keine Gefahr!

(Übrigens bei der erklärung "Peder" kam meim erster Lachanfall!)

 

Go Srle, Goooo!

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